Rafael Chirbes Paris-Austerlitz

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Inhaltsangabe zu „Paris-Austerlitz“ von Rafael Chirbes

Ein junger spanischer Maler flieht vor den Ansprüchen seiner gutbürgerlichen Familie nach Paris und steht dort vor dem Nichts. Er hat keinen Job, kein Geld und weiß nicht wohin, als er Michel kennenlernt, einen Arbeiter Mitte fünfzig, dessen Vitalität ihn fasziniert und anzieht. Sie verlieben sich, Michel nimmt ihn auf, in seine Wohnung, sein Bett, sein Leben. Am Anfang sind sie nur glücklich und genießen die gemeinsame Zeit, die nächtlichen Streifzüge durch die Kneipen und die am Wochenende durch das lichte Paris, die Kinos, die Ausstellungen, die Parks. Aber irgendwann erinnern die in der Ecke des ärmlichen Hinterhofzimmers gestapelten Leinwände den jungen Mann daran, dass er noch andere Ambitionen hat. Auch der Alters-, Bildungs- und Klassenunterschied macht sich bemerkbar, und die Liebe kann diese Unterschiede nicht besiegen, nicht, wenn sie so besitzergreifend ist wie die Michels. Ein Roman, der nach den Beweggründen des Herzens forscht. Sie mögen gelegentlich falsch sein, erweisen sich aber als unwiderstehlich. Es ist die tröstliche Natur der Liebe, ihre erlösende Kraft, auch wenn sie nicht alles überwindet, die diesen Roman zu einem Juwel macht und die große sprachliche Kraft von Rafael Chirbes noch einmal leuchten lässt.

Ein rauer, beeindruckender und beunruhigender Roman, dessen Faszination sich kein Leser entziehen kann.

— JulesBarrois
JulesBarrois

Ein Roman wie ein Abschiedsbrief, geschrieben im Moment größter Emotion. Das ganze Spektrum menschlicher Gefühle.

