Raphaela Edelbauers Debüt „Entdecker“ ist wie eine Welle, die über dem unvorbereiteten Leser zusammenschlägt. „Eine Poetik“, lautet der Untertitel dieses Machwerkes, das in 6 Kapiteln die verschiedensten Formen von naturwissenschaftlich-literarischer Synthese wagt.
Theoretische Physik, Anatomie, Kartographie, Mineralogie, Virologie und Aggregatzustände, Themen, in welche die Sprache zunächst als Beschreibungsinstanz eindringt und sich bald schon dominante Konstante etabliert, die auf unvorhergesehene Weise die laufenden Prozesse mitbestimmt.
Die komische Konstante ist also die Sprache – ein riesiges Netz, durch das alles fällt, in dem alles gerafft wird. Rainald Goetz sagte in seiner Rede zur Verleihung es Georg-Büchner-Preises:
"Diese Bewegung, die den jeweiligen Punkt des Daseins als verfehlt, zu korrigieren und deshalb als Ausgangspunkt für das Fort von dort nimmt, gibt der Literatur ihre innere Unruhe, Anfänglichkeit, die aufgewühlt fortstürmende Dynamik."
Sprache ist ein Mittel der Erkenntnis, aber ihr Sinn muss in Irrsinn enden, denn mit Sprache ist kein Ende, sie läuft auf nichts hinaus, sie erschafft wo sie darstellt. Man merkt es schon – der Rezensent schwadroniert, aber dies geschieht, weil er noch unter dem Bann des Buches steht. Und er möchte das als Lob verstanden wissen, nicht für sich selbst, aber für das Buch. In der Gebrauchsanleitung desselben heißt es:
"Wir leben in einer Welt, die alles entmystifiziert, durchdringt, dekonstruiert, verpostmodernt – die uns erzählt, dass in nichts zu tauchen und nichts auf dem Grund aufzufinden ist. Sie will alle Widersprüche und Absurditäten auflösen, die Einzelteile aufreihen und sie in einem Ausstellungskatalog sowie auf Stoffbeutel drucken. Dies müssen wir aufs Entschiedenste verwerfen."
Frei nach diesem Vorsatz bemüht sich das Buch darum, einem mit Sprache den Kopf zu verdrehen – bis man nicht mehr sicher sein kann, ob man selbst schwankt oder ob es die Welt ist, die ins Taumeln geraten ist – vielleicht schon immer getaumelt hat; man hielt das für eine nette, verlässliche Rotation. Weit gefehlt! Alle kreist um eine Leere, in die alles fällt und deren Anziehung bereits vorher verräterische Schatten wirft!
Begleitet wird das Buch von den großartigen Zeichnungen von Simon Goritschnig. Was den Inhalt der einzelnen Derivate betrifft – es gibt meist eine Grundhandlung, eine Geschichte, die aber mehr dazu gedacht ist, im Folgenden auseinandergenommen und mit allen möglichen phantastischen Ideen und sprachlich-wissenschaftlich-philosophischen Einschlägen übersät zu werden.
In einer Geschichte begleiten wir z.B. eine Forschungsassistentin bei ihren Studien, die sie für ein unbekanntes Forschungsinstitut durchführt. Doch mit der Zeit kommt ihr jede Hoheit über die Sprache und ihre Wahrnehmung abhanden. Ihr Bewusstsein changiert wie ein chemisches Element zwischen verschiedenen Aggregatzuständen. Das Thema richtet sich gegen den Fortgang der Erzählung.
Sprache als unkalkulierbare Variable, als seltsamer Aspirant, der auf alles zeigt und immer größere Teile der Schilderung befällt und sie zu einer Angelegenheit der Sprache macht, auf Sprache hinauslaufen lässt.
Entdecker ist ein launiges Werk, ein fabelhaftes Werk. Ich komme nur selten dazu ein Buch wirklich zu loben und zu empfehlen, das ist hiermit getan. Bleibt mir nur den zukünftigen Leser*innen viel Glück zu wünschen. Mögen sie diese wahnwitzige Erfahrung überleben.
Raphaela Edelbauer

Lebenslauf
Eine österreichische Entdeckung: Raphaela Edelbauer wird 1990 in Wien geboren. Sie studiert an der Universität für Angewandte Kunst in Wien, Sprachkunst und Philosophie. Daneben schreibt sie Geschichten und veröffentlicht diese seit 2009 in Anthologien und Literaturzeitschriften. Auch tritt Edelbauer regelmäßig bei Literaturveranstaltungen und -festivals auf.
2017 erscheint ihr literarisches Debüt »Entdecker« bei Klever, für das sie mit dem Hauptpreis der Rauriser Literaturtage ausgezeichnet wird. Es folgen weitere Auszeichnungen, darunter der Theodor-Körner-Preis. Ihr Roman »Das flüssige Land«, der 2019 erscheint, schafft es auf die Shortlist des Deutschen Buchpreises.
