Ist es wirklich so schlimm, wie in diesem Essay beschrieben? Was im natürlichen (gesunden) Schutzmodus als Angst beschrieben wird, hat doch dazu geführt, dass Homos sapiens bis heute überleben konnte. Der in solchen Zusammenhängen oft zitierte Säbelzahntiger, hatte es auf jeden Fall schwerer, wenn der Mensch, vom Angstsystem alarmiert, im Zweifelsfall richtig reagierte und somit nicht die Beute dieses Raubtiers wurde, sondern sich anschließend ggf. der Arterhaltung widmen konnte. Doch ist der Begriff Angst in diesem Zusammenhang überhaupt richtig? Müsste es nicht eher Furcht heißen? Ich fürchte mich vor etwas Bestimmtem (dem Säbelzahntiger, dem Klimawandel, der Überfremdung, dem Verlust des Arbeitsplatzes etc.), während ich mich grundsätzlich ängstigen kann, und so im Dauerzustand irgendwann in der Überforderung lande, mich zurückziehe, nicht mehr für etwas kämpfe oder notfalls vor etwas fliehe, sondern ängstlich darauf hoffe, dass andere für mich die Probleme schon lösen werden oder die „allgemeine Weltlage“ meine Lage gleich mitbestimmt, und die kann ich ja ohnehin nicht ändern … In einem solchen Fall wäre die Person therapiebedürftig, aber was ist, wenn eine solche „Haltung“ eine ganze Gesellschaft betrifft?
In diesem exzellenten Buch widmet sich der Autor und Honorarprofessor für Philosophie und Ästhetik, Richard David Precht, in gewohnter Manier, also fundiert, auf der Grundlage zahlreicher Quellen, les- und nachvollziehbar, diesem Thema mit Schwerpunkt auf Meinungen, Stimmungen und der Möglichkeit sich als Person oder Gruppe einzubringen, kurz: gehört zu werden. Und aus welchen Gründen diese Möglichkeit schwindet bzw. erschwert wird. Dabei stellt er mehr Fragen als es Antworten geben kann. Denn dann wäre man ja wieder in der Überforderung, aus der man sich ggf. ängstlich zurückzieht, um nicht im Strudel der Gedanken unterzugehen. Viele der angebotenen Antworten werden schlüssig dargestellt, andere stoßen eher auf Widerstand und einige vielleicht sogar auf Ablehnung. Doch immer bereichern sie das eigene Sosein und geben im Zweifelsfall sogar Halt in diesen unsicheren Zeiten. Jedenfalls gibt es eine Menge zitierfähiger Sätze, die zum Nachdenken anregen und zur Feinjustierung der je eigenen Weltsicht beitragen, ohne in Plattitüden zu versinken. Und dies hebt sich wohlwollend von dem allgemeinen Geplapper in der oft aufgeregt agierenden Medienlandschaft (inkl. der (a)sozialen Medien) ab. Man muss ja schließlich „Kasse machen“ oder zumindest wahrgenommen werden. Hier wird dann oft der Zeitgeist bemüht, der dies alles irgendwie vorzugeben scheint.
Wer zu Wort kommt, wer also gehört wird, bestimmt die Diskussion oder, im größeren Zusammenhang, den Diskurs. Als Beispiel nennt er die oft einseitige Sichtweise auf den Ukrainekrieg sowie die Betrachtung des Verhältnisses zwischen Israel und den Palästinensern. Gleichzeitig weist er auf den regionalen Unterschied solcher Auseinandersetzung hin: „Denn möchte wirklich jemand bezweifeln, dass bestimmte gesellschaftliche Gruppen in Berlin-Mitte stärker normbildend sind als alle gesellschaftlichen Gruppen in Sachsen-Anhalt zusammen?“ Damit wird auch gleich der Unterschied zu „früher“ sichtbar: „Dem Aufwertungsprozess des Einzelnen [jeder kann heute auf welchem Niveau auch immer mitmachen] dessen Stimme mehr Reichweite bekommt, steht ein gesellschaftlicher Abwertungsprozess entgegen, der stark alternative Meinungen verlacht und bekämpft.“ In diesem Durcheinander der Meinungen sind viele, nach Ansicht des Autors überfordert und ziehen sich zurück oder bemängeln lautstark das Nicht-gehört-werden. Insoweit gesund (im obigen Sinne), käme es dadurch nicht zu den allgemein beobachtbaren negativen Folgen für Demokratie und Gesellschaft: „Wenn jeder sich auf sein Ich konzentriert, wie soll die Gesellschaft dann den Nährboden für ein gedeihliches Wir bereitstellen?“
Fragen über Fragen, die allesamt ihre Berechtigung haben und auch nur im gemeinsamen Tun beantwortet und schließlich gelebt werden können. Wer hier eine richtungsgebende Unterstützung sucht, wird in diesem Buch auf jeden Fall fündig.
(10.5.2026)
























