Raja Alem

 4.3 Sterne bei 4 Bewertungen
Autor von Sarab, Das Halsband der Tauben und weiteren Büchern.

Alle Bücher von Raja Alem

Sarab

Sarab

 (3)
Erschienen am 16.04.2018
Das Halsband der Tauben

Das Halsband der Tauben

 (1)
Erschienen am 20.02.2014
Das Halsband der Tauben

Das Halsband der Tauben

 (0)
Erschienen am 10.09.2013

Neue Rezensionen zu Raja Alem

Neu

Rezension zu "Sarab" von Raja Alem

Ein historisches Ereignis von 1979 - die Geburtsstunde der der Al Kaida
Gwhynwhyfarvor 9 Tagen

Der Anfang: »Das Gas der Granaten zwang die Rebellen, ihre Stellungen an den großen Toren aufzugeben und sich in die Gewölbe des Heiligen Bezirks zurückzuziehen. Dort verschanzten sie sich, bereit für den Kampf bis zum Tod.«

Ein eindrucksvoller Roman, der sich auf ein historisches Ereignis von 1979 stützt, man bezeichnet diesen Aufstand als die Geburtsstunde der Al Kaida.

Zuvor ein paar erklärende Worte: Im Hadith (Sammlung von Aussprüchen und Handlungen des Propheten Mohammed) wird prophezeit, dass der neue Mahdi (Prophet, muss aus der Blutlinie Mohammeds stammen) zu Beginn eines neuen muslimischen Jahrhunderts an der Kaaba in Mekka erscheinen werde. Am 20. November 1979 (es handelte sich um den ersten Tag des Jahres 1400 nach islamischer Zeitrechnung) haben sich 500 bewaffnete Rebellen unter die circa 50.000 versammelten Gläubigen gemischt und nach dem Morgengebet in der großen Moschee von Mekka nehmen sie die Pilger als Geiseln. Sie töten, angeblich aus Glaubensgründen, die Polizisten, postierten Scharfschützen auf den Minaretten. Dschuhaiman Ibn Seif al-Uteibi, ehemaliger Korporal der saudischen Nationalgarde, der Rebellenführer, huldigt nun seinen Freund Mohammed Abdullah, gibt das Bild, der Mahdi sei in der Person Mohammed Abdullah erschienen. Sie kündigen das Ende der Welt an, rufen die islamische Rechtsordnung auf. Die Pilger schwören ihm Mohammed Abdullah den Bai’a. Die meisten Pilger dürfen nun durch die Fenster die Moschee verlassen, sollen die Ankunft des Mahdi verkünden. Einige werden als Geiseln behalten. Die saudischen Soldaten nehmen nun den Kampf auf. Die Rebellen schaffen es, sich zehn Tage in der Moschee zu verschanzen. Den Saudis gelingt es nicht, in das Gebäude einzudringen, und so bittet das Königshaus Saud Frankreich um Unterstützung. Die Spezialeinheit Groupe d’Intervention de la Gendarmerie Nationale (GIGN) bringt den saudischen Soldaten in einem Kurztraining Nahkampf bei, sie wollen durch die Luft und die Katakomben einfallen. Für Letzteres stellen sie 300 Kilogramm CS - Tränengas zur Verfügung. Am 3. Dezember wird die Moschee gestürmt. Die Stahltür ist nicht zu bezwingen. Aber Fallschirmjäger landen im Innenhof, sprengen die Tür und stürmen das Innere, die Besetzer ziehen sich in die Katakomben zurück. Nun werden dicke Löcher in den Boden der Moschee gebohrt, die Tränengas-Granaten eingeworfen. Erst nach 36 Stunden und vielen Feuergefechten ist die Kaaba zurückerobert, al-Utaibi ist gefangen genommen. Die Leiche von Mohammed Abdullah, dem vermeintlichen Mahdi, wird im TV gezeigt, damit der Aufstand im Keim erstickt wird, denn ein Mahdi ist laut dem Koran unsterblich. Soweit die Moschee nicht durch die Kämpfe in Schutt und Asche gelegt ist, ergibt sich ein grausiges Bild von verwesten Leichen, Zerstörung und Exkrementen. Mehr als 1000 Menschen mussten ihr Leben lassen. 63 Aufständische, darunter al-Utaibi, werden am 9. Januar 1980 in einer Massenexekution in mehreren Städten Saudi-Arabiens öffentlich enthauptet.
Was war der Auslöser? Dschuhaiman Ibn Seif al-Uteibi war ein strenggläubiger Wahhabit und er war mit der westlichen Öffnung seitens des saudischen Königshauses ganz und gar nicht einverstanden, kritisierte die Modernisierung. Kinos, Clubs und Kunstausstellungen waren für ihn nicht mit dem Islam vereinbar, wie auch die Anbetung des Geldes, des Öls, Kontakt mit westlichen Staaten. 1974 ging er nach Nadschd, wo er zwei Jahre mit dem Aufbau der Ichwan beschäftigt war, eben jene militante Gruppe.
Im muslimischen Glauben besiegt der Mahdi im apokalyptischen Krieg die Christen und Juden, schafft die vollkommene Welt, die muslimische. Die Zeit war reif, der Schah war bereits gestürzt. Die Schlacht hatte zwar das Haus Al Saud gewonnen, das saudische Königshaus konnte nicht gestürzt werden, aber der Aufstand saß den Scheichs in den Knochen. Es wurde dem saudischen König nie verziehen, dass er »Ungläubige« in die Heilige Stadt Mekka gerufen hatte, es war für das Empfinden vieler Muslime eine nicht wiedergutzumachende Schande. Vieles von dem, was die Rebellen gefordert hatten, setzten die Saudis deshalb in den 1980er Jahren um. Diese niedergeschlagene Gruppierung gilt als Vorbild der der Al Kaida.