Alle Bücher von Raphaela Edelbauer
Das flüssige Land
DAVE - Österreichischer Buchpreis 2021
Die Inkommensurablen
Die echtere Wirklichkeit
Die Inkommensurablen
Entdecker
Das flüssige Land
DAVE
Neue Rezensionen zu Raphaela Edelbauer
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Rezension zu " Die echtere Wirklichkeit"
von Edelbauer Raphaela
Es macht sehr nachdenklich - realitätsnah ❤️❤️❤️❤️❤️
Byproxy wird nur mit wenig Gepäck, einem Laptop und Rollstuhl aus dem betreuten Wohnen entlassen. Da sie nun ihren Individuellen Weg gehen soll, der sie weiterbringen soll. Sie ist sehr gespannt darauf. Zunächst hat sie keine feste Bleibe, übernachtet zuerst auf etwas unsicheren Marktplätzen. Die Gruppe Aletic spricht sie auf dem Marktplatz an. Und Byproxy wird von ihnen im gemeinsamen Haus erstmal aufgenommen. Sie hilft dort mit. Nach einiger Zeit zweifelt sie an dieser Gruppe.
Wird sie dort bleiben? Wie wird ihre Zukunft dort sein?
Auf mich wirkt der Roman wirklich sehr nachdenklich. Und dabei spielt er auch gleichzeitig die Realität im Leben wieder. Das merkt man hierbei auch sehr deutlich zwischen den Zeilen. Am AlltagsLeben darin.
Ein Marktplatz ist ja manchmal wirklich unsicher, da können durchaus mal Vorkommnisse im Alltag lauern
, die nicht unbedingt schön und gut sind. Die Gruppe Aletic fand ich schon interessant, was sie machen. Vor allen Dingen ihr Haus mit den vielen Büchern. Die habe ich alle einmal virtuell umarmt und geküsst. Da ich Bücher ja über alles liebe und Mag .❤️❤️❤️❤️❤️
Das braucht ein Buch ja auch mal schliesslich zwischendurch. Ist ganz wichtig in der Richtung, finde ich. Auch ist es ein besonderer Roman, der ewig im Gedächtnis bleibt.
Auch ist ein Roman, der einen dabei wirklich auch zum Nachsinnen bringt im Leben. Und ich freue mich wirklich sehr, wenn ihr Euch individuell die Zeit dafür nimmt, ihn zu lesen. Sie wartet schon tiefst sehnsüchtig auf euch.😀
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Die österreichische Autorin Raphaela Edelbauer ist mit ihrem Roman "Das flüssige Land" auf der Shortlist des Deutschen Buchpreises gelandet und hat für "DAVE" den Österreichischen Buchpreis gewonnen. Das lässt auf eine Autorin schließen, die anspruchsvolle Literatur verfasst. Doch wie sieht es mit Unterhaltungsfaktor, Spannung und Lesbarkeit aus?
Tatsächlich beginnt das neueste Werk der Autorin, "Die echtere Wirklichkeit" sehr anspruchsvoll, denn wir haben es mit einer philosophischen Terrorgruppe zu tun, die erst einmal Jahre lang gemeinsam philosophische Werke liest und diskutiert, bevor es daran gehen könnte, mit konkreten Aktionen zur Tat zu schreiten.
So finden wir gleich am Anfang der Lektüre ein Manifest der Gruppe, das folgendermaßen beginnt:
"Es gibt nur eine Wahrheit und sie ist absolut. Diese Wahrheit ist weder eine soziale Konstruktion noch subjektiv oder bloß eine unter vielen Perspektiven auf die Dinge. Mögen sich im Laufe der Zeiten auch die Sicht auf die Wahrheit oder die Methoden, zu jener zu gelangen, geändert haben, und mag in vielen Fällen die Sinnesbeschränkung der Lebewesen nicht hinreichen, zu ihr zu gelangen, so ist doch hinter den Phänomenen die absolute Wahrheit jenseits allen Meinens vorhanden."
Eine gewisse Affinität zur Philosophie ist dem Lesegenuss bei diesem Buch also durchaus zuträglich. Aber, keine Sorge, so kompliziert, wie oben zitiert, formuliert zwar die philosophische Terrorgruppe, doch nicht die Autorin selbst im Hauptteil des Buches. Die philosophischen Ergüsse der Gruppe werden nur gelegentlich zitiert, ansonsten ist es ein gut lesbares und humorvoll geschriebenes Buch.
