Zeiten des Aufruhrs

von Richard Yates 
4,3 Sterne bei129 Bewertungen
Zeiten des Aufruhrs
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Reden ohne zu kommunizieren, keiner seziert eine scheiternde Ehe so gut wie Yates. Ein zukünftiger Klassiker.

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Inhaltsangabe zu "Zeiten des Aufruhrs"

1955, in einer Vorstadt nahe New York: Hinter dem gepflegten Vorgarten tobt ein Ehekrieg. Frank und April Wheeler, einst ein junges, hoffnungsfrohes und vielversprechendes Paar, drohen unter dem Druck der allgemeinen Erwartungen an eine glückliche Ehe und ein erfolgreiches Berufsleben zugrunde zu gehen. Harmlose Äußerungen entzünden sich zu Hasstiraden und steigern sich zu bedrohlicher Wortlosigkeit.
Richard Yates’ Debütroman machte ihn in den USA schlagartig bekannt und sorgte auch in Deutschland dafür, dass Jahre nach dem Tod des Autors das Yates-Fieber ausbrach.
»Das eindringliche Psychogramm einer Ehe, die von Beginn an den Virus des Scheiterns in sich trägt. (…) Eine Tragödie hinter pastellfarbenen Fassaden.« Brigitte

Buchdetails

Aktuelle Ausgabe
ISBN:9783328101543
Sprache:Deutsch
Ausgabe:Flexibler Einband
Umfang:368 Seiten
Verlag:Penguin
Erscheinungsdatum:11.09.2017
Das aktuelle Hörbuch ist am 11.04.2016 bei Der Hörverlag erschienen.

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    missmisterslands avatar
    missmisterslandvor 9 Monaten
    Kurzmeinung: Reden ohne zu kommunizieren, keiner seziert eine scheiternde Ehe so gut wie Yates. Ein zukünftiger Klassiker.
    Reden ohne zu kommunizieren

    Die 50iger Jahre in einer Vorstadt New Yorks. April und Frank Wheeler kämpfen erbitterlich gegen den Alltag und die Stupidität der Normalität. Eine Ehe durchwachsen von Boshaftigkeit und Abbitte. Willkommen in der Revolutionary Road - wo hinter selbstgenähten Vorhängen Kriegsgebiete sind.

    Zeiten des Aufruhrs ist ein moderner Klassiker - Weltliteratur. Richard Yates war scheinbar ein interessanter Mensch. Er schrieb Reden für Robert Kennedy, lebte, wie man sich das von einem Schriftsteller der Zeit vorstellt, von Zigaretten und übermäßigem Alkoholkonsum. Yates starb 1992 - den Ruhm seiner Bücher hat er nicht mehr erlebt.

    Die ersten Seiten des Buches haben mich ein wenig Willenskraft gekostet. Richard Yates schreibt als sähe er April und Frank genau vor sich und als berichte er von seinen Beobachtungen. Seine ruhige Erzählung über das Alltägliche der Vorstadt ist etwas auf das man sich erst einlassen muss. Wenn man allerdings an den Punkt gekommen ist gibt es kein Zurück mehr.

    ***

    April Wheeler
    Eine Hausfrau die ihren Lebenstraum Schauspielerin zu werden aufgibt. Sie heiratet Frank Wheeler, für sie der Inbegriff eines 'Mann von Welt', intellektuell, interessant und verlässlich, hält. Die triste Normalität der Vorstadt macht sie chronisch unglücklich. Sie möchte nicht der Stereotyp einer Hausfrau der Fünfziger sein, doch gleichzeitig ist sie bemüht die Fassade eben dieser aufrecht zu erhalten.

    Frank Wheeler
    Für den charmanten Frank scheint nichts so wichtig wie seine Männlichkeit. Er ist in einem monotonen Bürojob gefangen und schiebt die Arbeit auf anstelle sie zu erledigen. April ist eine Vorzeigefrau und er  befürchtet stets dass die ihn nicht ernst nehmen oder gar verlassen könnte. Frank wirkt teilweise depressiv und aggressiv. Genau wie seine Frau ist er stets bemüht den Nachbar ein Bild einer perfekten Vorstadtfamilie zu präsentieren.

