Die Unvollendeten

von Reinhard Jirgl 
4,2 Sterne bei6 Bewertungen
Die Unvollendeten
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Die Vertreibung einer sudetendeutschen Familie und ihre psychologischen Auswirkungen auf diese und deren Nachkommen bis ins Jahr 2003.

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Inhaltsangabe zu "Die Unvollendeten"

Eine sprachlich eindrucksvolle Familiensaga und ein literarisch dichter Roman über Heimat und Exil.

»30 Minuten Zeit – mit höchstens 8 Kilo Gepäck pro Person – am Bahnhof sich einzufinden – diejenigen, die gegen diesen Befehl verstoßen, werden nach den Kriegsgesetzen bestraft.«
Sommerende 1945. Die tschechischen Behörden nehmen ihre Vertreibungen vor, und die deutsche Minderheit flieht aus dem Sudetenland. Vier Frauen – die einzigen Mitglieder einer großen Familie, die den Krieg überlebt haben – stehen im Mittelpunkt: Johanna, deren Töchter Hanna und Maria sowie die siebzehnjährige Enkelin Anna. Ihre Geschichte der Vertreibung, der Verlust der Heimat, die Entwurzelung und das neue Leben in der Fremde – in einem kleinen ostdeutschen Dorf Nahe der Zonengrenze – bis in die Gegenwart des Jahres 2002 in Berlin läßt Jirgl auch den Urenkel erzählen. Er trägt zusammen, was ihm Mutter, Großmutter, Großtante und Urgroßmutter erzählt haben, um endlich auch sich selbst zu verstehen.

Buchdetails

Aktuelle Ausgabe
ISBN:9783423135313
Sprache:Deutsch
Ausgabe:Flexibler Einband
Umfang:256 Seiten
Verlag:dtv Verlagsgesellschaft
Erscheinungsdatum:01.01.2007

Rezensionen und Bewertungen

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    DeepThoughtvor 16 Tagen
    Kurzmeinung: Die Vertreibung einer sudetendeutschen Familie und ihre psychologischen Auswirkungen auf diese und deren Nachkommen bis ins Jahr 2003.
    Sprachlich virtuoser Ritt durch sechszig Jahre Deutschland

    Erstveröffentlichung: 2003

    Inhalt

    In drei Teilen wird in dem Zeitraum von 1945 bis 2003 die Geschichte einer Familie über vier Generationen hinweg erzählt:

    Im ersten Teil, der die Jahre 1945 bis 1947 umfasst, müssen die Sudetendeutschen Johanna und ihre Töchter Hannas und Maria in einem von der tschechischen Miliz organisierten Zug Ihre Heimat Komotau verlassen. Hannas Tochter Anna, als Gymnasiastin zur Zwangsarbeit auf dem Land interniert, sollte an dem Tag zum Wäschewaschen zurückkehren, verpasst den Zug jedoch und bleibt zurück. Erst nachdem die drei Damen in dem Dorf Schieben in der Sowjetischen Besatzungszone untergebracht wurden, kann Hanna sich auf die Suche nach Anna begeben, der sie schließlich im Lager eine Nachricht zukommen lässt. Daraufhin flieht diese und kommt so lange in der Grenzstadt Ritzenhain, bis die Mutter sie abholt.

    Der zweite Teil reicht bis 1953 und endet mit dem Aufstand vom 17. Juni 1953. Die drei älteren Frauen versuchen sich mit ihrem neuen Leben zu arrangieren, ohne sich dort heimisch zu fühlen. Als sich Hanna und Maria Möglichkeiten bieten, Beziehungen zu finden, schlagen sie diese Chancen aus. Alle drei, vor allem aber Hanna, sehen diese Lebensphase lediglich als Zwischenstation und streben eine Rückkehr nach Komotau an. Anna hingegen möchte sich unabhängig machen und zieht schließlich als Dolmetscherin nach Berlin. Nach einer kurzzeitigen Verlobung mit einem Mann, der ihr gesellschaftlichen Aufstieg verspricht, wird sie schwanger von einem früheren Geliebten aus Ritzenhain. Nachdem er anhand einer Tätowierung als ehemaliger SS-Soldat erkannt wird, flieht er jedoch nach München. Schließlich nimmt Hanna den Sohn mit zu sich nach Birkheim (einer fiktionalisierten Version von Salzwedel), wo er zunächst bei ihr und Maria und Johanna lebt.

    Der letzte Teil erschließt den Zeitraum bis 2003 in einer Art Rückschau aus Sicht von Annas Sohn Reiner. Er liegt in der Berliner Charité und sieht seiner Entlassung wegen eines inoperablen Magenkrebses entgegen. In einem Brief an seine Frau blickt er auf sein eigenes Leben in der DDR und später dem vereinten Deutschland zurück und verschränkt diese Beschreibung mit der Schilderung der weiteren Lebensläufe von Johanna, Hanna, Maria und Anna. Er hatte zunächst den ungeliebten Beruf des Zahnarztes ergriffen und später nach der Wende eine Buchhandlung eröffnet, ohne dort mit seinem Konzept Erfolg zu haben.

