Cover des Buches Sebastian. Der Boxer. (Lebenswege, Band 8) (ISBN: 9798632468053)B
Rezension zu Sebastian. Der Boxer. (Lebenswege, Band 8) von Rainer Schneider

Vor Deiner Vergangenheit kannst Du nicht fliehen!

von Babajaga vor einem Jahr

Review

B
Babajagavor einem Jahr

Das Buch:

Beim vorliegenden Buch handelt es sich um den 8. Teil der Lebenswege von Rainer Schneider, welches wie immer unabhängig von allen anderen gelesen werden kann. Diesmal beleuchtet der Autor die rechte Szene in der DDR und zeigt auf, wie diese entstanden ist.

Das Konzept hinter dieser Reihe wird immer klarer, je mehr Teile man gelesen hat. So begegnen uns in jedem Teil Figuren, die wir aus anderen Teilen schon kennen und so manches Mal kommt es zu Aha-Effekten. Mich fasziniert dieses Konzept sehr, denn mehr und mehr entsteht langsam ein großes Ganzes. Und obwohl jeder Teil für sich allein steht, gehören sie dennoch alle zusammen.

Worum geht’s?

Berlin 2011: Auf dem Kiez brennen KiTas, doch niemand kommt zu Schaden. Dafür ist die Kiez-Presse immer schneller vor Ort als jeder andere und weiß offenbar über alles Bescheid. Mit diesem Wissen sind sie schneller in der Öffentlichkeit, als jede andere Presse. Brennende Autos, explodierende Häuser… wer mag hinter all dem stecken? Ist es wirklich eine Terrororganisation, wie die Flugblätter vermuten lassen?

Nebenan das Boxcamp, in dem Tag und Nacht Mitglieder ein- und ausgehen. Was passiert dort im Camp? Hat womöglich Inhaber Sebastian etwas mit den Ereignissen auf dem Kiez zu tun?

Die Charaktere:

Sebastian ist eine liebenswerte und sympathische Figur – ein ruhiger Zeitgenosse, der eher mit seinen gesundheitlichen Problemen zu kämpfen hat, als sich um „da draußen“ zu kümmern. Ihm ist es wichtig, dass sein Boxcamp gut läuft und er sein Auskommen hat. Ihn mochte ich von Anfang an, sowohl seine Einstellung zum Boxsport als auch seine Einstellung dazu, wie er sein Camp führen will. Ihm geht es nicht um höher, schneller, weiter sondern um Ganzheitlichkeit, es geht ihm nicht ums Kämpfen, es geht darum Körper und Geist in Einklang zu halten. Das besticht bereits auf den ersten Seiten und nimmt den Leser für Sebastian ein.

Böckler dagegen ist ein Widerling! Ohne besonders viel über ihn gelesen zu haben, war klar, den mag ich überhaupt nicht! Warum das so ist, ergibt sich relativ schnell. Ebenso die Frage danach, was er mit Sebastian zu tun hat. Die beiden wollen auf den ersten Blick so gar nicht zusammen passen.

Diese Figur ist so überaus manipulativ und es ist erschreckend, wenn man darüber nachdenkt, dass genau diese Manipulation auch heute noch funktioniert. Er ist aalglatt und würde sich niemals selbst die Hände schmutzig machen; das ist der Grund, warum er so schwer zu fassen ist. Um mit einem Satz zu beschreiben, was ich von ihm halte: So einem möchte ich nicht begegnen.

Im Zuge der Aufklärung der Brandfälle kommt Daniela auf den Plan. Sie schleust sich ins Boxcamp ein und will herausfinden, was Sebastian wirklich damit zu tun hat. Nicht sofort, aber im Laufe der Zeit findet sie die Lösung, sieht sich dann aber in den Rädern der Politik gefangen und ihr sind die Hände gebunden, sodass sie die Wahrheit nicht ans Tageslicht bringen kann. Sie war bis zum Ende des Buches meine Hoffnung auf die Wahrheit!

Und dann ist da noch Herr Neubert. Zwar bekommt er leider nur einen recht kurzen Auftritt, aber der ist dafür nachhaltig. Er erzählt dem Leser einen großen Teil von Sebastians Geschichte und lässt ihn tatsächlich in dessen Vergangenheit eintauchen. Ich glaube, mit dem würde ich mich auch gerne mal über die Vergangenheit unterhalten.