    ***

    Ein erstaunlicher Aspekt der Erzählung ist für mich die kaum vorhandene Erwähnung der beiden Kinder. Die zwei Sprösslinge von April und Frank können wenn überhaupt als Nebendarsteller genannt werden. Umso faszinierender ist dieser Punkt wenn man bedenkt dass es in dem Buch über die Ehe der Wheelers geht. Die Kinder scheinen nicht nur für den Autor, sondern auch für die Wheelers nicht mehr als eine Randnotiz zu sein.

    ***

    April und Frank sprechen viel miteinander, doch scheitern sie komplett an ihrer Kommunikation. Frank schätzt seine Frau mehrmals völlig falsch ein, als er sich ihre Reaktion auf Neuigkeiten ausmalt.

    ***

    Welche Frage liegt mir nach der letzten Seite auf der Seele:

    Welche Rolle spielt John Givings?


    Der einzige Protagonist des Buches, welcher stets ehrlich spricht, ist John Givings. Das gibt einem zu denken! Denn John Givings ist „geistesgestört“, er bezeichnet sich selbst als schizophren. Auch Frank zieht seine Schlüsse – April ist einer Meinung mit John, ergo sie muss auch zum Seelenklempner. Erwähnenswert taucht John nur in zwei Szenen auf, doch spielt er für mein Empfinden eine ganz entscheidende Rolle. Ist die Vorstadt-Gesellschaft der 50iger wirklich so bemüht den Schein zu wahren, das nahezu niemandem ein ehrliches Wort über die Lippen kommt? John ist ein Ventil - er lässt die Luft aus dem Wasserball der perfekten Gemeinde und bringt damit zum Vorschein wie schrumpelig und lasch sie in Wirklichkeit ist.

    ***

    Reden ohne zu kommunizieren, keiner seziert eine scheiternde Ehe so gut wie Yates. Ein zukünftiger Klassiker den man auf jeden Fall lesen sollte.

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    The iron butterflys avatar
    The iron butterflyvor 2 Jahren
    ...der versteinerte Wald deines Lebens...

    Westconnecticut im Frühjahr 1955, die Laienspieltruppe „Laurel Players“ feiert Uraufführung ihres ersten gemeinsamen Stückes „Der versteinerte Wald“. Was hoffnungsvoll durch einen starken Auftakt durch Aprils Darstellung beginnt, endet in einem theatralischen und emotionalen Fiasko für die Darsteller und die Zuschauer. Doch vor allem für Frank und April Wheeler gerät ihr bislang in geregelten Bahnen verlaufendes Leben nach dieser Nacht völlig aus den Fugen. Erst vor kurzem zogen sie mit ihren zwei Kindern in die Neubausiedlung Revolutionary Hill, die idyllisch vor der Stadt gelegen, durch ihre schmucken Vorgärten und geordneten Verhältnisse so plakativ die heile Welt symbolisiert. Aber plötzlich stellen sich Frank und April, jeder für sich, die Frage, ob dieses kleinbürgerliche Dasein nun schon alles gewesen sein soll. Frank fährt jeden Tag zur Arbeit in die Stadt, während April sich um Haushalt, Kinder und die nachbarschaftlich ausgewogenen Beziehungen bemüht. Man schlürft Cocktails zu Gesprächen, die auf Tratsch, Neid, Missgunst und Schadenfreude basieren. Und im Grunde spielt jeder seine Rolle auf der großen Bühne Leben.

    Nach dem missglückten Auftritt bei den Laurel Players wird das kleinbürgerliche Leben nun in Frage gestellt und April greift Franks Traum von einem Leben in Europa auf. Ihr Plan sieht vor, dass Frank seinen unliebsamen Bürojob kündigt und sich in der weltoffenen Kulisse von Paris ganz der Selbstfindung hingibt, während April für ein Konsulat im Büro arbeitet und die Rolle des „Ernährers“ übernimmt. Auch wenn Frank von diesen Plänen etwas überrumpelt wird, so wagt er sich dem Sog von Aprils Enthusiasmus vorerst nicht zu widersetzen. Doch durch eine Affäre mit der Büroangestellten Maureen und nach einem hoffnungsvollen Gespräch mit seinem Chef, der ihm einen besseren zukunftsorientierten Job schmackhaft machen möchte, verstärken sich die Befürchtungen bei Frank. Auch die Kinder sind keineswegs über den bevorstehenden Umzug erfreut. Als April dann feststellt, dass sie wieder schwanger ist, stürzt das Konstrukt der Wheelerschen Idylle in sich zusammen.

