Powers mehr als 500 Seiten starker Roman hat, neben der eigentlichen Handlung, auch zwei große Themen der Menschheit zum Inhalt: Was macht den Mensch zum Individuum? Und die Zerstörung der Umwelt durch den Menschen. Marc, der nach einem mysteriösen Unfall die ihm gefühlsmäßig am nächsten stehenden Menschen und Dinge nicht mehr erkennt (er glaubt, es sind Doubles bzw. Nachbauten), wird von seiner Schwester Karin aufopferungsvoll umsorgt. Karin ist dafür zurückgekommen in ihre Heimatstadt Kearney, aus der sie vor Jahren floh - vor der eigenen Familiengeschichte. Zurück muss sie erkennen, dass sich nichts geändert hat - all ihre Probleme treten wieder zutage. Sie bittet einen bekannten Neurologen wegen ihres Bruders um Hilfe, der aus Interesse an diesem Fall aus dem fernen New York anreist - und ebenfalls mitten in eine Lebens- und Sinnkrise gerät. Als roter Faden zieht sich durch diesen Roman der Zug der Kraniche, der jährlich (auch zum Zeitpunkt des Unfalls) Halt an einem Fluss in der Nähe von Kearney macht und die Kleinstadt so für einige Wochen zur Attraktion von Touristenmassen wird. Doch durch den sinkenden Wasserpegel sind die seit Urzeiten auf dieser Route ziehenden Kraniche gefährdet, was sich durch geplante Bauvorhaben noch verschlimmern würde. Schwerpunkt des Buches ist die Bruder-Schwester-Beziehung, die nicht nur durch Marcs anhaltende Verletzung belastet ist, sondern auch durch Karins persönliche Schwierigkeiten. Ihr Zwang, von allen gemocht zu werden, nie gut genug zu sein, verstärkt sich durch Marcs Krankheit noch. Durch die Einbeziehung des Neurologen werden geschickt ausführliche und gut verständliche neurologische Fallbeschreibungen miteinbezogen, die bei mir besonders einen Eindruck hinterließen: Wie fragil unser Gehirn und damit unsere Persönlichkeit ist. Nur eine kleine Störung - und wir erkennen unsere Umwelt nicht mehr, unseren eigenen Körper, sehen Bilder die Andere nicht sehen und und und. Erschreckend! Durch den wiederholten Wechsel der Perspektiven (Sicht Marcs, Karin, Neurologe, Kraniche) erhält man einen guten Einblick in die jeweiligen Personen. Spannung erhält der Roman durch den ungeklärten Unfallhergang. War es ein Selbstmordversuch, waren seine Freunde eventuell daran beteiligt, vielleicht sogar eine Verschwörung? Und was ist mit Barbara, der mysteriösen Schwesternpflegerin, die mehr zu sein scheint als das was sie vorgibt? Und von wem stammt der rätselhafte Zettel an Marcs Krankenbett? Fragen, die genügend Stoff für einen Kriminalroman bieten würden, hier jedoch mehr am Rande vorkommen. Alles in allem: Von allem etwas - und damit vielleicht etwas zuviel. Das Buch liest sich gut weg, es ist spannend genug dass man dran bleibt, aber so richtig der Schmöker ist es nicht.
Richard Powers

Lebenslauf
Alle Bücher von Richard Powers
Der Klang der Zeit
Das große Spiel
Das Echo der Erinnerung
Das größere Glück
Erstaunen
Die Wurzeln des Lebens
Schattenflucht
ORFEO
Neue Rezensionen zu Richard Powers
Was ich an Richard Powers mag, ist seine Naturliebe! Im Roman „Erstaunen“ staunt der autistische Sohn ,Robin, des Astrobiologen Theo Byrne über die Beschaffenheit der Welt. Angeleitet von seinem Dad entdeckt er sie im Großen und im Kleinen. Je älter Robin wird, desto weniger ungleichgewichtig wird das Lehren, denn beide lernen bald voneinander.
Robin und Theo leiden darunter, dass sie Aly verloren haben, Mutter und überaus geliebte Ehefrau, bei einem traurigen Unfall. Durch einen neuen Zweig der Wissenschaft wird es Robin ermöglicht, mit einem Teil des Geistes der toten Mutter zu interagieren. Das ist kompliziert zu erklären, ihr müsst es selber lesen; mit Totenbeschwörung hat es nichts zu tun, sondern mit Wissenschaft.
Der Kommentar und das Leseerlebnis:
Für Science Fiction Fans sehr lustig und anschaulich sind die kurzen Geschichten über fremde Planeten, die Dad dem Sohnemann jeden Abend erzählt, denn Dads wissenschaftliche Arbeit besteht darin, herauszfinden, ob es „Anderswo“ gibt, also Planeten mit Leben. Diese Einschübe sind sehr vergnüglich. Anschaulich auch, wie Robin sich allmählich verändert und einen Zugang zu sich und zum Leben findet. Zudem erläutert Richard Powers die Probleme der Grundlagenforschung, die vornehmlich an Universitäten stattfindet und die wegen der Einwerbung von Drittmitteln (also Forschungsgelder) nicht unabhängig sein kann. Was sie eigentlich müsste.
Insgesamt habe ich mehr den Eindruck eines Jugendbuchs, Jugendbücher müssen sich nicht notwendigerweise mit den Hormonen Jugendlicher beschäftigen und deren erwachenden Trieben, ob es ausser uns noch intelligentes Leben im All gibt, interessiert Jugendliche durchaus.
Fazit: Lesenswerter Unterhaltungroman, mit etwas kindlicher Erzählweise, der die Einzigartigkeit unserer Erde und die Notwendigkeit der Erhaltung der Arten eindrücklich, dabei unterhaltsam, in den Fokus nimmt.
Kategorie: Unterhaltung
Verlag: Fischer, 2022
SuBbefreit 2025
Eine Ozeantaucherin, ein Computernerd und ein Bücherfan denken nach über wichtige Fragen der Stunde: über den Klimawandel, künstliche Intelligenz und selbstverständlich auch über die Liebe. Ein richtig langes Buch, in das man eintauchen kann und das dann doch viel zu früh endet. Ich kann die Lektüre nur empfehlen.
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Richard Powers wurde am 18. Juni 1957 in Evanston, Illinois (Vereinigte Staaten von Amerika) geboren.
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