Die Vertreibung aus der Hölle

von Robert Menasse 
4,1 Sterne bei20 Bewertungen
Die Vertreibung aus der Hölle
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Inhaltsangabe zu "Die Vertreibung aus der Hölle"

Was ist aus uns bloß geworden? Bei einem Klassentreffen, 25 Jahre nach dem Abitur, herrscht fröhliche Selbstzufriedenheit - bis Viktor seine ehemaligen Schulkollegen mit der Nazi- Vergangenheit ihrer Lehrer konfrontiert. Es kommt zu einem Eklat, der aus dieser Nacht eine Abenteuerreise in die Geschichte macht.

Buchdetails

Aktuelle Ausgabe
ISBN:9783518460146
Sprache:Deutsch
Ausgabe:Flexibler Einband
Umfang:492 Seiten
Verlag:Suhrkamp
Erscheinungsdatum:15.05.2008

Rezensionen und Bewertungen

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    awogflis avatar
    awogflivor einem Jahr
    Guter Roman aber nicht grandios

    Der Roman von Robert Menasse beginnnt in einer grosssartigen Ausgangskonstellation: Bei einem 25-jährigen Klassentreffen konfrontiert der Schüler Viktor - mittlerweile habilitierter Historiker - seine Lehrer mit ihrer Nazivergangenheit, indem er von den jeweiligen Mitgliedern des Lehrkörpers die NSDAP Mitgliedernummern vorliest. Das das gemütliche Beisammensein natürlich auf Grund dieser Aktion beendet ist, versteht sich von selbst. Dann erzählt der Autor aber bedauerlicherweise nicht diese Geschichte, die ich sehr gerne gehört hätte,  sondern eine völlig andere. In zwei unterschiedlichen Handlungssträngen wird zuerst eine Lebensgeschichte aus Portugal und Amsterdam konzipiert, die sich als jene von Viktors Vorfahren herausstellt, und weiters wird das gesamte Leben von Viktor bis zum Klassentreffen aufgerollt.

    Dabei wird es stilistisch sehr mühsam. Der Switch zwischen den beiden Handlungssträngen ist mitunter derart abrupt, und wird auch nahezu jedesmal beim Wechsel angewandt, dass man sich als Leser oft gar nicht auskennt. Zuerst dachte ich noch an einen Fehler bzw. ein Stilmittel des Verlages, der einfach die Zeilenumbrüche nicht ausreichend zwischen Vergangenheit und Gegenwart gesetzt hat. Aber dann wurde es klar, dass dies vom Autor beabsichtigt war, denn einmal wurde die Gegenwart nur durch zwei Zeilen eingeschoben (S.86) und ein anderes Mal ging der Satz direkt ansatzlos vom Amsterdam des 17. Jahrhunderts über und wurde in der Jetztzeit beendet (S.479).
    Was das bringen und wie dieses mühsame Stilmittel den Inhalt unterstützen bzw. vorantreiben soll, ist mir komplett schleierhaft, offensichtlich dürfte es die Analogie der Lebensbiografien in der Familie demonstrieren, die aber nicht wirklich vorhanden sind. Mich hat es nur genervt, da es so sinnentleert appliziert wird.

    Ansonsten kann er ja sehr gut erzählen der Herr Menasse und präsentiert uns eine gute Geschichte vor allem von Viktors Ahnen aus Lissabon und Amsterdam im 17. Jahrhundert, aber auch das triste Wien der 60er bis 70er Jahre wird sehr punktgenau charakterisiert und seziert. Einige philosophische und reale Auseinandersetzungen in der linken Studentenszene sind auch sehr spannend zu lesen. Insbesondere die Opferung von Viktors Ruf in der Bewegung durch Renate als "Der Mann - das Schwein" schlechthin - stellvertretend für alle Männer.

    Am Ende im Finale verpufft sowohl die Geschichte des Rabbis, der irgendwie zu plötzlich stirbt um seine Probleme zu lösen, als auch jene Nazi Story Viktors mit den Lehrern, die sich als Fake,  als Finte herausstellt.

    Fazit: 3,5 Sterne aufgerundet auf 4 erstens wegen der Erzählkraft des Romans - obwohl ich perönlich eine völlig andere Geschichte vom Autor hören wollte - wegen der Leserquälung ohne Ziel, Sinn und Verstand beim Switch zwischen den Handlungssträngen und wegen des unausgegorenen Endes. Ein ganz gutes Buch - möglicherweise eines der besten des Autors - das kann ich nicht beurteilen, denn dies ist mein erster Robert Menasse. Ehrlich gesagt, gefällt mir das von seiner Schwester  Vienna wesentlich besser. (Nachtrag auch sie ist stilistisch ein bisschen eigen und übt sich in der Leserverwirrung, was ihr bei mir die 5 Sterne gekostet hat 😉).

