Robert Fossier

 3.9 Sterne bei 14 Bewertungen

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Das Leben im Mittelalter

Das Leben im Mittelalter

 (14)
Erschienen am 01.11.2009
The Axe and the Oath

The Axe and the Oath

 (0)
Erschienen am 05.03.2012

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Rezension zu "Das Leben im Mittelalter" von Robert Fossier

Rezension zu " Das Leben im Mittelalter" von Robert Fossier
Mario_Veraguthvor 4 Jahren

Wie in jedem Zeitalter drücken die Mächtigen ihre Stempel derart tief ins kollektive Gedächtnis ein, dass die Lebensgrundlagen der Majorität der Bevölkerung stiefkindlich behandelt werden. Im Falle des Mittelalters wären das Könige, Ritter, Päpste und Adelige, die erfreulicherweise mit keinem Wort erwähnt werden.

Der Autor hat als die Beschreibung der Lebensumstände durchschnittlicher Zeitgenossen, unter Aussparung sämtlicher hierarchisch besser gestellter Personen, zur Maxime seines Buches gemacht. Mit dieser Fokussierung auf Bereiche wie Unterbringung, Familie, Tiere, Arbeit, Agrartechniken, Natur, Verhältnis der Geschlechter, Krankheiten, Kinder, Rechtssprechung, Umgang mit dem Alter, Wetter und andere öffnet sich ein breites und anschauliches Spektrum einer in mancher Hinsicht zu unrecht als primitiv und finster verunglimpften Epoche.

Aufgrund der schieren Menge an erläuterten Lebensbereichen werden nur die jeweils herausragendsten Alleinstellungsmerkmale der jeweiligen Kategorie kurz beschrieben. Daher eignet sich das Werk vorzüglich zum Wecken von Interesse an einzelnen Aspekten, die mit anderer, fokussierterer Literatur ergänzt werden können.

Schön lebendig und voller Überraschungen gestaltet sich die Reise durch die Lebenswelten der damaligen Bevölkerung. Ob es um klerikal krude Rechtssprechung samt barbarischer Strafen, für Frauen alles andere als angenehmen Beziehungsbedingungen, einen gänzlich anderen Zugang zur Natur und deren Gaben oder die Art der Altenbetreuung geht, die Kluft der Jahrhunderte öffnet sich zur anschaulichen Betrachtung. Der Versuch die Gedankenwelt abseits von religiöser Instrumentalisierung zu beschreiben, gestaltete sich für den Autor gewiss schwierig und hat einige spekulative Anteile. Zwar eignen sich die vermuteten Motive und Weltbilder gut zur Illustration der Arbeitshandlungen und des Familienlebens, jedoch dürften diese aufgrund verschiedener Kulturkreise und klimatischer Bedingungen stärker differiert haben als vom Autor gezeichnet. Daher dürfte der nicht in Schriften, für deren Richtigkeit Gewährleistung zu übernehmen zu viel verlangt wäre,  überlieferte Stand der damaligen Geisteshaltung als zwar schöne Ausschmückung, jedoch nicht unbedingt stichhaltig und richtig erachtet werden. Und so wie die Interpretationsmöglichkeiten angeboten werden kann sich auch jeder Leser der für ihn attraktiven annehmen und die restlichen Getrost als das hübsche Beiwerk, das sie sind betrachten. Aber auch nicht mehr.

Und da vom einfachen Volk wenig bis gar nichts in Form von Möbeln, Kleidung, Werkzeugen, Arbeitsmaterialien und Kunstgegenständen übrig geblieben bist, gibt es auch bei der Beschreibung des Alltags keine Garantie für Richtigkeit.

Da sich die Belege auf mittelalterliche Texte, Erzählungen und Malereien beziehen, bleibt ein gewisser Unsicherheitsfaktor bezüglich der Richtigkeit der Erläuterungen, wobei eine Tendenz zur eher positiven Darstellung zu bemerken ist.

Einzig negative Aspekte sind das Fehlen eines Quellenverzeichnisses, das bei speziellen Interesse an einzelnen Bereichen stören kann und ein paar kleine Widersprüche und Schlampigkeitsfehler, die aber keinen negativen Einfluss auf Verständlichkeit oder Sinn des Werkes haben. Den teilweise lehrerhaften Stil und das Abdriften in religiöse und philosophische Erklärungsmodelle für simple Sachverhalte kann man individuell unterschiedlich auffassen. Als Ergänzung und Erweiterung zur Illustration eines normalen Tagesablaufs bietet sich der psychologische Überbau an, ob und wie weit er besprochen wird, variiert stark.

Wenn man bei der Auswahl zu Mittelalterliteratur, aufgrund der schieren Menge der dargebotenen Bücher, schwankt und sich nicht sicher ist, bietet sich dieses breit gestreute und Interesse weckende Werk zur Erkundung und genaueren Festlegung des eigenen Interessensbereiches an.

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