Roberto Camurri

 4,8 Sterne bei 5 Bewertungen

Lebenslauf von Roberto Camurri

Roberto Camurri, geb. 1982, lebt und arbeitet in Parma. Sein erster Roman, A Misura d’Uomo (2018), war ein Bestseller in Italien und wurde mit dem Premio Opera Prima sowie dem Premio Procida-Elsa Morante ausgezeichnet. Der Name seiner Mutter ist sein zweiter Roman.

Quelle: Verlag / vlb

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Cover des Buches Der Name seiner Mutter (ISBN: 9783956144325)

Der Name seiner Mutter

 (5)
Erschienen am 24.02.2021

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Cover des Buches Der Name seiner Mutter (ISBN: 9783956144325)G

Rezension zu "Der Name seiner Mutter" von Roberto Camurri

Eine Mutter, deren Namen er nicht einmal kennt
Gwhynwhyfarvor 10 Monaten

«An einem Tag im Juli wird er zum Mittagessen nach Hause kommen, es wird heiß sein, der Horizont eine flüssige Linie unter einem unscharfen Himmel.»


Die Geschichte zweier Männer, die mit einer ständigen, schmerzlichen Erinnerung an eine Frau leben. Der eine ein Ehemann, der andere sein Sohn, der mit einer Leerstelle fertig werden muss – mit der seiner Mutter, deren Namen er nicht einmal kennt. Eine Vater-Sohn-Geschichte aus Italien, ein literarisches Meisterwerk. Der Roman beginnt ungewöhnlich im Futur, mit der Geburt von Pietro. Ettore erinnert sich an seine Frau, an die Geburt von Pietro, an die Zeit, wie sie sich kennenlernten, an den Urlaub, den er mit dem kleinen Pietro allein in den Bergen verbrachte, an den Tag als sie zurückkehrten und seine Frau verschwunden war. Sie kehre nie wieder zurück, teilt sie mit. Und darum wird auch nie wieder ein Wort über sie verloren. In dieser Familie hat die Namenlose nie existiert. Ettore zieht seinen Sohn allein groß. Seine Eltern sind verstorben, aber er hat ein gutes Verhältnis zu den Schwiegereltern. Aber auch hier wird Pietro kein Wort über seine Mutter hören – nirgendwo gibt es ein Foto von ihr.


Fabbrico, ein Provinznest in der Emilia-Romagna der norditalienischen Po-Ebene. Zwischen Feldern und Hügeln ist die Zeit stehengeblieben. Die Jungen sind gegangen, unfertige Häuser stehen am Weg. Roberto Camurri beschreibt ein typisches italienisches Dorfleben: Die alten Männer sitzen in der Bar an der Piazza bei einem Espresso, spielen Karten; es gibt nicht viel zu reden; und Frauen haben hier nichts zu suchen. Ehefrauen machen den Haushalt; ein traditionelles Leben – eigentlich passiert nicht viel über das sich zu reden lohnt. Ettore ist ein schweigsamer Mensch, der allein in der Werkstatt seiner Arbeit nachgeht und seinen Sohn versorgt. Kommunikation und körperliche Nähe zwischen Vater und Sohn ist dünn. Alle Kinder haben eine Mutter, stellt Pietro irgendwann fest. Die Abwesenheit, die Leerstelle, nach der Pietro sich nicht zu fragen traut, steht wie ein Puffer zwischen Vater und Sohn. Die Großeltern Livio und Ester sind sehr liebevolle Menschen. Aber auch hier die Leerstelle, aus dem Familienalbum wurde die Tochter entfernt. Das Fehlen dieser Frau, die Dialogunfähigkeit der Familie lastet auf Pietro. Es raubt ihm die Kraft, sich auf andere Menschen einzulassen, ein inneres Misstrauen begleitet das Kind, den Jugendlichen, den Mann. Was ist damals geschehen?


