Rivka Galchen hat mit ihrem aktuellen Roman ein gut recherchiertes Buch geschrieben, das einem lange vergessenen historischen Ereignis die Aufmerksamkeit verschafft, die es verdient: dem Hexenprozess gegen Katharina Kepler, die Mutter des berühmten Astronomen Johannes Kepler. Die kanadische Autorin gibt der Geschichte, die jahrhundertelang im Schatten blieb, neues Leben.
Besonders gelungen fand ich die wechselnden Erzählperspektiven, Katharina wie auch ein sie unterstützender Nachbar fungieren als Ich-Erzähler, dazu gibt es - fiktive - Protokolle von Zeugenbefragungen zum Prozess. Sie bringen Abwechslung in die Handlung und ermöglichen Einblicke in die verschiedenen Blickwinkel und Beweggründe der Figuren. Besonders interessant ist, wie Galchen die Dynamik der Dorfgemeinschaft herausarbeitet. Die Angst, der Aberglaube und die Rivalitäten unter den Nachbarn bilden ein psychologisches Geflecht, das durchaus Parallelen zu modernen Phänomenen wie Massenhysterie oder Hetzkampagnen zieht.
Allerdings war mein Leseerlebnis insgesamt eher durchwachsen. Mit der Protagonistin, Katharina Kepler, konnte ich bis zum Schluss nicht wirklich warm werden. Sie bleibt eine schwer greifbare Figur, deren Innenleben und Beziehungen – insbesondere zu ihren Kindern – im Dunkeln bleiben. Zwar wird verständlich, warum sie der Hexerei bezichtigt wurde, und Galchen schildert ihre Eigenheiten wie die oft verschlossene Art oder die große Liebe zu ihrer Kuh sehr genau. Dennoch hätte ich mir mehr Tiefe und emotionale Zugänglichkeit gewünscht, um Katharina besser zu verstehen.
Insgesamt ist "Jeder weiß, dass deine Mutter eine Hexe ist" eine spannende Auseinandersetzung mit einem historischen Fall und den sozialen Dynamiken einer Dorfgemeinschaft. Doch während die historische und psychologische Ebene des Romans überzeugen, ließ mich die Darstellung der Hauptfigur am Ende eher ratlos zurück.










