Phantome

von Robert Prosser 
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Phantome
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Mich hat das Buch auf jeden Fall berührt, es wirkt nach, vor allem wegen der Teile des Bosnienkriegs.

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Robert Prosser jagt Phantome und Momente, schreibt fast schon abgehakt, sprunghaft und schnell - nicht jedermanns Sache!

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Inhaltsangabe zu "Phantome"

Das Panorama des Jugoslawienkriegs in Phantome spiegelt die Problematik der aktuellen Flüchtlingskrise

Robert Prosser schildert intensiv ein fast vergessenes Kapitel der jüngeren Geschichte: Der Jugoslawienkrieg, der die letzte große innereuropäische Flüchtlingswelle in den 1990ern auslöste, dessen drastische Verbrechen bis heute nicht aufgearbeitet sind und weit in die Generation der Kinder der Geflüchteten nachwirken.

Anisa flüchtet 1992 aus Sarajewo nach Wien. In den beginnenden ethnischen Säuberungen hat sie ihren Vater zurückgelassen – und wird ihn nie wiedersehen. Auch von ihrem Freund Jovan, einem bosnischen Serben, der zum Militärdienst eingezogen wurde, konnte sie sich nicht verabschieden. Jahrzehnte später reist Anisas Tochter Sara auf den Spuren ihrer Mutter nach Bosnien-Herzegowina.

Buchdetails

Aktuelle Ausgabe
ISBN:9783548290874
Sprache:Deutsch
Ausgabe:Flexibler Einband
Umfang:336 Seiten
Verlag:Ullstein Taschenbuch Verlag
Erscheinungsdatum:12.10.2018

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    himbeerbelvor einem Jahr
    Leider enttäuschend

    Die Buchbeschreibung dieses Romans, der es auf die Longlist des Deutschen Buchpreises 2017 geschafft hat, verrät:
    „Robert Prosser schildert intensiv ein fast vergessenes Kapitel der jüngeren Geschichte: Der Jugoslawienkrieg, der die letzte große innereuropäische Flüchtlingswelle in den 1990ern auslöste, dessen drastische Verbrechen bis heute nicht aufgearbeitet sind und weit in die Generation der Kinder der Geflüchteten nachwirken.
    Anisa flüchtet 1992 aus Sarajewo nach Wien. In den beginnenden ethnischen Säuberungen hat sie ihren Vater zurückgelassen – und wird ihn nie wiedersehen. Auch von ihrem Freund Jovan, einem bosnischen Serben, der zum Militärdienst eingezogen wurde, konnte sie sich nicht verabschieden. Jahrzehnte später reist Anisas Tochter Sara auf den Spuren ihrer Mutter nach Bosnien-Herzegowina.“
    Dieser Text machte mich neugierig und ich versprach mir von diesem Buch einen besseren Einblick in die damaligen Geschehnisse zu bekommen – in einen Krieg, der gar nicht so weit weg von uns stattfand und von dem ich das Gefühl habe, eigentlich kaum etwas darüber zu wissen. Stattdessen führte mich das Buch im ersten Drittel in die Graffiti-Szene Wiens ein. Auch lernte ich etwas über die Sprayer-Szene Bosniens, über die der Ich-Erzähler – der Freund von Anisas Tochter Sara – bei seinem dortigen Besuch ebenso berichtet, wie über die Gedenkstätten und den heutigen Umgang mit den Greueltaten des Krieges. Der Ich-Erzähler schreibt, wie er zu sprechen scheint. Liest man den Text und stellt sich dabei einen österreichischen Akzent vor, fühlen sich Satzbau und einzelne Begrifflichkeiten stimmiger an, auch wenn sie sich für mich teilweise nicht flüssig lesen lassen. Hinzu kommen Graffiti-Ausdrücke und der wohl übliche Slang, den ich nicht mochte und der mich zudem überhaupt nicht interessierte. Das nahm mir den Lesespaß und auch mein Interesse an der Jugoslavien-Thematik reichte nicht aus, um dem Buch weiterhin unvoreingenommen zu folgen. Ein ums andere Mal überlegte ich, das Buch einfach abzubrechen – einzig die Tatsache, dass es sich dabei um ein Rezensionsexemplar handelt, bewog mich weiter zu lesen.
    Beinahe aus dem Nichts heraus endet schließlich dieses erste Buchdrittel und statt des Ich-Erzählers, folgt plötzlich eine personale Erzählweise, bei der im Wechsel die Kriegserlebnisse von Anisa und Jovan geschildert werden. Während Jovan den Krieg hautnah durchlebt, versucht Anisa als Flüchtling in Wien ihr Auskommen zu finden. Berührende und erschütternde Szenen, die so bildhaft und einfühlsam mitsamt sprachlicher Schönheit geschildert werden, dass sie beeindrucken und unter die Haut gehen. Und doch überwiegen die Passagen, die langatmig sind und sich einfach nur sperrig lesen lassen. Aber oft regt das Gelesene auch zum nachdenken an und man findet gedanklichen Anschluss bei den Flüchtlingen jüngeren Datums. Immer wieder stellte sich mir die Frage, was diese alles erleben mussten und noch müssen.
    Der letzte Teil des Buches spielt wiederum im Jahr 2015 und zeigt die Überlebenden in der Gegenwart. Nachdem ich im Anschluss die Danksagung des Autors gelesen hatte, wünschte ich mir wieder einmal, dass diese gleich zu Anfang des Buches gestanden hätte. Sie hätte mich vielleicht besser durchs Buch geführt, das sich für mich wie aus mehreren Federn geschrieben und ungelenk zusammengeführt anfühlte.

