Ron Winkler

 4.1 Sterne bei 10 Bewertungen
Autor von Schneegedichte, Fragmentierte Gewässer und weiteren Büchern.

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Schneegedichte

Schneegedichte

 (4)
Erschienen am 01.09.2011
Fragmentierte Gewässer

Fragmentierte Gewässer

 (3)
Erschienen am 01.02.2007
Venedig

Venedig

 (1)
Erschienen am 10.03.2015
vereinzelt Passanten

vereinzelt Passanten

 (1)
Erschienen am 01.04.2004
Frenetische Stille

Frenetische Stille

 (1)
Erschienen am 09.03.2010
Silbersteinbriefe

Silbersteinbriefe

 (0)
Erschienen am 31.05.2018
Die Schönheit ein deutliches Rauschen

Die Schönheit ein deutliches Rauschen

 (0)
Erschienen am 15.06.2010
Prachtvolle Mitternacht

Prachtvolle Mitternacht

 (0)
Erschienen am 07.08.2013

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Rezension zu "Fragmentierte Gewässer" von Ron Winkler

Rezension zu "Fragmentierte Gewässer" von Ron Winkler
Chantvor 11 Jahren

Der vorliegende Gedichtband umfasst 52 Gedichte, gegliedert in 4 Abschnitte (Osmosegeräusche, Sonntage in eiliger Nacktheit, Dance Fiction, Halbdaten), ein Kindheitsgedicht (meine kleine Farm Kindheit) vorangestellt.

Der Titel "Fragmentierte Gewässer" steht fast programmatisch über dem Gedichtband:
"Gewässer" sind die sich ständig im Flux befindenden Sinneseindrücke einer nicht fassbaren Außenwelt, die durch Sprache "fragmentiert", das heißt geordnet, kategorisiert, abgespeichert werden.
Die Zusammenstellung dieser beiden Wörter ist paradox, beinahe ein Oxymoron. Es öffnet sich dem Leser die Assoziation von der Fassbarmachung von Unfassbarem, dessen Output nur ein vergröbertes/verzerrtes Abbild darstellen kann, ohne dem eigentlichen Phänomen gerecht werden zu können.

Im ersten Abschnitt, Osmosegeräusche, prallen Natur und Kultur/Bewusstsein/wertendes Subjekt zusammen: "Bojen markieren die Wellen als Jamben." "Die Dinge stehen in Wettbewerb. zwei Strandkiefern ringen um die ästhetischste Neigung." (diagnostischer Seeaufenthalt). "je länger man schaut, desto schaumiger wird es. aber das lässt sich so schlecht beweisen wie die Verwandtschaft von See-Anemonen und Animositäten."
Die konstituierende Kraft der bewussteten, kulturell geprägten Wahrnehmung wird übersteigert, so dass letztlich die Illusion des "Außen" völlig verschwindet, obwohl dem entgegengesetzt die Kultur bereits in der Natur zu schwingen scheint "in manchen Glockenblumen schwingen Kirchenversuche" (Ländliche Elegie)

Daraus entsteht ein spielerischer, oft humorvoller Clash von Wortfeldern, die bisher verschiedenen Kategorien angehört hatten. Gelassen gerechtfertigt durch sprachtheoretische Konzepte stehen dann schwarzweise Kühe wie Farbfehler auf einer Wiese. "Alles entspricht nahezu seiner Lesart." (Provinz á la Trance)

"die Erinnerung strickt mir einen Schal in den Kopf.
sein Stoff liegt in einer Ecke, als sei sie erkältet.

doch das Bewusstsein hört am schlechtesten
zu, sein Ohr ist der Monitor aus tausend Zeichen.

schnell hat er mich telesomatisch gemacht. zu
einem Schwalbenartigen
mit von sich selbst abweichender Flugbahn.

doch gibt es meist Hinterausgänge: Neurosen und diese Sprache
im Blue-Box Verfahren... für eine Welt als Wille
und Wolke.
[...]
Kalkscheune, sage ich. vollgestopft
mit mir, meiner Widerlegung. jenem magischen Atavismus."
(Höhentraining, Hundsgeschichte)

Dieser magische Atavismus ist es, der Ron Winklers Lyrik von purer Landschafts- und Erfahrungsbeschreibung abhebt. Das lyrische Ich ist hier mehr oder eben doch noch etwas anderes als die Ablagerungen seiner Vergangenheit. Selbst auf die Gefahr hin, dass das nur ein romantischer Rückfall/Trugschluss sein könnte.

Der nächste Abschnitt, Hasen, eine andere Staatsform, sind Reisegedichte, erweitert um ein "Du" und von überwältigender Sprachtiefe (Gizeh, mon amour, Atlas der Stiche, beide bereits in mehrere Sprachen übersetzt).

In "Dance Fiction" begegnen vermehrt Begriffe aus der Wissenschaft: Tabulatorfunktion, spezifisches Ungleichgewicht, Hydrogenität, Photonenbündel (Surrounding Schnee). Sie sind die neuen Metaphern, mit der die Welt gedeutet wird. Durch sie verändert sich unsere Wahrnehmung (unsere Welt).

"Als Wind aufkam, spürten wir den Rückzug des Urknalls. Wir brauchen hier ab, nur die Sprache ging weiter." (Equadorie)

Fazit:

Wenn man Ron Winkler liest, hat man das Gefühl, durch Erkenntnistümpel zu waten. Mein weiß nicht immer genau, was sie enthalten, aber wenn man sich Zeit nimmt, offen ist, kann man vieles entdecken. Wie bei 12-Ton-Musik erlangen die neuartigen Metaphern bei mehrmaligem Hören eine eigenartige Schönheit, fast eine Verfremdung der Schönheit selbst. Sie lassen auch oft Schmunzeln über die Enge und Lächerlichkeit mancher unserer Wertkriterien, die wir an die Dinge herantragen.
Winklers Sprache hat die seltsame Eigenart, sich selbst zu entblößen und auf ihr Skelett zu verweisen. Man beginnt dadurch zu ahnen, dass der eigentliche "Sinn"/"Notwendigkeit" des Ganzen nicht in den Worten selbst liegt, sondern dazwischen... durch das Aufeinanderprallen von Worten wie Puzzlesteinen, die nicht zueinander passen wollen, entsteht ein Bruch, der einen Spalt öffnet zum Unsagbaren, das die Brüchigkeit unserer Weltanschauung insgesamt spürbar macht.

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