Die Hauptstadt

von Robert Menasse 
4,0 Sterne bei96 Bewertungen
Die Hauptstadt
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Positiv (74):
Antigone8s avatar

Da wird durch Brüssel im wahrsten Sinne des Wortes eine Sau durchs Dorf getrieben und nebenbei noch die Mechanismen der EU beleuchtet.

Kritisch (9):
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Ein Bisschen trocken, habe mit mehr davon versprochen.

Alle 96 Bewertungen lesen

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Inhaltsangabe zu "Die Hauptstadt"

In seinem großen europäischen Roman spannt Robert Menasse einen weiten Bogen zwischen den Zeiten, den Nationen, dem Unausweichlichen und der Ironie des Schicksals, zwischen kleinlicher Bürokratie und großen Gefühlen.
Fenia Xenopoulou, Beamtin in der Generaldirektion Kultur der Europäischen Kommission, steht vor einer schwierigen Aufgabe. Sie soll das Image der Kommission aufpolieren. Aber wie? Sie beauftragt den Referenten Martin Susman, eine Idee zu entwickeln. Die Idee nimmt Gestalt an – die Gestalt eines Gespensts aus der Geschichte, das für Unruhe in den EU-Institutionen sorgt. David de Vriend dämmert in einem Altenheim gegenüber dem Brüsseler Friedhof seinem Tod entgegen. Als Kind ist er von einem Deportationszug gesprungen, der seine Eltern in den Tod führte. Nun soll er bezeugen, was er im Begriff ist zu vergessen. Auch Kommissar Brunfaut steht vor einer schwierigen Aufgabe. Er muss aus politischen Gründen einen Mordfall auf sich beruhen lassen - »zu den Akten legen« wäre zu viel gesagt, denn die sind unauffindbar.

Buchdetails

Aktuelle Ausgabe
ISBN:9783518469200
Sprache:Deutsch
Ausgabe:Flexibler Einband
Umfang:459 Seiten
Verlag:Suhrkamp
Erscheinungsdatum:02.10.2018
Das aktuelle Hörbuch ist am 18.09.2017 bei Der Hörverlag erschienen.

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Rezensionen und Bewertungen

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    Antigone8s avatar
    Antigone8vor 2 Monaten
    Kurzmeinung: Da wird durch Brüssel im wahrsten Sinne des Wortes eine Sau durchs Dorf getrieben und nebenbei noch die Mechanismen der EU beleuchtet.
    Vielschichtiger, teilweise bissiger Roman über die Hauptstadt der EU

    Robert Menasse hat für den vorliegenden Roman sehr ausführlich recherchiert und mit vielen EU Beamten gesprohen, was dem Roman duchaus anzumerken ist. Zudem lebte er für mehrere Jahre in Brüssel, was ihn zu einem Zeugen der Vorgänge in der Hauptstadt Europas macht.


    Zu Beginn führt Menasse mehrere Protagonisten ein und wir beobachten das Geschehen in Brüssel während des Romans mit den Augen dieser verschiedenen Personen. Anfangs erscheint die Handlung aufgrund der vielen Charaktere etwas unübersichtlich, doch genau diese verschiedenen Sichtweisen, sorgen für eine vielschichtige und differenzierte Erzählweise. Der Autor lässt seine Handlung im wahrsten Sinne des Wortes Grenzen überqueren, denn er führt den Leser in verschiedene europäische Regionen aber auch in verschiedene Zeiten. Dadurch gelingt es diesem Roman aufzuzeigen wie sehr, Verhangenheit und Gegenwart miteineinder verwoben sind, wie sehr die einzelnen Staaten der EU voneinander profitieren aber auch voneinander abhängig sind und wie die einzelnen Verwaltungsbeamten in Brüssel versuchen Interessen zu stärken oder zu mindern.

    Der Roman kommt nie oberflächlich oder eindimensional daher. Der Erzählstrang verläuft daher auch nicht geradlinig sondern nimmt Abzweigungen, schlägt Haken oder endet abrupt. Die verschiedenen Ebenen, derer sich der Autor bedient, sind nicht imemr sofort erkennbar, was "Die Hauptstadt" zu einem anspruchsvollen Leseerlebnis macht. 

