Rosa Liksom Abteil Nr. 6

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Inhaltsangabe zu „Abteil Nr. 6“ von Rosa Liksom

Mit Wodka, Knoblauch und einem Ex-Knacki durch die Weiten Sibiriens
Draußen vor dem Zugfenster ziehen die unendlichen Weiten Sibiriens vorbei, drinnen im Abteil Nr. 6 ist es beklemmend eng. Die finnische Archäologiestudentin sitzt nur eine Armeslänge entfernt von einem mit allen schmutzigen Wassern gewaschenen Russen, und aus der erhofften beschaulichen Fahrt mit der Transsibirischen Eisenbahn wird ein Höllentrip. Eine Woche, in der sie notgedrungen schweigt, denn er reißt vulgäre Witze und erzählt von Vergewaltigungen, Schlägereien und dem Mord, für den er im Gefängnis saß. Je mehr Wodka er trinkt, desto krasser werden die Geschichten, denen die junge Frau ausgeliefert ist. Und doch entwickelt er echte Fürsorge für seine Mitreisende, teilt mit ihr Salzgurken, Zwiebeln und Schwarzbrot – bis er ihr das Wertvollste schenkt, das er besitzt: das Messer, mit dem er einen Menschen erstochen hat. Rosa Liksom erzählt in diesem Kammerspiel die Geschichte einer schonungslosen Freundschaft – ein preisgekrönter Roman, der wie russische Spezialitäten das Süße, Saure und Salzige kombiniert.

amüsant, aber der Zuggefährte mit seiner brachialen Art ist doch etwas gewöhnungsbedürftig...

— Buecherrausch

Monströse Männer, stille Frauen und eine zerfallende Sowjetunion. Sprachgewaltig und obszön.

— tinderness

Ein durch und durch ungewöhnlicher Roman zwischen Poesie und Gosse.