— miss_mesmerized
miss_mesmerized

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  • Abgesang einer Liebe

    Paris-Austerlitz
    Buecherschmaus

    Buecherschmaus

    30. December 2016 um 23:28

    Am 15.August 2015 starb der spanische Autor Rafael Chirbes im Alter von 66 Jahren.Chirbes war nicht nur einer der bedeutendsten Schriftsteller seines Landes, er war auch einer der schärfsten Analytiker der spanischen Gesellschaft seit den Zeiten des Bürgerkriegs.1990 erschien sein erster Roman, „Mimoun“, auf Deutsch. Und zeitweise war Rafael Chirbes in Deutschland erfolgreicher als in seinem Heimatland.Mit diesem ging er stets hart ins Gericht, thematisierte immer wieder, dass Spanien seine Vergangenheit nie offen aufgearbeitet hat, die durch den Bürgerkrieg entstandenen Gräben nur locker zugeschüttet wurden. Auch mit der Nachkriegsgesellschaft kannte er kein Pardon. Die Verlogenheit, der Materialismus der Mittel- und Oberschicht, besonders auch das Umgehen mit dem Wirtschaftsboom und dann der Wirtschaftskrise, in der immer nur die „Kleinen Leute“ die Verlierer waren, vor allem auch die Immobilienblase, die in Spanien besonders ausgeprägt war, waren ihm als altem „Linken“ ein Dorn im Auge.So wurde er mit seinen Romanen, begonnen mit dem wunderbaren „Die schöne Schrift“ bis zu „Am Ufer“ zum unbestechlichen Analytiker und Chronisten der spanischen Gesellschaft. Dabei verpackte er seine Themen meist in generationenumspannenden Familiengeschichten und wurde mit den Jahren zunehmend komplexer und auch umfangreicher. Trotz der zahlreichen Auszeichnungen, die gerade seine jüngeren Werke bekamen, tat das den Texten nicht immer gut.Nun erschien aus dem Nachlass ein Werk, an dem Chirbes wohl seit mehr als zwanzig Jahren gearbeitet hatte und das mit nur 160 Seiten an die schmalen Werke seiner Frühzeit anknüpft. Auch thematisch bildet es mit „Mimoun“ eine Art Klammer. Denn es ist wie dieses ein sehr persönliches Buch geworden.Es spielt in den frühen 90 er Jahren in Paris. Der junge Ich-Erzähler, Sohn aus begütertem Haus und Maler, flieht aus dem für ihn eng gewordenen Madrider Elternhaus in die französische Hauptstadt. Dort lernt er den wesentlich älteren Arbeiter Michel kennen. Die beiden werden ein Paar. Der unkomplizierte Michel fasziniert den Erzähler zunächst durch seine Andersartigkeit, seine Leidenschaftlichkeit, seine ausschweifende Sexualität. "Ein Typ, dem es genügte, wenn der Lohn bis Monatsende und zum Ausgehen mit dem Freund am Wochenende langte; der zufrieden damit war, durch die Stadt zu streunen, ins Kino zu gehen, in einen Animierclub, zu einem Abendessen, trinken und lachen, sich berühren, Liebeserklärungen abgeben, die mit steigendem Alkoholpegel immer feuriger wurden(…)“Doch nach und nach sind es gerade diese Dinge und Michels bedingungslose, besitzergreifende Liebe, die den Ich-Erzähler zunehmend erdrücken und schließlich gar abstoßen. Es kommt zum Bruch.Erzählt wird die Geschichte rückblickend, das Ende vorwegnehmend. Michel ist mittlerweile an einer Krankheit, sie wird nicht ausdrücklich benannt, aber es wird wohl AIDS sein, tödlich erkrankt. Der Erzähler zieht sich noch mehr zurück, benennt auch Widerwillen, Abwehr und Angst.„Und mich ärgerte die Willfährigkeit, mit der er sich hatte packen lassen, dass er es der Krankheit so leicht gemacht hatte. (…) In jenen Tagen wollte mir der Gedanke nicht aus dem Kopf, dass dieses Übel im Grunde Ausdruck von mangelndem Ehrgeiz, ja sogar von fehlendem Stolz sei.“In einer grausam genauen Selbstbefragung durchlebt der junge Maler noch einmal die Stationen dieser Liebe, nicht chronologisch, sondern in Erinnerungsbruchstücken, in denen Chirbes Zeit- und Perspektivebenen kunstvoll ineinander verwebt. Zunächst nach einer Selbstrechtfertigung klingend, wird die Analyse immer mehr auch zu einer Selbstanklage. Nachdem der junge Spanier eine Weile bereitwillig in die Parallelwelt der schäbigen Wohnungen, der Alkohol- und Drogenexzesse, des ausschweifenden Sex eingetaucht ist, wird er ihrer doch bald überdrüssig. Die sozialen Schranken, die die beiden Männer voneinander trennen kann auch die Liebe nur schwer überwinden. Bei aller Intimität des Erzählten, kommt bei Rafael Chirbes so doch auch wieder die Klassenfrage zum Tragen, werden soziale Muster aufgezeigt, drängt das Politische ins Private.Chirbes schreibt ungeheuer intensiv und dicht, unsentimental und kühl, schreckt auch vor expliziten Schilderungen von Sexualität nicht zurück, ohne jemals voyeuristisch zu sein. Er schafft dadurch ein sehr atmosphärisches Buch, das gerade durch seine Offenheit und Wucht sehr zu berühren vermag.Es ist sehr traurig, dass „Paris-Austerlitz“ das letzte Werk von Rafael Chirbes bleiben wird.

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  • Gefangen in Liebe und Verlangen

