"Von einem, der auszog, das Fürchten zu lernen", so hieß die erste Sammlung von Gedichten, die ich von Rainer Kirsch in der Hand hatte. Ein verheißungsvoller Titel. Ich war bei der Lektüre von Karl Mickel ("Die Wirklichweisen/ Wenn die was sagen, sagen die: Naja") auf seinen Namen gestoßen. Das geschah alles in einem Alter, in dem ich noch glaubte, dass Dichter*innen, die sich nahständen (zeitlich oder/und räumlich), auch ähnlich dichten würden. Und ich war enttäuscht, keinen zweiten Mickel vorzufinden und las nur eine handvoll Gedichte.
Jetzt bot sich mit diesem Band zum 90. Geburtstag eine zweite Chance und ich muss zugeben, dass ich damals nicht sehr aufmerksam gelesen habe. Denn Kirschs Poesie hat doch einiges gemein mit der seiner Kollegen Karl Mickel, Volker Braun oder auch Heinz Czechowski (wenngleich ich allen Vieren die Dichterin Sarah Kirsch vorziehen würde). Das Widerspenstige und unverhofft Pointierte. Das Unbeflissene, klassisch gekleidet. Wirkmacht, langsam aufgebaut, getischlert geradezu.
Was mir aufgestoßen ist: hier und da Sexismus, hier und da zu viel der proletarischen oder auch akademischen Pose (ein irritierendes Zuviel an zwei Enden... ). Was ich bewundere: die Weisheit, in einer fernen Vergangenheit liegend, plötzlich an die Tür pollernd, klopfend, schlagend. Man kann manches auch heute noch mit viel Gewinn und Einsicht lesen. Manches mit Scham, fremdem und eigenem.