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    readingannavor einem Jahr
    Kurzmeinung: Mich hat das Buch auf jeden Fall berührt, es wirkt nach, vor allem wegen der Teile des Bosnienkriegs.
    Die Vergangenheit holt uns ein

    Das Buch Phantome hat mir sehr gut gefallen. Der erste Teil, der Monolog von einem Graffitisprayer, der im Buch keinen Namen hat, hat mich anfangs ein wenig ratlos zurückgelassen, ist aber irgendwie total witzig geschrieben. Es geht um illegales Sprayen im U-Bahn System und um die Reisen nach Bosnien, die der Ich-Erzähler mit seiner Freundin Sara unternimmt.
    Sara möchte das Heimatland ihrer Mutter kennenlernen und ihr Freund begleitet sie dabei. Letzterer entdeckt auf der Reise ins zu Beginn unbekannte Land immer mehr Spuren des vergangenen Krieges, die bis ins heutige Bosnien reichen.

    Ich wusste nicht immer, wo ich mich in der Geschichte gerade befand, was mich störte. Irgendwann war ich dann aber drinnen im Lesen. Graffiti und Hip Hop spielen im ersten Teil eine wichtige Rolle - alles Bereiche, mit denen ich nichts zu tun habe, aber die gut beschrieben sind, wie z.B. dass nur Züge malt, wer Züge richtig liebt ;-) Gerade das macht das Buch interessant, man erfährt viel von Bosnien und von Jugendkultur. Und es gibt Stellen in diesem ersten Teil des Buches, die ich erschütternd fand, etwa die Gedenkfeier zum Genozid in Srebrenica. Diese Stellen zeigen, dass in diesem Land, das eigentlich so nahe und doch so weit weg ist, der Krieg noch lang nicht vorbei ist.

    Total mitgerissen hat mich der zweite Teil, der im Vergleich zum ersten in einem klareren Ton geschrieben ist. 1992 wird die damals noch junge Anisa, eine Muslimin (und Saras Mutter), aus Bosnien vertrieben, ihr Vater gilt als verschollen. Die Handlungsstränge von Anisa und ihrem Freund Jovan (ein bosnischer Serbe) folgen recht schnell aufeinander und sie erzählen von ihren Kriegserlebnissen und ihrer Flucht. Trotz dieses Pingpongs verliert man nicht den Faden, es entwickelt sich dagegen eine interessante Geschichte. Und ein paar Cliffhanger sorgen dafür, dass sie ziemlich Spannung entwickelt. Phantome ist ein Roman, der mir viel über Bosnien enthüllt hat, und einfach eine mitreissende, oft auch traurige Erzählung.

    Der dritte Teil spielt wie der erste im Jahr 2015 und ist auch ein Ich-Monolog, diesesmal von Jovan. Er bietet eine Art von Abschluss, aber kein richtiges Ende. Ich hätte gern ein klares Ende gehabt, aber es passt gut zum Roman, dass man im Ungewissen gelassen wird.