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    dominonas avatar
    dominonavor 4 Jahren
    Paralellen

    Ein Rabbi im 17. Jahrhundert und ein junger Mann, der sich gegen Antisemitismus ausspricht, in den 70er Jahren - hier wird Ahnenforschung betrieben und das auf hohem philosophischem Niveau. Ein wenig nervig ist die erzwungene Parallelität der Biographien, bei welchen der Autor sogar ähnliche Formulierungen verwendet, sodass man sich als Leser unterfordert fühlt. Nichtsdestotrotz ist die Darstellung plastisch und interessant. Gleich mehrere geschichtliche Epochen und Empfindungen werden somit greifbar. Mir selbst war die Lehre zu offensichtlich, wenngleich das Thema Verfolgung auf vielen Ebenen angeschnitten wird und verschiedene Interpretationsansätze zulässt.

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    Matzbachs avatar
    Matzbachvor 5 Jahren
    Mein Buch des Jahres 2013

    Selten hat mich ein Roman mehr überrascht und vor allem begeistert. Eher zufällig bin ich auf dieses Buch gestoßen, als ich nach dem Roman "Vienna" von Menasses Schwester Eva gesucht habe.

    Robert Menasse verknüpft in diesem Roman auf 485 Steiten die Lebensgeschichte Viktor Abravanels (seinem alter ego?) mit der seines jüdischen Vorfahren Samuel Menasseh, einem aus Portugal stammenden  Amsterdamer Rabbi. Der Titel macht deutlich, dass die Flucht (=Vertreibung) aus dem damals zu Spanien gehörenden Portugal (= Heimat, die sich zur Hölle entwickelte) die einzige Chance des Überlebens der Marranen (zwangsgetaufter Juden und ihrer Abkömmlinge) war. Der religiöse Wahn der Inquisition erfasste selbst solche, deren Familien seit mehreren Generationen christlich waren, im Falle einer Nebenfigur selbst einen katholischen Priester. Die zweite Vertreibung bezieht sich auf Viktors Vater, der mit dem letzten Kinderzug nach Großbritannien der nationalsozialistischen Verfolgung entging. Nach seiner Rückkehr setzt der Vater alles daran, bloß nicht aufzufallen, weshalb er seinen Sohn in ein jesuitisches Internat gibt, eine Parallele zu Samuel, der nach der Inhaftierung seiner Eltern durch die Inquisition in ein solches gelangte.

    Viktors Weg durchs Internat und durch sein Studium in den frühen 70ern ist geprägt durch eine Sinnsuche, die aber letzlich erfolglos bleiben wird, weil er immer ein Außenseiter bleiben muss.

    Die beiden ineinander gewobenen Geschichten werden von Menasse mit einer beeindruckenden Sprachgewalt erzählt, wobei auch bisweilen Ironie und Sarkasmus hervorscheinen.

    Eigentlich sind mir fünf Sterne für dieses Buch zu wenig.

     

     

    Kommentare: 1
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    Pankrazs avatar
    Pankrazvor 10 Jahren
    Rezension zu "Die Vertreibung aus der Hölle" von Robert Menasse

    Ein Jahrhundertwerk! - Yes

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    Rat_Krespels avatar
    Rat_Krespelvor 10 Jahren
    Rezension zu "Die Vertreibung aus der Hölle" von Robert Menasse

    Zwei Biografien - die des historischen Rabbis Samuel Manasseh ben Israel und die des erfundenen Historikers Viktor erzählt Robert Menasse. Die Verfolgung der Juden im 17. Jahrhundert, vor allem in Spanien, die Übertritte zum Christentum und zurück, die Erziehung jüdischer Kinder in jesuitischen Internaten - der Autor breitet ein weites, bildprächtiges und zum Großteil stark erzähltes Panorama aus. Aber eine Schwachstelle hat das Buch: Die Parallelität der beiden Biografien wirkt an manchen Stellen gewollt und zu konstruiert. So wenn z.B. bei beiden die erste Frage im jesuitischen Internat lautet: "Name?". Da wäre weniger mehr gewesen. Aber ansonsten: Ein toller Roman mit vielen Beschreibungen, die einem lange nicht aus dem Kopf gehen werden - und sei es die detaillierte Beschreibung einer missglückten Beschneidung.

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