Roger Peyrefitte Herzbube

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  • Als Dekadenz noch Stil hatte

    Herzbube

    TheSaint

    10. July 2016 um 19:41

    1964 während der Verfilmung seines Romans "Heimliche Freundschaften" (1944 erschienen) lernte der damals 57jährige Autor den damals 13jährigen Alain-Philippe Malagnac, der als Statist in dem Film mitwirkte, kennen und verliebte sich in ihn. Über zwanzig Jahre sollte diese Liebesbeziehung halten, bis der junge Mann vor dem Finanzamt aus Frankreich flüchten musste und 1979 die Gay-Ikone Amanda Lear in den Vereinigten Staaten heiratete.Der authentische Roman "Herzbube" berichtet von einer dramatischen und turbulenten Zeit nach einem Selbstmordversuchs Alain-Philippe's, der hier im Roman unter dem Namen "Astolphe" figuriert wird.Man muss wissen, dass sowohl der Autor wie auch sein jugendlicher Lover aus wohlhabenden Familien stammten, denn sonst würde man während des Lesens ungläubig und kopfschüttelnd die Geschichte verfolgen, in der ein Mittzwanziger zwei Rolls-Royce als seine gewöhnlichen Transportmittel in Paris sein eigen nennt und wo Peyrefitte wie sein Lover mit Millionen an französischen Francs jonglieren und prassen...Der große Schwachpunkt dieses Romans, der als wunderbare Ergänzung zum Roman "Heimliche Freundschaften" und zur Verfilmung (sehr atmosphärisch mit exquisiten Darstellern. Auch 52 Jahre nach dem Entstehen sehr intensiv und sehenswert!) dient, liegt in dem Wiederkäuen der finanziellen Probleme, in die Peyrefitte nach dem erfolglosen Selbstmordversuch Astolphe's gestürzt wird. Der junge Mann war ein Hans-Dampf-in-allen-Gassen: Er betrieb Nachtclubs, besaß Villa und Wohnungen und produzierte Theaterstücke und die großartige Sylvie Vartan... Er hatte wie sein väterlicher Liebhaber (später adoptierte Peyrefitte ihn sogar!) keinerlei realen Bezug zu Geld und als Mitte der 70er Jahre plötzlich viele Wechsel und Kredite fällig wurden, sah er sich nicht mehr anders aus als sich mit Schlaftabletten voll zu pumpen...Und so wird nach einer sehr atmosphärischen und authentischen Schilderung der Pariser haute société und deren Mechanismen das Lesen bald mühsam, wenn nur noch von den Versuchen erzählt wird, den gewaltigen Schulden durch Zwangsverkäufe wertvoller Bücher, Münzen und antiker Plastiken Herr zu werden. Umgerechnet 1,5 Millionen Euro musste Peyrefitte in den Monaten nach dem "Unfall" aufbringen, um die schweren finanziellen Fesseln seines jugendlichen Lovers abzuwerfen!Schulden schienen damals wie heute en vogue gewesen zu sein - nur konnte man diese allein aufgrund seines Titels oder seiner gesellschaftlichen Stellung leichter prolongieren und jonglieren. Die Bankdirektoren solcher Bankhäuser wie das der Familie Rothschild kamen persönlich bei Peyrefitte zu Hause vorbei, um Konditionen der Rückzahlung zu verhandeln... Man genoss in Paris hohes Ansehen, wenn man ein zweistelliges Autokennzeichen oder eine niedrige Telefonnummer besaß!Urlaube genoss man in Italien oder Griechenland und man fuhr zur Erholung in die Schweizer Alpen...  Schöne gute alte Zeit!Das "alte Geld" hatte immer schon Eleganz und Stil - in jenen Tagen noch mehr als heute. Wenn man dieses Buch liest, dann schaut man lächelnd und mitleidig auf die heutigen Millionäre, die von natürlichem und klassensicheren Umgang mit ihrem Vermögen keinerlei Ahnung haben...Nervend und für mich auch nicht nachvollziehbar die "blinde Liebe" des Autors zu seinem Freund. Im Zuge all der sich auftuenden finanziellen Abgründe erfährt Peyrefitte auch von den Unterschriftenfälschungen auf Wechseln und der Verpfändung seiner eigenen Wohnung durch Astolphe... Er vergibt dem jugendlichen Leichtsinn alles. Das muss wohl "wahre Liebe" sein...Beide sterben im Jahr 2000... wie im "Selbstmord-Pakt" zu Beginn ihrer großen Liebe vereinbart.Peyrefitte an Parkinson im November, Malagnac d'Argens de Villele im Dezember an einer Rauchgasvergiftung.Ein tolles Sittenbild der 1970er Jahre.

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