Ralf Rothmann

 4,1 Sterne bei 365 Bewertungen
Autor von Im Frühling sterben, Milch und Kohle und weiteren Büchern.
Autorenbild von Ralf Rothmann (© Franka Bruns / Quelle: Suhrkamp Verlag)

Lebenslauf

Zwischen Berlin und Ruhrgebiet: Ralf Rothmann, gebürtiger Schleswiger und Jahrgang 1953, ist ein Ausnahmeautor. Vor seiner schriftstellerischen Tätigkeit war er in verschiedenen Berufsfeldern tätig und arbeitete unter anderem als Koch und Krankenpfleger. Den endgültigen Anstoß zum literarischen Schaffen gibt der Lyrikband „Kratzer“, für den Rothmann 1986 das „Märkische Stipendium für Literatur“ erhält. Seither wird er praktisch im Jahrestakt für seine Werke ausgezeichnet: Vom Wilhelm-Raabe- über den Max-Frisch- bis hin zum Kleist-Preis erfährt der Autor seit Mitte der Achtzigerjahre wichtige Ehrungen. Zu Recht: Mit seinem scharfen Blick auf die Gesellschaft, Detailgenauigkeit und die in seinen Romanen spürbare Sympathie für die Protagonisten schafft Rothmann eine intensive Atmosphäre. Auch kurze Formen beherrscht Rothmann: Verschiedene Bände mit Erzählungen ergänzen die Veröffentlichungen des Autors. Aufgewachsen in Oberhausen und 1976 nach Berlin übergesiedelt, lässt Rothmann seine Geschichten in beiden Orten spielen. Zu seinem Publikationen gehören die sogenannten Ruhrgebietsromane „Stier“ (1991), „Wäldernacht“ (1996), „Milch und Kohle“ (2001) und „Junges Licht“ (2004) sowie die Berlinromane „Flieh, mein Freund“ (2000), „Hitze“ (2005) und „Feuer brennt nicht“ (2010). Mit „Im Frühling sterben“ (2016) und „Der Gott jenes Sommers“ (2018) beschäftigt sich Rothmann mit Schicksalen im Zweiten Weltkrieg bzw. an dessen Ende.

Alle Bücher von Ralf Rothmann

Cover des Buches Im Frühling sterben (ISBN: 9783518466803)

Im Frühling sterben

 (75)
Erschienen am 07.08.2016
Cover des Buches Milch und Kohle (ISBN: 9783518745533)

Milch und Kohle

 (48)
Erschienen am 10.07.2016
Cover des Buches Junges Licht (ISBN: 9783518750124)

Junges Licht

 (39)
Erschienen am 07.05.2016
Cover des Buches Feuer brennt nicht (ISBN: 9783518461730)

Feuer brennt nicht

 (30)
Erschienen am 20.06.2010
Cover des Buches Der Gott jenes Sommers (ISBN: 9783518469590)

Der Gott jenes Sommers

 (27)
Erschienen am 12.05.2019
Cover des Buches Ein Winter unter Hirschen (ISBN: 9783518455241)

Ein Winter unter Hirschen

 (19)
Erschienen am 21.09.2003
Cover des Buches Hitze (ISBN: 9783518456750)

Hitze

 (18)
Erschienen am 27.02.2005
Cover des Buches Stier (ISBN: 9783518223642)

Stier

 (13)
Erschienen am 16.03.2003

Neue Rezensionen zu Ralf Rothmann

Cover des Buches Flieh, mein Freund! (ISBN: 9783518396124)
Nicolai_Levins avatar

Rezension zu "Flieh, mein Freund!" von Ralf Rothmann

Berlin, eine Liebe mit dickem Hintern - und eine Mutter, die sonst keiner hat
Nicolai_Levinvor 25 Tagen

