Raouf Khanfir

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Autor von Wittgenstein und Abgeknickt.

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Wittgenstein

Wittgenstein

 (1)
Erschienen am 21.03.2011
Abgeknickt

Abgeknickt

 (0)
Erschienen am 28.04.2014

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Rezension zu "Wittgenstein" von Raouf Khanfir

Rezension zu "Wittgenstein" von Raouf Khanfir
petermarnetvor 7 Jahren

Jemand, der sein Leben lebt, wie er sein Leben eben lebt, könnte immer dazu getrieben werden, etwas zu tun, was mit der Art, wie er sein Leben lebt, nicht zu tun hat.

Landvermesser K. aus Kafkas >Das Schloss< reist aus Montreal an, um im heutigen Wittgenstein das Erbe einer ihm unbekannten Großtante anzutreten und einen Serienmord aufzuklären.

Marco H. ist der Landvermessser K., den der Autor in die heutige Zeit versetzt hat. Ein sympathischer Nichtsnutz, der das Leben in Montreal genießt und sich treiben lässt.

Nachhaltig wird seine Ruhe durch ein Schreiben des Amtsgerichtes Bad Berleburg gestört, in dem ihm mitgeteilt wird, dass er von seiner Großtante ein Haus im deutschen Wittgenstein geerbt hat. Er beschließt aus seinem Leben in Montreal auszusteigen und in ein neues Leben in Wittgenstein einzusteigen. Er renoviert das geerbte Haus, besorgt sich eine neue Freundin und einen neuen Job. Störend ist nur, dass in seiner neuen Umgebung ein Serienmörder sein Unwesen treibt. Nun, dieser Fall will aufgeklärt sein, ehe das neue Leben von Marco H. endgültig bezugsfertig ist.

Erzählt wird zum einen aus der Perspektive von Marco H., vor dessen Augen die Geschehnisse wie ein Film ablaufen. Er ist kein Typ, der das Leben nah an sich herankommen lässt. Es sind immer ein paar leere Sitzreihen vor ihm. Zum anderen wird aus der Perspektive des Serientäters geschildert. Dessen Aufgeregtheit bildet den Kontrast zu Marco H.'s Gleichmut. Die Sprache ist in beiden Fällen schmucklos und gegenständlich. Die Haltung des Erzählers ist wohltuend trocken und gelassen.

Das Leben, das sich um Marco H. bildet, besteht aus Relitäten wie Haus, Job, Freundin sowie aus übernatürlichen Erscheinungen - nicht anders als in Kafkas >Das Schloss<. Die Großtante ist zwar gestorben. Dies hält sie aber nicht ab, das Haus als durchaus realer Geist zu bewohnen. Ein ehemaliger Nachbar aus Montreal zeigt sich nicht nur dort, sondern auch in Wittgenstein über jeden Schritt von Marco H. informiert.

Der Einstieg in das Buch ist reichlich philosophisch. Doch bald sind die ganzen geistvollen Anklänge nur Beiwerk, weil sich die Story schnell und zunehmend fesselnd entwickelt. Marco H. leidet nicht an seiner Existenz, verliert sich nicht in Deutungen seines Ichs, sondern lebt locker, fröhlich und oberflächlich vor sich hin. Irgendwie will die philosophische Anlage des Buches nicht zu diesem Typen passen. Das ist auch gut so. Die eigentliche Stärke des Buches ist, wie Marco H. quasi im Schongang einen Serienmörder überführt, als tapeziere er ein Zimmer. Irgendwie ist Marco H. in diesem Buch nicht anders ein Fremder als in Wittgenstein.

Die Kapitel aus der Sicht des Serienmörders bieten nichts Neues. Sie sind nicht schlecht, aber doch deutlich schwedische Kost. Die Schilderung der Wittgensteiner ist eine der Stärken des Buches. Mit ein paar Worten kommen die Personen und ihr Alltag zum Leben. Dieser Autor hat muss sich Lebenswirklichkeit nicht zurechtkonstruieren. Er teilt sie mit den Wittgensteinern.

Aufs Ganze gesehen hat sich der Autor nicht aus der reichlich bestückten Schablonenvitrine des Serientätergenres bedient. Sein Ansatz ist völlig neu. Dieser Marco H. purzelt in ein fremdes Leben, in einen ungelösten Kriminalfall, in ein philosophisches Buch. Das hat Klasse und ist auf jeden Fall lesenswert. Dieser Autor wird noch von sich reden machen.
petermarnet@blogspot.com

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