— miss_mesmerized

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    Abteil Nr. 6

    tinderness

    Der Mann an die junge Frau: „Drum sage ich Ihnen direkt, liebe Reisegefährtin, dass Sie mich wenigstens einmal ranlassen sollten. Davon nutzt du dich untenrum nicht ab.“ Die typisch russische Familie, erzählt mir meine Dolmetscherin unlängst bitter, bestehe aus Großmutter, Mutter und Kinder. Das politisch motivierte Gerede der Putinanhänger von der heilen Familie habe sie satt. Am selben Nachmittag beginne ich das Buch der finnischen Autorin Rosa Liksom und lese es in einem Zug zu Ende. Und ich weiß mit einem Male ganz konkret, was mit den knappen Worten meiner Begleiterin in Moskau gemeint war. Nach dieser kurzen Vorbemerkung zum eigentlichen Roman. Eine junge Finnin, die in Russland studiert, begibt sich auf eine Reise mit der Transsibirischen Eisenbahn von Moskau nach Ulan Bator in der Mongolei. Ihren Namen erfahren wir nicht, sie wird von der Erzählerin immer als „die junge Frau“ bezeichnet. Die Reise führt durch die desolate Sowjetunion der 80er Jahre, gemeinsam mit einem Albtraum von Menschen, im Roman schlichtweg „der Mann“ genannt. Unfreiwillig teilt sie mit ihm das Schlafwagenabteil, alle ihre Versuche, der grotesk-grauenhaften Situation einer gemeinsamen Reise zu entkommen, scheitern. „Die junge Frau hatte nur einen einzigen Gedanken. Sie hasste diesen Mann.“ Das Buch ist nichts für die zart besaiteten Seelen unter uns, die sich von einem Roman wohlgesetzte Worte in ernsthafter Manier und moralisch ziseliertem Ende erwarten. Oft empfindet man die von der Erzählerin gewählten Sprache wie einen Schlag ins Gesicht. Die Monologe des ewig betrunkenen Mannes an ihrer Seite sind durchsetzt mit schlimmen Zoten, monströsen Rassismen und verbalen Übergriffen, denen die junge Frau nur beständigen und stillen Widerstand entgegenzusetzen hat. Die Tage im Zug scheinen nicht zu vergehen und gestalten sich zu einem Lehrstück über die hässliche und menschenverachtende Seite der ehemaligen Sowjetunion. Zerfall und Gewalt lauert an jeder Ecke all der sibirischen Städte, die die Reisenden auf der gemeinsamen Reise durchmessen. Mit dem Kunstgriff der Übertreibung, der Zuspitzung und Wiederholung gelingt es der Erzählerin jedoch, dem zotenhafte der Sprache und Monströsen der Schilderung eine literarische Wende zu geben. Manchmal, wenn auch selten blitzen im Tier von Mann auch menschliche Züge auf und die Machtverhältnisse zwischen den beiden Reisenden kehren sich um: der überlegten Frau steht ein tragischer aber gewaltbereiter Narr gegenüber. Manchmal habe ich das Gefühl, es handelt sich um einen Schelmenroman, dann wieder um eine Parodie auf die „Westklischees“ über die UdSSR. Oder ist das alles eine Reflexion über die Unfähigkeit der Männer, gewalt- und alkoholfrei leben und lieben zu können? Ich bin mir unsicher geworden und schon habe ich den Angelhaken geschluckt, den die Autorin für mich ausgelegt hat. Ich bin gefangen im Rausch der Worte und des Unheils und verliebe mich in die wirre und verwirrende Beziehung, die sich zwischen beiden aufzubauen beginnt. Seltsam blass bleibt „die junge Frau“, von der wir nur ihre Erinnerungen an den Grund ihrer Reise erfahren, die wir aber selbst nie sprechen hören dürfen. Die Rede gehört allein dem Mann, seine Beobachtung steht im Zentrum, an seinen absurden Gedanken müssen wir teilhaben, wieder und wieder. Das macht uns nervös, misstrauisch und manchmal auch aggressiv. Wie kann man/frau sich nur soviel aggressives Männergewäsch antun wollen? Doch das Buch kann fesseln und ein wenig fühle ich mich an den Duktus Elfriede Jellineks erinnert, die durch die Wucht und Brutalität ihrer Sprache die eigentliche Handlung in den Hintergrund treten lässt. Den hinterfotzigen Humor von Rosa Liksom besitzt sie jedoch nicht. Rosa Liksom ist ja in Finnland und international nicht nur durch ihre Literatur bekannt geworden. Sie ist Bildende Künstlerin, die im letzten Jahr durch ihre Ausstellung Burka Projekt große Aufmerksamkeit erregt hat. Sie verpflanzt dabei Burka tragende Frauen in die Schneelandschaften Finnlands und erreicht damit eine Verfremdung unserer herkömmlichen Klischees zu diesem Thema. Ein ähnlicher Verfremdungseffekt gelingt ihr mit dem vorliegenden Buch, indem sie die Frauenperspektive aus dem eines frauenverachteten Narren erzählen läßt. Das mag nicht jedem gefallen und die Irritation mag ihrerseits wieder Aggressivität auslösen. "Was, diesen Roman hat eine Frau geschrieben?", wird sich so manche/r fragen und empört die Nase rümpfen. So durchmessen wir Sibirien mit seiner vorüberziehenden Natur, den devastierten Städten und seinen vom poststalinistischen System deformierten Menschen. Da finden wir nichts von der sogenannten Russischen Seele und die Weite und Kälte der Landschaft verschluckt jedwedes Sentiment. Der Traum von der Reise mit der Transsibirischen Eisenbahn ist ausgeträumt, nur der Alkohol und die Perversion männlicher Sexualität bleiben, um sich abgesichts der grotesken Realität betäuben zu können. Am Ziel angekommen, wird der Traum der jungen Frau wahr, in einem absurden, melodramatischen Finale zu dem "der Mann" und ein heroinsüchtiger lokaler Fahrer entscheidend beitragen. Beruhigt kann sie nun nach Moskau zurückkehren. Diese Reise möchte man nicht nochmals durchmachen wollen, aber dieses Buch empfehlen, das kann man ohne Zaudern. Offenlegung: Diese Rezension wurde weder von einer anderen Person in Auftrag gegeben, noch liegt ihr die Überlassung eines kostenfreien Lesexemplars zugrunde. Sie ist im besten Sinne freiwillig und allein vom Interesse am gegenständlichen Buch und von der Freude am Schreiben getragen.

