Mein Gesamteindruck 😊
Das erste Horn fühlt sich an wie eine Zeitreise zurück zu meinen Rollenspielabenden der 90er und 2000er – und das meine ich größtenteils als Kompliment. Richard Schwartz erzählt klassische Fantasy mit geheimnisvollen Kriegern, mächtigen Magiern, alten Legenden, einem eingeschneiten Gasthaus und einem Mordfall, der sich Stück für Stück entfaltet. Dieses gemütliche “Alle sitzen fest und irgendetwas stimmt hier ganz und gar nicht”-Gefühl hat mich sofort abgeholt. Gleichzeitig merkt man dem Roman sein Alter leider deutlich an. Besonders der Umgang mit Sexualität, Frauen und sexueller Gewalt wirkt aus heutiger Sicht oft unangenehm, unnötig sexualisiert und stellenweise regelrecht befremdlich. Schade, denn die eigentliche Geschichte hätte diese Elemente überhaupt nicht gebraucht. Davon abgesehen steckt hier aber richtig gute klassische Fantasy mit sympathischen Figuren, spannenden Geheimnissen und einem Ende, das mich neugierig auf Band zwei gemacht hat. ⚔️❄️📚
✅ Stärken
- Klassische Fantasy mit starkem Rollenspielgefühl
- Großartige eingeschneite Gasthaus-Atmosphäre
- Mehrere spannende Handlungsstränge greifen ineinander
- Interessante Hintergrundgeschichte um Askir und die Bannschwerter
- Magiesystem macht grundsätzlich Spaß
- Zokora ist ein absolutes Highlight
- Schöne Dynamik zwischen Harvald und Lea
- Viele kleine Geschichten ergeben ein großes Ganzes
- Der Autor scheut sich nicht vor Konsequenzen für seine Figuren
- Gelungener Übergang zum zweiten Band
❌ Schwächen
- Sehr problematischer Umgang mit sexueller Gewalt
- Frauen werden häufig unnötig sexualisiert
- Manche Dialoge wirken heute unfreiwillig peinlich
- Mehrere Liebesgeschichten entwickeln sich viel zu schnell
- Viele Figuren werden ständig noch mächtiger statt tiefgründiger
- Der eigentliche Täter wird kaum vorbereitet
- Gefühle werden häufiger erzählt als wirklich erlebbar gemacht
- Das Frauen- und teilweise auch Männerbild wirkt überholt
Meine Eindrücke beim Lesen
Schon nach wenigen Kapiteln hatte ich das Gefühl, wieder an einem alten Pen-&-Paper-Tisch zu sitzen. Geheimnisvolle Gestalten mit Kapuzen, Bannschwerter, schöne und mächtige Magierinnen, alte Legenden, Söldner, Räuber und ein eingeschneites Gasthaus – genau diese Mischung liebe ich. Dass vieles etwas größer, mystischer und heldenhafter wirkt als nötig, passte für mich sogar erstaunlich gut zum Rollenspielcharakter der Geschichte.
Besonders gefallen hat mir, dass eigentlich mehrere Geschichten gleichzeitig erzählt werden. Da ist der Mord im Gasthaus, die Geschichte der Bannschwerter, die Vergangenheit Askirs, die Legion der Bullen, die Schatzsuche der Söldner und viele kleine Nebengeschichten, die nach und nach ineinandergreifen. Am Ende laufen die Fäden schön zusammen und machen Lust auf den nächsten Band.
Die Ich-Perspektive von Harvald funktioniert dabei besser, als ich zunächst dachte. Gerade weil er am Anfang innerlich ziemlich kaputt ist, wirkt er distanziert. Dadurch bleiben einem viele Gefühle der anderen Figuren verborgen. Normalerweise stört mich so etwas, hier passte es aber überraschend gut, weil die Geschichte ohnehin stärker von Geheimnissen als von großen Emotionen lebt.
