Anthony, klassischer New Yorker, sprich im besten Alter, geschieden, nebenbei arbeitslos, die Kokain-Sucht gerade überwunden.
Und aufgrund der finanziellen Lage, gegen seinen Wunsch, im Appartement der verstorbenen Eltern Leben, drängt es heraus.
Das ist keine Stadt, in der man allein zu Hause sitzt. Denn inmitten des brodelnden Lebens kommt einem dann Einsamkeit härter an als anderswo.
Also, auf und durch die Bars der Umgebung.
„„Clowns verarschen niemanden“…, dachte aber: Doch, ich hab´s gerade getan““.
Und erhält noch eine Art religiöses Erlebnis, bevor er zu Hause wieder anlangt.
Felix, Mitte zwanzig, lebt mit und für seine Nikon.
Er filmt, was an Alltag auf ihn zukommt.
Er hält sich fest an der Kamera. Er schafft Distanz gegenüber der Welt. Es lindert seine Unsicherheit. Und was ihm da alles vor die Linse kommt….
Schon im „Brownstown Haus“, in das Appartements hineingequetscht wurden. Und das ganz bestimmt nicht für die Reichen der Stadt.
Schon da lässt Price ein Kaleidoskop auf den Punkt gezeichneter Gestalten auftauchen, die New York in der Breite zu bieten hat.
Denn das ist das eigentliche Thema des Romans. Weniger das (spätere) „Wunder“.
Viel mehr sind es die, mal alltäglich lebenden, mal ins grellste überzeichneten, mal ganz untern sich befindende Menschen, die die Seiten des Romans bevölkern.
Weder Lebenskünstler noch „bunte Vögel“, sondern vom Leben geprägt, geformte, gezeichnete Männer und Frauen, die vielfach in ihrer ganz eigenen Welt leben.
Wie der Bestatter, der gerade zum Zombie mutiert. Für eine Gage.
Und, wie New York es quasi vorgibt, überall versucht, noch ein Geschäft anzubringen.
Auch da, wo ein ganzer Wohnblock von jetzt auf gleich sich pulverisiert.
Während Detective Mary Roe, ein „Rookie“ im Roman die Stimme und das Handeln der „Normalität“ vertritt.
In fast ausweglosen Versuchen. Aber immerhin handfest, gestanden und nicht selten irritiert von all dem, was ihr begegnet.
Für all dies ist jene Nikon eine gut gewählte Linse ist. Vor und hinter der Kamera natürlich, denn auch Felix wird im Lauf des Geschehens gut bekannt werden.
Vor allem nach dem Unglück.
Das Opfer fordert.
Das das ganze Viertel in Bewegung bringt und einen Mann in den Mittelpunkt rückt.
Einer, der gegen jede Wahrscheinlichkeit das Epizentrum der Explosion bestens überlebt hat. Oder auferstanden ist von den Toten?
Anthony überlebt. Und erhält, natürlich, immense Aufmerksamkeit.
Vier Hauptpersonen, begleitet von vielfachen Nebenfiguren, allesamt differenziert und präzise beobachtet.
Die die „moderne Welt“, mit all ihren Extremen, in sich tragen.
Und dabei auf den Punkt von Price erzählt werden.
Eher ruhig und gemächlich im Tempo, dringt Price tief in seine Figuren und das Brennglas moderner Gesellschaften, New York, ein.
Richard Price
Lebenslauf
Alle Bücher von Richard Price
Cash
Clockers
Die Unantastbaren
Das Gesicht der Wahrheit
Lazarus Man
Söhne der Nacht
Cash
Die Unantastbaren
Neue Rezensionen zu Richard Price
Der Roman Lazarus Man von Richard Price zeichnet ein dichtes, vielstimmiges Bild eines New Yorker Viertels nach einer Katastrophe und stellt dabei weniger die Handlung als die Menschen in den Mittelpunkt. Die Spannung liegt in der Figurenzeichnung.
Ausgangspunkt ist der Einsturz eines Wohnhauses in Harlem im Jahr 2008, der das Leben vieler Bewohner abrupt verändert. Im Zentrum steht Anthony Carter, ein ehemaliger Drogensüchtiger, der wie durch ein Wunder lebend aus den Trümmern gerettet wird. Dieses Ereignis macht ihn zu einer Art Symbolfigur für Überleben und Neuanfang, doch seine neue Rolle ist alles andere als eindeutig: Er schwankt zwischen ehrlicher Veränderung und seiner neuen Rolle in der Öffentlichkeit.
Neben ihm begleitet der Roman weitere Figuren, deren Lebenswege sich durch das Unglück kreuzen: eine Ermittlerin, die verzweifelt nach Vermissten sucht, ein Bestatter, der zwischen Geschäft und Moral steht und mit der Katastrophe seine Geschäfte macht, sowie ein junger Filmemacher, der versucht, die Geschehnisse mit einer Kamera festzuhalten und ihnen Bedeutung zu geben.
Die Handlung entwickelt sich dabei nicht geradlinig, sondern setzt sich aus verschiedenen Perspektiven zusammen, beinahe mosaikartig, was mir persönlich weniger gefällt.
Der Roman konzentriert sich weniger auf die Ursachen des Einsturzes als auf dessen Folgen: Verlust, Unsicherheit und die Frage, wie Menschen mit plötzlichen Brüchen umgehen. Besonders auffällig ist, wie fein Price die sozialen Spannungen und die Dynamik eines Viertels einfängt, das zwischen Zusammenhalt und individuellen Interessen schwankt.
