Inhalt:
Zunächst scheint es ein Tag wie jeder andere zu sein und niemand an der Placerville High School kann ahnen, welches Unheil bevorsteht. Der Schüler Charlie Decker hat die Waffe seines Vaters entwendet und einen folgenschweren Entschluss gefasst…
Der Morgen, an dem es über mich kam, war schön; ein schöner Maimorgen. (S. 7)
Es war genau wie Bonnie and Clyde, nur dass man bei Charlie eine Gänsehaut bekam und es kein Popcorn gab. (S. 44)
Meine Meinung:
Eines vorweg: Ich habe schon so einige Bücher von Stephen King gelesen (u. a. „Shining“, „Friedhof der Kuscheltiere“, „Es“, „Sie“, „Cujo, „Bennen muss Salem“, „Carrie“ und „Die Augen des Drachen“) und bin ein Fan von ihm. Seine Bücher gefallen mir, weil er gut darin ist spannende, gruselige, erschreckende, actionreiche und dramatische Geschehnissen atmosphärisch, mitreißend und eindringlich zu beschreiben. Außerdem besitzen viele seiner Protagonisten charakterliche Tiefe und man kann sich sehr gut in ihre Gefühle und Gedanken hineinversetzen.
Aus diesen Gründen war ich gespannt auf das vorliegende Buch. Leider hat mich „Amok“ dann aber sehr enttäuscht und es kann aus meiner Sicht nicht mit anderen Stephen-King-Büchern mithalten. Ich hatte auf ein emotional berührendes und mitreißendes Drama mit einem spannenden Showdown gehofft, aber leider ist das Buch in mehrfacher Hinsicht hinter meinen Erwartungen zurückgeblieben. Man ist zwar gespannt wie alles ausgehen wird und vor allem wer überleben wird, aber das hat die Schwachstellen des Buches für mich leider nicht wettmachen können.
Meine Kritikpunkte:
Obwohl es in dem Buch um einen Amoklauf geht hat es stellenweise an Ernsthaftigkeit, Drama, Tiefgründigkeit und nachdenklich stimmenden Momenten gefehlt. Stattdessen gibt es so einige etwas merkwürdig wirkende Szenen in denen ich das Verhalten der Charaktere nicht nachvollziehen konnte und die bei mir für Kopfschütteln gesorgt haben.
Das Verhalten von Charlies Schulkameraden kam mir teilweise sehr sonderbar und unglaubwürdig vor. Charlie hat sie als Geiseln genommen, bedroht sie mit einer Schusswaffe und hat bereits einen Lehrer vor ihren Augen erschossen. Trotzdem begreifen viele auch dann noch nicht den Ernst der Lage. Stattdessen albern sie immer wieder herum, streiten sich über belanglose Dinge und ihre Gedanken kreisen um allerhand Nebensächliches. Manche bewundern Charlie und finden es cool in eine Geiselsituation geraten zu sein, die Abwechslung in den langweiligen Schulalltag bringt. Ein Schüler redet davon wie toll er es fände, wenn man ihn später über seine Erlebnisse als Geisel interviewen würde und er es ins Fernsehen schaffen würde. Dann geraten noch zwei Schülerinnen miteinander in einen überflüssigen Streit, beleidigen sich und verpassen sich Ohrfeigen. Für einen der größten Aufreger unter den Geiseln sorgt die Tatsache, dass sie mitbekommen, dass sie in den Breaking News als „Kinder“ bezeichnet werden, obwohl sie bereits „junge Erwachsene“ sind.
