Robert Macfarlane gilt als einer der erfolgreichsten und bekanntesten Schriftsteller im Bereich “Naturewriting”. In seinem neuesten, 2025 erschienen Werk, “Sind Flüsse Lebewesen?” ist der Titel Programm. Auf ca. 400 Seiten geht er der Frage nach, was es für unsere Weltanschauung, unsere Gesetze und den Naturschutz bedeuten könnte, wenn wir Flüsse als eigenständige Lebewesen anerkennen würden.
Die Bewegung für die Rechte der Natur
Robert Macfarlane ist dabei längst nicht der Einzige, der diese Frage stellt. Die “Bewegung für die Rechte der Natur” entspringt in vielen kleineren und größeren Quellen rund um den Globus, gewinnt seit etwa zwanzig Jahren zunehmend an Kraft und fließt zu immer größeren Strömen zusammen. Längst haben wir Menschen uns mit dem Konzept angefreundet, dass Unternehmen juristische Personen sind. Warum also, fragt diese Bewegung, nicht auch Berge, Wälder und Flüsse? Aktivist*innen haben mit ihren Forderungen zum Teil bereits bahnbrechende Erfolge erzielt: So wurde 2017 in Neuseeland ein Gesetz verabschiedet, das den Fluss Whanganui als ein Lebewesen mit Rechten anerkennt.
Natürlich wäre es für den Naturschutz ein ungemeiner Gewinn, wenn Flüsse allgemein von der Rechtsprechung als Lebewesen anerkannt würden, die nicht verschmutzt und zerstört werden dürfen. Doch Macfarlanes Gedankenexperiment geht weit über juristische Fragestellungen hinaus. Er fordert sich - und uns - heraus, Flüsse auf eine emotionale, fast schon spirituelle Art wahrzunehmen und als bewusste Lebewesen zu akzeptieren. (Eine Vorstellung, die sich übrigens mit vielen uralten Glaubensüberzeugungen indigener Völker deckt.) Ihm gelingt dieses Kunststück, indem er uns auf drei aufregende Reisen zu drei sehr unterschiedlichen Fluss-Landschaften dieser Erde mitnimmt.
Drei Reisen
Robert Macfarlane hat für die Arbeit an diesem Buch drei sehr unterschiedliche Landschaften bereits: Den ecuadorianischen Nebelwald Los Cedros. Die Wasserstadt Chennai in Südostindien. Und den Mutehekau Shipu, auch bekannt als Magpie River, in Kanada. Hierin liegt auch die große Stärke des Buchs: Es vermittelt nicht nur trockene Fakten, sondern es erzählt eine Geschichte von diesen Reisen, von den Menschen, denen er dort begegnet, von Gefahren, Erlebnissen und Erkenntnissen. Die Art, wie er die Menschen auf den Buchseiten lebendig werden lässt, wie er Erlebtes schildert und die Natur in lyrischer Sprache einfängt, kann es mit jedem Roman aufnehmen.
Fazit
“Sind Flüsse Lebewesen” ist teils Sachbuch und teils Reisebericht. Es ist in seinen Fakten höchst informativ, in seinen Erzählungen packend, in den Naturbeschreibungen poetisch und es regt in seinen Gedankenexperimenten zum Nach- und Neudenken an. Leider fand ich die Dramatik und die lyrischen Sprachbilder zum Schluss hin manches Mal ein klein wenig übertrieben. Das ist aber die einzige Kritik, die ich anbringen kann.
Robert Macfarlanes Antwort auf die Frage, ob Flüsse Lebewesen sind, lautet einerseits ganz eindeutig: Ja! Andererseits gibt er zu, dass diese “eigenartige, konfrontative Frage” nur schwer zu klären ist. Doch: “Wie wir sie heute beantworten, beeinflusst unser Vermögen, so auf dieser Erde zu leben, zu lieben und zu denken, dass sie zu ihrem Recht kommt und uns erhalten bleibt.” Ich kann nur empfehlen, sich auf die Reise einzulassen und zusammen mit ihm nach einer Antwort zu suchen. Man erhält dabei ein Leseerlebnis mit dem Potenzial, den eigenen Blick auf die Welt zu verändern.
Ich rezensiere auch auf YouTube und Instagram. :)
https://www.instagram.com/carina.zacharias/
https://www.youtube.com/@carinazacharias



















