Ricardo Piglia Ins Weiße zielen

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Inhaltsangabe zu „Ins Weiße zielen“ von Ricardo Piglia

Wieso musste Tony Durán sterben? In seinem lang erwarteten neuen Roman entführt uns Ricardo Piglia in die trügerische Ruhe der argentinischen Provinz. Während alle Welt glaubt, der schwule Japaner Yoshio habe den Ausländer Durán getötet, entwickelt Kommissar Croce mit Hilfe des aus Buenos Aires angereisten Journalisten Renzi seine eigene Theorie: Waren es wirklich nur die körperlichen Reize der Zwillingsschwestern Ada und Sofía Belladona, die Durán in die Pampa gelockt haben? Was hatten deren Vater und Bruder, die Besitzer der hiesigen Fabrik, mit dem Opfer zu schaffen? Was hat es mit dem Erbe der irischen Mutter der Zwillinge auf sich? Und was nur hat Cueto, der aalglatte Staatsanwalt und Intimfeind Croces, zu verbergen? Piglia bietet alles auf, was das Genre des Kriminalromans hergibt – um die Gemeinplätze der Gattung am Ende auszuhebeln und zu zeigen, dass nichts so ist, wie es scheint. Dabei gelingt ihm die Quadratur des Kreises: ein Buch, das sich liest wie ein Krimi – und doch keiner ist.

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  • Rezension zu "Ins Weiße zielen" von Ricardo Piglia

    Ins Weiße zielen
    michael_lehmann-pape

    michael_lehmann-pape

    23. May 2011 um 10:41

    Provinz, Mord und argentinisches Leben Ein Kriminalroman, der am Ende des Tages den Mordfall nur aufnimmt und als roten Faden durch das Buch laufen lässt, um aus vielfachen Perspektiven das argentinische Alltagsleben in den 70er Jahren nach den großen, politischen Veränderungen, angesichts von Wirtschaftskrise, Hoffnungen, Neuanfang nach dem Sturz Perons und vielfachen, auch durch Intrigen vorangetriebenen, Überlebensversuchen in den Blickpunkt zu rücken, so stellt sich Ricardo Piglias neues Buch dar. „Wie in allen kleinen Orten der Provinz Buenos Aires gab es auch hier an einem einzigen Tag mehr Neuigkeiten als in irgendeiner großen Stadt in der ganzen Woche, und der Unterschied zwischen den lokalen Informationen und den landesweiten Nachrichten aus dem Fernsehen war so gewaltig, dass die Dorfbewohner gelegentlich der Illusion erlagen, sie würden ein interessanteres Leben führen“. Zumindest in der Gegenwart des Buches ist dies fast sogar wahr in diesem kleinen Provinznest. Tony Durán, ein klassischer „Glücksritter“, meinte, das große Los gezogen zu haben. Eine Affäre mit den Belladonna Zwillingsschwestern (mit beiden zugleich, versteht sich) und zusätzlich (einseitig ist Tony auf gar keinen Fall, wenn diese Affäre auch heimlich von ihm gehalten wird), mit einem Mann noch, sind ständiges Tagesgespräch im Dorf. Spekulationen und Fantasien erhalten freien Lauf. Bis jener Tony Durándo ermordet aufgefunden wird. Erstochen. Und mit einer Menge Geld, die gefunden wird. Soweit traf das „große Los“ also nicht zu. Oder konnte nicht wirklich dauerhaft genossen werden, das wohl eher. Der introvertierte, für seine verschlungenen und kaum zugänglichen Ermittlungspfade bekannte Kommissar Croce, findet schnell heraus, dass der offenkundig Tatverdächtige nicht der Mörder sein kann. Auf dem Weg seiner Ermittlungen, auch dies im Buch in kraftvoller und wunderbar eingängiger Sprache dargestellt, rollt sich die gesamte Familiengeschichte der Belladonnas im auf. Dies allerdings schon, notgedrungen, fast ohne sein Zutun, denn Croce wird erfolgreich von höherer Stelle an zu entlarvenden Ermittlungen gehindert. Dennoch, Hintergründe werden sichtbar, die immer mit den aktuellen Situationen und der konkreten Lage in Argentinien verbunden und verwoben werden. Mehr noch, Letztendlich gelingt es, mit der Hilfe eines Journalisten aus der Stadt, die wahren Hintergründe im rahmen einer umfassenden Familiengeschichte der Belladonnas, offen zu legen. Dies aber darf, soll nicht sein. Hier wendet sich das Buch. Aus dem Kriminalfall wird eine intensive Zustandsbeschreibung der Verhältnisse im Land. Verhältnisse, die es verhindern, dass die Gerechtigkeit siegt. Aufgeklärt wird der Fall vielleicht, gelöst aber nicht, weil das nicht sein soll. Soweit, dass Croce, zum Ende des Buches hin, „das Haar ergraut mit Spuren einer „möglichen Demenz“ in seinen hellen Augen“, einer abschließenden Zeremonie auf einem Friedhof distanziert beiwohnen wird. Auch sein weiterer Weg bleibt offen. Bis dies allerdings in den Raum tritt, hat Piglia eine Menge zu erzählen vom Leben und Überleben in Argentinien, von Hoffnungen und Geschäften, von Ohnmacht und Mut, von Verwirrung und zerstörten Illusionen. Dass das Buch nicht im Hilflosen und Hoffnungslosen zum Ende hin verhaart, dass manche der Protagonisten trotzdem (und nicht weil) die Dinge so laufen, wie sie laufen, ihren Weg weiter unter die Füße nehmen, das ist ebenso das Verdienst der Erzählweise Piglias, wie seine analytischen Fähigkeiten auf dem Hintergrund seines profunden, wirtschaftlichen Wissens, einen ungeschminkten und entlarvenden Blick auf die Verhältnisse in Argentinien eröffnen. Ein intelligentes Buch voller Einblicke in das Leben Argentiniens, mit überzeugenden, melancholischen, allseits ihr Glück suchenden Figuren, die eben nicht ins schwarze Treffen, sondern letztendlich doch immer nur ins Weiße zielen. Ein ganz hervorragendes Buch. Viel mehr der Belletristik zuzuordnen denn dem Genre des Kriminalromans.

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