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Neue Rezensionen zu Rory Stewart

Wie Politik gemacht wird

Rory Stewart, in unseren Breiten wahrscheinlich nicht so bekannt, war rund zehn Jahre als Konservativer in der britischen Politik, ehe er aufgrund seiner Aussagen zu Brexit (er war für das von Theresa May ausgehandelte Abkommen mit der EU) per SMS aus der Partei ausgeschlossen wurde. 

Zuerst war er als Hinterbänkler für den Wahlbezirk Penrith and The Border im Parlament, dann in verschiedenen Regierungsfunktionen, in denen er in kurzen Zeitabständen von einem Ressort zum nächsten berufen wurde, so etwa von Umweltagenden inklusive Katastrophenschutz zu Gefängnissen und Gerichtswesen, dann Internationale Entwicklung etc. Er mauserte sich zu einem bekannten Politiker, der es sich schließlich sogar zutraute, gegen Boris Johnson um den Parteivorsitz zu rittern. Er scheiterte nicht nur daran, dass die konservative Partei immer populistischer wurde und gerade Johnson immer irrealere Versprechen abgab, wie er das Vereinigte Königreich verlustlos aus der EU herausführen würde, sondern auch deswegen, weil er bei einer Fernsehdebatte den kameratechnisch ungünstigsten Platz zugewiesen bekommen hatte, wo er, wenn er seine Mitbewerber (alle männlich) direkt ansprach, der Kamera und damit den Fernsehzuschauer:innen den Rücken zudrehen musste und somit ein denkbar schlechtes Bild abgab.

Rory Stewart schildert ehrlich und auch mit viel Selbstkritik, wie Politik in einer der ältesten Demokratien der Welt funktioniert. Er musste lernen, dass es oft nicht um die Sache geht, sondern um Seilschaften oder simpel um den richtigen Augenblick für ein Gespräch mit dem Premierminister (David Cameron)/der Premierministerin (Theresa May), damit er Ideen überhaupt zur Debatte bringen, geschweige denn in Gesetze gießen konnte. Sein hemdsärmeliger Ansatz, der etwa ins operative Geschäft von Gefängnisverwaltungen eingriff, stieß selten auf Gegenliebe, obwohl seine Vorschläge durchaus sinnvoll waren. 

Im Gegensatz zu vielen seiner Regierungskolleginnen und -kollegen hatte er zudem gerade im Bereich Entwicklungshilfe viel Erfahrung vor Ort gesammelt. So etwa verließ er lange vor seinem Einstieg in die Politik den diplomatischen Dienst, um eine zweijährige Wanderung durch Afghanistan, Iran, Pakistan, Indien und Nepal zu unternehmen und so Land und Leute besser kennenzulernen. Er spricht zahlreiche Sprachen, lebte mehrere Jahre in Kabul, wo er im Rahmen einer Stiftung half, die Wasser- und Elektrizitätsversorgung wiederherzustellen, Schulen und Krankenhäuser zu errichten und die Finanzen zu regeln. Er wusste aber auch, wie schlecht es um die Moral der angeblich so erfolgreich von der internationalen Gemeinschaft aufgebauten afghanischen Polizei und Armee stand. Doch David Cameron war, als er Afghanistan besuchte, nicht an den wahren Gegebenheiten, sondern nur an positiven Meldungen interessiert: Steuergeld für einen guten Zweck, nicht für ein von vornherein zum Scheitern verurteiltes Projekt war Camerons „Make-believe“-Zugang.

Rory Stewart gibt anhand seiner Berührungspunkte mit der Politik noch viele Beispiele dafür, warum selbst bei gutem politischen Willen viele Vorhaben nicht umgesetzt werden (können). Es ist ein ehrliches Buch, das uns Politik zeigt, wie sie wirklich ist, und deshalb lesenswert, auch wenn die britischen Verhältnisse mit ihrem Mehrheitswahlrecht nicht 1:1 auf das politische System in Deutschland oder Österreich umgesetzt werden können.

