Ausgebeutet, ungeliebt, missbraucht: In ihrem Roman „Lily“ erzählt Rose Tremain vom traurigen Schicksal eines Findelkindes. Ungeschönt und empathisch schildert Tremain die Lebensbedingungen der Waisenkinder im viktorianischen London, in beinahe Dickens’scher Manier. Das ist oft bedrückend, manchmal erschütternd. Ohne vulgäre Effekthaschereien beschreibt die Autorin die alltäglichen Grausamkeiten und Erniedrigungen, die die Kinder erdulden müssen.
Atmosphärisch und abwechslungsreich sind die Handlungsorte: das viktorianische London und dessen ländliches Kontrastbild – die idyllische Krähenhorstfarm. Von der Kritik wird Rose Tremain für ihre „starken Charaktere“ gelobt: Auch Lilys vielschichtige Darstellung empfand ich als sehr überzeugend. Lilys innerer Konflikt und ihre Schuldgefühle werden glaubwürdig dargestellt.
Der Schreibstil ist gut, die Erzählweise ruhig. Mein Kritikpunkt: Der Roman enthält viele beschreibende, dialogarme Passagen. Eher langatmig als entschleunigend. Sie können die Geduld der Leserinnen und Leser bisweilen herausfordern. Zudem schade: Einige Handlungsstränge beginnen vielversprechend, werden leider nicht zu Ende geführt/gedacht (Achtung Spoiler: Wer ist Lilys Mutter? Was ist mit Sam Trench und wie wird sich die freundschaftliche Beziehung zwischen Jesse und Lily entwickeln?). Das wirkt unfertig und man hätte sich eine Fortsetzung gewünscht.
Positiv: vielschichtige Protagonistin, interessante Nebenfiguren, vielversprechende Handlung, stimmungsvolle Handlungsorte
Negativ: langatmige Erzählweise, einzelne Handlungsstränge werden nicht zu Ende geführt