Der Roman behandelt die Tage der Rebellen in der Moschee, beginnt mit dem letzten Angriff. »Aus den Hubschraubern regnet es Fallschirmtruppen«, ein junger Rebell schlüpft in die Uniform eines getöteten Franzosen, um zu fliehen, übertölpelt in der Verkleidung einen französischen Elitesoldaten leitet ihn durch die Katakomben aus einem Kanalisationsschacht hinaus, nimmt ihn oben gefangen. Sie gehen über den al-Muddaa-Markt in eine Seitengasse zu einem leerstehenden Haus, die Treppe hinauf. Der fesselt ihn an ein Bett. Tagelang liegt der Elitesoldat Raphael, der sich selbst Kampfmaschine nennt, dort angebunden und es entspinnt sich ein Dialog zwischen den beiden.

»›… Und was ist eigentlich so schändlich daran, mit anderen Staaten Beziehungen zu pflegen? Soweit ich weiß, gibt es einen Ausspruch des Propheten, der lautet: ›suchet das Wissen, und wäre es in China!‹ der Prophet hat nicht gesagt: ›meidet die Chinesen und tötet sie!‹
Saifallah konnte nichts entgegnen und wollte auch nichts mehr hören. Diese Logik stellte alles infrage, was er in den vergangenen Monaten gelebt hatte.«

In den Rückblicken von Saifallah erfährt der Leser, dass er eine Frau ist und Sarab heißt. Ein Zwillingsmädchen, das von ihrer Mutter nie anerkannt wurde, für die es eine Schande darstellte, ein Mädchen geboren zu haben. Sarabs Bruder wurde von der Mutter verehrt. Und so will sie das sein, was auch ihr Bruder ist, ein Kämpfer für den Islam. Sie verkleidet sich als Mann und die beiden Beduinen schließen sich der Gruppe von Dschuhaiman Ibn Seif al-Uteibi an, werden zu Kämpfern ausgebildet, für den Dschihad trainiert. Im Rückblick erleben wir den Sturm der Moschee, die Belagerung, den Ausruf des Mahdi und die schrecklichen Tage danach. Niemand kommt herein, aber auch nicht hinaus. Leichen türmen sich, es gibt kaum Lebensmittel und Toiletten sind in der Moschee nur am Rande des heiligen Bezirks bedingt vorgesehen. Innerhalb des Moscheegeländes legt sich nun eine Ausdünstung von Verwesung und Fäkalien nieder.