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    Xirxes avatar
    Xirxevor 3 Monaten
    Kurzmeinung: Brüssel + seine Menschen - und zwar nicht nur EU-Beamte. Humorvoll + zeitweise böse, aber auch ernsthaft mit viel historischem Hintergrund.
    Europas Hauptstadt

    Nach dem Lesen dieses Romans ist eines jedenfalls klar: Brüssel ist Europas Hauptstadt, hier findet man die VertreterInnen aller Nationen, die gegen- und miteinander versuchen, die Gegenwart und Zukunft unseres Kontinents zu gestalten. Doch so unterschiedlich die Menschen dort auch sind, auf irgendeine Weise sind sie miteinander verbunden, jetzt oder durch ihre Vorfahren in der Vergangenheit. Davon handelt dieses Buch, vom Leben in dieser Hauptstadt und den zumeist unsichtbaren Fäden, die die BewohnerInnen untereinander verknüpfen.
    Viele Geschichten werden hier erzählt: die des Kommissars Brunfaut, dem die Untersuchung eines Mordfalles entzogen wird; die des ehemaligen Auschwitzgefangenen David de Vriend, der in ein Altenheim umzieht; die der EU-Beamtin Fenia, die sich strafversetzt fühlt und zum ersten Mal ein Gefühl verspürt, an das sie nie glaubte; und sechs, sieben weitere Personen, die alle auf ihre Art ihre Nationen vertreten, gleichzeitig aber so europäisch sind, wie man es nur sein kann.
    Robert Menasse erzählt in einem locker-leichten Plauderton mit viel (auch schwarzem) Humor und serviert einem praktisch so nebenbei viele der Probleme unserer Zeit mit teilweise umfangreichen Analysen: Flüchtlingskrise, Vergangenheitsbewältigung, die Ökonomisierung aller Lebensbereiche, zunehmende Medialisierung, Werteverlust usw. Das Ganze meist mit jeder Menge feiner Ironie und leichter Spöttelei, sodass ich mich trotz der ernsten Themen häufig gut amüsierte.
    Einen kleinen Haken hat das Buch jedoch, wie ich finde. Durch die vielen ProtagonistInnen wechseln die Erzählstränge zwangsweise häufig und auch schnell. Liest man den Roman zügig durch, dürfte das kein Problem sein. Zieht es sich jedoch etwas hin (wie es bei mir der Fall war), kommt kein richtiger Erzählfluss auf. Die Figuren wurden mir nicht vertraut genug, sodass ich nahtlos wieder einsteigen konnte - häufig musste ich zurückblättern, wer wer war. Trotzdem war es eine unterhaltsame und stellenweise auch erhellende Lektüre.

    Kommentare: 2
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    AlexandraKs avatar
    AlexandraKvor 5 Monaten
    Kurzmeinung: Ein Muss! Unterhaltsam bringt uns Menasse die komplizierten Strukturen der EU näher. Lehrreich und trotzdem nicht trocken.
    Die Hauptstadt

    Die Hauptstadt ist ein Roman der so ganz anders ist als alles, was ich bisher gelesen habe. Lehrreich und unterhaltsam gleichermaßen. Man taucht ein in die geheimnisvolle Welt Brüssels. Robert Menasse erzählt auf spannende Weise wie es in Brüssel, genauer der Europäischen Kommission, zugeht. Dabei lernt man viel über Politik und auch über andere Mitgliedsstaaten. Menasse schafft es ein trockenes Thema unterhaltsam zu gestalten und dem Leser eine breite Figurenvielfalt vorzustellen.

    Am Anfang fiel es mir etwas schwer so richtig in den Roman zu finden. Robert Menasse führt uns in eine komplexe Welt ein, die er mit vielen verschiedenen Personen zu erklären versucht. Da kann man zu Beginn schon mal den Überblick verlieren mit welcher Person man gerade unterwegs ist. Das relativiert sich aber schnell, sobald man alle Personen kennengelernt hat.

