Richard Flanagan

 3.9 Sterne bei 81 Bewertungen

Lebenslauf von Richard Flanagan

Von Australien in die ganze Welt: Richard Flanagan wurde 1961 in Tasmanien geboren. Er wuchs in einer irisch-katholischen Familie auf und begann mit 16 Jahren, im australischen Busch zu arbeiten. Er schloss die Schule ab und ging als Rhodes-Stipendiat nach Oxford, um Geschichte zu studieren. Mit seinem Bestseller "Goulds Buch der Fische", für den er 2002 den Commonwealth Writers’ Prize gewann, gelang ihm der internationale Durchbruch. Flanagan ist verheiratet, hat drei Kinder und lebt in Hobart, Tasmanien.

Alle Bücher von Richard Flanagan

Sortieren:
Buchformat:
Der schmale Pfad durchs Hinterland

Der schmale Pfad durchs Hinterland

 (20)
Erschienen am 12.01.2017
Die unbekannte Terroristin

Die unbekannte Terroristin

 (18)
Erschienen am 02.11.2017
Goulds Buch der Fische

Goulds Buch der Fische

 (12)
Erschienen am 01.06.2004
Mathinna

Mathinna

 (7)
Erschienen am 01.08.2009
Tod auf dem Fluss

Tod auf dem Fluss

 (4)
Erschienen am 01.06.2016
Der Erzähler

Der Erzähler

 (4)
Erschienen am 15.10.2018
Begehren

Begehren

 (5)
Erschienen am 01.08.2018

Videos zum Autor

Neue Rezensionen zu Richard Flanagan

Neu

Rezension zu "Der Erzähler" von Richard Flanagan

Ein Buch ist ein Spiegel
HansDurrervor 2 Monaten

Richard Flanagan wurde 1961 in Tasmanien geboren, „Ich besass einen australischen Pass, wusste jedoch nicht viel über das Land, weil ich in Tasmanien aufgewachsen war, über das niemand irgendetwas wusste, schon gar nicht die Tasmanier selbst, die ihre Heimat für ein unlösbares Rätsel hielten“, notiert der Protagonist von „Der Erzähler“. Dieser, ein Schriftsteller mit Namen Kif Kehlmann, der dringend Geld braucht, weil seine Frau mit Zwillingen schwanger ist, wird von seinem Freund Ray, der eine „Schwäche für Gewalt, Drogen und Frauen“ hat „und die Gewalt, die Drogen und Frauen liebten ihn“ und nicht besonders literarisch unterwegs ist („Ray war der Ansicht, Schriftsteller zu werden sei vergleichbar mit dem Sporttaucherkurs, den er einige Jahre zuvor am Great Barrier Reef absolviert hatte. Eine kurze Einführung in die Theorie und ein paar technische Handgriffe, die man erlernen musste, und schon durfte man in zehn Metern Tiefe zwischen Schwärmen von Nagelrochen und Lippfischen englische Rucksacktouristinnen vögeln.“) gefragt, ob er bereit sei, die Biografie des berüchtigten Kriminellen Siegfried Heidl zu schreiben.
 
Kif sagt weder ab noch zu, doch er lässt sich überrumpeln beziehungsweise vom Geld verführen. Die Aufgabe erweist sich nicht nur als schwierig, sondern so recht eigentlich als unmöglich, denn Siegfried Heidl spricht in Rätseln, wenn er denn überhaupt spricht – und Interesse an diesem Projekt hat er auch nicht. Überdies ist er geheimnistuerisch, niemand darf von dem Buch wissen.
 
