Rodrigo Hasbún

 3.1 Sterne bei 14 Bewertungen
Autor von Die Affekte und Affections.

Lebenslauf von Rodrigo Hasbún

Rodrigo Hasbún ist 1981 in Bolivien geboren und Autor mehrerer Kurzgeschichten und Romane. Das Magazin „Granta“ kührte ihn 2010 zu einem der zwanzig besten spanischsprachigen Autoren unter 35. Zwei seiner Geschichten wurden verfilmt, wobei er am Drehbuch beteiligt war. Sein zweiter Roman „Die Affekte“, der 2017 erschien, ist sein erstes Werk, das ins Deutsche übertragen wurde.

Alle Bücher von Rodrigo Hasbún

Rodrigo HasbúnDie Affekte
Bei diesen Partnern bestellen
Amazon
Die Affekte
Die Affekte
 (13)
Erschienen am 07.08.2017
Rodrigo HasbúnAffections
Bei diesen Partnern bestellen
Amazon
Affections
Affections
 (1)
Erschienen am 12.09.2017

Neue Rezensionen zu Rodrigo Hasbún

Neu
Betsys avatar

Rezension zu "Die Affekte" von Rodrigo Hasbún

Der Mittelteil einer Familiengeschichte
Betsyvor 3 Monaten

"Die Affekte“ gibt Einblicke in die Geschichte der Auswandererfamilie Ertl, bestehend aus dem Multitalent Hans Ertl, Bergsteiger, Kameramann, Regisseur und Kriegsberichterstatter, der während der Nazizeit Propagandafilme drehte und sich mit seiner Familie, bestehend aus seiner Frau und den Töchtern Monika, Heidi und Trixi, ein neues Leben in Bolivien aufbaut, wie viele andere zur Zeit der Entnazifizierung auch. Während er in Bolivien zahlreiche Expeditionen macht und seine Frau und Kinder immer wieder längere Zeit alleine lässt, finden sich diese unterschiedlich gut in der neuen Heimat zurecht. Wir erfahren so einiges über die Familienverhältnisse und wie sich diese im Laufe der Jahre verändern. Jede der Töchter geht ihren eigenen Weg und die Beziehung zueinander geht immer mehr in die Brüche. Jedem Mitglied der Familie Ertl scheint das Glück nur für kurze Zeit vergönnt zu sein, wenn überhaupt, was bei Monika schließlich dazu führt, dass sie Mitglied der linksrevolutionären Guerillaorganisation ELN (Ejército de Liberación Nacional=Nationale Befreiungsarmee) wird und wie ihr Vater zu recht zwiespältiger Berühmtheit gelangt.    

Der Autor nimmt gleich zu Beginn vorweg, dass die Erzählung zwar von der Familie Ertl und historischen Ereignissen inspiriert, aber durchaus ein Werk der Fiktion ist. Dabei ist es schwer zu sagen, wer sich hier leichter mit der Geschichte tut, derjenige dem die Familie ein Begriff ist oder aber derjenige der zuvor kein Wissen über die Ertls hat. Für den Leser mit etwas Hintergrundwissen ist es vielleicht leichter sich anfänglich in der Geschichte zurechtzufinden, besonders was die politischen Verhältnisse von damals anbelangt und auch wer Hans Ertl ist, denn vieles wird nur sehr subtil im Text erwähnt. Es kann aber in beiden Fällen am Ende, also für diejenigen die gerne ihr Wissen über die Familie vertiefen wollen und für die anderen, die gerne Bücher mit realem Bezug lesen und etwas dazulernen möchten, zu Enttäuschungen führen, da das Ganze weder ein Nachwort oder sonstige zusätzliche Informationen enthält, wie etwa eine Zeittafel oder ein Personenregister, die das Ganze schön abrunden würden und den Leser über die echten Fakten aufklärt, wie man es sich bei so einer Geschichte mit historischem Bezug eigentlich wünschen würde. Dies hat der Autor wohl mit seiner Ankündigung geschickt umgangen, da er damit gar nicht erst den Anspruch auf eine reale Geschichte erhebt.

Generell finde ich den Originalklappentext des Buches leicht irreführend, da er meines Erachtens nach doch eine ganz andere Geschichte verspricht als es tatsächlich der Fall ist und im Nachhinein auch etwas reißerisch und übertrieben anmutet, weshalb bei so manchem Leser am Ende die Enttäuschung überwiegt, zumal das Hardcover für die recht kurze Geschichte einen durchaus stolzen Preis hat.