    Was mich oftmals in Romanen stört, hier aber überhaupt nicht ist, dass der Autor die jeweilige Originalsprache mit einbaut. Hin und wieder kann man polnische, englische, belgische oder französische Phrasen quasi als Schmankerl finden.

    Die Sprache insgesamt gefällt mir wirklich gut. Menasse arbeitet gekonnt mit Auslassungen, Brüchen und Metaphern. Einzig was mich im Lesefluss gestört hat ist, dass er Dialoge nicht als diese kennzeichnet sondern sie ohne Gänsefüßchen quasi paraphrasiert. Da kann man schonmal durcheinander geraten und man weiß nicht wer gerade was gesagt hat.

    Ich finde dieses Buch hat zurecht den Deutschen Buchpreis 2017 bekommen. Es ist ein wichtiges Werk, welches uns den Gedanken und die Funktion von Europa näher bringt. Denn das kann bei der derzeitigen politischen Lage schnell mal untergehen.

    Wer die Möglichkeit hat, dem empfehle ich eine Lesung von Robert Menasse zu besuchen. Dort erklärt er recht ausführlich warum er die Figuren so gestaltet hat und was er alles in Brüssel auf seiner Recherche erlebt hat. Es hat sich auch eine tolle Debatte  über die Zukunft Europas entwickelt. Dabei kristallisierte sich heraus, dass Menasse zu den anderen EU-Institutionen auch weitere Romane plant.

     

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    Flaventusvor 5 Monaten
    Kurzmeinung: Dies ist ein recht eigenwilliger Roman, der einen sehr humorvoll-kritischen Blick auf die Hauptstadt wirft, die keine ist.
    Ein recht eigenwilliger Roman

    Irgendwie wissen wir Europäer ja, dass in Brüssel der Wahnsinn kursiert. Und dann wissen wir es wieder nicht. Zumindest im Detail. Einen kleinen Einblick in den alltäglichen Wahnsinn liefert Robert Menasse in seinem Buch »Die Hauptstadt«. Gemeint ist natürlich die Hauptstadt Europas, die offiziell diesen Titel natürlich nicht trägt.


    Stil

    Menasse erzählt dabei nicht einfach nur vom Wahnsinn, sondern hat mehrere Handlungsstränge ersonnen und diese mit viel Sarkasmus, Ironie und schwarzem Humor garniert. Die Handlungsstränge verlaufen dabei mehr oder minder autonom, begegnen sich allerdings immer wieder, was die Lachmuskeln immer wieder anregt.

    Markant ist auf jeden Fall der Schreibstil, der den Leser von einem Plot in den nächsten fallen lässt, zuweilen in einem fließenden Übergang. Allein, dadurch, dass auf wörtliche Rede, oder besser auf deren klassische Formatierung verzichtet wird, liest sich das Buch auf seine ganz besondere Weise.

     

    Sarkasmus

    Dieses Buch trieft förmlich vor Sarkasmus und schwarzem Humor. Dabei macht er auch sensiblen und vielleicht schon ein wenig überstrapazierten Themen nicht Halt. Wie zum Beispiel die Flüchtlingskrise und von einigen befürchteten Islamisierung des Abendlandes. Und dann fällt plötzlich ein solcher Satz:

    »Die Muslima, die Florian rettete, war eine Madonna. « (Pos. 3263; 59%)

    Oder vor der sensiblen Vergangenheitsaufarbeitung, wenn auf der Rückseite einer Besucherkarte für Auschwitz folgendes steht:

    »Verlieren Sie diese Card nicht. Im Verlustfall haben Sie keine Aufenthaltsberechtigung im Lager. « (Pos. 1995; 36%)

    Von diesen Beispielen gibt es unzählige, wobei Themenkombinationen wie Auschwitz, Karriere in Brüssel und ein Schwein und dessen Lobby schon erahnen lassen, mit wieviel Ernst hier die Handlung vorangetrieben wird.