Schreibstil:

Rainer Schneiders Schreibstil ist punktgenau und völlig unverschnörkelt. Quasi in jedem Satz steht eine Information, die den Leser weiter durch die Geschichte trägt und am Ende ein vollständiges Bild zeichnet. Mir gefällt dabei sehr, dass ich mich auf die Charaktere einlassen kann, mich nicht einer vorgefertigten Meinung gegenüber sehe, sondern mir meine eigene bilden kann. Denn gerade bei solch schweren Themen ist es sicherlich nicht ganz leicht, nicht zu bewerten. Das gelingt dem Autor aber mit absoluter Sicherheit. Ein Grund, weshalb die Geschichte und ihre Figuren zu jeder Zeit authentisch wirken.

Das Buch lässt sich entsprechend leicht lesen. Es geht hier nicht um actionreiche Knalleffekte, sondern darum herauszufinden warum welche Figur wie handelt – unabhängig davon, ob man den Charakter mag oder nicht. Und selbst, wenn ich einiges Tun und Handeln sicher nicht gutheißen würde, so ist für mich nachvollziehbar, warum die Figur so handelt, worin ihre Intention besteht.

Zu diesem Zweck nutzt Rainer Schneider Rückblenden in die Vergangenheit. Je weiter die Geschichte fortschreitet, desto klarer wird das Bild, das man von den beiden Widersachern hat, worin ihre Verbindung besteht. Und je länger man sich durch die Geschichte tragen lässt, desto klarer wird, wer tatsächlich Täter und wer Opfer ist.

Als Jemand der in Berlin aufgewachsen ist, kann ich mir die Orte, über die der Autor schreibt, sehr genau vorstellen. Es gibt ganz einfache Beschreibungen, die es einem aber unglaublich leicht machen, wiederzuerkennen was man von früher kennt. Zitat S.69: „Der Jugendklub hatte nur einen Ausgang, eine lange Freitreppe hinunter.“ Ich hatte den Jugendklub damit genauestens vor Augen. Aber auch Menschen, die Ostberlin nicht kennen, werden passende Bilder vor Augen haben. Der Autor macht es seinem Leser leicht!

Es fühlt sich bisweilen so an, als würden wir gemeinsam durch die Straßen gehen und er mir diese Geschichte erzählen. Darüber hinaus schafft er es mit kurzen Einschüben die Geschichten der anderen Bücher lebendig zu halten. Durch seine präzise Erzählweise erreicht er es, dass kein Charakter aus den Vorgängern wirklich in Vergessenheit gerät. Sie sind allein durch ihre Namen wieder präsent!

Mir gefällt seine Art Geschichten zu erzählen sehr. Ohne es explizit zu erwähnen erzeugt Rainer Schneider eine Stimmung, die zur Geschichte passt, die die Gefühle der Menschen transportiert ohne sie tatsächlich zu detailliert zu beschreiben.

Das Ende des Buches bringt eine wirklich unerwartete Wende. Einerseits habe ich damit nicht gerechnet und andererseits ist es ein sehr endgültiges Ende. Aber auch, wenn sich etwas wie Traurigkeit breit machte, so ist es doch ein Ende, das der Geschichte absolut gerecht wird. Ein Happy End hätte nicht gepasst!

Historischer Hintergrund:

Die historischen Hintergründe sind recherchierbar. Rainer Schneider hat sich intensiv mit der Geschichte der DDR auseinandergesetzt. So liest man hier nicht nur einen spannenden Roman, sondern auf unterhaltsame Art und Weise ein Stück DDR-Geschichte. Ein Thema, das für meine Begriffe deutlich zu kurz kommt. Schon deshalb bin ich ein Fan der Lebenswege und hoffe auf viele, viele mehr!

Fazit:

Die Geschichte hält ihren Leser von Anfang an gefangen. Die Seiten verfliegen und auf eine sehr leichte Art und Weise entsteht das Bild, welches der Autor dem Leser zeigen möchte. Es ist eine Freude durch ein Stück DDR zu wandern. Ein Pageturner! 5 von 5 Sternen.

Danke Rainer!

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