Klar, eine Geiselnahme ist eine Extremsituation und da kann es auch zu irrationalem Verhalten kommen. Es hätte der Geschichte aber wirklich gutgetan, wenn man als Gegengewicht zu den teilweise recht skurrilen und leicht albern wirkenden Szenen auch zur Abwechslung mal die Angst und Panik einiger Geiseln eindringlich geschildert bekommen hätte. Dann wäre man als Leser emotional gepackt worden und hätte besser mitfiebern können. Stattdessen hatte ich ab und zu eher das Gefühl in einen leicht trashigen Teenagerfilm geraten zu sein, weil es u. a. zu folgender Szenen kommt: Eine Mitschülerin/Geisel schlägt Charlie vor, dass er ihnen von seinem Liebesleben erzählt. Charlie will aber, dass sie stattdessen von ihrem eigenen Liebesleben erzählt. Das Mädchen wird dann sehr mitteilsam und erzählt vor der ganzen Klasse, dass sie und ihr Freund bisher noch gar nicht intim gewesen sind und ihr Freund ist darüber verärgert.
Auch sonst mangelt es in dem Buch nicht an ziemlich skurrilen Anekdoten und Situationen, die die Geiselnahme und den Ernst der Lage in den Hintergrund drängen. Charlie erzählt z. B. seinen Klassenkameraden/Geiseln von einem seiner katastrophalsten Dates in dessen Verlauf er sich übergeben musste. Außerdem erfährt man z. B. dass Charlies Eltern ihn im Kindesalter dazu gezwungen haben einen lächerlich aussehenden Kordsamtanzug zu tragen und dass sie wollten, dass er „Schokolade“ bzw. „Limonade“ sagte, wenn er zur Toilette musste. In einer anderen Szene drehen sich Charlies Gedanken eine halbe Seite lang um die Unterwäsche seiner Mitschülerin auf die er vor einiger Zeit einen Blick erhaschen konnte, weil dem Mädchen der Knopf von der Hose gesprungen ist. Das alles hat die Handlung in keiner Weise vorangebracht und war aus meiner Sicht überflüssig und verzichtbar.
Eines meiner größten Probleme mit dem Buch ist das Fehlen von Identifikationsfiguren und Sympathieträgern. Die Geiseln (Charlies Klassenkameraden) wirken mehrheitlich sehr oberflächlich, kindisch und empathielos. Es fehlt bei ihnen an charakterlicher Tiefe und ihr Verhalten ist (wie bereits erläutert) oft unverständlich und löst Kopfschütteln aus. Auch zum Protagonisten Charlie bestand für mich beim Lesen eine zu große Distanz. Obwohl man von Charlies belasteten Verhältnis zu seinem Vater erfährt und von seinen schulischen Problemen hält sich das Mitleid für ihn dennoch in Grenzen. Charlie ist einem nämlich überraschenderweise bereits vor Beginn seines Amoklaufs nicht gerade sympathisch, weil sein Verhalten teilweise sehr befremdlich, abstoßen und verwerflich ist. Bestes Beispiel ist die Szene in der Charlie dem Schulleiter zunächst unglaublich beleidigende und extrem obszöne Bemerkungen an den Kopf wirft. Dann öffnet Charlie plötzlich seine Hose und stürmt mit heruntergelassener Hose aus dem Zimmer um den armen Mann vor seinen Kollegen lautstark des versuchten sexuellen Missbrauchs zu bezichtigen, obwohl dieser völlig unschuldig ist.
Fazit:
Das Buch lässt sich schnell lesen und man ist gespannt, welche der Charaktere mit dem Leben davonkommen werden. Insgesamt hat es mir aber leider sehr an Ernsthaftigkeit sowie an emotional berührenden und nachdenklich stimmenden Momenten gefehlt. Die Charakterisierungen der Personen fallen vergleichsweise oberflächlich aus und es gibt eindeutig zu viele überflüssig wirkende skurrile Szenen.
Ich habe schon viele Bücher von Stephen King gelesen und sie alle haben mir deutlich besser gefallen als das vorliegende. Wer Interesse an einem Buch über einen Amoklauf hat, dem empfehle ich stattdessen „Ich knall euch ab!“ (von Morton Rhue). Dieses Buch habe ich nämlich sehr viel besser gefunden, weil es sehr viel berührender, dramatischer und nachdenklich stimmender ist als „Amok“.






