    Zum Ende hin rückt das Thema „Vergangenheitsbewältigung“ immer mehr in den Fokus, wobei Menasse auch hier seine ganz eigene Art fortführt. Allerdings streut er zuweilen europäische Arbeitsweisen ebenso in seinen Text ein:

    »Allgemeine Zustimmung zu der Idee, und dann so viele einzelne Einwände und Änderungsvorschläge, dass von der Idee nichts mehr übrig blieb. « (Pos. 4919; 89%)

     

    Fazit

    Dies ist ein recht eigenwilliger Roman, der einen sehr humorvoll-kritischen Blick auf die Hauptstadt wirft, die keine ist. Wir als Endverbraucher werden immer wieder mit den merkwürdigen Entscheidungen konfrontiert, die uns aus Brüssel erreichen. Menasse schafft es auf seine ganz eigene Art und Weise die Vorgänge zu ergründen, die sich dahinter verbergen.

    Natürlich darf man vieles nicht allzu ernst nehmen und ein bisschen Humor mitbringen, um Verständnis für diesen Roman aufzubringen. Dann wird der Leser sehr angenehm unterhalten.


    Diese und andere Buchbesprechungen finden sich auf meinem Bücherblog.

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    Cleo15s avatar
    Cleo15vor 7 Monaten
    Kurzmeinung: In diesem Buch werden Menschen voller Zweifel und Angst vor dem Vergessen porträtiert - eine tiefgreifende Leseerfahrung
    Die Hauptstadt

    Während ich dieses Buch gelesen habe, dachte ich die ganze Zeit, der Titel „Die Hauptstadt“ würde sich auf Brüssel beziehen - denn darum geht es. Doch zum Ende hin habe ich den Eindruck gewonnen, dass der Autor Robert Menasse dem Leser damit einen Denkanstoß geben wollte, um noch einmal genauer über einen Vorschlag bezüglich eines besseren, verbindenderen Europas nachzudenken.

    Inhalt:

    Den Inhalt könnte man aus zwei Gesichtspunkten wiedergeben: Zum einen geht es um ganz verschiedene Menschen, die sich nicht kennen und auch nie eine Beziehung zueinander aufbauen. Und doch haben sie alle eine stille Verbindung, die so tiefschürfend ist, dass sie das Leben und die Gedanken dieser Menschen maßgeblich bestimmt. Jede Person wird einzeln proträtiert; bekommt seine eigene Geschichte. Und jede dieser Geschichten für sich genommen ist außergewöhnlich und inspirierend.

    Zum anderen geht es um Brüssel und die Arbeit der europäischen Kommission. Ich habe viel über die politischen Strukturen gelernt, die mit viel Ironie eine traurige Wirklichkeit spiegeln. Es gibt in dem Buch reichlich Apelle für ein europäisches Miteinander, aber reell sind doch alle nur Einzelkämpfer.

    Schreibstil:

    Robert Menasse verpackt wichtige Themen mit sehr viel Ironie. Er strickt viele kleine Geschichten um ein Hauptthema, welches er immer wieder aufgreift – ein freilaufendes Schwein in Brüssel! Dabei versucht er das Herz des Lesers für ein anderes Europa zu erwärmen, als es jetzt existiert. Dabei kann man sich durchaus fragen, wie das zusammenpasst, aber es geht wunderbar! Durch die kleinen schweingegebenen Atempausen kann man sich gut auf die nächste Gefühlsachterbahn vorbereiten.

    Charaktere:

    Es gibt keinen Hauptcharakter, was mir sehr gut gefallen hat. Jeder ist mal dran, weil auch jeder eine Geschichte hat; egal, wie aufregend er sie findet. So erfährt man viel über die Menschen, das Zusammenspiel, die Vergangenheit und auch über die Zukunft, die zwischen den Zeilen prophezeit wird. Dabei ist das Gesamtspiel jedoch nicht verwirrend, denn man wird ohne Hast herangeführt.

    Fazit:

    Ich vergebe volle 5 Sterne – Die hat das Buch mehr als verdient!

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    Aliras avatar
    Aliravor 7 Monaten
    Kurzmeinung: Wie die Lobeshymnen für dieses Buch zustande kommen, ist mir ein Rätsel.
    Laaaaaaaaaaaaaaaaaaaaaaaaaaaaaaaangweilig

    Ich habe mich durch ca. 75 Seiten des E-Books gequält (normalerweise sind es nicht mehr als höchstens 30) und dachte lange, es läge an mir. Als jedoch der Referent Martin Susman  umständlich deutsche Unterwäsche für Auschwitz gekauft hat, war für mich endgültig Schluss.