    Paris-Austerlitz
    JulesBarrois

    JulesBarrois

    07. October 2016 um 15:24

    Paris-Austerlitz - Rafael Chirbes (Autor), Dagmar Ploetz (Übersetzerin), 160 Seiten, Verlag Antje Kunstmann GmbH (24. August 2016), 20 €, ISBN-13: 978-3956141225  „Je t`ai eu, ich hab dich gefangen.“ (Seite 28). Dieser Satz bezieht sich nicht nur auf die Liebe als tödliche Falle, sondern auch als unheilvolle Prophezeiung auf vieles andere in diesem mitreißenden Buch. Auf das Gefangensein in unnötiger und betäubender Arbeit oder auch gefangen sein in der verachtenswürdigen Existenz derer, die nicht arbeiten müssen. Aber auch das Gefangensein in Einstellungen wie, auf keinen Fall bürgerlich zu sein, auf keinen Fall als Moralist zu gelten. Gefangen sein in den eigenen inneren Widersprüchen. Rafael Chirbes, mit Sicherheit einer der bedeutendsten spanischen Gesellschaftschronisten der letzten Jahrzehnte erzählt hier die Geschichte von zwei Menschen: Ein junger, linker und homosexueller Maler verlässt Madrid, um der drückenden Atmosphäre seiner bürgerlichen Familie zu entfliehen. Angezogen wird er von der schillernden, künstlerischen Atmosphäre von Paris. Er trifft Michel, viel älter als er, aus einer total anderen sozialen Schicht: ein französischer Arbeiter, mit einer von Armut geprägten Kindheit und Jugend, ohne Vater aufgewachsen, oft betrunken, neidisch und besitzergreifend. Ein Mann von großer Durchschnittlichkeit aber auch von erotischer Gefräßigkeit. Die Handlung spielt in einem Armenviertel von Paris, abseits der touristischen Routen, bewohnt von Migranten und Ausgestoßenen, die Drogen, Alkohol und Sex konsumieren. Doch schon bald droht die Enge der Beziehung ihn zu ersticken, und seine Arbeit als Maler leidet. Es ist die Geschichte einer Liebe in Paris von der ersten Verliebtheit an, über Zärtlichkeit und Leidenschaft bis zum Verschwinden der Begierde. Aber die Geschichte ist viel mehr: eine tiefe Reflexion über den Egoismus des menschlichen Verhaltens, über die Erbarmungslosigkeit des Todes, über den menschlichen Zustand in unserer Zeit. Eine intime und traurige Geschichte um die Frage: Rechtfertigt es die Liebe, das Leben über Bord zu werfen, auch wenn sie nicht mehr als "Verlangen" ist. Und durch alles weht der unverkennbare Hauch eines existenziellen Pessimismus, der gespeist wird durch den Glauben an die Notwendigkeit, nachhaltig zu lieben, und zur gleichen Zeit, durch unsere Unfähigkeit, die Fülle der Liebe zu verlängern. Rafael Chirbes schreibt schonungslos, analytisch und ohne Sentimentalitäten. Eine intensive Prosa, prägnant, direkt und kompromisslos. Eine Erzählordnung fehlt. Ich habe sie auch nicht vermisst. Und auch der Leser, der einem zeitlichen oder logische Mustern zu folgen gewohnt ist, wird sehr schnell in den Bann dieses großartigen Romans gezogen, vor allem mit bildgewaltigen Formulierungen, wie „Paris blieb draußen, das unerschütterliche Tier aus Eis, die rauen Schuppen seiner Steine und der scharfe Schiefer seiner Dächer.“ (Seite 76) Mich fasziniert die Rohheit seiner Sprache, die das Leben beschreibt, wie es ist – „manchmal legte sich meine Mutter auch zu mir ins Bett und wärmte mich. Und weißt du, was ich von Nächten, in denen wir zusammenschliefen, erinnere? Dass sie nach fremdem Schweiß roch und ich mich ekelte, auch wenn ich wusste, was immer sie tat, sie tat es für mich und meine Brüder" (S. 60/61). Jetzt ist das der letzte Roman von Rafael Chirbes, erst nach seinem Tod veröffentlicht. Manche sehen im letzten Werk eines Schriftstellers sein literarisches Vermächtnis. Das wäre vielleicht zu hoch gegriffen. Ich ziehe lieber einen Vergleich zu seinem ersten Roman „Mimoun“, der ihn berühmt machen sollte. Ein junger Mann sucht die Erfahrung der Fremde in einem marokkanischen Nest, Mimoun. Aber er gerät unter Nachäffer und Amoksäufer. Ein Buch über die Lebensgier in uns und die Fremde um uns. Ein Buch über die Einsamkeit, den Tod und die Vergeblichkeit, den Sinn des Lebens in der Fremde zu finden. In beiden Romanen, Paris-Austerlitz und Mimoun, konzentriert er sich weniger auf eine Gruppe von Menschen als vielmehr auf das Individuum und er spricht über Gefühle einzelner Menschen. Sie sind intimer und autobiographischer als seine anderen Werke. Sie scheinen mir wie ein Rahmen, in denen der Rest seiner Arbeit sich entwickelt hat, die große Chronik Spaniens von 1936 bis 2015. Ein rauer, beeindruckender und beunruhigender Roman, dessen Faszination sich kein Leser entziehen kann.   Hier geht es direkt zum Buch auf der Seite des Antje Kunstmann Verlages http://www.kunstmann.de/titel-0-0/paris_austerlitz-1216/

