Wir können davon ausgehen, dass manches autobiographisch ist und die Grenze zwischen Fiktion und Fakten, zwischen Seemannsgarn, Glauben, Aberglauben und Historie in gewohnter Weise verschwimmen. Wer die Romane von Reimer Eilers kennt, findet bekannte Protagonisten vom Edlefsen-Clan wieder, z.B. Pay und auch den Apotheker aus Husum sowie die Frauensbilder Anna Petrine und ihre Magd De Graue Grete und die hochverehrte Himmelskönigin. Regionale Machtstrukturen fließen mit ein, das kommerzielle und strategische Interesse der Dänen und des Husumer Grafen Adam Kuntz sowie Störtebekers, doch auch das Begehren der aufstrebenden Seemacht England an dem Hilligen Land und dem Witte Kliff sind Teil des Potpourris. Die Bevölkerung der Insel fungiert mehr als Manövriermasse der Mächtigen und Gewaltigen, der Gewalttätigen mit dem großen Maul. Heutzutage könnten wir bei dieser dem Menschen innewohnenden Gier an Grönland denken, auch eine Insel, die Begehrlichkeiten aus vier Himmelrichtungen auf sich zieht.
Nun, damals war es Helgoland. Besonders wegen der Lage in der Nordsee sowie der einträgliche Abbau des Muschelkalks vom Witte Kliff machten das Eiland interessant und führten zu seinem Niedergang. „Es gehen Gerüchte, dass der größte Malefiz wieder am Witte Kliff sein Unwesen treiben wird. Der Raubritter unseres Kalkfelsens, Adam Kuntz von Husum, soll einen Lastkahn samt Mannschaft ausgerüstet haben (Das Witte Kliff, S. 41).
Zwei Seemänner, Vatter und Sohn aus der Edlefsenfamilie, wollen dem Einhalt gebieten und legen sich im Hafen von Husum und auf Helgoland mit den Vorderladern und Hellebarden der im Harlekindress befindlichen empathielosen Landsknechte an. Die Eigentümlichkeiten der Roten Insel und ihrer Bevölkerung kommt einem bunten Lokalkolorit der gleich mit ihrem Helgoländer Platt, welches vom Autor immer auch aufgelöst und übersetzt wird. Also keine Angst, es ist eine große Bereicherung, Geschichten von Eilers zu hören. Die Lesenden haben den Eindruck, dass sie plötzlich etwas von Seefahrt verstehen, egal ob jemand von der Waterkant oder ein Landei ist. Ein Übriges zum Wohlfühlen tun Bilder, Grafiken und Miniaturen, die mit Sinnsprüchen und Poemen versehen sind.
Zum Ende kommen wir in der Jetztzeit an und zum Leuchtturm des Großvaters des Erzählers. Es ist hier die Rede von einem Niedergang zwischen Zeit und Ewigkeit, der die Materie und das menschliche Sein auf unterschiedliche Weise ausgesetzt sind.
„Vom Westen rollen die immergrünen Wogen gegen die Insel. Sie peitschen die Klippen und zermürben den Felsen, der ihnen alljährliche seinen Tribut zollte. Ein Stück nach dem anderen brach ab und stürzte in die Flut. Dort vollendete die mahlende See ihr Werk, sodass es in späteren Jahrhunderten kein Helgoland mehr geben wird, wie es auch früher keins gab.“
Auf seine unnachahmliche Weise porträtiert Reimer Boy Eilers den Abgesang auf das Witte Kliff und Helgoland. Eine lebendig erzählte Familiengeschichte aus der Region – unbedingt lesen – must have!














