Dieses Buch mit seinem wunderbaren Cover, von Benjamin Schmidt gestaltet, ist einfach großartig. Genau wie seinen Vorgänger 'Die Zukunft stirbt zuerst' gibt es auch hier keinen Punkt am Ende eines Satzes, sondern ein Komma. Nur manchmal beim vorletzten Satz eines Kapitels gibt's als Ausnahme einen Punkt und auch Fragezeichen werden ganz normal benutzt. Nur, dass der Satz der dann folgt nicht mit einem Großbuchstaben anfängt. Anders als beim ersten Band kam ich dieses Mal unglaublich schnell mit diesem Schreibstil klar. Man fliegt förmlich durch die Gedanken der Protagonisten und erlebt hautnah, was sie alles durchmachen.
‚Die Revolution der toten Zukunft‘ behandelt unglaublich viel verschiedene Themen. Sowohl den Kampf frei leben zu können, als auch sexuellen Missbrauch, psychische Störungen, Feminismus, Kapitalismuskritik, das Leben als Transgender und einfach klar zu kommen in einer Gesellschaft, wo man ständig zu spuren bekommen, dass man eigentlich nicht erwünscht sei, so wie man ist, werden anhand der unterschiedlichsten Protagonisten ausgearbeitet. Jeder Kapitelüberschrift besteht aus den Namen von den Menschen, die darin eine Rolle spielen. Manchmal sind es ganz viele, manchmal handelt es sich nur um eine Person. Wir lernen Hausbesetzer kennen, Punks, Autonome, aber auch Rechte. Einige haben dieselbe Ziele, sind aber trotzdem hoffnungslos zerstritten.
Eigentlich haben mir die meisten Personen sehr gut gefallen. Man bekommt einen tiefen Einblick in ihre Gedanken und versteht so ihr Handeln besser, was aber nicht heißt, dass ich mit allem einverstanden war. Oft habe ich den Kopf geschüttelt, was aber natürlich sehr einfach ist, wenn man von außen, als Leser, die Situation erlebt und nicht mittendrin ist, wie die Protagonisten. Malena zum Beispiel mochte ich sehr. Sie ist unglaublich kämpferisch, hat viel durchgemacht und reagiert deswegen aber auch manchmal sehr extrem. Ich war froh, dass sie noch so viele andere Menschen um sich herum hatte. Menschen die sie zwar verstehen, aber auch ausbremsen, weil sie nicht möchten, dass sie zu weit geht und es dann im Nachhinein bereut.
Die Geschichte von Ophelia gefiel mir auch sehr gut. Sie will einfach nur sich selbst sein, ist aber irgendwie noch auf der Suche, was das denn genau für sie bedeutet. Dazu kommen die vielen Vorurteile und Anfeindungen. Andererseits ist auch sie kein Engel, was ihr aber auch selbst bewusst ist. Sie teilt ihre Wohnung mit Rodney, den ich super sympathisch fand. Er versucht seinen Weg im Leben zu finden, zur selben Zeit scheint ihm nicht viel an gesellschaftlichen Zwänge und Erwartungen gelegen zu sein. Er lebt einfach sein Leben, geht auch Konzerte und ist trotzdem ein tragischer Figur in dem Sinne, dass er immer wieder Pech in der Liebe hat.
Man merkt schon, dass in diesem Buch unglaublich viele Personen eine Rolle spiele und irgendwie begegnen sie sich im Buch früher oder später die meisten mal. Sei es aus der Ferne, sei es ganz nah. Alle hier zu besprechen, würde einerseits den Rahmen sprengen, andererseits schon zu viel von dem Inhalt verraten. Auf jeden Fall haben mich die Geschichten von Daniel, der aus sehr spezifischen Gründen gerne Dichter werden möchte, dabei aber sich selbst verliert und von Magdalena, die eigentlich ein ganz normales Leben als Studentin in Berlin führt, dann aber in einen unerwarteten Thriller landet sehr mitgenommen.
Insgesamt ein rasanter, gut geschriebener Roman über das alternative Leben in Berlin um 1989. Es war sehr schön einen tieferen Einblick in die persönlichen Leben und Gedanken so viel verschiedene Menschen zu bekommen, während im Hintergrund unglaublich wichtige historische Ereignisse stattfinden, die wirklich alle betreffen. Das fulminante Ende enthält noch einige sehr fiese Überraschungen und hat mich fassungslos zurückgelassen. Auf jeden Fall würde es mich interessieren, wie es dann meisten der Protagonisten etwa zehn Jahre nach diesem Buch gehen würde. Ob sie ihre Ideale treu geblieben sind, ob sie sich an einem bürgerlichen Leben angepasst haben und, ob sie überhaupt noch am Leben sind.
Meiner Meinung nach ein absolut lesenswertes, tiefgründiges Buch. Großartig!



