Rolf Silber Das Leben tobt

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Inhaltsangabe zu „Das Leben tobt“ von Rolf Silber

Das Auto irritierte sie. Nicht das Auto, in dem sie saß, obwohl es genügend Gründe enthielt, die ihr zu denken gaben, wenn sie sich ein wenig Nachdenken gestatten würde. Aber dieser schwarze Leichenwagen, der da zehn Metern neben ihnen stand. Was macht ein schwarzer Leichenwagen um sechs Uhr früh auf einem Touristenparkplatz über dem Rheintal? Naja gut, dachte sie, die Frage könnte natürlich auch lauten: Was mache ich hier? Vom Fahrersitz her hörte sie trockenes Husten, und Gert reichte ihr den frisch angerauchten Joint mit diesem dreckigen Grinsen, das Frauen, wenn sie drauf standen, tierisch aufregend finden konnten. Vera begann eben gerade, es für unglaublich bescheuert zu halten, hoffte aber, der Joint würde ihr über diese kleine Klippe hinweghelfen. Bedröhnt hatte sie schon mit unangenehmeren Zeitgenossen gevögelt, dann allerdings aus Versehen. Vielleicht war es deshalb diesmal anders, weil sie es sich vorgenommen hatte, weil es ein bewußter Entschluß war. Aber nun: das schwarze Auto. Ihren Begleiter schien der Leichenwagen da drüben nicht im geringsten zu stören, eher machte ihn die Anwesenheit eines solchen Fahrzeuges kräftig an. Hier oben eine kurze Nummer schieben, während nebenan dieser rollende Sarg parkte, das schien genau nach seinem Geschmack zu sein. Er begann nun, ihr am Ohr herumzulutschen, wozu er erotisierend brummte und unschön röchelte. Eine Hand schob sich flink wie ein Wiesel unter ihr Hemd, wo sie auf Jagd nach ihren Brüsten ging. Vera hielt immer noch den Joint in der Hand und hatte plötzlich das sehr deutliche Gefühl, daß sie im falschen Film war. Sie war wirklich drauf und dran, eine öde Autonummer mit dem Juniorchef von »Fotoblitz - Bilder in nullkommanix für nullkommanix« zu schieben. Mit jenem Juniorchef, von dem sie noch heute nachmittag auf dem Betriebsausflug sehr überzeugend behauptet hatte, er sei ein lauwarm geformter Furz. War es das wert? So gut war der Job bei Fotoblitz nicht, und so gut war der bekiffte Gert schon gar nicht. Außerdem trug er diese protzige Pilotenuhr mit Metallarmband. Ein metallisch kühles, tickendes Schweizer Präzisionsinstrument auf der Haut zu spüren, erweckte bei Vera merkwürdige Assoziationen an ihren letzten Besuch beim Gynäkologen. Und dann fiel ihr Blick noch einmal rüber zu dem düsteren, schwarzen Kombi. Was macht dieses verfluchte Auto hier, früh um sechs? Holt es jemanden ab, bringt es jemanden her? Befanden sie sich auf einem Parkplatz, der zu einem Friedhof gehörte? Der zaghafte Anflug eines romantischen Gefühls, den sie bis hierher erfolgreich erzwungen hatte, entflatterte nun endgültig in das blaßblaue Licht des Morgens, wie eine verspätete Fledermaus, die aufgeregt den Weg zurück in die Wohnhöhle sucht. Gerts Zunge glitschte ihr nun ins Ohr, er schnaufte noch heftiger als zuvor und fing an, Sachen zu murmeln, die er von einem seiner Lieblingsvideos hatte. Er fand das wohl enorm erotisch. Vera hielt immer noch den Joint wie eine Osterkerze vor sich. Draußen machte die Natur eine kurze Atempause, um sich für den Beginn der Tagesvorstellung zu sammeln. Drüben in dem Auto erkannte Vera die Umrisse eines Mannes, schemenhaft ein blasses Gesicht, und wenn sie sich nicht ganz täuschte, schaute es geradewegs zu ihr herüber. Hier sitze ich also, dachte Vera, hab einen Joint in der Hand, obwohl ich Kiffen nicht vertrage, wenn ich vorher Alkohol getrunken habe. Ein Mann, von dem ich definitiv weiß, daß er ein Arschloch ist, selbst wenn er keine Sauereien aus Fickfilmen nuschelt, sabbert mich gerade voll und versucht, meine Brustwarzen freizulegen, während da drüben Graf Dracula in seiner Kutsche sitzt und vielleicht darüber nachdenkt, ob er sich noch schnell bei uns einen Softdrink abzapfen soll, bevor er sich zum Schlafen in seinen Sarg legt. So schön kann das Leben nur dann sein, Vera Schipanski, wenn es ganz genau das Deine ist.

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