    Richard Yates gelingt es die „Zeiten des Aufruhrs“ so nüchtern sarkastisch zu erzählen, dass ich an zahlreichen Stellen über die Gedanken seiner Protagonisten erst einen Augenblick nachsinnen musste. Wenn er z.B. aus Franks Sicht schreibt „…es gab nur eine Möglichkeit sie nicht mehr sehen zu müssen – er küsste sie auf den Mund.“ Yates gestaltet jedoch nicht nur Frank so bitter gefühlskalt. Alle Beteiligten spielen stoisch ihre ihnen vom Leben angestammten Rollen, drehen sich wie kleine Satelliten um sich selbst und kennen keine echten Gefühle, sie leben ihr Leben in einem versteinerten Wald. Da spielt es keine Rolle, ob sie mit ihrem Partner, ihren Kindern, dem Vorgesetzten oder irgendwem Kontakt haben, man versteckt sich hinter einer Maske und rammt entweder durch Gleichgültigkeit oder mit feisten Gedanken seinem Gegenüber das Messer in den Rücken. Ein sehr nachdenklich stimmendes Buch.

    Das Buch wurde 2008 von Sam Mendes mit Kate Winslet und Leonardo di Caprio in den Hauptrollen verfilmt. Zur Qualität der Umsetzung kann ich leider nichts sagen, da ich bislang die Verfilmung nicht gesehen habe.

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    awogflis avatar
    awogflivor 3 Jahren
    Grandios gemachtes Portrait feiger Spießer

    Richard Yates ist mal tatsächlich ein amerikanischer Schriftsteller, der mir sehr gut gefallen hat.

    Seine Hauptfigur Spießer Frank ist wirklich ein ausnehmend unsymphatischer Zeitgenosse. Mit seinem wehleidigen Gejeiere und seiner Schwäche geht er dem Leser gehörig auf die Nerven. Frank lebt mit seiner Frau April und den Kindern außerhalb New Yorks, hält sich für besser und viel interessanter als seine Nachbarn, ist im Job stinkend faul und obwohl sein Leben sehr gut ist, suhlt er sich permanent in Unzufriedenheit. Was hatte er schon für Krisen zu überwinden, keine Krankheit kein Tod eines Familienmitgliedes, wirklich er könnte sich gücklich schätzen, wenn er nicht so überzogene Erwartungen an das Leben und an alle anderen auf keinen Fall aber an sich selbst (denn er ist per se ja schon großartig) hätte. Er ist immer unzufrieden und zerstört gedankenlos wie ein trotziges Kind als Rache am Schicksal das Leben anderer nachhaltig.

    Auch seine Frau und die Nachbarn werden sehr tiefgründig, pointiert und mit spitzer Feder von Gates beschrieben.

    Manchmal erfährt die Story schicksalhafte 180 Grad Wendungen, die hauptsächlich durch mutige und verzweifelte Aktionen von Franks Frau oder vom Schicksal initiiert werden. Mir gefällt dieser Stil von Yates, dass die Story seitenlang dahinplätschert, während sich bereits im Hintergrund etwas drohend zusammenbraut, aber der Leser hat keine Ahnung was. Das ist igendwie so, wie wenn bei einem Film, in dem noch alles idyllisch scheint, im Hintergrund gaanz leise dieser drohende wabernde Ton eingespielt wird, der sich langsam steigert :D

    Jeder Kampf, jede Verletzung, jeder Betrug von April und Frank und zusätzlich die Szenen von mehreren bürgerlichen Ehen, Selbsttäuschung und Vertuschung gegenüber den Freunden, Kollegen und Nachbarn werden von Yates mit scharfer Klinge gnadenlos seziert.

