Reinhard Jirgl

 3.7 Sterne bei 25 Bewertungen
Autor von Die Stille, Die Unvollendeten und weiteren Büchern.

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Die Unvollendeten

Die Unvollendeten

 (6)
Erschienen am 01.01.2007
Die Stille

Die Stille

 (7)
Erschienen am 01.05.2011
Nichts von euch auf Erden

Nichts von euch auf Erden

 (5)
Erschienen am 25.02.2013
Abtrünnig

Abtrünnig

 (2)
Erschienen am 01.02.2008
Abschied von den Feinden

Abschied von den Feinden

 (2)
Erschienen am 01.12.1998
Oben das Feuer, unten der Berg

Oben das Feuer, unten der Berg

 (1)
Erschienen am 22.02.2016
Die atlantische Mauer

Die atlantische Mauer

 (1)
Erschienen am 01.08.2002
Mutter Vater Roman

Mutter Vater Roman

 (1)
Erschienen am 01.08.2012

Neue Rezensionen zu Reinhard Jirgl

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H

Rezension zu "Nichts von euch auf Erden" von Reinhard Jirgl

Eine fantasiereiche Weltraumreise
Habichtvor 2 Monaten

Ein anstrengendes Buch, das mich stilistisch und inhaltlich voll überzeugen konnte. Wer sich mit Jirgl auf diese literarisch anspruchsvolle, und für manche vielleicht auch sprachlich gewöhnungsbedürftige fantasiereiche Weltraumreise begibt, die ihn über mehr als 500 Seiten führt, erfährt viel über Außerirdische, die sich mörderisch bekriegen und ihre Umwelt zerstören, und weiß vor allem am Ende mehr über seine eigene Gattung, die 500 Jahre vor den geschilderten Ereignissen lebt. Grandios!

 

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D

Rezension zu "Die Unvollendeten" von Reinhard Jirgl

Sprachlich virtuoser Ritt durch sechszig Jahre Deutschland
DeepThoughtvor 2 Monaten

Erstveröffentlichung: 2003

Inhalt

In drei Teilen wird in dem Zeitraum von 1945 bis 2003 die Geschichte einer Familie über vier Generationen hinweg erzählt:

Im ersten Teil, der die Jahre 1945 bis 1947 umfasst, müssen die Sudetendeutschen Johanna und ihre Töchter Hannas und Maria in einem von der tschechischen Miliz organisierten Zug Ihre Heimat Komotau verlassen. Hannas Tochter Anna, als Gymnasiastin zur Zwangsarbeit auf dem Land interniert, sollte an dem Tag zum Wäschewaschen zurückkehren, verpasst den Zug jedoch und bleibt zurück. Erst nachdem die drei Damen in dem Dorf Schieben in der Sowjetischen Besatzungszone untergebracht wurden, kann Hanna sich auf die Suche nach Anna begeben, der sie schließlich im Lager eine Nachricht zukommen lässt. Daraufhin flieht diese und kommt so lange in der Grenzstadt Ritzenhain, bis die Mutter sie abholt.

Der zweite Teil reicht bis 1953 und endet mit dem Aufstand vom 17. Juni 1953. Die drei älteren Frauen versuchen sich mit ihrem neuen Leben zu arrangieren, ohne sich dort heimisch zu fühlen. Als sich Hanna und Maria Möglichkeiten bieten, Beziehungen zu finden, schlagen sie diese Chancen aus. Alle drei, vor allem aber Hanna, sehen diese Lebensphase lediglich als Zwischenstation und streben eine Rückkehr nach Komotau an. Anna hingegen möchte sich unabhängig machen und zieht schließlich als Dolmetscherin nach Berlin. Nach einer kurzzeitigen Verlobung mit einem Mann, der ihr gesellschaftlichen Aufstieg verspricht, wird sie schwanger von einem früheren Geliebten aus Ritzenhain. Nachdem er anhand einer Tätowierung als ehemaliger SS-Soldat erkannt wird, flieht er jedoch nach München. Schließlich nimmt Hanna den Sohn mit zu sich nach Birkheim (einer fiktionalisierten Version von Salzwedel), wo er zunächst bei ihr und Maria und Johanna lebt.