»Sogar Kacke und Pisse kämpfen gegen uns. Niemand hatte den Mut gehabt, bei der Planung auf dieses Problem hinzuweisen, das nun bestürzende Auswirkungen hatte.«

Natürlich begreift auch Raphael bald, dass er von einer jungen Frau gefangengehalten wird, eine Schmach. Die Gespräche, zunächst in Abscheu, lassen beide an ihren inneren Grundeinstellungen zweifeln, an ihrem Leben. Sie rücken immer dichter zueinander und zunächst entsteht ein zarter Band der Zuneigung, die später zu einer tiefen Liebe reift. Ich ich verspreche, hier ist rein gar nichts kitschig. Im Gegenteil. In diesem Kinderzimmer gibt es Rückblicke auf das Leben der beiden, auf die Zeit der Besetzung der Moschee. Aber damit ist der Roman noch lange nicht zu Ende.

»Er hätte sie hier auf diesem Markt zurücklassen können. … Doch dafür war es zu spät, er war wie gebannt von seiner Gefangenen. … Diese Frau bedrohte alles, was er war und was er bis zu diesem Augenblick aufgebaut hatte.«

Zwei Menschen, für die Kampf und Gewalt bisher ihr Leben prägte, zusammengepfercht in einem Zimmer, Hass trifft erotische Anziehung, beißender Spott auf ein Nachdenken des eigenen Ichs. Sarab fragt sich, weshalb sie den Mann nicht tötet, warum sie ihn überhaupt gerettet hat und Raphael fragt sich, nachdem er sich befreien kann, warum er bleibt, ihr nicht den Hals umdreht. Allein das Zimmer, indem sie sich befinden, ist der Hohn an sich. Ein Mädchenzimmer in Rosa, vollgepfercht mit Puppen, Poster an der Wand. Sarab zerschlägt die Puppen, eine heile Kinderwelt, die sie nie hatte, ein Mädchen, das geliebt wird. Ein wundervoller Roman, tiefgründig mit geschichtlichem Hintergrund, empathisch, ein religiöses Thema anzugehen. Es braucht viel Anlauf und Geduld, damit die beiden Menschen zueinanderfinden. Sarab ist in ihrem Land nicht sicher, denn sie hat versagt, sie ist weggelaufen. Die überlebenden Aufständischen werden sie jagen. Kann Raphael sie mit nach Paris nehmen und wird das Beduinenmädchen in dieser Umgebung klarkommen? Lesen … der Roman ist bis zur letzten Seite spannend.

Raja Alem, geboren 1970 in Mekka, studierte Englische Literatur in Dschidda, Saudi-Arabien, und hat Romane, Theaterstücke sowie Kurzgeschichten publiziert. Sie hat für ihr Werk zahlreiche Preise erhalten, darunter den renommierten International Prize for Arabic Fiction (Arabic Booker) für den Roman »Das Halsband der Tauben«. 2014 wurde sie mit dem LiBeraturpreis ausgezeichnet. Raja Alem lebt in Dschidda und Paris.