Auch die etwas gestelzten Dialoge zwischen Harvald und Leandra empfand ich eher als charmant. Genau so klangen früher Rollenspielrunden häufig: Jeder hält sich zunächst bedeckt, stapelt tief und streut dann doch immer wieder kleine Hinweise darauf ein, wie außergewöhnlich und mächtig er eigentlich ist. Das hatte für mich fast schon nostalgischen Charme.
Mein absolutes Highlight war allerdings Zokora. Sie ist gleichzeitig grausam, ehrenvoll, unberechenbar und überraschend mitfühlend. Besonders ihre Gespräche über Sklaverei, Unterdrückung und Verantwortung haben der Geschichte zusätzliche Tiefe verliehen.
Leider gibt es aber einen Aspekt, der sich durch einen großen Teil des Romans zieht und meinen Lesespaß immer wieder ausgebremst hat: der Umgang mit Frauen und Sexualität.
Gerade im ersten Drittel hatte ich zeitweise das Gefühl, dass jede Frau zunächst über ihr Aussehen beschrieben wird. Immer wieder schweifen Blicke über Körper, ständig spielt unterschwellige oder offene Sexualität eine Rolle. Am schwierigsten fand ich jedoch die Handlung rund um die Wirtstöchter. Dass ernsthaft darüber diskutiert wird, eine Tochter solle sich den Söldnern “opfern”, damit die Situation entschärft wird, empfand ich als ausgesprochen unangenehm. Noch befremdlicher wurde es, als dem älteren Mann plötzlich die Rolle zukommt, jungen Frauen zu erklären, wie sie sich Männern gegenüber verhalten sollten. Herrje, das bequatschen wir Mädels seit der Pubertät schon untereinander!
Natürlich entwickelt sich diese Handlung später weiter und manche Figuren erhalten mehr Tiefe. Auch die Entwicklung der Wirtstochter Sieglinde mochte ich letztlich deutlich mehr, als ich zunächst erwartet hatte. Trotzdem bleibt für mich der Eindruck, dass diese komplette Nebenhandlung weder notwendig noch besonders gelungen war. Die eigentliche Fantasygeschichte hätte wunderbar ohne diesen Schwerpunkt funktioniert.
Hinzu kommt, dass sowohl Frauen- als auch Männerbilder teilweise sehr klischeehaft wirken. Männer erscheinen häufig als triebgesteuert, Frauen dagegen oft als Objekte männlicher Begierde. Das wirkt aus heutiger Sicht einfach nicht mehr zeitgemäß. Wenn man sich schon eine Fantasywelt ausdenkt, kann man sich das doch wirklich schenken. Da kann ich als Frau auch jeden Real-Krimi lesen.
Davon abgesehen hatte ich aber wirklich Freude an der Geschichte. Die Kämpfe sind spannend, die Welt macht neugierig und besonders die Hintergrundgeschichte um Askir entwickelt einen schönen Sog. Auch wenn der eigentliche Täter am Ende etwas aus dem Nichts auftaucht und ich mir mehr Hinweise im Vorfeld gewünscht hätte, bleibt für mich vor allem eines hängen: Ich möchte wissen, wie es weitergeht.
⭐ Fazit & Empfehlung
Das erste Horn ist klassische deutsche High Fantasy mit ganz viel Rollenspiel-Flair. Wer geheimnisvolle Helden, alte Legenden, Magie, eingeschneite Gasthäuser und langsam aufgebaute Geschichten liebt, bekommt hier einen starken Reihenauftakt. ⚔️❄️
Man muss allerdings bereit sein, über einige deutlich gealterte Ansichten hinwegzusehen. Gerade der Umgang mit Frauen, Sexualität und sexueller Gewalt ist aus heutiger Sicht schwer verdaulich und für mich die mit Abstand größte Schwäche des Romans.
Trotzdem überwogen am Ende für mich die positiven Eindrücke. Die Welt macht neugierig, einige Figuren wachsen einem ans Herz – allen voran Zokora – und das Finale macht richtig Lust auf den nächsten Band.
3, 5 ⭐️





