„Ich versuchte mir ein Bild von Heidl zu machen, aber es gelang mir nicht. Ich versuchte, nicht auf den Muskel in seiner Wange zu starren, der zuckte wie ein einsamer Fisch in einem ansonsten leeren Netz. Charakteristische Züge schienen ihm vollkommen zu fehlen, er war ein Wunder der Konventionalität und ohne jeden Ausdruck. Nicht einmal während er sprach, hörte er zu lächeln auf, als wäre jedes Wort aus seinem Mund eine gute Nachricht, für uns beide.“
 
Ab und zu sagt Heidl dann doch etwas. Und zwar die Art von Sätzen, die mir Richard Flanagans Schreiben so wertvoll machen, denn er macht sich Gedanken über Dinge, über die die meisten nicht nachdenken, und kommt zu Ergebnissen, die ziemlich quer in der Landschaft stehen. „Ich staune immer wieder darüber, für wie wichtig die Menschen die Wahrheit halten. Ich frage mich, wozu wir die Wahrheit überhaupt erfunden haben, wenn es doch beim Überleben nur auf Täuschungen, Ausreden und Notlügen ankommt.“ Und: „Die Wörter führen uns nicht zur Wahrheit, sie bringen uns weg davon. Wie Verrückte, die rückwärts laufen.“
 
Keine Frage, Siegfried Heidl ist völlig durchgeknallt. Verführerisch und destruktiv. Abrupte Stimmungsschwankungen sind die Regel, ausweichen und das Thema wechseln sowieso. „Er war zu gleichen Teilen anmassend, lächerlich und krank.“ Das ist ansteckend und eine gute Kombination, um heutzutage erfolgreich zu sein. „Ich lernte von Heidl, dass die Andeutung unendlich wirkungsvoller ist als der Beweis, die Ausflucht interessanter als die Erklärung; und am besten war es, nur eine einzige Tatsache anzubieten – besser noch, ein Gerücht – und den ganzen Rest dem Leser zu überlassen.“
 
„Der Erzähler“ brilliert auch immer mal wieder mit trockenem Humor. Als Kif den Verlagsleiter Gene Paley fragt, weshalb er eigentlich auf ihn gekommen sei, antwortet dieser, er habe etwas von ihm gelesen, sei jedoch nicht begeistert gewesen, doch Heidl habe den Text gemocht.
„Ehrlich gesagt, wir hatten keine Alternative.
Gene Paley hielt offenbar nicht viel von Schmeichelei.
Abgesehen davon finde ich Sie beeindruckend. Sie sind ein junger, talentierter Schriftsteller, oder?
Weil ich nicht wusste, ob ein Ja eingebildet oder arrogant klingen würde, sagte ich nichts.“
 
Kif gerät immer mehr unter Zeitdruck, ist zunehmend verzweifelt und würde am liebsten hinschmeissen, doch das geht nicht, des Geldes wegen, das er unbedingt braucht (seine Frau bringt gerade Zwillinge zur Welt), aber auch Heidls wegen nicht, von dem er nicht loskommt, weil es schwer bis unmöglich ist, sich einem Psychopathen zu entziehen.
 
„Kif, ein Buch ist ein Spiegel“, sagt der Verleger einmal. Und das scheint mir so recht eigentlich der Kern dieses Buches: Der Hochstapler Heidl macht auch den Schriftsteller Kif zum Hochstapler. Wir sehen in allem immer nur uns selbst. Wie sollte es auch anders sein? Das Einzige, das wir mehr oder weniger kennen, ist unsere eigene Wahrnehmung.
 
„Die Leute haben keine Angst vor dem Tod, Kif, sagte er. Sie fürchten das Leben. Sie fürchten sich davor, im Augenblick des Sterbens einsehen zu müssen, dass sie nie gelebt haben. Der Tod führt uns unser Versagen vor Augen: Niemand hat so gelebt, wie er hätte leben sollen.“
 
Solcher Sätze wegen lese ich Richard Flanagan.