Kommentieren0
0
Teilen

Rezension zu "Sarab" von Raja Alem

Krimi hinter verschlossenen Grenzen
aus-erlesenvor 8 Monaten

Das hätte sich Raphael nie träumen lassen. Ein einziger Tritt ins Zentrum des Lebens und zum ersten Mal spürt er die Marter des Krieges. Hochdekoriert, nie verwundet, keine Waffe der Welt hinterließ je auch nur einen Kratzer. Und nun? Ein Tritt und sein Mut färbt sich dunkelblau. 
Es ist zwei Jahre nach dem deutschen Herbst. Und noch ein Vierteljahrhundert bis zum arabischen Frühling. November 1979. Die Große Moschee in Mekka wird Tatort einer bis heute nachhallenden Katastrophe. Terroristen besetzen das Heiligste aller Heiligtümer des Islam, nehmen Hunderte von Geiseln. Das saudische Herrscherhaus holt sich Hilfe aus Frankreich. Eine militärische Aktion beginnt, an deren Ende eine viel zu hohe Zahl von Toten und Verletzten steht. 
Inmitten der Trümmer, des Blut- und Fäkaliengestankes sucht Raphael sein Heil in der Flucht. Doch sein Verfolger ist schneller, fesselt ihn und gibt ihm den wachrüttelnden Tritt. Um sie herum zischt, brennt es, stinkt es. Das Wasser steht unter Strom. Gasgeruch liegt in der Luft. Es sollen überraschende Stunden werden. Für Raphael auf alle Fälle. 
Da auch Terroristen irgendwann mal schlafen müssen, nutzt Raphael die Gunst der Stunde, um sich von seinen Fesseln zu befreien. Und seinen Bewacher zu überrumpeln. Der schaut ziemlich verdutzt. Doch auch Raphael geht die Kinnlade ziemlich weit runter. Denn Saifallah – den Namen kennt Raphael vom Ausweis, der er ihm abgenommen hat – ist dessen Schwester Sarab. Eine Frau ihn übertölpelt, als Gesteinsbrocken in den unterirdischen Gängen der Moschee auf ihn niederprasselten. 
Beide sind in einer vertrackten Situation. Beide konnten ihren Auftrag nicht pflichtgemäß zu Ende führen. Beide müssen ihn aber zu Ende führen.
Kurze Zeit später quittiert Raphael seinen Dienst. Das Töten als bezahlter Soldat einer französischen Eliteeinheit widert ihn an. Der Sinn seines Lebens ist nicht nur ins Wanken gekommen, er ist gestürzt. Doch an seiner Seite weiß er Sarab. Die eigentliche Aufarbeitung ihrer beider Leben beginnt erst jetzt…
Raja Alem gibt dem, was von Experten der Beginn des islamistischen Terrors genannt wird, eine Handlung, die dem Leser den Atem verschlägt. Der Kampf für ... ja wofür eigentlich? … rückt in den Hintergrund, wenn es darum geht die eigene Haut zu retten und irgendwann einmal ein Leben führen zu können, dass frei von Angst, Hass und Gewalt ist. Kein leichter Weg dorthin. Mit nicht enden wollender Hingabe bereitet sie Sarab und Raphael einen steinigen Weg, den sie selbst verlegt haben und nun beschreiten müssen. Die Vielschichtigkeit ihrer Beziehung sorgt für Erstaunen. So unterschiedlich ihr bisheriges Leben war, so viele Gemeinsamkeiten weisen die beiden Leben immer wieder auf. Zweifel? Ja! Aufgeben? Niemals! So schillernd wie der Einband – übrigens ein Teilausschnitt aus einer Installation von Shadia Alem, der großen Schwester Raja Alems, das zu Biennale in Venedig 2011 ausgestellt wurde – so farbenfroh schildert sie das Leben nach dem grässlichen Terrorakt im November 1979. Die Intensität, mit der das Buch beginnt, lässt erst mit dem letzten Zeichen auf der letzten Seite nach.

Kommentieren0
2
Teilen

Gespräche aus der Community

Neu

Starte mit "Neu" die erste Leserunde, Buchverlosung oder das erste Thema.

Community-Statistik

in 17 Bibliotheken

auf 6 Wunschlisten

Was ist LovelyBooks?

Über Bücher redet man gerne, empfiehlt sie seinen Freunden und Bekannten oder kritisiert sie, wenn sie einem nicht gefallen haben. LovelyBooks ist der Ort im Internet, an dem all das möglich ist - die Heimat für Buchliebhaber und Lesebegeisterte. Schön, dass du hier bist!

Mehr Infos

Buchliebe für dein Mailpostfach

Hol dir mehr von LovelyBooks