Rivka Galchen Amerikanische Erfindungen

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Inhaltsangabe zu „Amerikanische Erfindungen“ von Rivka Galchen

Die Erzählungen der kanadisch-amerikanischen Autorin Rivka Galchen, «Amerikanische Erfindungen» verbinden Psychologie, Philosophie und Naturwissenschaften und führen ihre Protagonisten wie Leser immer wieder auf neues Terrain. So geht es, wenn man lernt, der eigenen Wahrnehmung nicht zu trauen. In einer dieser blühend phantasievollen Storys laufen einer Frau ihre Möbel davon. In einer anderen nimmt die Erzählerin eine Bestellung für Knoblauch-Huhn entgegen, ohne dem hungrigen Anrufer zu sagen, dass sie gar keine Imbiss-Bude ist. In einer dritten Erzählung geht es um Ehe, Beziehung und Einsamkeit. Eine Frau ignoriert beharrlich, dass ihr Mann einen Blog mit dem Namen Ich-hasse-meine-Frau-Dot-Blogspot-Dot-Com betreibt. All diese Storys, die zunächst so tun, als entstammten sie unserem realistischen Alltag, öffnen jählings verborgene Pforten in Schicksale und Welten, die uns nicht so vertraut sind. Ob die davonlaufenden Möbel, die Mysterien des Tunguska-Ereignisses, ein durch Geräusche sprechendes Haus oder die Finessen des Zeitreisens – das Phantasierte und das Erlebte, das Banale und das Erhabene sind in Galchens Welt nur durch eine zart irisierende Wahrnehmung getrennt. Wundersames geschieht, und zugleich stehen die Storys in geheimem Austausch mit kanonischen Erzählungen der Weltliteratur, von Gogols «Nase» über Keats «Ode an eine griechische Urne» bis hin zu Borges' «Aleph».

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    Amerikanische Erfindungen

    Karin-L

    09. February 2017 um 22:00

    "Das ist nicht meine Art von Tagtraum, denke ich. Das ist nicht meine Träumerei. Es ist die von jemand anderem. Vielleicht ist das auch gut so. Ich selbst war nie ein Walter Mitty.“ S.25 Die Erzählungen sind eigen; sehr eigen, das muss man sich eingestehen. Zunächst weiß man gar nichts wirklich mit ihnen anzufangen. Sie sind so konfus und ergeben auf den ersten Blick kaum Sinn, weil sie sich jeglicher uns bekannter und logischer Abläufe entzieht. Wie im Klappentext beschrieben, werden Möbel anscheinend lebendig, Welten verschmelzen ineinander. Wo soll man da beginnen etwas Sinnvolles herauszufiltern? Ganz eindeutig, vor allem zwischen den Zeilen. Die Protagonisten scheinen alle dem roten Faden nicht folgen zu wollen. In den Konversationen mit deren Mitmenschen driften sie irgendwie ab, leugnen viele offensichtliche Fakten und wollen vielleicht sogar an etwas glauben, was keinen Bestand hat. Besonders prägnant ist auch hier die vordergründige Darstellung verschiedener Lebensphasen der Frau. Denn alle Kurzgeschichten werden von Frauen dominiert. Sie sind die Hauptfiguren und sind den unterschiedlichsten Situationen ausgesetzt. Nimmt man also die ausgefallenen, aber sehr kreativ-interessanten Geschehnisse beiseite, welche die "normale" Welt außer Kraft setzen, so findet man etwas verborgen, sehr viel Psychologisches. Die Geschichten erzählen von der ersten Liebe, von Verlust, von der Magie der Gegenstände, die sich anhäufen, welche man nicht loslassen kann und deren eigentliche Erinnerung an das Ereignis man dennoch zu vergessen scheint. Auch die Beziehungen innerhalb der Familie spielt in allen Erzählungen eine große Rolle. Wonach sehnt sich der Mensch? Und was würde er lieber ausradieren? "Links von mir glaube ich, in einiger Entfernung Roys blondes Haar zu ahnen. Schwach geworden, schiele ich seitwärts; ich sehe eine Topfpflanze.“ S.104 So unterschiedlich die einzelnen Erzählungen in ihrer Idee sind, so wunderbar passen sie im Gesamtkonzept aber zusammen, weil sie den gleichen Stil verfolgen. Es ist tatsächlich eine ganz neue Welt, die man als Leser betritt. Man muss sich erst ein wenig mit dem Schreibstil, der Art der Autorin und der Protagonisten vertraut machen, ehe man Schlussfolgerungen ziehen kann. Und selbst am Ende jeder Erzählung bleiben gewisse magische Momente unergründlich. Das macht wahrscheinlich den Reiz aus, den ich beim Lesen verspürt habe. Ich habe mit den Geschichten begonnen und dachte mir zunächst, sie seien ganz unterhaltsam und auch in gewisser Weise enthalten sie schöne Wahrheiten, mehr erstmal nicht. Aber mit der Zeit stellt sich eine ganz andere Meinung ein. Beginnt man über die Erzählungen und das Gesagte nachzudenken, entwickeln sie sich zu einer wahren Gedankenquelle. Scheinbar nebenbei gesagte Dinge erschienen mir plötzlich so wahr und wichtig, dass auch die Erzählungen ganz neue Schichten hervorgebracht haben. In einer Erzählung ging es zum Beispiel um das Bild der Frau und deren Bezug zur Mode. Dabei sei das Ziel der Modeindustrie, die Frauen in ein männliches Bild zu zwängen. Sie sollen mager und dürr sein, keine weiblichen Rundungen aufweisen, um in tolle Kleider zu passen, eben wirken wie ein Mann, um Anerkennung zu gelangen. An sich ist die Überlegung nichts Neues und man ist sich dem auch eigentlich bewusst, aber wie Rivka Galchen es in Worte fasst (in Anbetracht der Übersetzung) und es in eine ganz eigene Geschichte verpackt, das hat einfach was. "´Ich meine, ich bewundere dich dafür, dass du Geschichten über erfundene Menschen in Welten schreibst, die gar nicht existieren und keine Bedeutung für unser wirkliches Leben haben. Das kann nett sein, aber die Leute mögen auch Dinge, die erbaulich und nützlich sind.´“ S.171 INSGESAMT: Was anfänglich nach skurrilen und nicht ganz sinnergebenden Erzählungen ausgesehen hat, entpuppte sich zu einer fabelhaften, einzigartigen und spielerischen Welt der Autorin, in welcher besonders die Frauen eine tragende Rolle spielen. Die Erzählungen verweben viele Elemente der Literatur, die sich gar nicht kategorisieren lassen. Wundersame Ereignisse, die man nicht zu bewerten weiß verknüpfen sich mit tiefsinnigen, psychologischen Ansichten. Keine hochtrabende Sprache, aber umso aussagekräftigere Botschaften, die zwischen den Zeilen vermittelt werden. Obwohl der Anschein erweckt wird, dass genau die wichtigen Dinge von den Protagonisten nicht angesprochen werden, kommen sie durch ihr Handeln und ihre Vorstellungskraft umso deutlicher zum Vorschein.

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