Raphael Gross Anständig geblieben

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Inhaltsangabe zu „Anständig geblieben“ von Raphael Gross

Ehre, Treue, Schande und Kameradschaft: Raphael Gross stellt in diesem Buch erstmals eine moralgeschichtliche Perspektive auf die NS-Geschichte vor. Er zeigt, dass erst ein System von gegenseitig eingeforderten moralischen Gefühlen und Tugenden die Begeisterung der deutschen Bevölkerung für die nationalsozialistische Volksgemeinschaft ermöglicht hat. Politische Reden, Schulbücher und ebenso der scheinbar apolitische Unterhaltungsbetrieb waren von dieser Moral geprägt. Diese von vielen getragene, verbrecherische NS-Moral ist nach der militärischen Niederlage 1945 nicht plötzlich verschwunden, wie in diesem Buch gezeigt wird.

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  • Rezension zu "Anständig geblieben" von Raphael Gross

    Anständig geblieben

    Sokrates

    09. May 2011 um 09:16

    Das Buch ist als erster Versuch zu verstehen, eine 'nationalsozialistische Moral' herauszuarbeiten. Dass das beim ersten Mal nicht gelingen kann ist klar, denn Gross Buch wirft allenfalls Fragen auf, skizziert Problemfälle, an denen explizit näher überlegt werden kann, inwieweit sich eine spezifisch nationalsozialistische Moral definieren liese. Selbst wenn Fragen bleiben, ist das Buch dennoch unbedingt lesenswert. Es schärft den Blick für ganz besondere Details in den Rechtfertigungsversuchen ehemaliger NS-Verbrecher oder NS-Zeitzeugen. Gleichzeitig hinterfragt es die auch nach der NS-Zeit weiterexistierenden Personalkontinuitäten, inwieweit diese TATSÄCHLICH zugeben und begriffen haben, Teil des Systems gewesen zu sein, und sei es eben nur als widerstandsloser Bürger/Beamter/Jurist, der auch noch nach 1945 die eigene Schuld iSe 'sich eben nicht kritisch positionieren' während der NS-Herrschaft nicht anerkannt und aufgearbeitet hat. Gross spricht auch ein sehr wichtiges Thema an, das bereits Welzer in seinem Buch 'Täter' versucht hat einer Lösung zuzuführen. Warum haben viele NS-Verbrecher den Holocaust als Notwendigkeit verstanden, der quasi lediglich logistisch ein 'Problem' darstellte, mit der Tötung der zig-tausenden Menschen hingegen nie ein Täter irgendein Problem gehabt hat. Welches Menschenverständnis liegt dem zugrunde, welches Verständnis der Juden, welches des deutschen Bürgers? Gross kommt auf ähnlich nachvollziehbare Schlüsse wie Welzer, allerdings unterfüttert er seine Erkenntnisse mehr mit philosophisch-kulturgeschichtlichen Fakten, die bereits bis in die Kaiserzeit und Weimarer Republik zurückreichen. Deutlich wird so, dass auch die NS-Ideen und Motivationen einer Kontinutität unterliegen; dass viele Ideen in Gänze ausgereift schon vor 1933 existent waren und durch die Nationalsozialisten nur aufgegriffen und forciert in politische und militärische Fakten umgesetzt wurden. Die NS-Bewegung glich - so mein Eindruck - in vielen Fällen gleichsam einem Katalysator, der vorhandene Entwicklungsansätze aufgriff und deren Umsetzung massiv beschleunigte. Mein Fazit: Unbedingt lesenswert und ein ebenfalls unbedingt weiter zu erforschender Gegenstand!

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  • Rezension zu "Anständig geblieben" von Raphael Gross

    Anständig geblieben

    Gospelsinger

    25. January 2011 um 13:57

    Führte die nationalsozialistische Ideologie zur Herausbildung einer eigenen neuen NS-Moral? Und wirkte diese in der Nachkriegszeit fort? Das sind neue, bisher noch nicht erforschte Fragen, mit denen Raphael Gross sich beschäftigt. Und so sieht er sein Buch auch nicht als Darstellung einer fertig entwickelten Theorie, sondern als Beginn einer hoffentlich breiten Debatte um eine Moralgeschichte des Nationalsozialismus, die interdisziplinär angegangen werden sollte. Raphael Gross legt also Grundlagen, und das macht er gründlich und kompetent. Dabei untersucht er die unterschiedlichsten Bereiche: Die „Rassenschande“ und das nationalsozialistische Recht, Religion und Moral, Filme wie Jud Süß, Der Untergang und Hotel Sacher, die nach dem Krieg erschienenen Autobiographien, z.B. von Traudl Junge, Juristen in NS- und Nachkriegszeit, die „Moralität des Bösen“ eines Adolf Eichmann, die umstrittene Rede von Martin Walser. An allgemein bekannten Beispielen zeigt Gross die Zusammenhänge zwischen den Begriffen der Moral, Ehre und Schande auf. Ebenso analysiert er den Zusammenhang zwischen moralischen Gefühlen wie Schuld, Scham, Groll und Empörung und NS-spezifischen Tugenden wie Kameradschaft, Treue, Opferbereitschaft und Anstand. Ganz normale Bedeutungen dieser Kategorien hatten in der NS-Moral eine spezifische Funktionsweise, der Gross auf den Grund geht. Ich hoffe, dass dieses hervorragend geschriebene Buch, das einen neuen Blick auf den Moralbegriff liefert, die Grundlage für weitere Forschungen zu diesem wichtigen Thema bilden wird.

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