Die Charaktere sind sehr schräge Gestalten, die sonst an ihren Ansprüchen ans Leben gescheitert sind. Da gibt es Byproxy, eigentlich Petra, die junge, nach einem Unfall im Rollstuhl sitzende Ich-Erzählerin, die aus ihrer Wohngruppe geschmissen wurde und auf der Suche nach einem Obdach zufällig auf die Gruppe stößt. Diese bestand zuvor aus vier Personen: ein promovierter Philosoph, dem die Festanstellung verwehrt wurde, eine reiche Erbin, die sich von ihrer Familie distanziert hat, ein Vorbestrafter und eine weitere Person. Gemeinsam haben sie eine Wohnung in einem Wiener Abbruchhaus besetzt, lesen und diskutieren philosophische Werke und unterwerfen sich selbst einem strikten Regelwerk, so darf etwa jedes Mitglied der Gruppe nur einmal in der Woche die Wohnung verlassen. Byproxy muss sich die Aufnahme in die Gruppe und deren Vertrauen erst erarbeiten, doch mit Intelligenz, Charme und Gerissenheit schafft sie das, wird eine treibende Kraft der Geschehnisse und so nehmen die Dinge ihren Lauf.
Am Anfang habe ich ein bisschen gebraucht, in die Lektüre hineinzukommen, doch war der Einstieg einmal geschafft und hatte ich mich mit dem philosophischen Rahmen und den schrägen Figuren vertraut gemacht, war es eine höchst vergnügliche und spannende, ungewöhnliche Lektüre. Sowohl das Thema als auch die Art, wie es behandelt wird, sind sehr innovativ - so etwas auf diese Art habe ich noch nicht gelesen. Wie nebenbei regt es außerdem zum Nachdenken über Wirklichkeit, Konstruktivismus, Fake-News, die Verantwortung von Universitäten und Medien und viele weitere Themen an. Man merkt, dass die Autorin sich tiefgehend damit beschäftigt hat. Örtlich ist die Geschichte in Wien und Umgebung angesiedelt, was man am Vokabular und an vielen Ortsbezügen deutlich merkt.
Insgesamt ist es ein Buch, das ich jenen, die sich für anspruchsvolle Lektüre, unkonventionelle Konzepte und schräge Charaktere interessieren, sehr empfehlen kann. Philosophisch vorgebildete oder interessierte Menschen können von diesem Buch ganz besonders profitieren, bei allen anderen kann es Interesse an diesem Thema wecken, oder man liest über die stark philosophisch geprägten Passagen einfach hinweg, auch dann ist es noch eine unterhaltsame und kohärente Erzählung. Ich jedenfalls freue mich darauf, weitere Bücher dieser talentierten und vielseitigen Autorin zu lesen.
Gespräche aus der Community
Es ist die Frage aller Fragen: Wird künstliche Intelligenz das menschliche Gehirn eines Tages ersetzen können? Syz arbeitet daran, dieses Superprojekt zu verwirklichen: DAVE soll die Maschine werden, von der alle Programmierer träumen. Doch Syz hat das Gefühl, dass DAVE nicht in den richtigen Händen ist …
In Raphaela Edelbauers neuem Roman, "DAVE", könnt ihr zusammen mit
Syz auf die Suche nach der Wahrheit gehen! Hört sich spannend an? Dann
dürft ihr diese Leserunde im Literatursalon nicht verpassen!
Mein Lieblingszitat ist:
"Wir kreieren DAVE gerade deswegen, damit eine Kontrollinstanz zur Anwendung gelangen kann, die über der Fehlbarkeit menschlicher Zivilisation steht. Die Logik selbst."
S.239
Warum es mein Lieblingszitat ist?
Weil die Ambivalenz der KI deutlich wird, da eigentlich dem Gedanken der Sicherheit, der Unfehlbarkeit nachgeeifert wird, also ein positiver Grundgedanke entsteht. Doch Kontrolle funktioniert gleichzeitig auch nur in Grenzen und unterdrückt jede Kreativität.
Am Donnerstag, 18. Februar 2021, erwartet euch ab 17:30 Uhr auf unserem LovelyBooks Instagram Kanal ein interessantes Gespräch inklusive einer kurzen Lesung aus "DAVE" mit Autorin Raphaela Edelbauer. Ihr Buch erzählt über Geschichte, Gegenwart und Zukunft der Künstlichen Intelligenz. Ihr habt bereits vorab die Möglichkeit, hier Fragen zu posten, von denen wir die spannendsten am Freitag live stellen werden!
Stellt euch vor, ihr wollt in einen Ort, der sich beharrlich vor den Blicken Fremder schützt. Ruth steht genau vor diesem Paradox, als sie ihren Heimatort Groß-Einland betreten will. Doch damit nicht genug: Unter dem Ort gibt es ein Loch, das auf rätselhafte Weise das Leben der Bewohner beeinflusst. In unserer Leserunde zu "Das flüssige Land" werden wir diesen Geheimnissen auf den Grund gehen!
Bei der Leserunde war ich zwar nicht direkt dabei, habe hier aber trotzdem gerne mitgelesen und -geschrieben. Hier nun auch meine Rezi:
Zusätzliche Informationen
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