Soutines letzte Fahrt

von Ralph Dutli 
5,0 Sterne bei4 Bewertungen
Soutines letzte Fahrt
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Inhaltsangabe zu "Soutines letzte Fahrt"

Chaim Soutine, der weißrussisch-jüdische Maler und Zeitgenosse von Chagall, Modigliani und Picasso, fährt am 6. August 1943 in einem Leichenwagen versteckt von der Stadt Chinon an der Loire ins besetzte Paris. Die Operation seines Magengeschwürs ist unaufschiebbar, aber die Fahrt dauert aufgrund der Umwege - um die Kontrollposten der Besatzungsmacht zu meiden – viel zu lange, nämlich 24 Stunden. In einem Strom bizarrer Bilder, die der verfolgte Maler im zeitweiligen Morphin-Delirium vor sich auftauchen sieht, erzählt der Roman halb historisch, halb fiktiv Episoden aus Soutines Kindheit in Smilowitschi bei Minsk, die ersten Malversuche in Wilna, den beharrlichen Traum von Paris, der Welthauptstadt der Malerei. Er beschwört die unwahrscheinliche Freundschaft mit Modigliani, den plötzlichen Erfolg und das Ende der goldenen Pariser Jahre. Der Maler, der an die Macht der Milch als einziges Heilmittel glaubt, fährt aber auch in ein 'weißes Paradies', eine Mischung von Klinik und Gefängnis, in der es zu merkwürdigen Begegnungen und Ereignissen kommt. Ein mysteriöser 'Gott in Weiß' erklärt ihn für geheilt, verbietet ihm aber das Malen. Doch in einem Paradies ohne Malerei ist dem Künstler nicht zu helfen. Er beginnt heimlich wieder zu malen – und ist bereit, dafür den geforderten Preis zu zahlen …

Buchdetails

Aktuelle Ausgabe
ISBN:9783835312081
Sprache:Deutsch
Ausgabe:Fester Einband
Umfang:272 Seiten
Verlag:Wallstein
Erscheinungsdatum:01.03.2013

Rezensionen und Bewertungen

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    BeaMilanas avatar
    BeaMilanavor 4 Jahren
    Eindringlich, wütend, präzise, dunkel, ächzend, wirr, zischend, beglückend, suchend, schmerzhaft

    Der Autor selbst liefert die bessere Zusammenfassung:
    "Der unglückliche Soutine! Der ganze Montparnasse seufzt. Entsetzliche Kindheit, bestürzende Armut, zerstörerischer Hass auf die eigenen Bilder, zermürbende Magenschwüre, eingefleischte Schüchternheit, absolute Verlorenheit. Und schließlich setzten ihm die Besatzer und die Gehilfen nach. Versteckt in einem Leichenwagen! ( )
    Der Maler der heillosen Menschheit, sagten sie, der Erniedrigten und Gedemütigten, sagten sie, des Hungers, sagten sie, der gemarterten Tiere."

    Die Geschichte des Malers Chaim Soutine, weiß-russisch und jüdischer Abstammung, kann eindrucksvoller nicht geschildert werden. In einem Leichenwagen versteckt, aufgrund eines Magengeschwürs vollgepumpt mit Morphium, fährt er 1943 einer Operation in Paris entgegen. In wilden Traumfetzen und mit meisterhafter Eindringlichkeit gelingt es dem Autor Ralph Dutli, der 2013 mit "Soutines letzte Fahrt" auf der Longlist des deutschen Buchhandels stand,  sich in das tobende Innere des Malers einzufühlen und nicht nur seine Schmerzen, sondern auch die des Nationalsozialismus in sprachgewaltigen Bildern einzufangen. Nebenfiguren wie seine beiden Frauen, Marie-Berthe Aurenche und Gerda Groth,  Malerkollege Modigliani, der Galerist Zbo, der amerikanische Milliardär Barnes, der unerwartet einige Bilder kauft und rettet, tauchen fragmentarisch auf und geben Zeugnis aus dem Milieu der verarmten Künstler im Frankreich der 20-iger bis 40-iger Jahre.