    Das Leben ist zu kurz für öde Literatur

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    CocuriRubys avatar
    CocuriRubyvor 7 Monaten
    Äußerst lesenswertes Buch

    Wir haben verschiedene Akteure und damit auch verschiedene Handlungsstränge – die aber durch verschiedene Zufälle, eben doch irgendwie zusammen spielen.


    Passend zur Kulisse ist das Buch nicht gerade emotional oder überschwänglich geschrieben.

    Das zeigt sich auch an den Charakteren – die einen nicht unbedingt ans Herz wachsen (ist auch nicht gewollt), denen man aber trotzdem gerne durch die Geschichte folgt und durchaus so charakterisiert werden, dass man ein gutes Bild von ihnen erhält.

    Ich hatte aber schon den Eindruck, dass diese Figuren irgendwo zwischen realistisch und Klischee schwankten – wirklich beurteilen kann ich das aber nicht (ich kenne vor allem keine EU-Abgeordneten/Kommissionare).


    Gerade aus dem Feuilleton hörte man aber Stimmen, die sich durchaus besser in diesem Bereich auskennen und selbst durch die Hallen der EU-Gebäuden gewandert sind, dass das Bild, welches hier erzeugt wird, zumindest nicht weit von der Wahrheit sein soll.

    Ich hoffe das stimmt nicht, denn meine Güte wäre die EU eine Ansammlung von fantasielosen, unkreativen, bürokratisierten und durchlobbyierter Haufen. Kann es mir leider aber nur allzu gut vorstellen.


    Das Buch zeigt (fast etwas nebenbei) auf, wie die EU (oder Politik im allgemeinen) funktioniert und vor allem wie die Machtstrukturen verlaufen und wie die Wirtschaft bzw. das liebe Geld, die EU im Griff hat.

    Außerdem bekommt man einen Eindruck von den Hierarchien der verschiedenen Ressorts – die sich letztlich ebenfalls rein danach richtet, wie viel Budget ihnen zur Verfügung steht.


    Generell das Verhalten und Dasein von Lobbyisten, dessen Zweck man mit einem Wort zusammen fassen kann, nämlich die Religion es *Wachstums* zu etablieren. Dieses Mantra wurde doch bereits in jedem unserer Köpfe gepflanzt: Wir brauchen mehr Wachstum, klar durch Liberalisierung, also durch Regelabbau, statt gemeinsame Regeln zu schaffen, was eine wirklich Union erst ermöglichen würde – aber die Union braucht Wachstum, wir alle brauchen Wachstum – klar.


    Es erweckt fast den Eindruck einer Parallelwelt, in der die Beamten dort leben und arbeiten – mit dem normalen Leben von uns Normalsterblichen, hat das nicht viel zu tun – obwohl sie theoretisch die EU-Bürger repräsentieren sollen.

    Dann begreift man plötzlich, so manch realen Entscheidungen oder Aussagen die dort getroffen werden und warum die EU immer unsozialer wird – das sind alles Dinge, die man eigentlich vielleicht schon weiß – aber dieses Buch bieten einen diesbezüglich doch noch mal einen tieferen und anderen Einblick.


    Man könnte sagen, dieses Buch ist sehr kritisch.

    Es tauchen dementsprechend auch solche Themen wie die „Griechenlandkrise“ auf bzw. wie Griechenland von der EU finanziell niedergedrückt wird oder die Flüchtlingsthematik. Natürlich taucht auch das Burkini-Verbot auf, dass die Behörden nicht zusammenarbeiten, insbesondere die Geheimdienste nicht, Klimawandel, technischer Rückstand in den Behörden usw.


    Es wird auch deutlich, wie stark die nationalen Egoismen sind, insbesondere wenn es um das Thema Wirtschaftswachstum geht – dort wird sich immer noch eher gegenseitig ausgestochen, als gemeinschaftlich zu agieren.

