„Andere Tage würden kommen, unzählige andere mehr. Er hatte nicht gewusst, dass alles, was man geben und nehmen konnte, einen Wert hatte, so wie die eigene Kraft oder das Versprechen auf Zeit.“
Inhalt
Im Jahr 1913 starten 3 Männer eine Expedition auf die Insel Everland, ein Zipfelchen in der Antarktis, jenseits aller Zivilisation nur besiedelt von Eismassen, Pinguinen und Robben – unter dem heeren Ziel der Erforschung unentdeckter Landstriche, beginnt ein lebensbedrohlicher Marathon, dem innerhalb kürzester Zeit jede Berechtigung abhandenkommt. Das nackte Überleben steht auf dem Spiel und die Rückkehr des Mutterschiffes, bevor auch das nicht mehr notwendig sein wird …
100 Jahre später begibt sich eine zweite Dreiergruppe in die gleichen Gefilde, mit dem Auftrag, die Spuren der berühmten Forscher von einst zu sichern. Diesmal zwei Frauen und ein Mann. Doch trotz der fortschrittlichen Möglichkeiten der Neuzeit und einer rufbereiten Hintermannschaft, geraten auch diese Wissenschaftler in die Klauen des ewigen Eises. Und es zeigt sich früher, wie heute, wie abhängig der Mensch von Seinesgleichen ist, wie fragil Beziehungsgeflechte sein können und wie unerbittlich die Natur ihren eigenen Lauf verfolgt.
Meinung
Von dieser Story habe ich mir Spannung und Atmosphäre versprochen, ein bisschen Nervenkitzel gepaart mit Abenteuerlust und psychologischem Feingespür. Und im Großen und Ganzen findet man genau das zwischen den zwei Buchdeckeln. Die beiden Erzählstränge damals und heute wechseln regelmäßig und dadurch entsteht eine kontinuierliche Spannungskurve. Das Augenmerk der englischen Autorin liegt jedoch nicht auf den Gegebenheiten der Expedition, sondern vorwiegend auf den zwischenmenschlichen Tönen.
In jedem Team gibt es den Außenseiter - denjenigen, den niemand gebrauchen kann und der nur für zusätzliche Arbeit sorgt, anstatt mit anzupacken. Die beiden anderen sind nie glücklich darüber, wie die äußeren Umstände sie zwingen, Rücksicht zu nehmen und Mehrarbeit zu leisten. Und die Randfiguren des Spiels wissen nur zu genau um ihren ungeliebten Platz im Team. Doch die Natur erlaubt weder Privatsphäre, noch eigenmächtige Handlungen – wer nicht zusammenbleibt ist verloren.
Schon bald gibt es mehrere Versehrte und aus den vermeintlich Schwächeren müssen nun Stärkere werden, wenn die Anführer keine volle Leistung mehr erbringen können. Doch nicht jeder kann seine neue Rolle ausfüllen und die Grundbedürfnisse des Einzelnen überwiegen oft die Kompromissbereitschaft. Die Gruppen bröckeln, jeder ist sich selbst der Nächste und das Füreinander mehr ein aufgesetztes Manöver als wirkliche Überzeugung. Die Autorin vermag es, die einzelnen Charaktere authentisch und greifbar werden zu lassen. Jede Handlung erscheint dem Leser nachvollziehbar und man fragt sich, wie die Alternativen ausgesehen hätten oder mehr noch, wie man selbst reagiert hätte.
Fazit
Ich vergebe gute 4 Lesesterne für diesen zunehmend spannenden Roman, der die Zweifel und Sorgen von Menschen in Extremsituationen zeigt, ihren eingeschränkten Spielraum, ihre Verzweiflung und ihre Fähigkeit andere nicht allein zu lassen, selbst wenn das Überleben nach und nach unwahrscheinlicher wird.
Der Ort der Handlung sorgt für eisige Stimmung, die Bedrohlichkeit der Situation ist auf jeder Seite erlebbar und die Distanz des ewigen Eises überträgt sich auch auf den Text. Darin sehe ich auch den einzigen, minimalen Kritikpunkt der Erzählung: es fehlte mir etwas das Herzblut, die unbeschreiblichen Gedankengänge der Betroffenen, ihre inneren Dämonen oder schier die Verzweiflung. Alle handelnden Personen wirkten ausgesprochen abgeklärt auf mich, irgendwie unerschütterlich, obwohl sie das natürlich nicht waren. Der auktoriale Erzählstil hat diese Fremdheit eher verstärkt als gemindert – hier zählen Taten mehr als Worte und von denen gibt es nicht so viel. Die Stille der Landschaft, paart sich mit Einzelgängern, deren Empathie bereits vor der Expedition keinerlei nennenswerte Eigenschaft war.
Ein lesenswerter Roman, der bereits seit 7 Jahren auf meinem SUB schlummerte und nun endlich entdeckt wurde. Eine Geschichte, die Konsequenzen menschlichen Handelns hinterfragt, aber auch spärliche Möglichkeiten der freien Entscheidung. Die traurige Wahrheit, dass die Natur den Menschen nicht braucht, wird hier anschaulich vermittelt.