    Der einzige, der diese unsägliche Verlogenheit wagt öffentlich anzuprangern und pointiert auszusprechen, ist ausgerechnet der geistesgestörte Sohn der Nachbarn John Givings aus der Irrenanstalt. Das ist fast das gruseligste an diesem Roman, dass der erklärte Idiot jener ist, der hinter die Fassaden schaut und sich auch traut, den Mund aufzumachen. Vielleicht war John ja gar nicht - was war er eigentlich schizophren, borderline? - geistesgestört, sondern in der Cocoonig Blase der späten 50er Jahre hat man ehrliche Menschen, die ein bisschen rebellierten, einfach auf diese Weise bequem entsorgt.

    All diese Tricks, Lügen und Demütigungen gipfeln in einem tragischen Finale, das auch gleich wieder unter den Teppich gekehrt und entsorgt wird.

    Was habe ich noch gelernt?: Wenn Frauchen in den 50ern in USA nicht ganz so spurte, wie der Ehemann wollte, redete man ihr ein, dass etwas mit ihr nicht stimmte und schickte sie zum Psychoanalytiker.

    Ein Sternchen lasse ich trotzdem offen, mich hat zwar die Erzählweise von Yates schwer begeistert, aber ich kann den amerikanischen Mittelstand einfach nicht ausstehen. Vielleicht lerne ich ihn aber nach diesem Buch lieben.

    Fazit: Brilliante Szenen einer Ehe mit Nachbarschaftsbeteiligung.

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    Ein LovelyBooks-Nutzervor 5 Jahren
    ein Musthave für Liebhaber/innen amerikanischer Klassiker

    War ich von „Easter Parade“ schon angetan, hat mich „Zeiten des Aufruhrs“ glattweg umgehauen.

    Wie Richard Yates eine spießige amerikanische Ehe seziert und dem äußeren Schein das innere Sein entgegensetzt, liest sich – trotz aller Tragik – einfach wunderbar. 


    Der Geschichte um Frank und April, die in den fünfziger Jahren aus ihrer langweiligen Ehe ausbrechen wollen, von einem Neuanfang zu träumen wagen und letztlich an ihren eigenen Vorstellungen und Ansprüchen scheitern, ist spannend wie ein Krimi, traurig wie ein Liebesroman ohne Happy End und wartet an einigen Stellen obendrein mit subtilem Humor auf, der mich mehr als nur schmunzeln ließ. Richard Yates zählt zu den ganz großen amerikanischen Autoren – und stellte dies mit seinem grandiosen Frühwerk „Zeiten des Aufruhrs“ unter Beweis.


    Dieses Buch dürfte niemanden kalt lassen und wer auch nur einen Hauch Interesse für US-amerikanische moderne Klassiker aufbringen kann, sollte sich diesen nicht entgehen lassen.


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    Stefan83s avatar
    Stefan83vor 6 Jahren
    Entmystifizierung des amerikanischen Traums

    „Zeiten des Aufruhrs“ (engl. „Revolutionary Road“), dessen Erstveröffentlichung im Jahre 1961 auf großen Beifall stieß, genießt bei den Lesern amerikanischer Literatur seit Beginn der 60er Kultstatus, während man es hierzulande eher in der Kategorie der „modernen Klassiker“ führt. Ein Prädikat, das nicht selten einfach nur bedeutet: „Buch steht ungelesen im Schrank“. Dabei lohnt dieses Werk gelesen zu werden, ist es doch ein Abgesang auf den „American Way of Life“, der heutzutage immer noch Gültigkeit hat und der, durch Yates' illusionslose Betrachtungsweise, den amerikanischen Traum endgültig entmystifiziert.

    Yates' Debütroman führt den Leser zurück in die glücklichen Fünfziger Jahre. Eine Ära des allgemeinen Wohlstands, ein Neuanfang nach den Schrecken der großen Kriege am Anfang des Jahrhunderts. Man wohnt in schicken Einfamilienhaussiedlungen außerhalb der Stadt, gleitet in übergroßen Straßenkreuzern dahin und genießt im Allgemeinen die luxuriösen Bequemlichkeiten der Moderne. Doch inmitten dieser finanziellen Sicherheit und dem familiären Glück schwärt die Unzufriedenheit, finden sich die Ursachen der Langeweile. Plötzlich ist der erreichte Status Quo nicht mehr ausreichend, sucht man Wege heraus aus dem kleinbürgerlichen Käfig, den man sich vorher so bestrebt selbst geschaffen hat. Und unter den Dächern der bunten Häuschen mit den eiscremefarbenen Autos vor der Garage gärt es, klaffen plötzlich Lücken zwischen Schein und Sein, Erwartung und Realität.