Die Geschichte ist episodenhaft aufgebaut und wird aus verschiedenen Sichtweisen erzählt, was einerseits gut ist, weil man so ein besseres Bild von den einzelnen Familienmitgliedern und ihrem Leben bekommt, aber teilweise auch recht abrupt wechselt und man sich erneut erst wieder zurechtfinden muss. Der Autor erählt das Ganze recht trocken und unaufgeregt, weshalb es zwar nicht weniger intensiv ist, aber auch weit davon entfernt den Leser emotional mitzureißen. Man bekommt ein sehr anschauliches Bild von der Familiendynamik und den einzelnen Charakteren präsentiert, allen voran ist hier Hans Ertl selbst durchaus der Dreh- und Angelpunkt, der seines dazu beiträgt, wie sich die Familienverhältnisse gestalten, ohne es selbst wirklich wahrzunehmen und damit auch den Grundstein für so machne Entwicklung im Leben seiner Töchter legt, wenn es um Liebe, Beruf und Familie geht. In späterer Folge erfährt man durch Monikas Werdegang auch immer mehr von der politischen Lage Lateinamerikas, in der auch Che Guevara nicht fehlt, und es zu Revolutionen und Rebellenkämpfen kommt. Zwar steht wie gesagt nicht nur Monikas Lebensweg alleine im Fokus, sondern auch der vom Rest der Familie, doch das es mit ihr etwas besonderes aucfsich hat, ist von Anfang an klar, da es immer wieder unheilvolle Andeutungen gibt und sie eine ganz eigene Präsenz in der Geschichte hat.

Am Ende bleibt der Leser hier allerdings mehr als nur etwas perplex und unbefriedigt zurück, da es irgendwie mittendrin aufhört und sich der Sinn der letzten Szene nicht wirklich erschließt. Man fühlt sich ein wenig betrogen, da die versprochene Geschichte der Monika Ertl hier nicht zum Abschluss gebracht wird und man sich am Ende wirklich fragt, wozu das Ganze eigentlich gut war, denn so außergewöhnlich ist der Stil des Autors dann auch wieder nicht. Letztendlich bleibt einem nur die Eigenrecherche im Internet übrig, um zu erfahren wie es damals mit Monika weiterging bzw. was aus ihrem Vater wurde. Die Wahrheit ist deshalb leider, dass, wenn man das Buch nicht gelesen hat, man auch nicht großartig viel verpasst hat, denn am Ende fühlt es sich so an als hätte man nur den Mittelteil einer Erzählung gelesen, wo der Anfang und das Ende herausgeschnitten wurde.

Fazit: Obwohl der episodenhafte Stil durchaus punkten kann und es zwar wenig emotional, aber durchaus intensiv ist, dauert es etwas um in die Geschichte hineinzufinden, da es durchaus ein wenig anspruchsvoll ist mit den Wechseln in der Handlung zurechtzukommen und sich anfänglich ein Bild von allem zu machen. Jedoch kann ich am Ende des Buches mit der Geschichte insgesamt doch recht wenig anfangen, da sie für meinen Geschmack doch zu komprimiert ausfällt und damit teilweise leider nur an der Oberfläche kratzt, auch wenn man eine durchaus vielschichtige Familiengeschichte zu lesen bekommt. Besonders gegen Ende, wo man wirklich gespannt darauf ist wie es weiter geht, wird man als Leser quasi in der Luft hängen gelassen und bleibt sowohl ratlos als auch enttäuscht zurück. Wer sich für die Familie Ertl, insbesondere Monika, interessiert, ist hier insgesamt wohl doch besser mit einer Eigenrecherche bedient, da dieses Buch nur eine Mischung einzelner Momentaufnahmen ist, die zwar sehr schön die Entwicklungen der einzelnen Familienmitglieder aufzeigt, mit Schwerpunkt auf Monika, aber ein echter Abschluss fehlt und nichts zu den echten Fakten beisteuert.


Kommentare: 1
35
Teilen
jackdecks avatar

Rezension zu "Die Affekte" von Rodrigo Hasbún

Affekte
jackdeckvor 5 Monaten

Der 1908 in München geborene Hans Ertl machte sich als Bergsteiger in den 1930er-Jahren einen Namen. Als Kameramann wirkte er später bei den Filmen von Arnold Fanck mit, bei der Olympia 1936 war er der Hauptkameramann in Leni Riefenstahls Filmen „Fest der Völker“ und „Fest der Schönheit“. Anfang der 1950er-Jahre wanderte Hans Ertl mit seiner Familie nach Bolivien aus. Dort radikalisierte sich seine Tochter Monika und wurde Mitglied der bolivianischen Untergrundbewegung. Der Autor Rodrigo Hasbún hat die historisch verbürgten Fakten nun in seinem Roman „Die Affekte“ literarisch verarbeitet. Der Autor erzählt die Geschichte der Familie Ertl in kurzen Abschnitten auf gerade einmal 140 Seiten. Die verschiedenen Erzählperspektiven verdichten sich erst am Ende zum Gesamtbild einer Familientragödie. Die fragmentarische Erzählweise von Rodrigo Hasbún erfordert Konzentration. Der hochdramatische Stoff ist in Teilen zu radikal verknappt. Der Autor aus Bolivien beherrscht seinen Stoff und hat sein Figurenensemble kompetent arrangiert. Nur ist weniger eben doch nicht immer mehr.

