Cover des Buches Der Kaufmann von Lippstadt (ISBN: 9783839214930)Flohs avatar
Rezension zu Der Kaufmann von Lippstadt von Rita Maria Fust

Zwei Epochen, zwei Familien, zwei Schicksale. Der Start in die Thielsen-Reihe...

von Floh vor 7 Jahren

Review

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Flohvor 7 Jahren
Ein historisch aktueller Regionalkrimi aus der Feder der Autorin und Referentin Rita Maria Fust. In "Der Kaufmann von Lippstadt" hat die Autorin den literarisch-historischen Auftakt ihrer Thielsen-Reihe gegeben. Sie hat einen Krimi veröffentlicht, der über die Stadtgrenzen von Lippstadt und über die Jahrhunderte hinweg seine Spuren legt. Spannend, real und von erschreckender Grausamkeit. Eine Recherche, die nicht ohne Folgen bleibt...

Inhalt:
"1764. Auch nach Ende des Siebenjährigen Krieges kommt das westfälische Lippstadt nicht zur Ruhe: Eine gewaltige Explosion macht die Stadt beinahe dem Erdboden gleich. Ein Unfall? Menschen verschwinden. Zufall? Eine Zunge wird gefunden. Ein Zeichen? 2010. Das Schicksal des Lippstädter Kaufmanns Ferdinand Overkamp beschäftigt einen jungen Studenten, Oliver Thielsen. Dieser stößt nicht nur auf ein lang gehütetes, finsteres Geheimnis, sondern findet auch seine große Liebe …"

Zum Schreibstil:
Autorin Rita Maria Fust meistert eine Schwierigkeit in Sachen literarische Kunst, die nicht einfach zu bewältigen ist. Sie bedient gleich zwei große Handlungsstränge, einen im 18. Jahrhundert und einen im Jahr 2010, zum 825jährigem Städtejubiläum. Autorin und Referentin für Kulturelles und Literarisches versteht ihr Können, selbstsicher und mit ausgiebiger Recherche begibt sie sich an die Story. Hier trifft er nicht nur den Geschmack der Krimiliebhaber, nein er überzeugt zudem auch Historiker, Lippstädter und Geschichtsliebhaber. Durch einen sehr sympathischen und ausgefeilten Epochenmix sorgt Autorin Fust immer wieder für lebhafte Spannung, schicksalhafte Momente, eifrige Forschungen und kleinen Ruheoasen nach besonders kniffligen und erschütternden Erkenntnissen. Die Spannungsspitzen befinden sich zweifelsohne in der Vergangenheit, aber Rita Maria Fust nutzt ein geschicktes schriftstellerisches Werkzeug, um bereits in der Gegenwart den Grundstein und die Verknüpfung zur Vergangenheit zu legen. Was wäre das Einst ohne das Heute? Was wäre das Hier und Jetzt ohne das Damals? Autorin Fust schreibt sehr nahe, obwohl das 18. Jh schon so fern liegt. Noch immer prägen Handlungen von damals unser heutiges Sein. Rita Maria Fust wechselt geschickt zwischen den Epochen, führt differenzierte Dialoge, umschreibt die Schauplätze zeitgemäß, taucht in die jeweilige Zeit ein und gibt lebendige Bilder an die Leser wieder. Das rechne ich hoch an und zeugt von Können, Geschick, aber auch viel Herzblut und Eifer.

Schauplätze:
Ausführliche Stadtkarten von Lippstadt von 1764 und 2010 runden die Schauplätze fein ab. So wird es auch für Ortsfremde ein leichtes sein, sich zurecht zu finden. Autorin Rita Maria Fust gibt in ihrer Geschichte immer ein authentisches und zeitgemäßes Bild der Schauplätze wieder. Dies bezieht sich nicht nur auf das Stadtbild, nein, sie entführt den Leser in die Örtlichkeiten, zeigt das Leben und Leiden der Familie Overkamp, zeigt die Beweggründe des Studenten Oliver Thielsen, zeigt die schweren Nöte die nach dem Krieg herrschen, zeigt die moderne Kunst der Recherche und Archive...
Hier lobe ich die intensive und authentische Recherche der Autorin. "Der historische Roman - zwischen Finden und Erfinden - zwischen Fakten und Fiktionen" da gebe ich der Autorin auf ihrer Homepage recht und muss zugeben, dass sie diese These lebt und umsetzt. Hier spürt der Leser viel Herzblut und Verbundenheit zur westfälischen Region, aber auch Lübeck, die Hansestadt prägt das Bild des Buches.
Sehr genau hat sie die Eindrücke eingefangen und gibt diese im Buch an die Leser weiter. Auch wenn ihr Fokus teils auf viele Details und Umschreibungen liegt, so wirkt es nicht überladen oder aufgesetzt, nein, Rita Maria Fust hat in trefflichen Momenten immer ein sehr genaues Bild der Umgebung geschaffen. Gerade Ferdinands Umfeld und seine Probleme, sowie Oliver und Annikas Beziehung und die Probleme mit der Heimat und Familie werden sehr überzeugend beschrieben.