Der letzte Teil erschließt den Zeitraum bis 2003 in einer Art Rückschau aus Sicht von Annas Sohn Reiner. Er liegt in der Berliner Charité und sieht seiner Entlassung wegen eines inoperablen Magenkrebses entgegen. In einem Brief an seine Frau blickt er auf sein eigenes Leben in der DDR und später dem vereinten Deutschland zurück und verschränkt diese Beschreibung mit der Schilderung der weiteren Lebensläufe von Johanna, Hanna, Maria und Anna. Er hatte zunächst den ungeliebten Beruf des Zahnarztes ergriffen und später nach der Wende eine Buchhandlung eröffnet, ohne dort mit seinem Konzept Erfolg zu haben.

Auch seine Wahrnehmung des Lebens ist wesentlich von den Erfahrungen seiner Verwandten geprägt und hindert ihn daran, mit den ihn umgebenden Umständen Frieden zu schließen. Er trifft daraufhin eine Entscheidung mit gravierenden Folgen.

Beschreibungen


Die stilistische Ausarbeitung des Romans ist sehr ungewöhnlich. Immer wieder setzt der Autor sprachliche Besonderheiten ein. So werden etwa üblicherweise getrennt verwandte Wörter mit Bindestrichen oder mathematischen Symbolen verbunden (Beispiel: „von-Überall-her“, „hier=im Ort“), Wörter miteinander kombiniert („Altefrau“), die Konjunktion „und“ entweder abgekürzt („u“) oder durch das kaufmännische & ersetzt. Auch werden Satzzeichen wie das Ausrufe- oder Fragezeichen an den Satzbeginn gesetzt oder vor dem betonten Wort („Du mußt !lernen, Kind, in Jederminute“), zudem die Sprache der Personen neu wiedergegeben („Kwatsch“).
Die drei Teile des Romans unterscheiden sich in einem Aufbau voneinander. Ist der erste („Vor Hunden und Menschen“) in Kapiteln unterteilt, wird der zweite Teil („Unter Glas“) getrennt nach den Straßen, in denen das beschriebene Geschehen abläuft und im letzten Teil jeweils der Tag und die Uhrzeit des Tagebucheintrag angegeben.

Erst im dritten Teil, in dem Reiner K. als Ich-Erzähler auftritt, wird offenkundig, dass die sprachliche Besonderheit der vorhergehenden Teile offenbar darauf zurückzuführen ist, dass sie von ihm verfasst wurden und hier sein besonderer Erzählton zutage tritt. Er, der in seiner Buchhandlung Bücher präsentieren wollte, die aufgrund der herrschenden Markt- und Medienmechanismen kein Publikum finden, wählt selber eine Sprache, die den gängigen Konventionen widerstrebt.

Anmerkungen

Der Autor vermittelt die Handlung des Romans sehr eindrücklich und beeindruckend. Obwohl den einzelnen Zeitabschnitten gar nicht so viel Seiten umfassen (In der Ausgabe des Deutschen Taschenbuchverlages Teil 1 und 2: je 73 Seiten, Teil 3: 94 Seiten), werden die jeweiligen Zeitabschnitte in all ihren Facetten klar herausgearbeitet und insbesondere die Lebensumstände der Familie K. auch für Leserinnen und Leser ohne bisherigen Bezug zu den dargestellten Epochen und Handlungen veranschaulicht und greifbar. Gerade auch die psychologischen Nachwirkungen auf die Betroffenen sind nachvollziehbar und bedrückend. Sie bleiben Unvollendete, da sie ihr Leben nach bestimmten Vorstellungen und Wünschen ausrichten, die sich nicht erreichen lassen. Auch sind sie außerstande, diese Realität anzuerkennen und sich auf diese Weise zu verwirklichen.

Ob die beschrieben sprachlichen Eigenarten dem Lesefluss der Leserinnen und Leser hemmt, hängt von diesen selber ab. Es ist möglich, über diese Besonderheiten hinwegzulesen, ohne dass das Verständnis für das jeweils Beschriebene leidet. Wird versucht, hinter jeder Abweichung der gängigen Rechtschreibregelungen den Sinn und dessen Symbolik zu entdecken, ist denkbar, dass die Handlung dahinter zurücktritt. So verzichtet der Autor auf einordnende Beschreibungen, die erkennen lassen, zu welchem Zeitpunkt die Handlung oder Erinnerung gerade befindet, Dies fördert die innere Spannung der Erzählung, setzt aber auch eine starke Konzentration der Leserinnen und Leser voraus.