Wer sich abseits dieses Buches für Rory Stewart interessiert, hat weitere Bücher aus seiner Hand zur Auswahl sowie einen Podcast - The Rest is Politics -, den er äußerst erfolgreich gemeinsam mit dem ehemaligen Labour-Vordenker Alastair Campbell seit 2022 gestaltet. 


Cover des Buches Soweit die Knie tragen (ISBN: 9783492254229)
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Rezension zu "Soweit die Knie tragen" von Rory Stewart

Karin_Kehrer
1000 Kilometer durch Afghanistan

Tausend Kilometer zu Fuß wandert der Historiker Rory Stewart durch Afghanistan, auf den Spuren des ersten Großmoguls von Indien. Er bricht unmittelbar nach dem Sturz der Taliban auf – ein lebensgefährliches Unternehmen in jeder Hinsicht. Denn er macht – genau wie sein historisches Vorbild – die Reise im Winter. Begleitet von einem zahnlosen Kampfhund lernt er die einzigartige Landschaft und ein von Krieg und Unruhen geprägtes Land kennen.

Der 1973 geborene Historiker und Journalist Rory Stewart legte bereits mehr als 10.000 Kilometer zu Fuß zurück und lernte den Iran, Pakistan, Indien, Nepal und schließlich Afghanistan auf intensive Weise kennen.
Der Leser darf ihn auf diesem gewagten Abenteuer begleiten, aber leider sprang bei mir der Funke nur teilweise über. 
Zwar schildert der Autor politische Verhältnisse, Geschichte und Landschaft sehr treffend und lässt auch teilhaben an den mehr oder wenigen gefährlichen und skurrilen Begegnungen mit den Menschen. Aber über ihn selbst erfährt man wenig. Seine Motivation, diese Reise überhaupt zu machen, bleibt unklar, er schleppt sich – so scheint es – mehr oder weniger apathisch von Dorf zu Dorf, erzählt über diverse Krankheiten, die ihn heimsuchen und über die zum Teil fürchterlichen hygienischen Bedingungen, denen er ausgesetzt ist. 
Nur ab und zu fließt so etwas wie Bewunderung für die archaische Landschaft ein, meist bleibt es aber bei bloßen Beschreibungen. 
Schade, mit etwas mehr Gefühl wäre dies ein toller Bericht geworden!


Cover des Buches Soweit die Knie tragen (ISBN: 9783492254229)
P

Rezension zu "Soweit die Knie tragen" von Rory Stewart

pfudel
Abenteuerbericht vs. Literatur

Zwischen Taliban, Landminen und Durchfall, muss der Autor vor allem mit Machtspielchen hochnäsiger Militärangehöriger und Warlords, marodierenden Kinderbanden und zornigen Hundemeuten kämpfen. Dennoch zeigt uns Stewart ein Afghanistan fernab von Kriegen, Anschlägen und Entführungen. Überrascht über den Besucher aus einer anderen Welt und sein Vorhaben, wird Stewart beinahe immer gastfreundschaftlich von der Bevölkerung aufgenommen. Großzügig werden die wenigen vorhandenen Lebensmittel mit dem Gast aus Schottland geteilt. Sein gut fundiertes Wissen über Afghanistan und ausreichende Persischkenntnisse helfen Stewart nicht nur in der Sozialisierung, sondern auch brenzlige Situationen zu meistern. 

Wer von diesem Buch einen Abenteuerbericht erwartet, wird vermutlich enttäuscht sein. Rory Stewarts Fußmarsch durch Afghanistan ist eine Ansammlung von geschichtlich fundierten Erläuterungen zur Kultur dieses zerrüttelten Landes. Authentisch, intelligent, informativ, ehrlich und aus anthropologischer Sicht sehr interessant. Eine ordentliche Portion aus Mut, Kraft, Wille und Glück lassen den jungen Mann schließlich sein Ziel - Kabul - erreichen, wo er später eine NGO zur Erhaltung des kulturellen Erbes Afghanistans gründet.

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