Charaktere:
Auch bei der Wahl der Charaktere punktet die Autorin. Gerade Ferdinand Overkamp nimmt hier in dem Buch eine zentrale Rolle ein. Seine kranke und besessene Aura, sein kaltes Herz, die Skrupellosigkeit und aber auch die Verzweiflung sind hier toll und eindringlich von der Autorin ausgearbeitet worden. Ferdinand und seine Familie werden den Leser erschüttern, schockieren und an die Seiten fesseln. Aber auch Oliver Thielsen, der Student, der sich eine zunächst auswegslose Recherche angenommen hat, wird zum eigentlichen Dreh- und Angelpunkt. Hier hat die Autorin aus den Vollen geschöpft und Charaktere und Probleme der schon fast vergessenen Vergangenheit und der aktuellen heutigen Zeit geschaffen. Autorin Fust schafft hier ein stimmiges Bild der Persönlichkeiten und formt das passende Umfeld, die passende Ära, der Charaktere gleich dazu. Eine sehr runde und feine Mischung aus Hauptprotagonisten und wichtigen Nebenrollen. Gleich zu Beginn ermöglicht die Autorin ihren Lesern ein klares Bild der einzelnen Persönlichkeiten. Eine hervorragende Auswahl der Protagonisten. Eine stimmige feine Ausarbeitung zur jeweiligen Zeit der Handlung.

Meinung:
Zu erst möchte ich die vielen versteckten dennoch offensichtlichen Botschaften loben, die die Autorin in diesem Buch sehr gewissenhaft bedacht hat. Hier ist einmal der Umgang mit den hiesigen Sitten, das gelobte Ansehen, die Macht des Deckmantels der Vertuschung und des Schweigens, die Korruption, das Geld und auch der schnelle Abstieg und Verlust von allen Lebensgrundlagen. Aber auch die Wichtigkeit der eigenen Wurzeln, der Familie, die Brocken der Vergangenheit, die das Heute prägen, die Verletzlichkeit der Liebe, das zarte Band der Verbundenheit...der Weg in die Vergangenheit und der eigene Schatten der überwunden werden muss, und auch der sensible Umgang mit Lebenslügen und echter Liebe.
Hier hat die Autorin sehr genau auf das Ausmass geachtet und ich finde es ist ihr sehr galant gelungen. Eine perfekte Mischung und ein perfekter Mix aus zwei wichtigen Handlungssträngen, die den unglaublichen Weg zueinander finden.
Manches wirkte auf mich im Geschehen sehr beklemmend und ich musste beim Lesen häufig meinen Blickwinkel verstellen, das hat mir wirklich gut gefallen. Ich wurde unterhalten, durfte gespannt die Dinge verfolgen, wurde in die Irre geführt und fühlte mich in das Geschehen samt Nervenkitzel eingebunden.
Autorin Fust bedient viele Emotionen und glänzt mit Spannungsspitzen und Erholungsinseln und Überraschungen und den vielen Familienproblemen und auch den Problemen auf den Weg der Machenschaften und Intrigen. Bestialische Morde, abgründige Hintergründe und die Schicksale spielen hier eine zentrale Rolle im Krimi, das macht das Buch erst zum richtigen Krimigenuß zwischen den Jahrhunderten.

Die Autorin:
"Rita Maria Fust ist 1971 in Paderborn geboren und studierte dort Literatur- und Medienwissenschaft. Seit 2000 lebt sie mit ihrer Familie in Lippstadt, wo sie als freiberufliche Autorin, Texterin und Referentin für Kulturelles und Literarisches arbeitet. Ihr Fokus richtet sich auf die (Stadt-)Geschichte Lippstadts und Stadtdarstellungen in der deutschsprachigen Gegenwartsliteratur. Mit dem historischen Roman »Der Kaufmann von Lippstadt« gibt sie ihr Debüt im Gmeiner-Verlag. "

Zum Cover:
Das Cover spricht mich leider überhaupt nicht an, es wirkt für mich langweilig und staubig. Aber der Inhalt hat es dafür in sich.

Fazit:
Das Buch lässt mich zurück, mit einem wirklich positiven Gefühl für einen sehrgut recherchierten und mit Herzblut geschriebenen Krimi!
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