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  • Rosa Likson - Abteil Nr. 6

    Abteil Nr. 6

    miss_mesmerized

    23. March 2015 um 19:00

    Eine Zugfahrt von Moskau nach Ulan Bator in der Mongolei. Eine junge Finnin muss sich das Abteil mit einem älteren Mann teilen. Schon von der ersten Sekunde an ist sie von ihm angewidert. Seine derben Witze, sein grober Ausdruck und noch viel mehr seine frauenverachtenden Anmachen. Doch ein Wechsel in ein anderes Abteil ist nicht möglich und so sind sie mit einander gefangen, während draußen die Weiten der Sowjetunion vorbeiziehen. Sie erzählen sich ihr Leben, teilen ihr Schicksal, gehen gemeinsam aus, wenn der Zug mal wieder eine Zwangspause in Sibirien einlegen muss. Kommen sich näher – nehmen wieder Abstand. Beobachten das Land draußen und die Enge drinnen. Erzählen von ihrem Leben und den Enttäuschungen. Kein leichtes Buch, sondern das ganze Ausmaß menschlichen Lebens, vor allem die negativen und schweren Seiten, in ein Abteil gepackt. Die Schicksalsgemeinschaft der zwei so verschiedenen Figuren, die namenlos bleiben, die sich ineinander spiegeln und gleichzeitig angezogen und abgestoßen werden. Auch die Sprache spielt dieses Spiel – zwischen Poesie und niedrigster Gosse changiert sie locker dahin. Für mich das Spannendste die detailreichen Beschreibungen der Orte und Landschaft, aber auch die kleinen Zwischentöne über das Leben in der Sowjetunion, die Situation der Ausländer und der Frauen. Dass die Autorin das Land kennt und genau studiert hat, geht aus jeder Zeile des Romans hervor und nicht umsonst wurde er mit dem Finlandia Preis ausgezeichnet. Ein alles andere als alltäglicher Roman.

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  • Wodka im Zug

    Abteil Nr. 6

    MitAussicht

    30. July 2013 um 12:14

    "Abteil Nr. 6" ist ein Kammerspiel mit Unterbrechungen und der Monolog eines rüpelhaften, gewalttätigen Mannes. Und obwohl dieser Mann auf den ersten Blick so abstoßend erscheint kann man anfangen, ihn zu mögen. Mit jedem Kilometer, den der Zug zurücklegt, kommt hinter der Maske aus Prahlerei ein Charakter hervor, den man dort nicht erwartet. Unverblümt spricht er aus, was er von seinem Staat hält, von den Frauen, vom Leben, vom Alkohol. Je betrunkener er wird, desto offener wird sein Monolog und nicht nur einmal möchte man mit der jungen Frau zusammen das Abteil verlassen. Denn alles, was geschieht, erfährt man aus dem Blickwinkel dieser jungen Frau, die niemals einen Namen bekommt. Es ist ihre subjektive Wahrnehmung, die wir teilen und auch ihre Erinnerungen, die offengelegt werden. Auf dieser zweiten Ebene wird die Geschichte der Beziehungen der jungen Frau zu ihrem Freund Mitka und seiner Mutter Irina erzählt, die überhaupt erst den Anlass zu dieser Reise bilden. Rosa Liksom gelingt es, mit wenigen Worten sehr viel zu erzählen. Oft sind es nur Andeutungen, Details, die in Gestalt von Ellipsen daherkommen, die vom Leben in der Sowjetunion erzählen. Vor allem ihre Beschreibungen der Landschaften und der vorbeiziehenden Städte sind enorm lebendig und so trostlos sie manchmal erscheinen, lassen sie doch eine Reisesehnsucht aufkommen, der man folgen möchte. "Abteil Nr. 6" zu lesen, ist, als ob man in diesem Zug säße und die Landschaften fliegen vorbei und alles was davon bleibt, sind kleine Eindrücke, die sich am Ende zu einem großen Bild zusammensetzen lassen. Die Erzählung ist so dicht, dass es eine Weile braucht, bis man dieses große Bild vom Leben in der Sowjetunion der 1980er Jahre zusammengesetzt hat.