    Von besonderer Klugheit handelt auch das letzte Kapitel, eine Begegnung am Friedhof zwischen dem Autor und einem Grabbesucher. Letzterer meint: »Und sie selber sind wohl nur einer dieser windigen Autoren, die ein paar nackte Fakten und zweifelhafte Anekdoten aufpicken und sich dann die Dinge aus den Fingern saugen. Und ihre schamlosen Erfindungen in die Welt setzen."
    Ich verneige mich vor Ralph Dutli und seiner präzisen, opulenten Sprache, die mich das Werk dieses besessenen Außenseiters "Die Verwaistheit aller Figuren, das Taumeln der Dinge in einer heillosen Welt. Lakonische Lyrismen" verstehen lässt. "Soutines letzte Fahrt" ist alles andere als einer der langweilig geschriebenen Künstlerromane, die wir alle schon gelesen haben.
    Absolute Leseempfehlung (für jede Altersgruppe).

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    *Arienette*s avatar
    *Arienette*vor 5 Jahren
    Soutines letzte Fahrt

    "Schon früh zeichnet er, jeder Fetzen Papier ist eine neue Versuchung, er macht rasche Skizzen, wenn er allein ist, den Blick immer wieder ängstlich auf die Tür gerichtet, ob nicht plötzlich jemand eintritt, ihm den Fetzen aus der Hand reißt und ihn verprügelt. Er bemalt die Wände der Kellertreppe mit Holzkohle. Auch dafür gibt es Schläge."


    "Soutines letzte Fahrt" ist der erste Roman von Ralph Dutli. In ihm schildert er das Leben des weißrussischen, jüdisch-stämmigen expressiven Malers Chaim Soutine,, ein Zeitgenosse von Chagall, Picasso, Modigliani und Cocteau, auf ungewöhnliche Weise.
    Der schwerkranke Maler wird am 6. August 1943 in einem Leichenwagen versteckt von Chinon in das von Nazis besetzte Paris gebracht, um dort operiert zu werden. Seit Jahren leidet Soutine an einem Magengeschwür, das ihm große Schmerzen zufügt. Die Fahrt dauert lange, es geht nur langsam voran. Doch es geht nicht anders, Soutine wird aufgrund seiner jüdischen Abstammung von der Gestapo gesucht, es müssen Umwege gefahren werden.
    Während der Fahrt erinnert sich Soutine; unter Morphiumrausch entstehen Bilder, Bruchstücke seines Lebens. Er denkt an seine nicht leichte Kindheit in Smilowitschi bei Minsk und sein Bilderverbot, seine ersten Malversuche, seine Pariser Zeit, Hunger und Armut, an die Künstlerkolonie La Ruche und an seine Freundschaft mit Modigliani. Auch an seine Frauen, die sein Leben aushalten müssen, erinnert er sich, erinnert sich an Marie-Berthe Aurenche, Ex-Frau von Max Ernst und die deutsche Jüdin Gerda.

    "Streichhölzer her, mit raschen Handgriffen ein paar Zeitungen zusammengeknüllt, rein in den Kamin damit, wo in diesem heißen Sommer noch Asche liegt vom letzten Mal, als die alte Zerstörungswut ihn überkam. Dann hastig die Leinwände hervorgezerrt, nur noch den einen wütenden Blick daraufgeworfen, dann hinein in die Hölle damit." S. 12

    Soutine, der durch Landschaftsbilder, Bilder von einfachen Menschen und Bildern von Tierkadavern bekannt wurde, hat viele seiner eigenen Bilder zerstört.
    Ralph Dutli schreibt in bildhafter, ausdrucksvoller Sprache, gekonnt ist die Verknüpfung von Fiktion und Realität.
    Ihm ist ein ausgesprochen lesenswerter, beeindruckender Roman gelungen, der nebenbei auch lehrreich ist.
    Der Roman wurde für den Deutschen Buchpreis 2013 nominiert.

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    Schelmuffskys avatar
    Schelmuffskyvor 5 Jahren
    Endlich mal wieder ein großartiger Roman

