Reimer Gronemeyer Das 4. Lebensalter: Demenz ist keine Krankheit

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Inhaltsangabe zu „Das 4. Lebensalter: Demenz ist keine Krankheit“ von Reimer Gronemeyer

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    Das 4. Lebensalter: Demenz ist keine Krankheit
    WinfriedStanzick

    WinfriedStanzick

    12. February 2013 um 13:14

    Demenz ist das Thema in unserem Land. Schon gibt es 1,3 Millionen betroffene Menschen in Deutschland und ihre Zahl wird auch wegen der höheren Lebenserwartung noch steigen. Reimer Gronemeyer benennt in seinem neuen Buch, in dem er heftig gegen die Klassifizierung von Demenz als Krankheit polemisiert und von einem regelrechten durchaus für eine wuchernde Demenzindustrie lukrativen Krieg gegen die Demenz spricht, die Fakten. Zuletzt hat der Theologe und Philosoph Christoph Türcke im Zusammenhang seines Buches „Hyperaktiv“ einen Zusammenhang zwischen gesellschaftlichen Entwicklungen und der steigenden Zahl von dementen Menschen hergestellt. Die Menschen, so führte er aus, in deren ersten Lebensmonaten die Aufmerksamkeit der Eltern für ihr Kind immer wieder gestört wurde durch die mikroelektronische Reizkultur, wenn nebenher der Fernseher läuft, telefoniert wird, oder E-Mails gescheckt werden, haben dann, irgendwann erwachsen geworden, nie die Fähigkeit entwickelt, bei einem Sachverhalt zu bleiben, sie können keine klaren Gedanken mehr fassen. Auch ihre Einbildungskraft, die Fähigkeit innere Bilder zu erzeugen (z. b. auch in Träumen) schwindet, und das beeinträchtigt die Fähigkeit der Menschen zu nachhaltiger Erfahrung. Ähnlich fragt auch Gronemeyer: „Wie stark nähern sich eine vergessliche, um nicht zu sagen schwach-sinnige Gesellschaft und die individuelle Demenz der Menschen einander an?“ Und er plädiert für ein Umdenken: „Die Burn-outer, die ADHS-Kinder, die Menschen mit Demenz sind die Aussteiger, deren Scheitern uns noch nicht Gescheiterten zeigen kann, wohin die Fahrt gehen müsste, dass wir das Ruder herumreißen müssen – wenn wir das denn hören wollen.“ Es gehe darum, Menschen mit Demenz gastfreundlich aufzunehmen und sie nicht zu behandeln wie Aussätzige. „Wir brauchen Nachbarschaftlichkeit, Freundlichkeit, Wärme“. Und: „Ein Ausweg aus dem Demenzdilemma muss künftig eher in der Konstruktion einer gastfreundlichen Lebenswelt als in der Perfektionierung spezialisierter Versorgung gesucht werden.“ Demenz als Rückseite einer vom Beschleunigungsprozess zerfetzten Gesellschaft zu begreifen, dazu will Gronemeyer in seinem Buch beitragen, das radikaler ist, als es auf den ersten Blick scheint. Demente Menschen, so sagt er, kratzen an unserem moderne Bild von Persönlichkeit, vom Ich, von Individualität, und er gibt eine Zusammenfassung seines Verständnisses von Demenz, die mir sehr schmerzhaft einleuchtet: „Ich verstehe die Demenz als Zeichen für einen radikalen kulturellen Bruch mit der Vergangenheit. Vor allem sind uns unsere Ahnen vollkommen gleichgültig geworden. Unsere Toten sind nicht mehr gegenwärtig, die Welle der Anonymisierung in der Friedhofskultur ist ein deutliches Anzeichen dafür. Sie sind nicht mehr unter uns. Und ich kann nicht glauben, dass das Phänomen Demenz abzulösen ist von dieser radikalen Erinnerungslosigkeit an das, was zu uns gehört. Vielleicht ist das eine weitere Mitteilung, die Menschen mit Demenz uns machen: Sie wissen, dass sie sofort vergessen sein werden, wenn sie tot sind. Und deshalb vergessen sie uns, die gesund Lebenden, bevor wir sie vergessen.“ Ich habe selten eine so radikale Gesellschaftskritik gelesen.

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