    Was eigentlich die Idee der EU ist/war, nicht nur auf dem Papier eine Solidaritäts- und Wertegemeinschaft zu sein – aber von dieser Idee, sind wir in der Praxis noch Meilenweit entfernt – insbesondere auch die deutsche Politik.


    Es zeigt aber auch, was es von einem abverlangt, Europa-Politiker zu sein, unter was für einen (Leistungs-)Druck man steht (insb. als Frau), wie abgeschottet diese Politiker sind und ihr Privatleben eigentlich gleich an der Eingangstür abgeben können.


    Es werden aber auch kleine Details mit eingewoben, wie z.B. die unterschiedlichen Sprachen funktionieren. Gerade die deutsche Sprache neigt zu Neologismen (Wortneuschöpfungen). Bei dem Wort „Rettungsschirm“ für Griechenland, sind die Übersetzer anscheint ganz schön ins Schwitzen geraten.


    Was auch thematisch vorkommt – und das ist schon wieder ein Klischee an sich: Wir haben hier einen österreichischen Autor und was taucht thematisch IMMER bei einem deutschen oder österreichischen Autor auf? - richtig, der Holocaust.

    Es passt aber thematisch – denn das Buch zeigt das sterben der Erinnerung an etwas von dem geschworen wurde es niemals zu vergessen, sowohl die Schrecken von Auschwitz, als auch die Ursprungsidee der EU.

    Wir sind zum Vergessen verdammt und damit zum Wiederholen von Fehlern bzw. zu einer Unfähigkeit aus diesen langfristig was zu lernen.

    Denn nach dem Holocaust, nach Auschwitz war das Versprechen: Nie wieder! Nachdem man gesehen hat, was der Nationalismus anrichtet, hatte man geschworen: Nie wieder! Daraus ist die Idee der EU gewachsen. - Damals. Nationalismus und Rassismus erstarken bereits wieder. Mal sehen ob sich auch Auschwitz wiederholen wird – der Antisemitismus hat schließlich auch wieder Hochkonjunktur, um es so zynisch auszudrücken.


    Das Buch zeigt auch, dass es sehr wohl diese Menschen gibt, die an die Idee von Gemeinsamkeit einer Union erinnern – sie sind da, sie sind auch in Brüssel und sie setzten sich dafür ein, aber bisweilen scheitern sie am System, weil die EU (Rat, Parlament, Kommission) von Innen heraus krank. Dabei gäbe es relativ einfache Mittel, um ein europäisches Gemeinschaftsgefühl voranzutreiben, aber sie werden geblockt und im Keime erstickt.


    Man muss aber auch sagen, dass mir die Geschichte etwas geschwafelt vorkam – recht lange plätscherte die Handlung so vor sich hin, ohne, dass irgendwas nennenswertes passierte – generell ist das Buch von der reinen Handlung her weder spannend, noch unmittelbar interessant. Ewig lange, kann man auch nicht sagen, wie oder ob die Handlungsstränge zusammen hängen – was eigentlich der rote Faden des Buches sein soll.


    Die letzten ca. 70 Seiten des Buches, fand ich aber extrem stark. Allein um die Rede von Dr. Erhart zu lesen, lohnt es sich dieses Buch zu lesen.

    Allerdings finde ich, dass diese in einem Essay vielleicht besser aufgehoben gewesen wäre, ohne hunderte Seiten vorweg.


    Es ist praktisch im Fließtext geschrieben – es gibt keine wörtliche Rede, sondern nur indirekte. Viele der Handlungsstränge werden nicht zu Ende gebracht – weil sie sie schlicht nicht abgeschlossen sind.

    Weiterhin wechseln die Sichten nicht Kapitelweise, meistens nicht mal mit einem Absatz, sondern sie wechselt z.T. im Nebensatz.

    Außerdem finden sich viele unübersetzte Sätze, z.B. in französisch, englisch, polnisch oder altgriechisch.

    Allerdings blitzt tatsächlich immer mal wieder (meist trockener) Humor durch.

    Unbedingt übersichtlich ist das Buch jedoch nicht, es fordert im allgemeinen eine gewisse Aufmerksamkeit von dem Leser – das ist aber etwas was man verlangen kann und die man einem Buch generell antragen sollte.