Kommentieren0
7
Teilen
J

Rezension zu "Die Affekte" von Rodrigo Hasbún

In gravierender Weise unzulänglich
jamal_tuschickvor einem Jahr

Jede politische Auseinandersetzung ist nicht zuletzt ein Kampf um Bilder. Die überlegene Ästhetik zeigt die überlegene Technik an.

Hans Ertl (1908 - 2000) trat als Alpinist und Kameramann hervor. Er drehte für Luis Trenker und Leni Riefenstahl. Riefenstahls entfesselte Ästhetik wurde von Ertl miterfunden. 1953 wanderte er mit seiner Familie nach Bolivien aus. Er ließ sich zuerst in La Paz nieder. Ertl führte ein abenteuerliches Leben und starb hochbetagt als eremitischer, mit der Welt hadernder Viehzüchter in der Gegend von Concepción, ursprünglich einer jesuitischen Reduktion.

Wer regelte 1971 in Hamburg den Verkehr für Monika Ertl, als sie Roberto Quintanilla Pereira mit drei Kopfschüssen zu den Toten beförderte? Sie nahm gekonnt Rache. Ihr Vater hatte in Bolivien eine Kunstschützin und Herrenreiterin aus ihr gemacht. Monika konnte auch Golf, sie pendelte zwischen Camouflage und Robe. Die Hinrichtung quittierte eine von Pereira befohlene postume Entwürdigung Che Guevaras und die Ermordung des Guevara-Nachfolgers Inti Peredo, der Monika zum bewaffneten Kampf bekehrt hatte.

Rodrigo Hasbún erzählt die Geschichte von Ertls Tochter Monika (1937 – 1973). Der bolivianische Autor lässt Personen aus dem engsten Kreis um Monika fiktiv aussagen. Die älteste von vier Geschwistern sollte nach dem Willen des Vaters als Stammhalter zur Welt kommen. Der Vater prägte das Mädchen. Er formte es athletisch. Monika begleitete Ertl auf Filmexpeditionen. Sie gefiel ihm als Schützin und Reiterin. Sie zeigte sich unerschrocken gegenüber tödlichen Reptilien. Sie verkehrte in einer „Ersatzfamilie“ und erfüllte auch da die Erwartungen, in einer Darstellung der Traumschwiegertochter. Der in gravierender Weise unzulängliche Gatte hielt Monika zu einem konventionellen Gesellschaftsleben an.

Der Rest ist Geschichte. Monika verliebte sich in Inti Peredo und wurde zur Protagonistin im lateinamerikanischen Befreiungskampf. Die Erscheinung der von einem kraftgenialen Vater zur Tat erzogenen Kombattantin verriet ihre Entschlossenheit nicht. Die engagierte Zeitgenossenschaft fand ihren Höhepunkt im Attentat auf einen bolivianischen Geheimdienstoffizier, der in Hamburg den Diplomaten gab. In der Planungspipeline blieb die Entführung des unbehelligt in Bolivien lebenden Klaus Barbie; gemeinsam mit Régis Debray wollte Monika Ertl den „Schlächter von Lyon“ einem Prozess zuführen.

Hasbún führt den Leser auf Schleichwegen zu der historischen Dimension einer Geschichte, die sich ihm widersetzt. Seine Erfindungen sind zu blass, um der vulkanischen Biografie Farben zu geben. Der Autor bleibt vor der Tür seiner Erzählung wie ein Ausgeladener stehen.

Monika Ertl verlor sich angeblich in den Labyrinthen der Konspiration. Sie, so suggeriert es Hasbún, tötete ihre Erinnerungen, ohne den Preis dafür zu begreifen. 1973 starb sie verraten im bolivianischen Straßenkampf.

Kommentieren0
0
Teilen

Gespräche aus der Community

Neu

Starte mit "Neu" die erste Leserunde, Buchverlosung oder das erste Thema.

Zusätzliche Informationen

Rodrigo Hasbún wurde am 01. Januar 1981 in Cochabamba (Bolivien) geboren.

Community-Statistik

in 19 Bibliotheken

auf 1 Wunschlisten

Was ist LovelyBooks?

Über Bücher redet man gerne, empfiehlt sie seinen Freunden und Bekannten oder kritisiert sie, wenn sie einem nicht gefallen haben. LovelyBooks ist der Ort im Internet, an dem all das möglich ist - die Heimat für Buchliebhaber und Lesebegeisterte. Schön, dass du hier bist!

Mehr Infos

Buchliebe für dein Mailpostfach

Hol dir mehr von LovelyBooks