Wenn die Figur in einem Roman einen superlustigen Namen hat, ist allerhöchste Vorsicht geboten! Das kann man als Naturgesetz auffassen. Louis Blaul, den alle Lolly rufen, ist da für meine Begriffe schon ganz hart an der Grenze. Er ist zwanzig, hat das Abi geschmissen und sandelt sich nun als Teilzeit-Hilfsdrucker durch das Berlin der späten 1990-er, statt bei seinem Ex-Hippie-Vater in dessen Werbeagentur einzusteigen. Lolly ist bei den Großeltern im Ruhrgebiet aufgewachsen (wir werden noch erfahren, warum) und schüchtern. Weil er fürchtet, dass er schielt, rennt er immer mit Sonnenbrille rum und seine ganz große Liebe Vanina macht es seinem Selbstbewusstsein mit ihrem monströs dicken Hintern auch nicht eben leichter.

Den trotzigen Jungmännerton leicht verpeilter Icherzähler haben in jenen Jahren so einige Autoren spazieren geführt: Sven Regener in seinem Herrn Lehmann, Wolfang Herrndorf (‚In Plüschgewittern’) oder auch Frank Husemann. Irgendwo dazwischen reiht sich Ralf Rothmann ein, sein Lolly ist dabei verdammt sprachgewaltig (und belesen, auch wenn ers nicht zugibt!) und kreativ im Formulieren und Vergleichefinden - kein Wunder, schließlich hat er ja das Zeug zum Werbetexter. 

Rothmanns anfängliches Bemühen, mit der Geschichte im Hier und Jetzt zu bleiben und den sympathischen Loser nur für ein paar Tage der Veliebtheit und des ganz kleinen Dramas im schrillen lauten Berlin zu begleiten, geht natürlich flöten. Ralf Rothmann kann nur Familie und Generationen und große Geschichte - und so erfahren wir dann doch, weshalb Lollys Familie so seltsam ist, wie sie ist und wie es der Mutter ergangen ist, damals, als sie versehentlich mit ihm schwanger wurde, irgendwann Ende der 1970-er. Diese Muttergeschichte ist schön und anrührend und überraschend. Sie hat all jene großen Gefühle, ohne die ‚Flieh, mein Freund!‘ eben nur ein weiterer charmanter, peilungsfreier Berlinroman à la Herr Lehmann wäre.

Cover des Buches Die Nacht unterm Schnee (ISBN: 9783518473672)
Nicolai_Levins avatar

Rezension zu "Die Nacht unterm Schnee" von Ralf Rothmann

Das Schicksal der Kriegsversehrten
Nicolai_Levinvor 4 Monaten

Das Personal aus "Die Nacht unterm Schnee" ist dem geneigten Publikum bereits aus den Vorgängerbänden in Ralf Rothmanns Zyklus über die Erlebnisse seine Familie im Zweiten Weltkrieg ("Im Frühling Sterben" und "Der Gott jenes Sommers") vertraut: Die Handlung berichtet vom weiteren Lebensweg des Melkers Walter und seiner Frau Elisabeth, die den Eltern des Autors enstsprechen, nach dem Kriegsende 1945. 

