René Girard Gewalt und Religion

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Inhaltsangabe zu „Gewalt und Religion“ von René Girard

René Girard spricht mit Wolfgang Palaver über ›mimetisches Begehren‹, Apokalypse und die Unterscheidung der Religion in rituelle Praxis und Glaubenssätze. Ein Gespräch über die bewegenden Themen unserer Zeit: aktuell, geistreich und anregend. Gleichzeitig eine Einführung in die Gedankenwelt eines der wichtigsten Denker der Gegenwart.
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  • Rezension zu "Gewalt und Religion" von René Girard

    Gewalt und Religion
    WinfriedStanzick

    WinfriedStanzick

    09. September 2011 um 11:09

    Das vorliegende kleine Buch dokumentiert zwei Gespräche, die Rene Girard im Jahr 2000 und dann noch einmal im Jahr 2006 ( also nach 9/11), mit dem österreichischen Professor für Systematische Theologie, Wolfgang Palaver, geführt hat und einen kurzen einführenden Essay, der dem Buch seinen Titel gab. Für Menschen, die sich zunächst einmal relativ kurz mit der faszinierenden und überaus überzeugenden Theorie Rene Girards auseinandersetzen wollen, bietet diese Einleitung gute und wichtige Informationen. Ausgangspunkt der mimetischen Theorie von René Girard ist die Feststellung, dass menschliche Gesellschaften nur dann überleben können, wenn sie in der Lage sind, dem Ausbreiten der Gewalt innerhalb der Gruppe erfolgreich entgegenzuwirken. Ursache zwischenmenschlicher Konflikte ist das Aneignungsverhalten von Menschen, die in engem Kontakt miteinander leben: Dieses Verhalten stiftet Rivalität, Neid und Eifersucht, ist ansteckend, wird von allen Mitgliedern der Gruppe mitgetragen und führt zu raschen Gewalteskalationen, in denen das ursprüngliche Objekt keine Rolle mehr spielt: sie werden lediglich durch das Imitieren des Anderen in Gang gehalten. Für das Aneignungsverhalten und die nachfolgende Nachahmung des gewalttätigen Verhaltens wird von Girard der Begriff "Mimesis" verwendet, um damit den Abstand von der geläufigen Thematisierung des imitativen Verhaltens als Nachahmung äußerlicher Darstellungen, Gestik oder Mimik hervorzuheben. In diesem Buch geht es nun insbesondere um die Rolle der Religionen in diesem Prozess und die Bedeutung des Opfers für die Eindämmung von Gewalt, die durch die Mimesis endemisch wurde. Dabei waren, wie er betont, entgegen herkömmlicher Einschätzung die archaischen Religionen keineswegs die Ursache für Gewalt, sondern zum einen deren Folge und zum anderen boten sie Schutz vor ihr. „Der Mechanismus der Opferung, der die archaischen Religionen hervorbrachte, wurde so einhellig angenommen, dass das zuerst dämonisierte und später vergöttlichte Opfer genauso für die mimetische Krise wie auch für die glückliche Lösung des Problems verantwortlich schien. Jene, die sich der Stimmung des Mobs überließen, betrachteten ihre Einmütigkeit nicht als Folge mimetischer Ansteckung, worum es sich in der Tat aber handelte, sondern als einen besonderen Beweis ihrer richtigen Auslegung des Dramas vom einzelnen Opfer.“ Es ist die von der Theologie (Wolfgang Palaver und seine Mitarbeiter sind da eine Ausnahme) noch gar nicht richtig und ausreichend aufgenommene Erkenntnis von Girard, dass er in den biblischen Überlieferungen der hebräischen Bibel und des Neuen Testamentes, vor allen Dingen in den synoptischen Evangelien, hier eine grundlegende Änderung sieht, einen Paradigmenwechsel von großer Bedeutung: „Die hebräische Bibel und die christlichen Evangelien sind die einzigen religiösen Texte, die eine Umkehrung dieses mythischen Schemas darstellen. Der Mob in den jüdischen und christlichen Schriften denkt und handelt genauso wie der Mob in den archaischen Mythen. Nicht die Ereignisse machen den Unterschied, sondern deren Interpretation. In den Mythen haben die Opfer tatsächlich die Verbrechen begangen, derer sie von ihren Verfolgern bezichtigt werden. In den jüdischen und christlichen Schriften wird der Mob dafür verantwortlich gemacht, unschuldige Opfer zu verfolgen.“ Dabei sind in den Evangelien, die Menschen, die anders denken als der Mob, nur sehr wenige, „doch so ungewiss ihre Perspektive auf den ersten Blick zu sein scheint, so trägt sie aus meiner Sicht letztlich den Sieg davon: Weil sie nämlich wahr ist.“ Doch bis weit hinein in die christlichen Kirchen ist ein Umstand zu beklagen, dass die moderne Welt diese biblische Entmystifizierung nicht erkennt. Die biblischen Texte werden häufig für Mythen gehalten (auch von den Theologen), da sie Mythen gleichen. Doch die prophetischen Texte der hebräischen Bibel und der Evangelien stehen in absolutem Gegensatz zur mythischen und opfernden Geisteshaltung der archaischen Religionen. Jesus etwa sagt den Menschen, sie sollten sich zuerst mit ihren Brüdern versöhnen, ehe sie irgendwelche Opfergaben in den Tempel bringen. Er warnt sie also davor, auf das Opfer als ein künstliches Mittel zu vertrauen, um mit ihrem Nächsten in Frieden zu leben. „Die Wahrheit des Opfers, die sich durch die Kreuzigung enthüllt, wird ein für alle Mal und auf lange Sicht gesehen jedes andere und weitere Opfer nichtig machen. Da es unmöglich geworden ist, der Gewalt durch das Ritual zu entgehen, wird die persönlichen Versöhnung zum einzigen Mittel, um die zerstörerische Entfesselung der mimetischen Gewalt zu vermeiden.“ Girard lässt keinen Zweifel daran, dass er dies für den einzig möglichen Zugang hält, der mimetischen Gewalt auf der Welt Herr zu werden. Doch er warnt vor einem Prozess, der die Religionen als etwas verdammt, „ was unserer modernen Humanität fremd ist. Selbst wenn wir es besser machen, als es die alten Religionen taten, so sehen wir doch ein, dass das Unterfangen unendlich komplizierter ist, als man noch vor hundert Jahren dachte. Die Gewalt, für die wir gerne die Religion verantwortlich machen würden, ist tatsächlich unsere eigene und ihr müssen wir uns ohne Umweg stellen. Die Religionen zum Sündenbock für unsere eigene Gewalt zu machen, kann letzten Endes nur nach hinten losgehen.“ In dem zweiten Gespräch mit Wolfgang Palaver 2006 geht es, verständlicherweise, auch um eine Einschätzung des Islam. Ihm traut Girard, obwohl es sich mit dem Islam nicht so ausführlich beschäftigt hat, wenig zu in dieser Richtung, weil der Islam für das, was bei den alttestamentlichen Propheten und dann mit Christus im neuen Testament geschieht, nur Verachtung übrig hat. Wer sich ausführlicher mit Rene Girards mimetischer Theorie und dem Zusammenhang mit der Religion und dem Heiligen beschäftigen will, der sei auf die 2011 im Patmos Verlag erscheinende Neuausgabe des schon 1972 erschienenen Buches „Das Heilige und die Gewalt“ hingewiesen.

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