Kommentieren0
2
Teilen

Rezension zu "Der Erzähler" von Richard Flanagan

Gut zugespitzte Branchenkritik, aber leider langatmig
lizlemonvor 2 Monaten

Kif Kehlmann träumt vom Schriftsteller-Dasein, muss aber in der Realität mit finanziellen Sorgen und schlecht bezahlten Langweiler-Jobs kämpfen. Da seine Frau kurz vor der Geburt von Zwillingen steht und sie bereits eine gemeinsame Tochter haben, braucht Kif dringend Geld. Also nimmt er den Auftrag an, als Ghostwriter die Autobiografie des Kriminellen und Betrügers Siegfried Heidl zu schreiben. Kif bleiben nur wenige Wochen Zeit und er verzweifelt zunehmend an der unkooperativen Art Heidls.

 

Die Geschichte empfand ich als clever und durchaus ansprechend. Der Autor baut auf geschickte Weise fundierte Kritik an inhaltslosen, nichtssagenden Bestsellern und Promi-Biografien ein. Dabei spitzt er einige Geschehnisse herrlich zu. Gut gelungen ist Richard Flanagan zudem die psychologische Seite. Kif merkt nach und nach, wie er sich durch das absurde und rücksichtslose Verhalten des manipulativen Heidls selbst immer mehr zum Schlechteren verändert. Die abgrundtiefe Abneigung verwandelt sich nach und nach in Zynismus und sogar in eine Art Bewunderung Heidls. Merkwürdigerweise bleibt Kif trotz dieser Vorgänge als Charakter eher blass. Und Sympathieträger sind weder Kif noch Heidl.

 

Die Handlung zieht sich zudem streckenweise ganz schön hin. Einige Stellen wie die immer weiter fortschreitenden Lügen Heidls, das ständige Hin und Her zwischen Heidl und Kif, ohne dass sich die Situation weiterentwickelt, sowie die Ausflüge in Kifs Privatleben haben mich ziemlich ermüdet. Darunter leiden für meinen Geschmack leider Erzähltempo und Spannung zu sehr.

Kommentieren0
0
Teilen

Rezension zu "Der Erzähler" von Richard Flanagan

Wie eine Promibiografie entsteht.
wandabluevor 3 Monaten

Wie eine Promibiografie entsteht.
Worum es im dem neuen Roman „Der Erzähler“ von Richard Flanagan geht, durchschaut man nicht sofort. Man ahnt mit der Zeit, es könne um die Verlogenheit der Medienbranche im engeren Sinne gehen oder um die noch größere Verlogenheit des Geldmarkts, der Banken, der Wirtschaft, der „großen weiten Welt“.

Oder einfach darum, wie eine Prominentenbiografie entsteht!

Unter diesem Gesichtspunkt ist „Der Erzähler“ einfach nur geistreich. Denn Flanagans Buch ist eine herrliche Persiflage und eine kräftige Ohrfeige für diejenigen Verlage, die sich von ihren Ghostwritern Biografien jeglicher erdenklicher prominenter Menschen erstellen lassen und diese als authentisch und wahr verkaufen.

In der ersten Hälfte des Buches verfolgt man die Bemühungen des jungen Schriftstellers Kif Kehlmann, eine Auftragsarbeit auszuführen. Er soll in Melbourne für ein renommiertes Verlagshaus als Ghostwriter die Biographie des australischen Wirtschafts-Kriminellen Nummer eins, Siegfried Heidl, schreiben. Dessen Verbrechen ist das vieler Firmen: die hochstaplerische Erschleichung von millionenschweren Krediten, den anschliessenden Transfer dieser horrenden Geldsummen von diversen Konten auf andere diverse Konten, um mit Schulden Schulden zu tilgen und so lange wie möglich zu verbergen, dass mehr als hohle Luft nie existierte. Siegfried Heidl erscheint dem tasmanischen Kehlmann wie ein Magier. Man muss groß denken, um die Welt groß hinters Licht zu führen, weil sie hinters Licht geführt werden will, erklärt dieser seinem Ghostwriter. Einem bis dato unbescholtenen integren Mann mit abgewetzten Turnschuhen an den Beinen in wirtschaftlich prekärer Situation.