«Pietro hebt den Blick, als suche er nach etwas, nach jemandem, es ist, als suche er in der Vitrine der Bar, zwischen den ausgestellten Hefeteilchen, den Brötchen, den Stücken von Mangoldkuchen, den Tramezzini, als suche er zwischen den Tischbeinen, auf dem falschen Marmorfußboden, zwischen den Stühlen und Kleiderständern neben der Türe, als suche er draußen vor dem Fenster neben ihnen, es ist, als suche er und fände nichts, als er wieder seinen Großvater anschaut und nach einem letzten Blick auf das Foto, auf seine Mutter, die ihn im Arm hält, fragt, was bedeutet Hure?»


In einer Schlüsselszene wird Vater und Sohn ihr Dilemma vor Augen gehalten: Sie kaufen einen Welpen, der der Hündin entrissen wird, die an der Kette liegt. Der Hund ist ein Familienmitglied, endlich ein Thema, über das die beiden reden können. Der Junge fragt sich, ob der Schmerz, seine Mutter zu vermissen, je ein Ende haben wird. Was ist damals geschehen? In Italien hat die Mutter im Leben eines Jungen eine hohe Bedeutung. Der «mammismo»-Kult in Italien – das Prinzchen, der verzogene Mamasohn. Pietro bleibt nur ein luftleerer Raum ohne Namen. Sein Großvater zeigt ihm eines Tages ein abgewetztes Foto, das er im Portemonnaie mit sich trägt: Eine junge Frau mit einem Baby auf dem Arm: Pietro und seine Mutter. Und schon ist die Tür wieder geschlossen, das Bild wandert zurück in den Geldbeutel. Kleine Puzzleteile fließen durch Erinnerungen ein. Ettore fährt mit dem ständig hustenden Kleinkind allein in die Berge, weil es dem Jungen guttun soll. Als er zurückkommt, ist seine Frau verschwunden. Er beschreibt Wutausbrüche, Kommunikationslosigkeit, Gewalt, eine abweisende Frau. Gleich am Anfang erfahren wir von der schweren Geburt. Pietro liest im Tagebuch seiner Mutter, ein völlig gefühlloser Text, der nur Fakten aufzählt: der Tag war gut, da Pietro nur 16 Stunden geschrien hat, vermerkt sie. Eine überforderte Mutter? Was ist geschehen? Die Angst vor dem Verlassenwerden – etwas das Vater und Sohn hindert, sich auf Beziehungen einzulassen. Am Ende kommt Licht in die Geschichte, ein Hoffnungsschimmer, eine neue Generation.


«Er beobachtete, wie sich die Bärin auf den Rücken legte und der Kleine auf ihr herumkrabbelte, hüpfte und zubiss, er sah die Pfoten zappeln vor dem Himmel, der allmählich blau wurde, im Wind, der nicht nachlassen wollte, im Tosen des Wasserfalls, und sein Herz klopfte zum Zerspringen.»


Gleichzeitig beschreibt Roberto Camurri Landschaften mit allen Sinnen, die flirrende Hitze, die knochige Kälte, zarte Winde, die Maisfelder zum Wiegen bringen, die Düfte der Natur, die Farben in vorbeiziehenden Jahreszeiten. Er charakterisiert eine althergebrachte ländliche Bevölkerung, die keine Zukunft hat, nicht in dieser Form; eine Zeit, die zu stehen scheint. Er ist der Meister der langen Sätze, die sich so leicht und fließend lesen, dass dem Leser die Satzlängen nicht auffallen. Gleichzeitig ist er ein Meister der Verdichtung. Verdichtung von Szenen und Dialogen.  Ein erzählerisch starker Roman, eine Familiengeschichte, atmosphärisch dicht. Meine Empfehlung!


Roberto Camurri, geb. 1982, lebt und arbeitet in Parma. Sein erster Roman, A Misura d’Uomo (2018), war ein Bestseller in Italien und wurde mit dem Premio Opera Prima sowie dem Premio Procida-Elsa Morante ausgezeichnet. Der Name seiner Mutter ist sein zweiter Roman.

https://literaturblog-sabine-ibing.blogspot.com/p/der-name-seiner-mutter-von-roberto.html


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Cover des Buches Der Name seiner Mutter (ISBN: 9783956144325)M

Rezension zu "Der Name seiner Mutter" von Roberto Camurri

Ein sensibles Bekenntnis eines jungen Mannes
Maselivor einem Jahr

Ettore ist Vater geworden. Seine Frau hat ihm einen Sohn, Pietro, geboren. Doch das junge Familienglück währt nicht lange. Nach einigen Monaten verlässt sie Sohn und Mann und verschwindet aus ihrem Leben. So wächst Pietro bei seinem Vater in dem kleinen Ort Fabbrico in der Emilia Romagna auf. Es ist ein ruhiges stilles Zusammenleben, unterbrochen durch Aufenthalte bei den Großeltern mütterlicherseits. 