    Mich hat das Buch auf jeden Fall berührt, es wirkt nach, vor allem wegen der Teile des Bosnienkriegs und der Flucht, die Anisa nach Österreich bringt. Ich hab zum Beispiel erstmals von Zvornik gelesen und davon, was dort damals geschehen ist, und dass ich jetzt mehr Ahnung habe, wie es ex-jugoslawischen Arbeitskollegen (oder deren Eltern) damals ergangen ist, das rechne ich dem Roman hoch an.

     

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    TinaLiestvor einem Jahr
    Kurzmeinung: Robert Prosser jagt Phantome und Momente, schreibt fast schon abgehakt, sprunghaft und schnell - nicht jedermanns Sache!
    Ein Buch zum Recherchieren, Nachdenken & Weiterlesen

    Dass ich Fan von den Büchern aus dem Hause Ullstein Fünf bin, dürfte seit diesem Blogbeitrag zum ersten Programm kein Geheimnis mehr sein. Im September und Oktober erscheinen nun die ersten Titel des zweiten Programms und einer davon war schon vor Erscheinen ein voller Erfolg: „Phantome“ von Robert Prosser hat es auf die Longlist des Deutschen Buchpreises 2017 geschafft. Für die Shortlist hat es dann nicht ganz gereicht, den Roman habe ich dennoch mit viel Vorfreude gelesen. Das Thema des Romans: der Bosnienkrieg.

    Die knapp 330 Seiten von „Phantome“ sind inhaltlich in drei Teile gegliedert: Der erste Teil spielt im Jahr 2015, der zweite und längste 1992 und der dritte dann wieder 2015.

    Der erste Teil erzählt von Sara, deren Mutter Anisa während des Bosnienkriegs nach Wien geflüchtet ist, und deren namenlosen Freund, Graffiti-Künstler und Untergrund-Gänger, aus dessen Sicht der Leser die Geschichte erfährt. Von der Wiener Graffiti-Szene geht es nach Bosnien, in die Heimat von Saras Eltern. Die beiden Jugendlichen tauchen unerwartet ein in die noch immer spürbaren Folgen des Kriegs, die Geschichten und Phantome jener Zeit und in die intensiven Gefühle rund um die Gedenkfeier zum 20. Jahrestag des Massakers von Srebrenica. Die Zeilen sind kraftvoll und schnell, zu schnell vielleicht.

    Man kommt hier leicht zu dem Schluss, dass der Autor seine eigenen Erfahrungen und die ersten Berührungspunkte mit dem Schicksal der Vertriebenen stark einfließen lässt. Robert Prosser hat für den Roman viele Interviews in Wien mit Betroffenen geführt und ist über Kontakte auch für Gespräche und intensive Eindrücke nach Bosnien gefahren. Die unsicheren ersten Schritte im Thema sind nicht nur die des Erzählers, sondern auch die von vielen Menschen in Westeuropa, die den Bosnienkrieg nicht wirklich auf dem Schirm haben. Bosnienkrieg? Jugoslawienkrige? Balkankonflikt? Bücher helfen!

    Im zweiten Teil begleitet der Leser die bosnische Anisa und den Serben Jovan, ihre ersten großen Liebe, durch die Zeit des Krieges. Räumlich sind die beiden Liebenden getrennt, emotional besteht die Verbindung fort. Episodenartig werden Anekdoten, Begegnungen und Gefühle wiedergegeben, sprunghaft in Zeit und Raum vom Krieg, der Flucht, der Entmenschlichung, dem Grauen der Schlacht und dem Ankommen berichtet. Zwei Schicksale, die exemplarisch für so viele Betroffene des Krieges stehen und die sehr intensiv geschildert werden. Man erhält als Leser den Hauch eines Eindrucks, wie die Umstände und alltäglichen Begebenheiten als Soldat im Kriegsgebiet und als Vertriebene in der Sammelunterkunft in Wien waren  – ohne, dass die Romanhandlung dabei zu kurz kommt.