    So auch bei Frank Wheeler, der Hauptfigur des Buches. Ein Möchtegern-Intellektueller dem jeglicher Ehrgeiz abgeht und dies mit „der Suche nach seiner Bestimmung“ zu erklären versucht. Gerade mal Ende zwanzig scheint für ihn das Leben mit Ehefrau und Kindern schon keine Überraschungen mehr zu bieten. Das gemütliche Heim, die lieben Nachbarn, sein einfacher Job – all das hängt ihm genauso zum Halse raus, wie seine Gattin April, die als unterforderte Hausfrau die Stütze ihres Mannes spielt und ihre wahre Gemütslage unter einem strahlenden Lächeln versteckt. Gemeinsam leben sie in der „Revolutionary Road“ auf dem „Revolutionary Hill“, einer Reihenhaussiedlung außerhalb von New York, wo man in einstudierten und aufwendig inszenierten Gesten seine Freizeit mit Freunden verbringt, stets darauf bedacht falsche Themen zu meiden und darum bemüht, das spießbürgerliche Verhalten des jeweils anderen nicht zu bemerken. Wunschträume und Luftschlösser bilden das Fundament des Zusammenlebens, halten die bröckeln Steine der Fassade zusammen. Als April jedoch eines Tages den Vorschlag unterbreitet, durch einen Umzug nach Paris den eingefahrenen Verhältnissen zu entfliehen, stürzt die aus Lebenslügen gemauerte bürgerliche Existenz zusammen …

    „Schelmisch überspitzte Schilderungen noch kleinster menschlicher Eitelkeiten und gesellschaftlicher Rituale, schwarze Porträts von grotesk zerrütteten Ehen, hochpräzise Miniaturen von Nebenfiguren und ungewöhnlich böse Urteile über Arroganz, die sich als Unschuld gibt“. Diese Auszüge aus dem Nachwort von Richard Ford könnten Yates' Roman nicht besser beschreiben, ist doch bereits der Titel (der deutsche wie das Original) ironisch zu verstehen, da es zu einem Aufruhr oder gar einer Revolution niemals kommt. Stattdessen legt der Autor nach und nach die Spannungen unterhalb der Oberfläche frei, seziert mit boshafter Eleganz die Tücken einer einstudierten, nie auf Liebe gebauten Ehe, ohne dabei eines moralischen Zeigefingers zu bedürfen. Er beschreibt den langweiligen Alltag einer typischen Vorzeigefamilie und tut dies mit einer Spannung, die elektrisierend wirkt, die uns Anteil nehmen lässt, ja, die am Ende schlichtweg betroffen macht. Nicht weil Yates seine Figuren so gut gezeichnet hat, sondern gerade weil sie nicht „gezeichnet“ wirken. Vielmehr begegnen uns hier Menschen, in denen sich ein jeder auf erschreckende Art und Weise selbst wiederfindet. Wie oft ist es mir während der Lektüre passiert, dass mir das Ganze plötzlich zu nah ging, weil ich das Gefühl nicht los wurde, dass mich da jemand selbst analysiert.

    Hierin besteht Yates große Kunst. „Zeiten des Aufruhrs“ ist nicht einfach nur als das Psychogramm einer Ehe oder als Satire auf das System zu verstehen – es ist ein Roman über die Unzulänglichkeit des Menschen, über die Gefahren von übergroßer Zufriedenheit und Unehrlichkeit. (Das gerade der schizophrene Sohn der Hausmaklerin, John Givings, derjenige ist, der die Wahrheit ausspricht und dafür den Rest des Lebens in der Irrenanstalt fristen muss, entbehrt da nicht einer gewissen Ironie und Symbolik.) Und gerade weil dies der Autor nicht wie ein Plädoyer oder eine Anklage klingen lässt, wirkt das Ganze umso mehr.

    „Zeiten des Aufruhrs“ ist ein sprachlich herausragendes, bewegendes, großartiges Stück moderner amerikanischer Literatur. Ein meisterhaft geschriebener, bis in kleinste Wort durch komponierter Genuss, der mir manchmal die Kehle zugeschnürt, aber vor allem eines - nämlich tief beeindruckt hat.