    Auch seine Wahrnehmung des Lebens ist wesentlich von den Erfahrungen seiner Verwandten geprägt und hindert ihn daran, mit den ihn umgebenden Umständen Frieden zu schließen. Er trifft daraufhin eine Entscheidung mit gravierenden Folgen.

    Beschreibungen


    Die stilistische Ausarbeitung des Romans ist sehr ungewöhnlich. Immer wieder setzt der Autor sprachliche Besonderheiten ein. So werden etwa üblicherweise getrennt verwandte Wörter mit Bindestrichen oder mathematischen Symbolen verbunden (Beispiel: „von-Überall-her“, „hier=im Ort“), Wörter miteinander kombiniert („Altefrau“), die Konjunktion „und“ entweder abgekürzt („u“) oder durch das kaufmännische & ersetzt. Auch werden Satzzeichen wie das Ausrufe- oder Fragezeichen an den Satzbeginn gesetzt oder vor dem betonten Wort („Du mußt !lernen, Kind, in Jederminute“), zudem die Sprache der Personen neu wiedergegeben („Kwatsch“).
    Die drei Teile des Romans unterscheiden sich in einem Aufbau voneinander. Ist der erste („Vor Hunden und Menschen“) in Kapiteln unterteilt, wird der zweite Teil („Unter Glas“) getrennt nach den Straßen, in denen das beschriebene Geschehen abläuft und im letzten Teil jeweils der Tag und die Uhrzeit des Tagebucheintrag angegeben.

    Erst im dritten Teil, in dem Reiner K. als Ich-Erzähler auftritt, wird offenkundig, dass die sprachliche Besonderheit der vorhergehenden Teile offenbar darauf zurückzuführen ist, dass sie von ihm verfasst wurden und hier sein besonderer Erzählton zutage tritt. Er, der in seiner Buchhandlung Bücher präsentieren wollte, die aufgrund der herrschenden Markt- und Medienmechanismen kein Publikum finden, wählt selber eine Sprache, die den gängigen Konventionen widerstrebt.

    Anmerkungen

    Der Autor vermittelt die Handlung des Romans sehr eindrücklich und beeindruckend. Obwohl den einzelnen Zeitabschnitten gar nicht so viel Seiten umfassen (In der Ausgabe des Deutschen Taschenbuchverlages Teil 1 und 2: je 73 Seiten, Teil 3: 94 Seiten), werden die jeweiligen Zeitabschnitte in all ihren Facetten klar herausgearbeitet und insbesondere die Lebensumstände der Familie K. auch für Leserinnen und Leser ohne bisherigen Bezug zu den dargestellten Epochen und Handlungen veranschaulicht und greifbar. Gerade auch die psychologischen Nachwirkungen auf die Betroffenen sind nachvollziehbar und bedrückend. Sie bleiben Unvollendete, da sie ihr Leben nach bestimmten Vorstellungen und Wünschen ausrichten, die sich nicht erreichen lassen. Auch sind sie außerstande, diese Realität anzuerkennen und sich auf diese Weise zu verwirklichen.

    Ob die beschrieben sprachlichen Eigenarten dem Lesefluss der Leserinnen und Leser hemmt, hängt von diesen selber ab. Es ist möglich, über diese Besonderheiten hinwegzulesen, ohne dass das Verständnis für das jeweils Beschriebene leidet. Wird versucht, hinter jeder Abweichung der gängigen Rechtschreibregelungen den Sinn und dessen Symbolik zu entdecken, ist denkbar, dass die Handlung dahinter zurücktritt. So verzichtet der Autor auf einordnende Beschreibungen, die erkennen lassen, zu welchem Zeitpunkt die Handlung oder Erinnerung gerade befindet, Dies fördert die innere Spannung der Erzählung, setzt aber auch eine starke Konzentration der Leserinnen und Leser voraus.

    Ein logischer Bruch in dem Roman liegt wohl darin, dass die Handlungen der ersten beiden Teile – soweit sie ebenfalls von Reiner K. geschrieben wurden –, diesem durch die dort agierenden Personen kaum so detailreich beschrieben worden sein dürften, wie sie in dem Roman abgebildet. Eine diesbezügliche ausdrückliche Erklärung, woher dieses Wissen kommt, fehlt.

    Fazit

    Ein Buch, das Leserinnen und Leser mit einer wenig beachteten historischen menschlichen Katastrophe konfrontiert und aufzeigt, welche langfristigen Auswirkungen diese hat, da die Betroffenen die erlittenen Schäden an ihre Kinder weitergeben. Durch die sehr ungewöhnliche und originelle Sprache verdichtet sich das Beschriebene und entsteht der Eindruck einer Unmittelbarkeit, die die Wahrnehmung durch die Betroffenen direkt wiedergibt und an sie ganz nah heranrückt. 

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    Beaglevor 5 Jahren
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    Munhakvor 6 Jahren
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    ksdunckervor 8 Jahren
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    Munhakvor 8 Jahren
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    gluttonyvor 9 Jahren

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