Zu einem Geburtstag bekommt Pietro von seinem Vater einen Hund geschenkt, Bricciola. 

Die Trennung des jungen Hundes von seiner Mutter bewegt Pietro sehr und das erste Mal stellt er sich die Frage, ob es bei seiner Mutter auch so war.

Dann wird Pietro groß, macht Matura und zieht in die Stadt zum Studieren. Als seine Jugendliebe zu ihm zieht und schwanger wird, erkennt er, dass Fabbrico sein zuhause ist und kehrt mit Miriam zu seinem Vater zurück. Erst am Ende des Buches wird er etwas über seine Mutter erfahren.

Meine persönlichen Eindrücke

Der Roman liest sich flüssig, ist aber bei Weitem keine einfache Lektüre. Teilweise möchte ich meinen, diese distanzierte Sprache des Erzählens, besonders in der ersten Hälfte des Buches, ist bewusst unpersönlich gehalten. Nur wenig erfahre ich von Pietros inneren Vorgängen, seinen Wünschen, Sehnsüchten oder Zweifeln. Erst im letzten Drittel öffnet Pietro seinen Panzer und lässt Gefühle an die Mutter gerichtet, erkennen. Dann merke ich, wie tief der Schmerz ist, der sich bis jetzt nicht direkt geäußert hat und vielleicht nicht mal ein Schmerz ist, sondern ein Phantom – etwas was fehlt und da sein sollte. 

Pietro weiß ja nicht, was genau fehlt. 

Es fehlt die Vorstellung der Mutter, aber was bedeutet das? Wir stellen uns immer eine ideale Mutterfigur vor – aber hätte Anna diese Rolle einnehmen können und was, wenn nicht? 

Trotz der Thematik habe ich das Buch nicht als trist oder traurig empfunden. Da ist zum einen die Zuneigung des Vaters seinem Sohn gegenüber, die mehrmals äußerst sensibel beschrieben ist. Zum anderen kann man auch Pietros Liebe zu seinem Vater zwischen den Zeilen lesen. Es gibt eine Vertrautheit, die Ruhe ausstrahlt, in all der Stille. 

Fazit

Camurris Roman „Der Name seiner Mutter“ stimmt nachdenklich, beschäftigt mich auch nachdem ich ihn gelesen habe und wird mir als sensibles Bekenntnis eines jungen Mannes, der seine Mutter vermisst, in Erinnerung bleiben. 

In den letzten Jahren hat sich ein neuer italienischer Literaturstil entwickelt. Junge Schriftsteller schreiben sehr gefühlvoll und sensibel über ihre Kindheit, ihre Jugend, ihr Verhältnis zu den Eltern und zu ihrem Umfeld. Hier möchte ich Giorgio Fontanas Roman „Tod eines glücklichen Menschen“ oder Paolo Cognettis „Acht Berge“ nennen, zwei, wie ich finde, hervorragende Romane. Camurris Roman gesellt sich dazu.

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Cover des Buches Der Name seiner Mutter (ISBN: 9783956144325)B

Rezension zu "Der Name seiner Mutter" von Roberto Camurri

Anna
Buecherschmausvor einem Jahr

Bücher über verlassene Kinder gibt es viele. Sind die Geschichten von abwesenden Vätern vielleicht etwas zahlreicher, so sind diejenigen, in denen die Mutter fehlt, oft verzweifelter. Besonders tragisch ist es meist, wenn nicht geklärt ist, warum die Eltern, der Vater oder eben die Mutter fort sind, was mit ihnen geschah, was vielleicht die Beweggründe für ihr Weggehen waren. Wenn in den Familien Schweigen herrscht. Ein solches Schweigen begleitet auch die Kindheit und Jugend des Protagonisten im neuen Roman von Roberto Camurrri, Der Name seiner Mutter.