Insgesamt überzeugt das Buch durch seine glaubwürdigen Dialoge und die präzise Darstellung des Lebens in diesem Milieu. Die Figuren wirken komplex und authentisch, und die Atmosphäre ist dicht und eindringlich. Gleichzeitig verzichtet die Geschichte bewusst auf klassische Spannungsbögen oder klare Linien, was stellenweise auf mich etwas ziellos gewirkt hat. Gerade diese Offenheit würde manchen Lesern den Reiz ausmachen, das Gefühl zu haben, als beobachte man echte Realität, statt einer konstruierten Handlung zu folgen.
Vom Leben und Überleben in Harlem…
LAZARUS MAN ist der neue Roman von Richard Price und erzählt die Geschichte von verschiedenen Menschen im New Yorker Stadtteil East Harlem inmitten einer Katastrophe.
Im Frühjahr 2008: In East Harlem stürzt plötzlich und ohne Vorwarnung ein fünfstöckiges Wohnhaus in sich zusammen. Inmitten von riesigen Schuttbergen und einer dicken Rauchwolke, die über dem Viertel liegt, suchen die schnell eintreffenden Rettungskräfte und Anwohner nach Überlebenden und versuchen, das herrschende Chaos in den Griff zu bekommen.
Inmitten dieser Szenerie begleiten wir die verschiedenen Wege von vier Menschen.
Einer der vier Hauptcharaktere ist der zweiundvierzigjährige Anthony Carter, der wie durch ein Wunder nach sechsunddreißig Stunden lebend aus den Trümmern geborgen wird. Anthony, der mit einigen Problemen im Leben zu kämpfen hatte, fühlt sich wie ein anderer Mensch und versucht, seine neu gewonnenen Erkenntnisse weiterzutragen. Doch hat er auch ein Geheimnis, das niemand erfahren soll.
Dann ist da noch Felix Pearl - ein junger Mann, der noch seinen Weg sucht und eine Leidenschaft für die Fotografie hat. Er bekommt den Hauseinsturz hautnah mit, da er im Haus gegenüber wohnt. Direkt danach tritt er auf die Straße, mit seiner Kamera in der Hand und versucht mit Fotos und Videoaufnahmen Menschen und Momentaufnahmen einzufangen.
„Als er sich benommen aufrappelte und durch das Fenster in den Himmel sah, war die Welt eine pechschwarze, brodelnde Wolke, die allmählich schmutzig weiß wurde, ohne dabei an Dichte zu verlieren.“
– Seite 30, eBook
Auch die Polizistin Mary Roe ist an der Unfallstelle und versucht, die ehemaligen Bewohner des Hauses ausfindig zu machen. Als von dem Vermissten Christopher Diaz weiterhin jede Spur fehlt, sucht sie verbissen weiter – und erinnert sich dabei an die schmerzhafte Vergangenheit ihrer eigenen Familie.
Royal Davis ist ein Bestattungsunternehmer in Harlem und hat mit Geldproblemen zu kämpfen. Er bekommt die Katastrophe hautnah mit und macht sich sofort auf die Suche nach „neuen Kunden“. Doch nach und nach wird ihm klar, wie sehr er mit allem hadert.
Die Blickwinkel zwischen den vier Hauptfiguren wechseln regelmäßig und zeigen deren so unterschiedlichen Wege rund um den Hochhauseinsturz auf. Das dramatische Geschehen ereignet sich ziemlich am Anfang des Romans und spielt zwar eine zentrale Rolle im gesamten Roman, gleichzeitig bleibt der Einsturz trotzdem eher im Hintergrund. Die Charaktere und deren Tätigkeiten sind der Hauptpunkt – anfangs ist einiges noch etwas unzusammenhängend und wirr, man muss zunächst erstmal alles einordnen. Doch das legt sich später und man bekommt mit der Zeit einen genaueren Einblick in deren Leben – von Problemen, Geheimnissen und Ängsten aus der Vergangenheit bis hin zu Fragen nach Bestimmung im Leben der Suche nach sich selbst.
„Die Toten machen mir keine Angst. (…)
„Die Lebenden sind es, die man fürchten muss.“
– Seite 143, eBook
Neben den Hauptfiguren gibt es noch viele Nebenfiguren, von denen einige öfter auftauchen, andere wiederum werden nur kurz gestreift. Mal etwas ausschweifend mit kleinen Längen, dann wieder schnell und packend auf den Punkt – Richard Price zeichnet ein umfassendes Gesellschaftspanorama, das die jeweilige Atmosphäre und auch die einzelnen Schauplätze sehr gut wiedergibt. Von Gemeinschaft und Einsamkeit, von Verlust, Träumen und Hoffnung – angesiedelt in den Straßen von Harlem und im Schatten einer Katastrophe. Die Wege sind interessant zu verfolgen und später werden auch Verbindungen sichtbar und Geheimnisse gelüftet.
„An diesem Tag fotografierte er wie gewohnt die Straße, wenn auch ungezielt, er unterwarf sich die Motive, machte sie zu etwas, das sie, wie er wusste, nicht waren.“
– Seite 88, eBook
Mein Fazit: Ein atmosphärisch dichter Gesellschaftsroman mit vier Hauptfiguren, die ihren Weg suchen – im Hintergrund einer Katastrophe. Von unterschiedlichen Leben, von Vergangenheit und Gegenwart, dem Leben im New Yorker Stadtteil Harlem bis hin zu der Suche nach sich selbst – insgesamt lässt sich die Handlung nach anfänglichem Durcheinander gut und auf besondere Weise auch packend verfolgen. Es gibt gut gezeichnete Charaktere, die man nach und nach besser kennenlernt und auch das Miteinander deutlich macht. Insgesamt eher ruhig, aber mit guter Tiefe und bewegenden Momenten erzählt. Lesenswert!
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Richard Price wurde am 12. Oktober 1949 in New York (Vereinigte Staaten von Amerika) geboren.
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