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    Gackelchens avatar
    Gackelchenvor 7 Jahren
    Rezension zu "Zeiten des Aufruhrs" von Richard Yates

    Leider nach dem Film gelesen, sodass es recht langweilig war weil der Film sich haarklein ans Buch hielt.

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    rallusvor 8 Jahren
    Rezension zu "Zeiten des Aufruhrs" von Richard Yates

    Frank Wheeler ist ein arroganter von sich selbst überzeugter Büroangestellter, der in New York der 50er Jahre einen öden Job hat und mit seiner Frau April und 2 Kindern, in der Revolutionary Road wohnt.
    In dieser Vorstadtgegend, die so sehr der heilen Welt in Blue Velvet gleicht (nur das David Lynch diese noch radikaler aufbricht), in der Verzweiflung fehl am Platze ist (und so ungehörig ist S.343f), leben viele amerikanische Vorzeigefamilien.
    Der Umgang miteinander ist sehr oberflächlich, eigentlich interessieren sich die Menschen nicht füreinander, alle Protagonisten leben in ihrer eigenen Welt.
    Aufgebrochen wird dies nur von dem im Irrenhaus gelandeten Sohn John der Immobilien-Concierge Mrs Givings, der als Einziger wirkliches Interesse an den Menschen zeigt und auch sofort deren Schwachpunkte auf den Punkt bringt.
    Doch zum Glück kann man solche Verirrungen ja wegsperren und Strom daran legen.
    Hoffnungen und Ausbruchsversuche der Wheelers aus dieser Welt werden, in diesem einzigen Sommer des Romans, aufgebracht, aber zerstäuben an der beziehungslosen Art und Weise von Frank und April zueinander.
    Sehr schön und mit geschliffener Sprache bringt Yates diese typische 50er Jahre amerikanische Welt uns nahe, fängt sie und die Isolation der Menschen ein, inmitten all der Tragödien.
    Und falls es zu viel wird, schaltet Mr Givings einfach sein Hörgerät aus.
    Ein wichtiger und nachklingender Roman, verfilmt mit Kate Winslet und Leonardo diCaprio.

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    Beagles avatar
    Beaglevor 8 Jahren
    Rezension zu "Zeiten des Aufruhrs" von Richard Yates

    Er habe den „denkbar ödesten Job“, lässt Frank Wheeler im Laufe der Geschichte immer wieder verlauten. Ist es das wirklich? Oder kann er sich einfach nicht damit abfinden, ein ruhiges, einfaches Leben zu führen? Etwas in ihm rebelliert bei dem Gedanken, sein Umfeld als „gut“ zu empfinden, sich in die Reihen der anständigen Nachbarn in ihren neuen Vorstadthäusern einzufügen.

    Frank und April Wheeler sind seit ein paar Jahren verheiratet, sie haben zwei Kinder und wohnen in der Revolutionary Road (dies ist sogleich der Originaltitel des Buches). Nach außen hin scheint ihre Ehe keine besonderen Vorkommnisse zu haben, aber oftmals trügt der Schein und so ist es auch hier in Richard Yates´ herausragendem Roman „Zeiten des Aufruhrs“. Die Wheelers geben sich mit kleinen Alltagsablenkungen wie dem aufführen von Theaterstücken oder dem Plausch mit Freunden nicht zufrieden. Irgendetwas wartet auf sie, das Leben hat etwas Großes für sie parat, so denkt vor allem April.

    Bald schon kommt ihr die Idee, diese grauenhafte Vorstadtsiedlung und die spießigen Leute dort einfach zu verlassen, nach Paris zu gehen. Dort könnte Frank zu sich selbst finden und müsste nichtmehr dieser Arbeit nachgehen, die ihm so gar keinen Spaß bereitet. April würde dort eine Arbeit finden und die Familie ernähren. Sie ist vollkommen überzeugt von ihrer Idee, dass sie nicht mitbekommt, dass Frank sich insgeheim schon mit diesem Vorstadtleben abgefunden hat, dass er seinen Job zwar langweilig findet, sich aber nicht vorstellen kann, einfach nichts zu tun. Für April scheint es der Segen, endlich aus IHRER Langeweile entschwinden zu können, hat sie doch als Hausfrau und Mutter einen denkbar eintönigen Tagesablauf. Und damit, dass Frank sich von ihrer Idee begeistert zeigt, beginnt der verhängnisvolle Ablauf eines kurzen Sommers.