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  • Ungleiche Reisegefährten auf engem Raum

    Abteil Nr. 6

    Gospelsinger

    23. March 2013 um 19:10

    Es ist März, der Frühling lässt auf sich warten, draußen liegt Schnee, ein schneidend kalter Ostwind fegt durch Berlin. Da draußen fühlt es sich fast wie in Sibirien an. Das ist der perfekte Moment, um dieses Buch zu lesen, in dem eine junge finnische Frau in Moskau die Transsibirische Eisenbahn besteigt, um quer durch die winterliche Sowjetunion zu fahren, weil sie im mongolischen Ulan Bator eine Felsinschrift besichtigen möchte. Die junge Frau, die im Buch namenlos bleibt, wird in dem winzigen Abteil Nr. 6 mit einem Mitreisenden zusammengepfercht, mit dem sie nicht das Geringste gemeinsam hat. Der – ebenfalls namenlos bleibende – Mann ist vulgär, ungepflegt, stinkt nach Zwiebeln, säuft riesige Mengen Wodka in sich hinein und redet in einer Tour über sich und seine Frauengeschichten, über Schlägereien, Vergewaltigungen, den Mord, den er begangen hat. Ungebeten spielt er sich als Beschützer der jungen Frau auf und macht ihr immer wieder eindeutige Angebote. Ein untragbarer Abteilgenosse für die Frau, die sich auf eine ruhige Reise gefreut hatte, aber es gibt kein Entrinnen. Im Laufe der Fahrt allerdings entwickelt der Mann echte Fürsorge, er teilt sein Essen mit der Frau, zieht sie ins Vertrauen, öffnet sich. Und sie beginnt, aufmerksamer zuzuhören und lässt sich von ihren Gedanken an ihren Freund, der in der Psychiatrie gelandet ist, ablenken. Am Ende der Reise ruft sie den Mann sogar zur Hilfe, und er schenkt ihr seinen wertvollsten Besitz: Das Messer, mit dem er einen Mord begangen hat. Aus der Erwähnung des Krieges mit Afghanistan kann man ableiten, dass die Geschichte im Jahr 1979 spielt. Die Sowjetunion besteht noch mit all ihren politischen Einrichtungen und gesellschaftlichen Besonderheiten, mit der Knappheit des Warenangebots, mit der allgegenwärtigen Überwachung. Diese Atmosphäre ist glänzend eingefangen, und mir hat der Schreibstil der Autorin ausgesprochen gut gefallen. Die Figur der jungne Frau ist bis zu letzt ein spannender Charakter geblieben, weil sie in den Gesprächen überhaupt nichts von sich preisgibt. Erst nach und nach wird enthüllt, was sie umtreibt und was sie erlebt hat. Der Mann dagegen redet wie ein Wasserfall, und das, was er erzählt, macht den ohnehin grobschlächtigen Säufer erst einmal unsympathisch. Mit der Zeit ist er mir allerdings irgendwie ans Herz gewachsen, trotz all seiner schlechten Charaktereigenschaften. Vor allem aber haben mich an diesem Buch die Fahrtbeschreibungen begeistert. Ich hatte beim Lesen das Gefühl, selbst im Zug zu sitzen und aus dem Fenster zu blicken. „Der Zug taucht in die Natur ein, stampft durch das verschneite, menschenleere Land. Alles ist in Bewegung: der Schnee, das Wasser, die Luft, die Bäume, die Wolken, der Wind, die Städte, die Dörfer, die Menschen und die Gedanken.“ Die unterschiedlichen Städte und Orte, die durch den alles verdeckenden Schnee aneinander angeglichen werden, sind vor meinem geistigen Auge entstanden, als ob ich sie selbst besucht hätte. Und auch die Personen, die im Lauf der Fahrt und der Handlung jeweils ganz kurz auftauchen, sind lebendig gezeichnete Charaktere. Am Ende war ich enttäuscht, dass die Reise schon zu Ende ist. Ich hätte noch viele, viele weitere Seiten lang die Frau und den Mann auf ihrer ruhigen Fahrt durch die verschneite Sowjetunion begleiten mögen. Jedenfalls ist mir durch die Wetterbeschreibungen im Buch jetzt eines klar: Wir haben doch Frühling in Berlin! Aber leider die sibirische Variante…  

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