Ich schätze den britischen Historiker Richard Overy, dessen historischer Forschungsschwerpunkt eigentlich auf dem Forschungsgebiet des Nationalsozialismus/2. Weltkrieg liegt. Mit seinem Werk "Warum Krieg?" widmet er sich humanbiologisch-anthropologischen Fragestellungen, wieso es seit Menschengedenken Konflikte und Kriege gibt. Dafür geht er trans- und interdisziplinär vor, allerdings recht eklektisch und mit Forschungsliteratur, die nicht nur veraltet ist, sondern z.T. schon zur Disziplin der Wissenschaftsgeschichte gehört. Dennoch ist das Buch lesenswert.
Zum Inhalt: Warum führen Menschen Krieg? Die Antworten auf diese Frage sind so vielfältig wie die Formen kriegerischer Konflikte selbst. Gehört Krieg zur menschlichen Natur, ist er Ausdruck eines aggressiven menschlichen Triebs? Wie hängt Krieg mit dem Wettbewerb um ökonomische Vorteile zusammen, wie verhält er sich zur Frage staatlicher Sicherheit? Was hat Krieg mit Religion und Ideologie zu tun, was mit dem Streben nach Macht oder mit den Veränderungen des Klimas?
Auf fesselnde Weise erkundet Richard Overy die Jahrtausende, von den Anfängen der Menschheit bis heute. Er rekonstruiert längst vergangene Konflikte zwischen Jägern und Sammlern, blickt zurück auf das Römische Imperium und seinen unersättlichen Hunger nach Ressourcen, führt uns mit Alexander dem Großen, Napoleon und Hitler die Auswirkungen politischen Machtwillens vor Augen und zeigt etwa anhand der aktuellen Konflikte in der Ukraine und im Nahen Osten, wie sich verschiedene Ursachen für Krieg überlagern und gegenseitig befeuern. Warum Krieg? Einer der bedeutendsten Historiker unserer Tage geht einer der wichtigsten Fragen überhaupt nach.
Leider geriert Overy keine neuen Forschungsergebnisse und "Warum Krieg?" liest sich wie ein Kompendium für eine Vorlesungsreihe. Es wäre wichtig gewesen, neuere Forschungsergebnisse der unterschiedlichen Disziplinen einzubeziehen. Zudem sind sie gezogenen Schlussfolgerungen häufig Allgemeinplätze, die den Interessierten bereits lange bekannt sind. Insofern würde ich dem von mir durchaus geschätzten Overy raten, demnächst wieder über seine Spezialdisziplin des 20. Jahrhunderts zu forschen und schreiben. Dennoch ein interessantes Werk für Einsteiger in die Materie und ein kompakter Überblick.