    Ich fand, dass es sich insgesamt eigentlich gut lesen lässt.



    Fazit

    Ich fand nicht, dass dieses Buch ein sonderlich optimistisches Bild vermittelt. Es ließ mich nicht gerade mit großer Hoffnung für die EU zurück.

    Meines Erachtens untermauert es, dass die EU untergehen wird, aufgrund dessen, wie sie geführt wird und aufgrund von nationalen Egoismen, die so stark sind wie nie zuvor.


    Eigentlich ist das Buch auch ein Aufruf für die EU zu kämpfen.

    Es hinge an einem Umdenken und den Mut der ursprünglichen Idee der EU zu folgen. Genau das wird mit dieser Riege, die derzeitig in Brüssel vorherrschen, wird das nicht passieren.

    Es hinge auch an dem Bürger, die in der Masse jedoch dem Trugschluss unterliegen, dass alles so schön bleiben wird, wie es ist, ohne etwas dafür tun zu müssen – und höchstens einen kurzen Shitstorm über die Netzwerke zustande bringen, der letztlich nur den Nationalisten und Rassisten nützt.


    Na dann gute Nacht EU.

    Ein absolut lesenswertes Buch.

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    Matzbachs avatar
    Matzbachvor 8 Monaten
    Ein Buch über den gegenwärtigen Zustand der EU

    Keine klassische Rezension, eher Gedanken zum Roman:

    Eigentlich ist es ein zutiefst trauriges Buch, das Robert Menasse mit "Die Hauptstadt" geschrieben hat. Warum traurig? Ganz einfach, er beschreibt das Scheitern einer schönen Utopie. Was hatten die Menschen nach dem Zweiten Weltkrieg nicht für Hoffnungen in die Verpflichtung auf gemeinsame Werte gesetzt. Der Krieg, der Holocaust, das waren Erfahrungen, die für kommende Generationen ausgeschlossen werden sollten. Doch was wurde daraus? Menasse beschreibt in seinem vielschichtigen Roman im fiktiven Detail, wie diese großartige Idee heute in der Realität zu einer Legende geworden ist, die nur noch der Legitimation zur Durchsetzung von Wirtschaftsinteressen dient. Im Kleinkrieg der Kommissionen bleiben humanistische Ideale auf der Strecke, der Moloch EU hat seine Bürger aus den Augen verloren. Nationale Interessen verhindern große Entwürfe und bewirken letztendlich Stillstand.

    Es ist das Verdienst Menasses, seinen Lesern diesen Zustand der EU vor Augen zu führen. Es gibt genug berechtigte Kritik, doch sollten wir darum keineswegs die Europaidee den Populisten überlassen, die sie schlichtweg begraben würden. Im Gegenteil, die Konsequenz sollte ein stärkeres Engagement für Europa sein, und zwar eines, das nicht durch anonyme und nicht demokratische legitimierte Kommissionen geführt wird, sondern eines das seine Bürgern wieder in den Fokus nimmt.



      

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    Alexlauras avatar
    Alexlauravor 8 Monaten
    Die Hauptstadt

    Ein Buch über die EU und vor allem um die Menschen hinter den Behörden in Brüssel. Die Geschichte wird aus verschiedenen Perspektiven beschrieben Mitarbeiter aus der Kommission, Rentner aus Brüssel, Kommissar, Professor aus Wien, Interessenvertreter und einem Auftragsmörder.

     

    Zu Beginn hat mich das Buch etwas überfordert aufgrund der vielen Personen, Namen und Aufgaben, die einem gleichzeitig präsentiert werden. Aber nach kurzer Zeit hat sich das gelegt und ich bin in die Geschichte hineingekommen und es war für mich sehr spannend hinter die Kulissen der Behörden zu sehen und dass auch hier nur normale Menschen tätig sind, die wie alle auch ihre persönlichen Schicksale haben.

     

    Der Schreibstil ist sehr flüssig, sodass man nach der ersten Bürde (viel Personal) in das Buch hineingezogen wird und ich das Buch innerhalb kurzer Zeit gelesen haben. Trotz der fast 500 Seiten hätte ich noch gerne weitergelesen und mehr von den Personen erfahren.