    Bis dato der mit Abstand beste Roman in diesem Jahr, (viel-)stimmig, vielschichtig, formal ausgefallen, sprachlich excellent, farbig und expressiv erzählt wie die Bilder von Soutine. Der Roman ragt heraus aus dem Einheitsbrei der platt runtergeschnurrten Geschichten. Rahmenhandlung ist die irrwitzige Fahrt Soutines in einem Leichenwagen nach Paris. Er war vor den Nazischergen aufs Land geflohen, jetzt aber muss er zurück nach Paris, um sich einer Operation seines Magengeschwürs zu unterziehen. Wir wissen, dass er diese nicht überleben wird. Soutine deliriert auf der surrealen Reise im Morphiumdämmer.
    Bilder aus seiner Kindheit in einem weißrussischen Landstädtchen ziehen an ihm vorbei, Erinnerungen an seine Ankunft in Paris und seine Versuche, als Maler in Paris Fuß zu fassen. Mehrfach wird die seltsame Nähe der Worte "douleur" und "couleur" erwähnt. Ja, sein Leben ist voller Schmerz und Farben, die sich wiederum - auch dieses Beispiel erwähnt Dutli - auf "Narben" reimen.
    Wir erfahren viel über die Pariser Kunstszene der 20er, 30er und 40er Jahre, die Besatzungszeit, die tägliche Todesdrohung, den Antisemitismus, den Soutine bereits in seiner Kindheit in Weißrussland ständig mit aller Brutalität zu spüren bekam, die Kollaboration mit den Nazis in Frankreich.


    Unbedingte Leseempfehlung.

    Kommentare: 1
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    JoBerlins avatar
    JoBerlinvor 3 Jahren

    Gespräche aus der Community zum Buch

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    sarah_elises avatar
    Am 7. Oktober 2013 wird der Deutsche Buchpreis im Rahmen einer Gala zum Auftakt der Frankfurter Buchmesse verliehen.

    Die 5 Bücher umfassende Shortlist für den Preis der Stiftung des Börsenvereins des Deutschen Buchhandels, der mit 25.000 Euro dotiert ist, wird am 11. September bekannt gegeben. 

    Doch nun zu den 20 Kandidaten auf der Longlist, die in dieser Woche bekannt gegeben wurde, und die alljährliche Frage: Habt ihr einen Favoriten? Und welche der Bücher habt ihr gelesen? Wen vermisst ihr auf der Liste und welche Neuerscheinungen zwischen Oktober 2012 und September 2013 sind auf eurer ganz persönlichen Longlist für den deutschen Buchpreis?

    • Mirko Bonné: Nie mehr Nacht (Schöffling & Co., August 2013)

    • Ralph Dutli: Soutines letzte Fahrt (Wallstein, März 2013) 

    • Thomas Glavinic: Das größere Wunder (Hanser, August 2013) 

    • Norbert Gstrein: Eine Ahnung vom Anfang (Hanser, Mai 2013) 

    • Reinhard Jirgl: Nichts von euch auf Erden (Hanser, Februar 2013) 

    • Daniel Kehlmann: F (Rowohlt, September 2013) 

    • Judith Kuckart: Wünsche (DuMont, März 2013) 

    • Olaf Kühl: Der wahre Sohn (Rowohlt.Berlin, September 2013) 

    • Dagmar Leupold: Unter der Hand (Jung und Jung, Juli 2013) 

    • Jonas Lüscher: Frühling der Barbaren (C. H. Beck, Januar 2013) 

    • Clemens Meyer: Im Stein (S. Fischer, August 2013) 

    • Joachim Meyerhoff: Wann wird es endlich wieder so, wie es nie war (Kiepenheuer & Witsch, Februar 2013) 

    • Terézia Mora: Das Ungeheuer (Luchterhand, September 2013) 

    • Marion Poschmann: Die Sonnenposition (Suhrkamp, August 2013) 

    • Thomas Stangl: Regeln des Tanzes (Droschl, September 2013) 

    • Jens Steiner: Carambole (Dörlemann, August 2013) 

    • Uwe Timm: Vogelweide (Kiepenheuer & Witsch, August 2013) 

    • Nellja Veremej: Berlin liegt im Osten (Jung und Jung, Februar 2013) 

    • Urs Widmer: Reise an den Rand des Universums (Diogenes, August 2013) 

    • Monika Zeiner: Die Ordnung der Sterne über Como (Blumenbar, März 2013) 

    Zum Thema

    Weitere Informationen zum Buch

    Pressestimmen

    »das traurigste und das poetischste Buch des Jahres«
    (Kurt Flasch, Süddeutsche Zeitung, 10.12.2013)

    »ein großartiger Roman«
    (Marie Louise Knott, Deutschlandfunk, 30.07.2013)

    »ein glühender Roman«
    (Beate Tröger, FAZ, 11.06.2013)

    »Dutli est un conteur hors pair.«
    (Florence Noiville, Le Monde Literatur-Beilage, 26.08.16)

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