Walter ist allein und ohne Melkmaschine verantwortlich für einen großen Milchbetrieb in Holstein, seine Verlobte Elisabeth arbeitet als Bedienung in der Gaststätte, die von der Familie der Ich-Erzählerin, Luisa, in Kiel bewirtschaftet wird. Während Luisa Abitur macht und zu studieren beginnt, schöpft Elisabeth ihre Freiheit in den Vollen aus - als leichtes Mädchen oder als Gelegenheitsprostituierte, je nachdem, wie man es sehen will, jedenfalls geht sie mit Gästen ins Bett und verbessert auf diese Weise ihre materielle Lage in jenen harten Zeiten. Das geht so, bis sie ihren Walter heiratet, den Sohn Wolf (der im wahren Leben Ralf heißt) bekommt und ihren Mann in seinem harten Tagwerk im Gut an der Schlei unterstützt. Luisa besucht die beiden zweimal für ein paar Wochen in ihrer ländlichen Abgeschiedenheit und lernt so das unerbittliche Melkerleben mit seinen endlos langen Arbeitstagen kennen. Als das zweite Kind kommt, nicht ohne Komplikationen, wird Elisabeth Ruhe verordnet, sie kann nicht mehr mit anpacken und so zieht die Familie ins Ruhrgebiet, wo Walter als Bergmann unter Tage arbeitet, ein Dasein, dessen materielle Umstände in der Oberhausener Bergarbeitersiedlung bürgerlicher und komfortabler wirken als das primitive Leben in der Melkerhütte; aber am Ende bleibt es eine Existenz, die mindestens ebenso an der Gesundheit aller Beteiligten zehrt - am Ende werden beide, Elisabeth und Walter, schon im Alter von sechzig Jahren sterben. Luisa, der ihr Sprung in die beschauliche Bürgerlichkeit gelungen ist, hat in Kiel einen Hochschuldozenten geheiratet und leitet eine Bibliothek; sie besucht ihre alte Freundin noch einmal in den Sechzigern auf ihrem Weg in den Italienurlaub, danach wird sie erst wieder Kontakt zu Elisabeth haben, wenn diese im Sterben liegt.

Zwischen diesen Erzählungsstrang sind Abschnitte gefügt, die, aus Sicht von Elisabeth und in dritter Person geschrieben, von ihrer Zeit berichten, unmittelbar bevor sie im Winter 1945 als Flüchtling auf einem Gut in Holstein ihren Walter kennenlernen wird. Die Sechzehnjährige flieht im Schnee aus dem zerbombten Danzig nach Westen, wird von einer Gruppe sowjetischer Soldaten vergewaltigt und anschließend von einem russischen Deserteur gerettet und versorgt, ehe sie sich wieder auf den Weg nach Westen macht.

Dieser Erzählungsstrang ist ein Wagnis. Als Mann eine Vergewaltigung und deren Folgen zu schildern, noch dazu jene, die an der eigenen Mutter begangen wurde, das erfordert schon allerhand Mut und Kunstfertigkeit von einem Schriftsteller. Ralf Rothmann hat beides und meistert diese Klippen (soweit ich als Mann, dem derartige Erfahrungen bislang gottlob erspart geblieben sind, das beurteilen kann und darf) bravourös.

Es ist ja bemerkenswert, wie wenig Widerhall die hunderttausende Fälle von Vergewaltigungen deutscher Frauen durch sowjetische Soldaten sonst in unserem kollektiven Gedächtnis gefunden haben. Natürlich, direkt zu jener Zeit hatten die Deutschen das Maul zu halten, egal was man ihnen antat, sie waren besiegt und schließlich hatten die Männer und Brüder jener beklagenswerten Frauen bis kurz zuvor ihrerseits unsagbare Gräueltaten in den deutsch besetzten Gebieten zu verantworten. Später in der DDR konnte nicht gewesen sein, was nicht sein durfte: Die Sowjets waren Brudervolk, Vorreiter auf dem Weg zum Kommunismus und auch sonst unantastbar. Undenkbar, dass sie je zu etwas Schlimmem in der Lage sein könnten (die Haltung, die wir heute noch bei Wagenknecht und ihren Putinfreunden finden). Im Westen aber kehrte man den Krieg und seine Schrecklichkeiten am liebsten unter den Teppich, auch wenn das hieß, das selbsterfahrene Leid in Bombennächten und vielleicht auch als Vergewaltigungsopfer mit zu verdrängen und zu verschweigen. Vielleicht kam hinzu, dass sowjetische Männer, die sich brutal an Frauen vergehen, zu nah an dem Bild waren, das Goebbels einst den Deutschen von den "wilden asiatischen Horden aus der Steppe" gezeichnet hatte, um den Kampfwillen der Heimatfront anzufachen.