Kehlmann verzweifelt an seiner Aufgabe, „Heidls Buch“ zu schreiben genau wie der Leser daran verzweifelt, Flanagans Roman zu lesen. Es geht mit beidem nicht voran. Flanagan verwendet zu viel Zeit darauf, aufzuzeigen, wie Kehlmann auf der Stelle tritt, weil Heidl die Zusammenarbeit verweigert. Dabei sitzt dem Ghostwriter der Abgabetermin im Nacken. Gleichzeitig flüstert ihm Heidl ein, dass die Welt böse ist und es verdient hätte, geneppt zu werden. Und wer nicht mitmacht, ist selber schuld und vor allem strohdumm. Heidl erinnert ein wenig an einen modernen Mephisto. Kif begreift eine alte Wahrheit: Die Kleinen hängt man und die Großen lässt man laufen.

Im zweiten Teil ist die Verwandlung passiert. Kif Kehlmann wechselte die Seiten und trägt Designerschuhe. Zu oft hat ihm Heidl eingebläut, wie dumm er ist, wenn er nicht mitmacht. Und so gelingt Kehlmann schließlich der berufliche Durchbruch, der aber leider anders verläuft als er sich das damals, als er noch unschuldig und naiv an das Gute glaubte, vorstellte. Sein Traum von einer Schriftstellerkarriere zerplatzte wie eine Seifenblase. Dank Heidl. Dank der Korruptheit im Verlagswesen. Alles ordnet sich den Zahlen unter. Echtheit ist nicht gefragt. Alles ist Blendwerk. Mache mit oder lasse es bleiben. Kehlmann macht mit, strickt mit, wird Fernsehproduzent und verkauft dieselben Illusionen, die man ihm vorher geraubt hat.

Die scharfen, übertriebenen Seitenhiebe auf die Branche sind amüsant. So wie Kehlmann die Biografie Heidls schreibt, er erfindet sie sozusagen aus dem Nichts, sind doch tatsächlich viele, unsäglich schlechte Prominentenbiografien auf den Markt gekommen. Hauptsache, es steht ein bekannter Name auf dem Cover. Flanagan treibt die Geschichte völlig auf die Spitze. Mit dem, wie er Heidl darstellt. Der nichts zu sagen hat. Und mit dem, was er aus Heidl macht.

Der Autor macht es dem Leser mit diesem Buch, dessen Grundidee großartig ist, allerdings nicht einfach. Die Handlung ist zunächst zäh und entwickelt sich wenig. Allerdings wird daran auch die Verzweiflung des Progatonisten deutlich.

Dass die Persönlichkeit des Ghostwriters nicht noch klarer herausgearbeitet ist, bedeutet nichts anderes als seine Platzhalterfunktion zu verdeutlichen.

Fazit: Flanagan ist auch mit „Der Erzähler“ ein guter Roman gelungen, der die Ghostwriterei im Verlagswesen aufs Korn nimmt und auf die Spitze treibt. Allerdings liest sich der Roman zeitweilig etwas schwerfällig.

Kategorie: Anspruchsvolle Literatur.
Verlag: Piper, 2018

Kommentieren0
25
Teilen

Gespräche aus der Community

Neu

Starte mit "Neu" die erste Leserunde, Buchverlosung oder das erste Thema.

Community-Statistik

in 170 Bibliotheken

auf 40 Wunschlisten

von 6 Lesern aktuell gelesen

von 1 Lesern gefolgt

Was ist LovelyBooks?

Über Bücher redet man gerne, empfiehlt sie seinen Freunden und Bekannten oder kritisiert sie, wenn sie einem nicht gefallen haben. LovelyBooks ist der Ort im Internet, an dem all das möglich ist - die Heimat für Buchliebhaber und Lesebegeisterte. Schön, dass du hier bist!

Mehr Infos

Buchliebe für dein Mailpostfach

Hol dir mehr von LovelyBooks