Ein logischer Bruch in dem Roman liegt wohl darin, dass die Handlungen der ersten beiden Teile – soweit sie ebenfalls von Reiner K. geschrieben wurden –, diesem durch die dort agierenden Personen kaum so detailreich beschrieben worden sein dürften, wie sie in dem Roman abgebildet. Eine diesbezügliche ausdrückliche Erklärung, woher dieses Wissen kommt, fehlt.

Fazit

Ein Buch, das Leserinnen und Leser mit einer wenig beachteten historischen menschlichen Katastrophe konfrontiert und aufzeigt, welche langfristigen Auswirkungen diese hat, da die Betroffenen die erlittenen Schäden an ihre Kinder weitergeben. Durch die sehr ungewöhnliche und originelle Sprache verdichtet sich das Beschriebene und entsteht der Eindruck einer Unmittelbarkeit, die die Wahrnehmung durch die Betroffenen direkt wiedergibt und an sie ganz nah heranrückt. 

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Phlieges avatar

Rezension zu "Nichts von euch auf Erden" von Reinhard Jirgl

Artifiziell, düster aber auch irgendwie fesselnd
Phliegevor 4 Jahren

"Mensch wäre aber nicht-Mensch wüßt er sich nicht immer zu trösten."

Gott sei dank, sonst wüsste ich auch gar nicht, wie ich dieses Buch verarbeiten sollte.
Ein junger Erdbewohner mit unmerkbarem Namen, der auch noch absolut unwichtig ist, gehört der antriebslosen Menschheit an, deren höchstes Ziel die allmähliche Auslöschung der eigenen Rasse ist. Eine Gesellschaft ohne Kinder, ohne Körperkontakt und ohne Fragen. Der junge "Held" muss erleben, wie die vor hunderten Jahren geflüchteten Marsianer zurückkehren, seine Heimat zerstören und das Ziel der Auslöschung wieder umkehren. Als ihm dann die Möglichkeit geboten wird, flieht er seine zerstörte Heimat und macht sich auf den Weg zum Mars.

Doch die Handlung ist eigentlich unwichtig. Der Leser befindet sich einfach an einem Schauplatz unfassbarer Grausamkeiten.

"Kotzen=vor-Ekel gewöhnt man sich ohnehin !schnell ab in 1 Welt wo Alles=Ekel ist."


Und in der von Jirgl gezeichneten Welt gewöhnt sich der Mensch auch wirklich an alles. Auch an ein Regime, unter dem Deportationen und Kannibalismus auf der Tagesordnung stehen. Der Mensch bleibt dabei folgsam, solange es ihm persönlich gut geht. Fragen werden nicht gestellt. Weder auf dem Mars noch auf der Erde.
Und diese Grausamkeit ist auch das Einzige, was bewegt. Und das dann auch gleich heftig. Gegen diese Horrorszenarien ist man schlecht gefeit. Dagegen gibt es überhaupt keine emotionalen Bindungen zu den Charakteren. Sie sind beliebig und nur mittel zum Zweck.

Der Schreibstil ist stark verdichtet, Rechtschreibung und Interpunktion unkonventionell und eigen umgesetzt, sodass der Leser stark in Anspruch genommen wird. So überzogen wie der Schreibstil auch zunächst anmuten mag, so schnell passt man sich ihm an und liest ihn tatsächlich dann wie jeden anderen.  Künstliche Komplexierung des Gesagten trifft so auf rein intuitive Interpretation.

In "Nichts von euch auf Erden" beantwortet Jirgl die Frage, wie es mit der Zukunft der Menschheit aussieht, eindeutig. Wir werden alle sterben. Es gibt in diesem Buch kein Alternativszenario. Die scheinbar friedlichen Erdbewohner leben in einem ähnlichen Schreckensregime wie die Marsianer. Nur wissen sie nichts davon, weil sie nie fragen.
Das Buch ist ein höchst artifizielles und vor allem deprimierendes Werk. Wer sich entschließt, es zu lesen, hat ein ganzes Stück Arbeit vor sich. Man darf aber auch die akribische Recherche-Arbeit des Autors erleben, der an technischen Details in alter Jules-Verne-Manier nicht spart.

Da das Buch aber nur Probleme zeigt und keine Lösung, hoffe ich ein bisschen, dass der Jirgl seine Einkäufe in Plastiktüten nach Hause trägt.
"Denn Mensch wäre nicht-Mensch wüßt er sich nicht immer zu trösten."

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