    Der dritte und kürzeste Teil löst auf, was mit Jovan nach dem Krieg geschieht. Wie ging es weiter für ihn, was passierte nach den letzten Zeilen im zweiten Teil? Was geschah nach dem Töten, der Angst und dem Schrecken?

    Dennoch: Am Ende bleiben viele Fragen offen, lose Fäden werden nicht zusammengeführt, was kommt ist ungewiss. Sara und ihr Freund und auch Anisa als Mutter in den 2000ern bleiben Phantome. Prosser erzählt insgesamt sehr sprunghaft, abgehakt, springt in Zeit, Raum und Kontext. Der Fokus ging mir dabei in Teilen zu sehr verloren. Vor allem im ersten Teil tun sich durch die Graffiti-Szenen Fragen auf, die im restlichen Buch kaum eine Rolle spielen. Die Figuren blieben für mich undurchdringlich. Ähnlich ist es im dritten Teil, der noch einmal ein neues Fass aufmacht und der auch der Beginn eines ganz anderen Romans sein könnte. Ganz anders jedoch verhält es sich im zweiten Teil, bei dem ich Anisa und Jovan bestens zu kennen glaubte, die Geschichte mit angehaltenem Atem verfolgt und förmlich durch die Seiten geflogen bin.

    „Phantome“ war für mich ein nicht ganz einfaches Leseerlebnis. Auf einen schweren Einstieg folgten intensive Lesestunden, um dann mit den letzten 50 Seiten eher verwirrt zurückgelassen zu werden. Aber: Ich bin froh es gelesen zu haben, denn solche Bücher bringen Geschichte und Schicksale zurück ins Bewusstsein der Menschen. Sie eröffnen Gespräche und Diskussionen, stoßen Gedanken und weitere Nachforschungen an und auch das ist eine Eigenschaft, die ein gutes Buch ausmacht.

    Die Rezension mit Bildern und mehr gibt es auf meinem Blog Revolution, Baby, Revolution!

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    ELSHAvor einem Jahr
    Kurzmeinung: Literarisches Zeugnis eines Krieges und seiner Folgen. Leider ziemlich aktuell.
    Krieg, Flucht Menschen werden zu Phantomen

    Jugoslawien und der Krieg in Bosnien in den 90er Jahren stellen die Kulisse für Robert Prossers „Phantome“. Der erste Erzähler, ein junger Wiener Sprayer, besucht mit seiner Freundin ihre Familie im heutigen Bosnien-Herzegowina. Wir folgen seinen Betrachtungen der dortigen Jugend, die sich perspektivlos durch den Alltag müht.
    Im zweiten Teil erfahren wir von zwei Phantomen: Den Wirren des Krieges und der Flucht.
    Anisa, die nach einem Angriff auf ihr Dorf in die nächste große Stadt flieht, um zusammen mit einer Mutter und deren Sohn in einem Flüchtlingslager in einer Turnhalle in Wien zu stranden. Sie ist hin und hergerissen, ob der neuen Chancen und muss sich entscheiden zwischen Leben und Heimweh.
    Jovan ein bosnischer Serbe desertiert, wird geschnappt und dann von der Jugoslawischen Armee zurück an die Front geschickt.
    Dieser Teil des Buches spannt den Leser ein, man lernt die Phantome und ihre Situation kennen und möchte ihnen immer weiter folgen.
    Der letzte Teil des Buches - wir sind zurück im Jahr 2015 - erzählt, wie es den beiden ergangen ist. Leider wird der Leser hier etwas ratlos zurückgelassen, da viele Fragen nicht beantwortet werden.
    Insgesamt bekommt man aber einen guten Eindruck von den Kriegswirren damals, und gleichzeitig eine Vorstellung davon, wie es wohl heute in solchen Krisengebieten und Flüchtlingslagern zugeht.

    Stefanie Salmen
    Buchhändlerin C. Rauch'sche Buchhandlung

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    wandablues avatar
    wandabluevor einem Jahr
    Kurzmeinung: Bosnienkrieg. Durchaus lesenswert, wenn man noch nie vom Bürgerkriegsgräuel gelesen hat! Man bekommt mehr Verständnis für Flüchtlinge.
    Anstrengend!