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    Bücherfüllhorn-Blogs avatar
    Bücherfüllhorn-Blogvor 8 Monaten
    Kurzmeinung: Zu viele Protagonisten und offene Enden. Interessante Innenansichten zur EU-Kommission in Brüssel – Wahrheit oder Klischee`?
    Zu viele Protagonisten und offene Enden. Interessante Innenansichten zur EU-Kommission in Brüssel !

    Wenn ich jetzt, zwei Tage später darüber nachdenke, was von der Geschichte „hängen geblieben“ ist, kann ich eigentlich nur das Setting Brüssel mit der Europäischen Kommission benennen. Dieser ganze Beamtenapparat und die Bürokratie erscheinen mir hier aufgebläht bis zum geht nicht mehr. Und das weitaus schlimmere Empfinden ist, dass keine Neuerungen durchgesetzt werden können. Im Gegenteil. Im Buch wird das Beispiel der Kultur-Direktion beschrieben, ein unbeliebter Posten der kein Budget hat. So müssen Beamte die alten Projekte in ein neues Gewand hüllen. Dazu kann man sagen, außen hui und innen pfui. Kein Wunder, dass es überwiegend schlechte Kompromisse und keine wirklichen Verbesserungen gibt. Eine Weiterentwicklung der Union ist unter diesen Umständen unmöglich, wenn alle nur nationale Interessen verfolgen. 

     

    Dazu kommt, dass hier im Buch jede Nation für sich selber kämpft, jeder nur das Beste für sein Land gewinnen will. Der Grundgedanke der EU geht komplett unter. Ich weiß nicht, ob man dieses Buch gelesen haben soll oder eher denken sollte, besser hätte ich nichts davon gewusst. Oder überhaupt, wie viel davon tatsächlich den Tatsachen entspricht oder einfach nur Klischee ist. Ich meine, vorstellen dass es genauso zugeht, kann ich es mir schon.

     

    Dieses „Drumherum“ in Brüssel und der EU-Kommission wird in eine weitere Geschichte mit vielen Protagonisten verpackt. Ich fand diese stellenweise sehr unübersichtlich und auch äußerlich wie charakterlich „flach skizziert“. So richtig vorstellen konnte ich mir keine Person, aber wahrscheinlich sind die Protagonisten auch auf jegliche Beamte dort anwendbar und es braucht keine großen Unterscheidungsmerkmale oder moralische Ausstattungen für Mitläufer und Lobbyisten.

     

    Der Leser wird schon von Anfang vorgewarnt, dass die Idee zu den Feierlichkeiten des „Big Jubilee Project“ in einer Katastrophe enden werden. Ich finde, es war jetzt keine extreme Katastrophe, sondern einfach eine bürokratische Hürde, die nicht geschafft wurde. Natürlich schade um den Gedanken einer neuen Hauptstadt, den ich gar nicht sooo abwegig fand, aber dennoch kontrovers.

     

    Eine kleine Affäre und familiäre Probleme, die kurz erwähnt werden, sollten wohl die in der Inhaltsangabe „großen Gefühlen“ darstellen.

     

    Alles in allem: Was bleibt ist für mich eine einfache Innenansicht in die EU-Kommission in Brüssel, mit all ihrer Bürokratie, ihren Beamten, ihrer oft vergeblichen Wirtschaftspolitik, ihrer Nationalisten und die der faulen Kompromisse. Man mag es glauben oder auch nicht. Die Geschichte selber hat zu viele Ansätze und Verbindungen, und zu viele offene Enden.

     

    Sterne: Diesen Einblick in die EU Kommission Brüssel kann man auch verstehen, wenn man politisch null Interesse hat. Die Charaktere sind zwar alle schwach gezeichnet, austauschbar, vielleicht aber auch ganz im Sinne dieser Geschichte, wenn man an die Mitläufer-Beamten in Brüssel denkt. Dennoch vergebe ich für diesen immerhin interessanten Einblick in die Fallstricke der EU-Kommission vier von fünf Sternen. Ab es nun Fakt oder Klischee ist, muss jeder selber entscheiden

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