    Immer wieder bekommen sich die beiden in die Haare, mal heftiger, mal scheinbar fast unmerklich. Doch die Situation sollte sich nicht mehr entspannen. Frank verkriecht sich in einer Affäre zu der Stenotypistin Maureen Grube, die mit ihm in derselben Etage bei Knox Business Machines arbeitet und verfällt immer öfter dem Alkohol. Für April ist es derweilen unbegreiflich, wie ihr Mann sich derart von einer Idee begeistern konnte, dann aber immer häufiger Zweifel hegt. Und so spitzt sich das Verhältnis der beiden von Tag zu Tag mehr zu.

    Richard Yates´ Roman war bei seinem Erscheinen 1961 eine wahre Sensation und lag bei der Preisvergabe des National Book Award nur knapp hinter Walker Percys „Der Kinogeher“. Viele Leute zeigten sich begeistert von dieser Geschichte, ihrer sanften Kritik an der damals aufkommenden Vorstadtsiedlungsverehrung. Yates lässt die Wheelers umgeben sein von scheinbar ganz normalen Leuten: den Campbells, mit denen sie eine gute Freundschaft verbindet, die sich allerdings als reinen Zeitvertreib sehen, da das Ehepaar nicht kulturell versiert genug ist, oder die Givings, die einen geistesgestörten Sohn haben. Der Schriftsteller beschreibt hervorragend, dass sich April und Frank für etwas Besseres halten, es aber im Grunde genommen gar nicht sind. Der darauffolgende Ehestreit über irrelevante Dinge, die es eigentlich nicht wert sind, bestritten zu werden, ist lässt einen der besten Romane der neueren amerikanischen Literatur entstehen.

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    Ritjas avatar
    Ritjavor 8 Jahren
    Rezension zu "Zeiten des Aufruhrs" von Richard Yates

    „Zeiten des Aufruhrs“ ist ein Buch über die Ehe, die 50er Jahre in den USA und die verzweifelte Erkenntnis festzustecken.
    April und Frank haben jung geheiratet und schnell zwei Kinder bekommen. Es herrscht noch die klassische Rollenverteilung und April langweilt sich zu Hause, während Frank einem Job nachgeht, der ihm nicht gefällt. Sie können sich einen kleinen Wohlstand erlauben, aber stecken doch in der Mittelklasse fest. Alles läuft nach Plan ab…der Leser hat das Gefühl er schaut sich Pleasantville an.
    Alles scheint harmonisch und normal, doch es brodelt hinter der Fassade. Bis es ausbricht und die kleine Welt von April und Frank auseinander bricht.
    Empfehlenswertes Buch!

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    Wolkenatlass avatar
    Wolkenatlasvor 9 Jahren
    Rezension zu "Zeiten des Aufruhrs" von Richard Yates

    Leben und Lieben in der Neubausiedlung am Revolutionary Hill

    Richard Yates erster und wahrscheinlich erfolgreichster Roman „Zeiten des Aufruhrs“ (orig. „Revolutionary Road“) ist ein beklemmendes Psychogramm einer Ehe.

    Man schreibt das Jahr 1955, es ist Sommer und die Laienschauspielgruppe „Laurel Players“ hat soeben die Generalprobe zur Aufführung des „Versteinerten Waldes“ mehr als zufriedenstellend abgeschlossen. Die Vorfreude auf eine ebenso erfolgreiche und überzeugende Premiere und die damit verbundenen Hoffnungen der Darsteller erweisen sich als Seifenblase, die auf ernüchternde Art und Weise platzt. Die Symbolik dieser gescheiterten Aufführung zeiht sich wie ein Roter Faden durch den ganzen Roman.

    April Wheeler, noch nicht ganz dreißig, die vor zehn Jahren einige Schauspielschulen in New York besucht hatte, „eine hochgewachsene, aschblonde Frau, deren aristokratische Schönheit auch durch die amateurhafteste Beleuchtung nicht beeinträchtigt werden konnte“, ist der Star der Aufführung, die nach einer krankheitsbedingten Umbesetzung zu einem Riesenflop wird.

