Eine Biographie über Marcel Proust wollte ich schon lange lesen, allerdings erst nachdem ich „Auf der Suche nach der verlorenen Zeit“ komplett gelesen hatte, weil ich die Befürchtung hatte, dass mir zu viel über dieses Werk verraten werden könnte (aus Erfahrung weiß ich, dass so etwas in Schriftstellerbiographien öfter mal vorkommt). Da es die Biographie von Renate Wiggershaus in meiner Bücherei gibt, griff ich nun einfach dazu, ich wollte in erster Linie einen Einstieg in Prousts Leben bekommen.
In „Proust. Leben und Werk in Texten und Bildern“ fällt zunächst positiv auf, dass sehr viele Illustrationen, größtenteils Fotografien, enthalten sind (nicht immer in der besten Qualität, wobei das am Alter liegen dürfte; aber gerade wenn sie in sehr kleinem Format abgedruckt werden, erkennt man nicht wirklich etwas), von Marcel Proust selbst, von seiner Familie, von Freunden und Bekannten, von Landschaften und Gebäuden.
Neben einem Abriss über die Vorfahren Prousts und seinem eigenen Leben, stellt Wiggershaus viele Freunde und Bekannte vor, die in dessen Leben eine mehr oder weniger große Rolle spielten und die teilweise in die Figuren in seinem epischen Werk eingeflossen sind, inwiefern das der Fall war und wie sie darauf reagierten, deutet Wiggershaus teilweise an. Proust selbst erklärte diesbezüglich: „Es gibt für die Personen dieses Buches keine Schlüssel oder deren acht bis zehn für eine einzige.“ Wiggershaus führt dies weiter aus: „In der Tat sind die Gestalten in Prousts Romanen aus den verschiedensten Personen hervorgegangen – aus Menschen des realen Lebens (wobei nicht selten die verschiedensten Ichs einer Person vom Autor mal dem einen, mal dem anderen seiner Protagonisten zugeschrieben wurden), aus Romanfiguren, aus Metamorphosen der Phantasie, sobald diese Gestalten auf dem Papier Konturen annahmen, gewannen sie ein Eigenleben, verselbständigten sich.“
Immer wieder deutet Wiggershaus interessante Hintergründe und Verbindungen an, bleibt dabei aber immer an der Oberfläche, an keiner Stelle geht sie wirklich in die Tiefe. Dass eine erschöpfende Analyse hier keinen Platz finden kann, ist klar, aber das ein oder andere Beispiel hätte durchaus seinen Platz finden können. Außerdem gibt sie immer wieder lange Zitate wieder, sowohl aus „Auf der Suche nach der verlorenen Zeit“ wie aus einem früheren Romanfragment Prousts und auch aus Briefen, etc. Gerade die Romanzitate wirken manchmal willkürlich, sind oft auch zu lang geraten – und immer wieder stehen solche Zitate unmotiviert und ohne weiter erklärt oder eingeordnet zu werden da, wenn das immer selbsterklärend wäre, wäre das kein Problem, so aber fragte ich mich oft, was mir das nun sagen soll. Beispielsweise werden verschiedene Maler oder Schriftsteller, die in der ein oder anderen Form in dem Werk erwähnt oder verarbeitet wurden, in der Biographie genannt und dazu steht einfach nur ein Zitat, meist von Proust selbst – aber was der Leser damit anfangen soll, ist mir unklar.
Diese Biographie ist daher in den Ansätzen gut angelegt und interessant, in der Ausführung scheitert sie aber oft. Ich wollte einen Einblick in das Leben des Autors erlangen und erhoffte mir einige Informationen, Erklärungen, Interpretationsansätze, die mir neue Perspektiven auf Autor und Werk eröffnen würden, aber leider bekam ich nichts davon. Für mich war diese Lektüre eher enttäuschend, aber vielleicht habe ich auch zu viel erwartet. Positiv zu erwähnen sei aber noch Wiggershaus gut formulierter Schreibstil, der sich angenehm lesen ließ.
[Rezension] "Proust" - eine eher enttäuschende Biographie über einen faszinierenden Schriftsteller