    Anstrengend mit Reportagecharakter.
    Der Freund Saras, ist ein Sprayer, der Stippvisiten in den Untergrund Wiens macht, um Waggons des Öffentlichen Nahverkehrs mit seinem Logo zu „verschönern“. Man macht das wegen des Adrenalinkicks und um sich zu vergewissern, dass man existiert. Dies wird dem Sprayerjungen bewusst nach einer Reise nach Bosnien, dem Heimatland von Saras Mutter Anisa. Überall in Bosnien bemerken die beiden Spuren des Bosnischen Krieges.

    Dieser Einstieg ist die etwas zusammenhanglose Überleitung zur Rückblende zu den Flüchtlingsschicksalen von Anisa und ihrem damaligen Freund Jovan sowie anderer Menschen, die Anisa und Jovan gekannt haben. Anisa ist in einem Auffanglager in Wien, Jovan noch in Bosnien, wo er in der Armee einen Kampf kämpft, von dem er nicht weiß warum oder gegen wen er ausgeführt wird.

    Das Nachwort, das der Autor schreibt, hätte ein Vorwort sein müssen. Man muss so in etwa wissen, was einen erwartet. Er hat Feldstudien betrieben. So sind die Geschichten, die er beschreibt, zwar fiktiv, aber der Wirklichkeit nachempfunden.

    Natürlich ist jede einzelne Sentenz bedrückend und es ist Prossers Verdiest, das Geschehen des verheerenden Bürgerkriegs, das nach dem Zerfall der Jugoslawischen Republik sich ereignete, zu erzählen. Viele Romane haben sich dieser Thematik nicht angenommen.

    Doch Prosser erklärt nichts und beschreibt lediglich und erstickt den Leser mit einer Fülle an Details. Er schildert, was in jedem Bürgerkrieg passiert: Das Ausgeliefertsein an fremde Mächte und Menschen, eventuell sogar an Menschen, die gestern noch Freunde waren, die Ratlosigkeit und Angst, weil es auf die Frage nach dem „warum“ keine Antworten gibt, jedenfalls nicht im gegenwärtigen Erlebnismoment, die Demütigungen, der Tod, die Folter, der Verrat, die Liebe, die verblasst, weil der Tod überhand nimmt.

    Politische Erklärungen existieren jedoch durchaus, aber in diesem Roman, der in den Grenzen der Icherzählungen Anisas, Jovans und des unbekannten Sprayers verläuft, gibt es weder Erläuterungen zur Historie noch andere allgemeine Überlegungen, keinen Funken an Politik oder Geschichtsunterricht, so dass meine Konzentration bald nachlässt.

    Dass Bürgerkrieg schrecklich ist, egal, wo er sich ereignet, ist eine ausgemachte Tatsache. Doch Prossers „Phantome“ macht leider gar nichts, ausser ein Detail ans andere zu reihen. Der Stil des Autors mit kurzen, hackenden Sätzen ist zudem recht anstrengend und verhindert einen leichten Lesefluss, die Personenbindung ist ebenfalls nur sehr schwach ausgeprägt.

    Auf die Longlist gelangt durch die Thematik? Sicher. Nicht ganz zu Unrecht. Denn natürlich bin ich der Meinung, dass Europa diesen, in der jüngsten Vergangenheit stattgefundenen Krieg nicht vergessen darf! Trotzdem, da beißt die Maus keinen Faden ab, habe ich mich, vornehmlich durch den Stil des Autors ausgelöst, gelangweilt und meine Betroffenheit hielt sich in Grenzen. Nicht eine Sekunde hat es mich wirklich interessiert, was passiert ist und was aus den Personen geworden ist, zu sprunghaft ist die Erzählung, vom Höxken zum Stöxken, es gibt keinen historischen oder politischen Bogen, keine Perspektive, keine Ein-, keine Aussichten.

    Fazit: Die eigentlich sehr notwendige Erinnerung an den Bosnienkrieg erstickt an Detailfülle, krankt an schwacher Personenanbindung und lässt sich zudem schwer lesen.

    Kategorie: Antikriegsroman, Belletristik,
    Deutscher Buchpreis, Longlist 2017
    Verlag: Ullstein, 2017

    Kommentare: 1
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    Tupenis avatar
    Tupenivor einem Jahr
    mina0206s avatar
    mina0206vor einem Jahr

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