"Kann man einen Brief in Form eines Buches schreiben, um eine Lust zu erklären, nämlich die Lust des Lesens?"
Ein Vater schreibt seinem Sohn einen Brief über die Liebe zur Literatur. Nicht die Liebe zum Lesen unzähliger Seiten, sondern zum Mysterium, zur Kraft, die in den Büchern steckt; er schreibt über die schiere Lust am Enträtseln und Verschlüsseln der Welt durch die Feinheiten der Erzähl- und Dichtkunst. Dieses Buch soll zeigen und zeigt es überdeutlich: Literatur ist nicht weltfremd, sie ist das Freilegen der Zentren, von denen das Leben zu uns fließt, in denen die Welt entsteht und die Übertragung der Ambivalenzen und Mehrdeutigkeiten in Reinschrift.
Anhand von vier Werken, Stevensons "Die Schatzinsel", J. D. Salingers "Fänger im Roggen", Gedichten von T.S. Eliot und Thomas Bernhards "Der Untergeher", bewegt sich Cotroneo durch verschiedene Erweckungserlebnisse und Kosmen, die die Literatur erreichen und abbilden, aufzeigen kann. Zu Salingers wunderbarem Roman schreibt er zum Beispiel:
"aber am Ende werden wir begreifen, dass dieses Buch nicht bloß die Geschichte eines Jungen ist, der gegen alle Regeln verstoßen will, sondern mehr: sondern die Geschichte eines Jungen, der, auf seine ironische Art, verloren in einer Welt voller Roggenfelder lebt, nahe an einem Abgrund, wo es jedoch nur wenige Fänger gibt. Es ist ein Buch über einen Heranwachsenden, der verzweifelt nach Großzügigkeit sucht, und es ist eine Streitschrift gegen den Egoismus, gegen eine unerträgliche Welt des Mittelmaßes, aufgemöbelt mit Großtuerei, mit einer Rhetorik, die dazu dient, Armseligkeiten aller Art zu bemänteln."
Cotroneo geht in die Tiefe und versteigt sich doch nicht; das Buch ist keine literaturwissenschaftliche, sondern eine homme de lettres-Schrift. "Wenn ein Kind an einem Sommermorgen" ist, ganz schlicht und einfach, ein großartiges Buch über die Reichhaltigkeit der Literatur, über das, was uns an ihr wirklich bewegen kann, worüber wir nur bei ihr Kenntnis erhalten können. Eine fesselnde und erweiternde Lektüre und eines der wenigen Bücher, die ich wahrscheinlich selbst in Phasen tiefster Verzweiflung oder Sinnlosigkeit lesen könnte; ein Rückzugsort wie es "Salzwasser" von Carles Simic oder "Per Anhalter durch die Galaxis" von Douglas Adams sind.
Nun bin ich auch jemand, der zugegebenermaßen an derselben Verehrung für die Literatur leidet wie Cotroneo und auch regelmäßig an ihr genese. Ja, auch bin überzeugt davon,
"dass die Literatur, der Traum, von dem wir in diesem Buch sprechen werden, nicht nur ein intellektuelles Spiel ist, sondern das einzige Mittel, die Welt zu verstehen, das einzige, sie durch die Brille der Mehrdeutigkeit zu sehen, die heute außer Gebrauch gekommen ist."
Roberto Cotroneo
Lebenslauf
Quelle: Verlag / vlb
Alle Bücher von Roberto Cotroneo
Diese Liebe
Wenn ein Kind an einem Sommermorgen
Die verlorene Partitur
Frag mich, wer die Beatles sind
Das vollkommene Alter: Roman
Neue Rezensionen zu Roberto Cotroneo
Es ist eigentlich schade um dieses Buch, um diesen Schriftsteller, denn Roberto Cotroneo kann toll formulieren und wunderbar beschreiben, aber diese Geschichte ist nichts. Diese Liebe, ja welche? Warum hängt sie immer noch so an ihrem Mann? Was war so einzigartig so anderst? Warum lässt sie nicht zu weiter zu leben und blockiert sich immer selbst? Trauer ist absolut nachvollziehbar und verständlich, aber es gibt Grenzen und leider ist es in dieser GEschichte nicht nachvollziehbar, denn der Autro lässt offen warum sie so handelt.
Abgebrochen auf Seite 70.
Ein Mann lehrt an einer winzigen Schule in einem Dorf auf Sizilien (S.) und ist fasziniert von seiner einzigen Schülerin, der fünfzehnjährigen Nunzia. Sie und ihre ältere Schwester Francesca kennt er bereits länger. Sie sind die Töchter seines (verstorbenen) Professors in Tübingen.
Mich konnte das Buch einfach nicht fesseln. Der Ich-Erzähler schweift ständig ab, wechselt in verschiedene Vergangenheiten (seine eigene Kindheit/Jugend/Studium, die Geschichte seines Vaters/Großvaters/Schwester/Francesca/ihres Gärtners), so dass ich keinen Bezug zur Gegenwart aufbauen kann. Dazu kommen so viele Namen und Personen, die hin und wieder erwähnt werden, dass ich mir ein Personenregister gewünscht hätte. Auch die Bedeutung von Francesca für ihn wurde mir in den gelesenen Kapiteln nicht klar. Die Bibeltexte (Hohelied) scheint mir willkürlich häufig wiederholt.
So sehr mich das Thema interessiert, fehlt mir der rote Faden in der Geschichte, ein eindeutiger Handlungsstrang. Auch wird mir nicht klar, in welcher Zeit die Geschichte spielt bzw. die jeweiligen Vergangenheitsszenen; wohl nach einem Krieg. Aber wie lange und nach welchem Krieg? Und wie alt sind die Protagonist*innen überhaupt?
Fazit: Sicher großartige Literatur, aber nicht für mich. Meine Deutsch-Lehrerin hätte ihre Freude daran (es mich interpretieren zu lassen). Sätze wie „Nur ein voreiliger Gedanke hätte mich zu der Behauptung veranlassen können, Nunzia und Francesca hätten absolut nichts mit diesem Haus und dieser Atmosphäre zu tun.“ verknoten mir das Gehirn.