    Hier liegt der Kern des Romans. Schein und Wunschvorstellungen werden von den Protagonisten als Wahrheit empfunden, bzw. als solche gerne interpretiert. Die Ehe von April und Frank Wheeler ist schon durch die missratene Aufführung gehörig getrübt, Tristesse und das Wissen ob der unausweichlichen Langeweile und fehlenden Aussicht auf Großes im Leben verschärfen die Situation noch. Die üblichen Sorgen, Freuden und Probleme mit den beiden Kindern, sowie eintönige, durch oberflächliches Lächeln bestimmte Treffen mit Nachbarn und Freunden bestimmen die sozialen Kontakte, absolutes Desinteresse den beruflichen Alltag Franks.

    Während Frank Bestätigung in eine Liebschaft mit einer Kollegin sucht und findet, hat April plötzlich einen Plan, wie Frank endlich seinen Weg finden könnte. Die absurde Idee eines Umzugs nach Paris hochspielend, leben sie jetzt im Gedanken an ihr neues Leben in Paris auf. Sie informieren Nachbarn, Freunde und Arbeitskollegen und sehen nicht, auf welch dünnem, ja nicht vorhandenem Fundament ihr Luftschloss aufgebaut ist.

    Als April zum dritten Mal schwanger wird, zieht Frank, gestärkt durch eine überraschende berufliche Aufstiegsmöglichkeit, die Notbremse. Ihrer letzten Aussicht beraubt, beginnt April ihr Leben und die Beziehung zu Frank zu verstehen. Die Szene, in der April versteht, wie es mit ihren Gefühlen für Frank steht und wie weit ihr Selbstbetrug bisher gegangen ist gehört zu den vielen unvergesslichen Momenten in diesem Roman, nach denen man als Leser einfach ein paar Minuten lang durchatmen muss, bevor man weiterlesen kann.

    „Zeiten des Aufruhrs“ ist ein beklemmender, emotional geladener Roman, der durch seine fast beiläufige, bestechend präzise Prosa, die sich jeder Gefühlsduselei verwehrt umso stärker und nachhaltiger wirkt. Richard Yates Fähigkeit, großartige Figuren zu zeichnen, zeigt sich schon in diesem frühen Roman auf einem beeindruckenden Niveau. Shep und Milli Campbell, sowie das Ehepaar Givings und ihr geistesgestörter Sohn, der scheinbar als einziger in dieser Umgebung spürt, wie unrein und verlogen diese Idylle der gelangweilten, im Wohlstand lebenden amerikanischen Mittelschicht der 50er Jahre des vorigen Jahrhunderts ist, dessen klare und undiplomatische Worte am Ende zum Eklat führen.

    Richard Yates hatte, wie kaum ein anderer, ein extrem subtiles Gefühl für die feinen Missstimmungen zwischen Frauen und Männern, das ihm erlaubte, so schonungslos und offen das zu zeichnen, was jeder Leser wahrscheinlich schon in den bittersten Stunden seines Lebens erlebt hat. Bezeichnend auch für Richard Yates, dass man in seinen Romanen und Erzählungen nie das Gefühl hat, zu wissen, oder auch nur zu vermuten, wie viel von diesen Grausamkeiten und menschlichen Schwächen er akzeptieren würde, bzw. gutheißen würde, da er kein einziges (mir bekanntes) Mal wertend, oder gar moralisierend rechtfertigend für oder gegen seine Figuren eintritt.

    Ein Ausleuchten und Erforschen der Psyche, das auch heute, fünfundfünfzig Jahre nach den imaginären Wheelers nichts an Aktualität und Wahrhaftigkeit eingebüsst hat.

    Die deutsche Übersetzung von Hans Wolf ist gut, aber nicht ausgezeichnet. Viele Feinheiten des amerikanisch-englischen Originals gehen hier verloren. Nichtsdestotrotz ist Richard Yates Roman so groß, dass ihm diese Schwächen in der Übersetzung nicht schaden.

    „Zeiten des Aufruhrs“ ist ein großer Roman und Richard Yates einer der wichtigsten Autoren des zwanzigsten Jahrhunderts. Absolute Empfehlung.

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