Zu beanstanden gibt es auch an der Nachkriegsgeschichte von Elisabeth, Walter und Luisa eigentlich nichts. Ralf Rothmann versteht sich auf die Details für den Zeitkolorit, und er schließt mit diesem Buch elegant die Brücke zwischen seinen in Holstein angesiedelten Kriegsezählungen und den - später spielenden und früher erschienenen - Geschichten aus seiner eigenen Jugend im Ruhrpott der sechziger Jahre, wie etwa in "Milch und Kohle". Die handelnden Figuren sind dieselben, und wir verstehen sie jetzt ein gutes Stück besser.

Was mir allerdings fehlt zu meinem restlosen Glück, ist jene Wendung zum Allgemeingültigen, die für mich die beiden Kriegsbücher so groß gemacht hat. Das Melkerschicksal taugt nicht recht zur Blaupause für das westdeutsche Wirtschaftswunder, auch wenn Rothmann sich in Ansätzen daran versucht: das Fliehen vor Problemen in die Arbeit, das Zugrundeschuften ohne Rücksicht auf körperliche Verluste, das Verdrängen der Vergangenheit (beispielhaft an der Ahnungslosigkeit, mit der die Frauen die SS-Blutgruppentätowierungen mancher Männer betrachten), die Spießigkeit, die Kontinuität der Täter (wie Luisas erstem Liebhaber, dem italienischen Arzt mit der finsteren SS-Vergangenheit). Während in den Kriegsbüchern das Zeitgeschehen brutal die Familienschicksale durcheinandergebracht hat und nicht auszublenden war, finden wir in "Die Nacht unterm Schnee" nichts von den großen Ereignissen, nichts Politisches und nichts historisch Relevantes. Die kleine Welt der kleinen Leute existiert ohne Bezug zum Zeitgeschehen, das ist zwar auch eine Aussage (eine, die dann von den 68-ern moniert wurde, die schimpften, es könne kein richtiges Leben im falschen geben), aber es begrenzt den Roman doch auf eine spezielle Familiengeschichte, so gut sie auch erzählt sein mag.

Cover des Buches Milch und Kohle (ISBN: 9783518745533)
Nicolai_Levins avatar

Rezension zu "Milch und Kohle" von Ralf Rothmann

Hömma - Szenen einer Jugend im Pott
Nicolai_Levinvor einem Jahr

Diesmal erzählt uns Ralf Rothmann nicht vom Krieg, sondern davon, wie es war aufzuwachsen im Ruhrgebiet in den 1960-ern.

Szenen einer Jugend sind das, kaum (eigentlich nur namentlich) verbrämt die Jugend des Verfassers. Zwischen Vaters Schicht im Schacht und Abstechern an die Pommesbude, frisierten Mopeds, Tanzabenden in der Gaststätte 'Maus', kalabrischen Köstlichkeiten der italienischen Gastarbeiter und ersten erotischen Erfahrungen. Rothmann ist ein feiner Beobachter, der den Ton trifft, er hat eine Gabe, Leute mit wenigen Strichen zu skizzieren, Stimmungen exakt festzuhalten und ohne viel Brimborium das Lebensgefühl - nun ja - einer Generation auf Papier zu bringen. Das ist interessant und einsichtsreich. Man liest es gern.

Trotzdem fehlt mir was. Der große Bogen, die Geschichte hinter der Geschichte. Es sind Szenen einer Jugend, Skizzen, der Abschnitt eines Lebens, vielleicht ein halbes Jahr, eingebettet in die Rahmenhandlung vom Tod der Mutter viele Jahre später, dessentwegen der Erzähler zurückmuss in den Pott, in die Welt seiner Jugend, an die er sich dann erinnert. Für meine Begriffe wird hier eine ganz große epische Lebensgeschichte mittendrin einfach abgerissen, weil uns der Autor nur einen kleinen Ausschnitt gönnt. Wieso er ausgerechnet diese Episoden erzählen will, was sie prägend mit ihm gemacht haben, das wüsste man nur zu gern, aber das enthält uns Ralf Rothmann hier vor.

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Zusätzliche Informationen

Ralf Rothmann wurde am 10. Mai 1953 in Schleswig (Deutschland) geboren.

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