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  • LovelyBooks Romane-Challenge 2016: Die Challenge mit Niveau

    aba

    aba

    LovelyBooks lädt im neuen Jahr wieder zu spannenden Challenges ein.Und auf euch warten tolle Gewinne.Die anspruchsvolle Gegenwartsliteratur ist 2016 wieder dabei!Liest du gerne Bücher mit Niveau?Dann ist diese Challenge genau das Richtige für dich.15 anspruchsvolle Romane möchten wir vom 01.01.2016 bis 31.12.2016 lesen.Es gelten Bücher - Gegenwartsliteratur -, die in diesem Zeitraum erscheinen (Ersterscheinungen) und an diesem Beitrag angehängt sind.Auch Neuauflagen – 2016 erschienen - von Klassikern.Die Regeln: Melde dich mit einem kurzen Beitrag hier im Thread an. Einstig ist jederzeit möglich. Und du kannst dich jederzeit wieder abmelden. Du verpflichtest dich zu nichts. Schreibe bitte zu jedem Buch, das du für die Challenge gelesen hast, eine Rezension bei LovelyBooks, und verlinke diese in einem einzigen Beitrag in diesem Thread. Dieser Beitrag, wird von mir unter dem entsprechenden User-Namen in der Teilnehmerliste verlinkt. Das wird dein Sammelbeitrag für deine Rezensionen sein. Es gelten nur Bücher, die an diesem Beitrag angehängt sind! Bitte beachten: Die Liste der Bücher erhebt keinen Anspruch auf Vollständigkeit.Nimmst du die Herausforderung an?Unter allen Teilnehmern, die es schaffen, 15 Romane mit Niveau bis zum 31.12.2016 zu lesen und zu rezensieren, wird ein tolles Buchpaket verlost.Natürlich mit den passenden Büchern zum Thema.Ich freue mich auf viele Anmeldungen!Teilnehmer:19angelika63AgnesMAmayaRoseanushkaArizonaaspecialkateban-aislingeachBarbara62BlaetterwindblauerklausbonniereadsbooksBookfantasyXYbookgirlBuchgespenstBuchinaBuchraettinCara_EleaCaroasCorsicanacrimarestricyranaczytelniczka73Deengladia78DieBertadigraEeyoreleerinrosewellFarbwirbel FederfeeFornikaFrauGonzoFrauJottfreiegedankenfrlfrohsinngefluegeltermondGela_HKGetReadyGinevraGirl56GruenenteGwendolinahannelore259hannipalanniHeldentenorIgelaInsider2199JoBerlinK2kkatrin297krimielselenikslesebiene27LesefantasieleselealesenbirgitleseratteneuLibriHollylisibooksLiteraturmaria1Marika_RomaniaMaritzelmarpijeMartina28MauelaMercadoMiamoumiss_mesmerizednaddoochNadja_KloosnaninkaNepomurksNightflowerNilNisnispardenPetrisPocciPrinzessinAuroraschokoloko29serendipity3012SikalsofiesolveigsommerleseStefanieFreigerichtsternchennagelSumsi1990suppenfeesursulapitschiTanyBeeTintenfantasieTochterAliceumbrellavielleser18wandabluewiloberwortjongleurzeki35

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    • 2951
  • Rafael Chirbes - Paris-Austerlitz

