Raingard Eßer

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Cover des Buches Die Tudors und die Stuarts (ISBN: 9783170154889)

Die Tudors und die Stuarts

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Erschienen am 25.03.2004

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Cover des Buches Die Tudors und die Stuarts (ISBN: 9783170154889)A

Rezension zu "Die Tudors und die Stuarts" von Raingard Eßer

Ein empfehlenswerter kompakter Überblick zur Geschichte der Tudors und Stuarts
Andreas_Oberendervor 4 Monaten

Fast 230 Jahre, von 1485 bis 1714, herrschten die Tudors und nach ihnen die Stuarts über England und das 1707 durch Zusammenlegung aus England und Schottland entstandene Königreich Großbritannien. Beide Dynastien haben Herrschergestalten hervorgebracht, die zu den bekanntesten und umstrittensten Monarchen gehören, die auf den britischen Inseln regierten - genannt seien nur Heinrich VIII., Elisabeth I., Karl I. und Jakob II. Es bietet sich an, beide Dynastien in einem Band zu behandeln, denn in die Zeit der Tudors und Stuarts fallen einige der wichtigsten Ereignisse, Prozesse und Weichenstellungen der britischen Geschichte, allen voran die Reformation und die Trennung von der katholischen Kirche, aber auch die Konflikte zwischen Krone und Parlament, gipfelnd im Bürgerkrieg (1642-1649) und in der "Glorreichen Revolution" (1688/89), die verfassungsgeschichtlich gesehen den endgültigen Durchbruch zur parlamentarischen Monarchie brachte. Aber nicht nur in Hinblick auf die inneren Verhältnisse ist die Zeit der Tudors und Stuarts bedeutsam. War das Königreich England um 1500 ein einflussloser Nebenakteur in Europa, so vollzog sich im 16. und 17. Jahrhundert dank außenpolitischer und militärischer Erfolge und der beginnenden kolonialen Expansion der allmähliche Aufstieg Englands bzw. Großbritanniens zu einer der führenden europäischen Mächte.

Das vorliegende Buch von Raingard Eßer bietet einen sehr guten Überblick zur Geschichte beider Dynastien und der von ihnen beherrschten Reiche. Wer sich rasch über die Tudors und Stuarts informieren möchte, wer an einer sachlichen und wissenschaftlich fundierten Darstellung, also nicht nur an den sattsam bekannten Geschichten über Heinrich VIII. und seine sechs Frauen interessiert ist, der wird auf dem deutschen Buchmarkt sicher kein besseres Werk finden. Eßers Buch besticht durch zahlreiche Stärken: Die Autorin konzentriert sich durchweg auf das Wesentliche und belastet den Text nicht mit Nebensächlichem und Überflüssigem. Eßer vermeidet bewußt eine anglozentrische Perspektive. Sie bezieht auch Wales, Irland und Schottland in die Darstellung ein. Eine klare, nüchterne, aber keineswegs trockene Sprache sorgt für gute Lesbarkeit, ein Vorzug, den leider nicht alle Dynastie-Bände und Biographien des Kohlhammer-Verlags aufweisen. Eßer gelingt eine ausgewogene Balance zwischen persönlichen Porträts der einzelnen Herrscherinnen und Herrscher einerseits und der Behandlung politik-, verfassungs-, sozial- und kulturgeschichtlicher Aspekte andererseits. Die individuellen Leistungen und Fehlleistungen, Erfolge und Misserfolge der Monarchen werden herausgearbeitet. Weitgehend positiv fällt die Bilanz der Tudors aus, die schon immer als die "erfolgreichere" der beiden Dynastien galten, weil sie das Königtum nach den Wirren der Rosenkriege wieder stärkten und sich um eine harmonische Kooperation mit dem Parlament bemühten. Von den seit jeher als "glücklos" geltenden Stuarts, allen voran von Karl I. und Jakob II., zeichnet Eßer ein kritischeres Bild. Durch eine verfehlte Religionspolitik und Versuche, am Parlament vorbei oder gänzlich ohne Parlament zu regieren, entfremdeten sich diese beiden Könige von großen Teilen der Bevölkerung, was schließlich zu Bürgerkrieg und Revolution führte.

Wiederkehrende Leitthemen des Buches sind das Verhältnis zwischen Krone, Parlament und den sozialen Eliten; einflussreiche Personen im Umfeld der Monarchen (Minister, Ratgeber, Günstlinge); die Außenpolitik (Allianzen und Bündnisse, Konflikte und Kriege); das Finanz- und Steuerwesen (bekanntlich die Achillesverse aller frühneuzeitlichen Monarchien); Probleme im Zusammenhang mit Nachfolgefragen; Entwicklungen in Irland und Schottland (die in vielen Fällen anders als in England verliefen); Nachwirkungen der Reformation in Gestalt konfessioneller Spannungen; die Entwicklung der Wirtschaft; überseeische Expansion und Kolonialpolitik. Dem ganzen Buch ist eine hohe Vertrautheit mit der einschlägigen Forschung anzumerken, die naturgemäß fast ausschließlich in Großbritannien selbst geleistet wurde und wird. Wo es nötig ist, geht Eßer knapp auf die Forschungsgeschichte und kontroverse Forschungspositionen ein. Die kleinteilige Gliederung der Kapitel ermöglicht es dem Leser, sich gezielt über bestimmte Themen und Aspekte zu informieren.

Eßers Buch ist anscheinend vergriffen. Der Kohlhammer-Verlag sollte eine Neuauflage (mit aktualisierter Bibliographie) in Betracht ziehen. Das Buch, das eindeutig zu den besseren und gelungeneren Bänden der "Urban-Taschenbücher" zählt, hat eine zweite Auflage allemal verdient. 

(Hinweis: Diese Rezension habe ich zuerst im Juli 2013 bei Amazon gepostet)

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