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Antek

vor 2 Jahren

(63)

Robert Scheer erinnert mit diesem Buch liebevoll an eine kleine und doch ganz große Frau, die ihre gesamte Familie in Konzentrationslagern verloren hat. Nur sie selbst hat es geschafft dieses grenzenlose Unrecht, dieses unvorstellbare Leid, die menschenverachtende Behandlung und die immensen körperlichen und psychischen Belastungen mehr schlecht wie recht zu überleben. Verarbeitet hat sie dies wohl in ihren 91 Lebensjahren nie, wie auch, aber sie hat sich so viel Liebe und Hoffnung im Herzen bewahrt, dass ich diese 1,50m große Frau einfach nur bewundern kann.

Robert Scheer macht mit der Biografie seiner Großmutter ein Stück Geschichte lebendig. Sie hat ihm bei einem Besuch anlässlich ihres 90.Geburtstages ihre Geschichte erzählt und der Autor gibt diese an den Leser weiter. Ich habe mich beim Lesen gefühlt, wie wenn mir diese beeindruckende Frau ihre Geschichte selbst erzählt.

Pici beginnt bei ihrer Erzählung bei ihrer Kindheit. Sie wurde am 11. März 1924 in Carei, damals rumänisch, dann ungarisch und heute ukrainisch, geboren. Sie wuchs relativ wohlbehütet in einer liebevollen Familie mit drei älteren Schwestern und einem jüngeren Bruder auf. Sie lebte in einem Viertel der Kleinstadt, in dem es kaum Juden gab. Viele Anfeindungen blieben ihr daher vielleicht in Kindertagen verborgen, aber sie spürte sehr wohl, dass Juden nicht denselben Rang hatten und nur geduldet wurden. Richtig interessant fand ich auch bei den Erzählungen aus ihren Kindheitstagen die zahlreichen Informationen zu jüdischen Bräuchen. Wie wichtig das koschere Essen war, was das für Freundschaften bedeutete, wie heilig der Sabbat für ihre gläubige Familie war, welche Riten es beim Abschied von Verstorbenen gab und zahlreiche andere Details, die ein jüdisches Leben ausmachen, sind hier zu finden.

Benachteiligungen im Kindergarten, keine Zulassung zum Gymnasium und öffentliche Anfeindungen nahmen zu. Mit dem Einmarsch der Ungarn wurden auch die Judengesetze eingeführt und das Leben wurde immer beschwerlicher. Der Vater durfte kein Holz mehr verkaufen, die Familie nagte am Hungertuch und musste sich mit Hilfsjobs über Wasser halten, Steinwerfer sorgen für eine kalte Küche und auf die Straße traute sich keiner mehr.

Darüber kann Pici erstaunlicherweise noch relativ gefasst berichten, dann merkt man jedoch immer mehr, wie ihr Wort für Wort schwer fällt. Gedächtnislücken scheinen sie beschützen zu wollen vor dem unermesslichen Leid, das im Mai 1944 mit dem Transport ins Ghetto Carei seinen Anfang nahm. Ghetto Satu Mare,  Konzentrationslager Auschwitz, das berüchtigte Außenlager Walldorf, Konzentrationslager Ravensbrück und Rechlin folgen,  bis sie 1945 im mecklenburgischen Malchow befreit wurde. Picis Bericht liefert Blitzaufnahmen, die tief berühren, betroffen machen und die völlig ohne erhobenem Zeigefinger oder Verurteilung mahnen, diese Gräueltaten nie zu vergessen.

Vertane Chancen wie die ihrer Schwester Luluka ihr vierjähriges Kind verstecken zu lassen oder ihrer Schwester Anci mit dem Freund zu flüchten, sind wohl Dinge, die einen als Überlebende nie mehr in Ruhe lassen. Bilder im Kopf davon, dass die liebevollen Eltern ohne dass ihnen jemand die Hand hält in die Gaskammer und damit ihrem Tod entgegen laufen müssen, wird man nie mehr vergessen können. Das sind Erzählungen, die mich tief berührt haben. Ich denke noch viel mehr als die menschenunwürdige Unterbringung, die schlechte Versorgung und die verabscheuenswerte Behandlung, die allein schon die Vorstellungskraft von Böse sprengt.

Im Buch gibt es zahlreiche alte Fotografien, die den Text bereichern. Im Anhang befindet sich ein Nachwort der Verlegerin, das mit zahlreichem Bildmaterial die Gedächtnislücken auffüllt und die Picis Bericht gekonnt ergänzt.

„… jetzt, zurückdenkend, gab es in meinem Leben reichlich erschütternde Momente, aber irgendwie fand ich immer einen kleinen Schutz, einen Strohhalm, womit ich aus der Grube heraussteigen konnte, um weiter zu schreiten und um zu hoffen.“ Ich bewundere den Mut dieser Frau und bin froh, dass ich ihre Geschichte kennen lernen durfte. Ich kann Pici jedem an lebendiger Geschichte interessierten Leser nur ans Herz legen.

Autor: Robert Scheer
Buch: Pici: Erinnerungen an die Ghettos Carei und Satu Mare und die Konzentrationslager Auschwitz, Walldorf und Ravensbrück

Bellis-Perennis

vor 2 Jahren

die Österreichisch-Ungarische Monarchie gab es 1924 schon lange nicht mehr. Mit dem Ende des Ersten Weltkrieges 1918 wurde die Doppelmonarchie aufgelöst.

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