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dubh

vor 2 Jahren

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Immer wenn ich zu einem Zeitzeugenbericht, einer Autobiographie oder einer Lebensgeschichte aus der Zeit des Dritten Reiches greife, bin ich froh, dass ich noch einige dieser Menschen, die all das unvorstellbare Leid erlebt haben, erleben konnte und durfte. Schon in jungen Jahren habe ich Verantwortung empfunden, mich mit diesem Thema zu beschäftigen und vor allen Dingen den Mund gegen rechte Tendenzen aufzumachen.
Robert Scheer hat den Mund aufgemacht und in eindrucksvoller Art und Weise seiner Großmutter und ihrem Leben ein Denkmal gesetzt.

Zu ihrem 90. Geburtstag reist der Autor zu seiner Oma Elisabeth Scheer, die Pici genannt wird, nach Israel. Während seines Besuchs erzählt Pici ihrem Enkel ihr Leben - von ihrer Kindheit in Rumänien, wie sich die Zustände für die jüdischen Menschen dort zusehends verschlimmerten, von ihrem Leben in zwei Ghettos und ihrer Deportation in zwei Konzentrationslager und verschiedene Außenlager. Darunter Auschwitz - das Synonym für den industriellen Massenmord der Nazis. Pici wird all das überleben - im Gegensatz zu ihren Eltern, ihren Geschwistern, ihrer kleinen Nichte und anderen Familienmitgliedern. Was Menschen in den Vernichtungslagern erleben mussten, lässt sich auch heute nicht begreifen - trotz aller Dokumentationen und einer Vielzahl an Literatur und Dokumenten. Umso verständlicher, dass Pici über ihre Erlebnisse, das Grauen und ihren enormen Verlust nicht so berichten kann, wie über ihre Kindheit mit ihren Geschwistern und dem väterlichen Holzhandel. Präziser, knapper werden die Schilderungen - angesichts der Tatsache, dass sich das Erduldete kaum in Worte fassen lässt, wirklich nicht verwunderlich.
Pici ist nicht allzu lange nachdem sie mit ihrem Enkel, einem Wahldeutschen, ihr Leben erzählt hat, gestorben. Ob sie ihre Geschichte und die ihrer Familie einmal erzählen musste? Auf jeden Fall ist sie in meinen Augen eine bewundernswert starke Frau, die Robert Scheer ein wichtiges Buch, ja, ein Zeitzeugnis ermöglicht hat. Ihre ruhige Art, ihre Erinnerungen zu schildern, haben bei mir sehr stark nachgewirkt - nicht nur angesichts dessen, wie sie das alles überleben konnte, sondern auch, weil sie ihr Leben, das mit einem solch tiefen, allgegenwärtigen Trauma beladen war, so gelebt hat. Sie ist ihren Weg gegangen, hat trotz allem Hoffnung gehabt und Liebe erlebt und schenken können. Vielleicht der allergrößte Trost - dass Menschen diese Barbarei überlebt haben und sich nicht ganz haben zerstören lassen.

Angesichts der heutigen gesellschaftlichen Entwicklungen in Deutschland und Europa ist das Buch wichtiger denn je. In Zeiten, in denen sich Teile der Gesellschaft, die sich zunehmend durch Hass, Angst und Mitleidlosigkeit leiten lassen, wieder verrennen. Nur, dass wir heute mit Gewissheit sagen können, wo so etwas enden kann...

Vielleicht sollte man noch wissen, dass es sich um keinen reinen Fließtext handelt, denn diesem Buch liegt ein Gespräch, ja, ein Interview des Enkels mit seiner Großmutter zu Grunde. Dennoch lesen sich Picis Erinnerungen sehr gut - aber sie gehen richtigerweise unter die Haut. Hinzu kommen Bilder, die gemeinsam mit der Lektüre noch einmal ganz besonders ergreifend sind.

Fazit: Ein wichtiges Buch wider dem Vergessen, das mich sehr berührt hat!

Autor: Robert Scheer
Buch: Pici: Erinnerungen an die Ghettos Carei und Satu Mare und die Konzentrationslager Auschwitz, Walldorf und Ravensbrück
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