    Paris-Austerlitz
    miss_mesmerized

    miss_mesmerized

    04. October 2016 um 18:21

    Eine Flucht vor der Familie, dem konservativen Leben in Madrid. Ein junger Maler ist auf der Suche nach der Realisierung seiner Träume. Ziel ist die Stadt der Liebe, Paris, wo er zunächst ohne Arbeit und ohne Wohnung bei dem älteren Michel unterkommt. Die beiden Männer verlieben sich und teilen Wohnung, Bett, Leben. Doch es bleibt immer eine Lücke, nie sind sie völlig vereint. Die Klassenunterschiede, das Alter, aber auch Michels Erwartungen an eine bedingungslose, aufopferungsvolle Liebe halten sie davon ab, völlig ineinander aufzugehen. Ein feiner Riss, der größer wird, je mehr sich der junge Maler emanzipiert und auf eigenen Beinen steht. Doch die endgültige Trennung kann nicht durch getrennte Wohnungen geschehen, nicht durch neue Partner, nicht durch Verleugnung. Erst der Tod kann sie endgültig entzweien.Ein Roman wie ein Abschiedsbrief. Ein Brief, geschrieben aus voller Emotion und innerer Erregtheit heraus. Dies zeigt sich vor allem in der Struktur; nicht zielgerichtet chronologisch lässt Chirbes seinen Erzähler berichten, sondern sprunghaft, in konzentrischen Kreisen, die Michel im Mittelpunkt haben, sich mal näher um ihn drehen, mal weiter entfernt sind. Der regelrechte stream of consciousness lässt die aufgewühlte Stimmung, in der der Erzähler sich befindet, besonders stark hervortreten. Zunächst die unmittelbaren, zeitnahen Erinnerungen an den Geliebten, dann der Rückblick auf das Kennenlernen und wieder eine Annäherung an die Gegenwart. Teils die Beziehung analysierend, teils fast egoistisch emotionsgeladen wird auf die gemeinsame Zeit geblickt. Man kann sich kaum vorstellen, dass dies bloße Imagination des Autors sein soll, zu wirklich und real erscheinen die Gedanken.Neben der Frage danach, wie weit Liebe gehen darf oder muss, reißt Rafael Chirbes noch eine Reihe andere Themen an. Die Lossagung von den Eltern, deren Erwartungen und die nie zu lösende Verpflichtung, die man als Kind ihnen gegenüber empfindet. Gleichzeitig auch Homosexualität und die Frage, wie diese aufgenommen wird. Verhindert der Erzähler das Treffen zwischen Michel und seiner Mutter, weil er denkt, dass er die Erwartungen und Hoffnungen nicht erfüllt und die Enttäuschung nicht noch verstärken möchte, indem er den Partner real werden lässt? Oder schämt er sich wegen der Klassenzugehörigkeit, weil Michel nicht seinem Stand entspricht? Darf Liebe durch so etwas in Frage gestellt werden oder gar scheitern? Michels Erkrankung wird nicht namentlich genannt, es gibt gewisse Hinweise, die auf AIDS hindeuten, auch die Sorge, sich infiziert zu haben, treibt den Erzähler um. Durchaus ein Thema, was insbesondere unter Homosexuellen präsent ist.Rafael Chirbes greift auch auf bekannte Sujets zurück. Die Großstadt, insbesondere Paris als Ziel der Träume, aufgeladen mit hohen Erwartungen an das berufliche und private Glück. Die Gare d’Austerlitz als Ankunftspunkt der Züge aus dem Süden Frankreichs, die erste Begegnung mit der Hauptstadt. Das Wandern durch die Bars, die kurzen, flüchtigen Begegnungen dort ebenso wie die Stammgäste, die sich allabendlich treffen. Auch das ist Chirbes‘ Roman und das Pariser Leben, das gegenüber den Neuankömmlingen schonungslos sein kann und seine Bewohner bisweilen hartherzig und grausam behandelt. In dieser Weise zeichnet auch der Roman kein liebestrunkenes Bild in rosarot, sondern ein buntes Kaleidoskop der menschlichen Emotionen.

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