Der Name von Pietros Mutter ist in der Familie tabu. Auch die Leser:in erfährt ihn erst im allerletzten Satz – Anna. Anna verließ das kleine Städtchen Fabricco in der Emilia-Romagna still und leise, als der Vater mit seinem kleinen Sohn einen Erholungsaufenthalt in den Bergen macht, zu dem ihm der Kinderarzt wegen der schwächlichen Konstitution des Babys geraten hat. Bereits vorher erfahren wir, dass es der Mutter wohl an der nötigen Fürsorglichkeit und Verbundenheit zum Kind gefehlt hat. Nicht jedoch, woran das gelegen haben mag. Lag es an der unnahbaren, verschlossenen Art des Vaters Ettore? Eine postnatale Depression? Ein anderer Mann? Es bleibt unerklärt. Allerdings deutet der Autor einen schwierigen reizbaren, launischen Charakter der Mutter an. Da er als auktorialer Autor auftritt, erscheint mir diese Parteiname ein wenig problematisch.

Denn dass Roberto Camurri auf der Seite von Vater und Sohn steht, ist deutlich. Und das, obwohl Ettore selbst ein eher unsympathischer Charakter ist. Die ständigen Beteuerungen seiner großen Liebe zu Anna nimmt man ihm (und damit dem Autor) nicht wirklich ab. Warum sich die Eltern der Verschwundenen bedingungslos auf Ettores Seite schlagen, mag mit dem verlassenen, sehr geliebten Enkelkind zusammenhängen, bleibt aber auch ein wenig unverständlich.

Wie überhaupt der Roman sehr vieles im Vagen, die Geschehnisse meistenteils ungeklärt lässt, in lockeren Zeitsprüngen voranschreitet. Am Ende erfährt man zumindest ein wenig über die Mutter. Diese Vagheit ist aber, im Gegensatz zur einseitigen Parteinahme des Autors, kein Manko des Romans. Die Unklarheit passt zur Stimmung des Buchs und zu der Unsicherheit und Verlassenheit des kleinen Pietro. Das Schweigen über seine Mutter, das Tabu ihrer Existenz – sämtliche Fotos und Erinnerungsstücke an sie wurde sowohl in seinem als auch im Haus der Großeltern fortgeräumt – belasten ihn sehr. Auch der Vater leidet, verschließt sich aber komplett, verdrängt die Leerstelle, wenn auch nicht sehr erfolgreich.

Pietro wird älter, entfremdet sich seinem Vater, geht fort und gründet mit seiner Kindheitsfreundin Miriam eine eigene Familie, kehrt zurück und nähert sich unter Schwierigkeiten seinem Vater wieder an. Er ist aber als erwachsener Mann auch kein Sympathieträger, so betrügt er beispielsweise seine gerade niedergekommene Frau mit einer Jugendliebschaft, während sie noch im Krankenhaus liegt. Die Art der männlichen Protagonisten und die stets männliche Sicht schmälern die Freude am Buch.

Aber es gibt auch viel Positives zu sagen. Sprachlich ist das Buch hervorragend. Dicht, drängend erfasst es sehr gut die Trauer, die in der Familie herrscht, beschreibt ihren langsamen Zerfall, aber auch den Zusammenhalt. Wie andere italienische Autorenkolleg:innen, beispielsweise Davide Longo,  wählt Robert Camurri in Der Name seiner Mutter eine dörfliche, leicht archaische Welt, in der er seinen Roman ansiedelt. Für die fehlende Mutterliebe schafft er mehrmals Bilder aus der Natur, beispielsweise beim Beobachten einer Bärin mit ihrem Jungen oder einer Hündin, der ihr Welpe weggenommen wird. Das ist vielleicht ein wenig plakativ, aber sehr stimmungsvoll. Überhaupt sind Sprache und entwickelte Stimmung das, was diesen schmalen Roman trotz der inhaltlichen Vorbehalte dann doch lesenswert machen.

 

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