Rezension zu "Stalin’s Daughter: The Extraordinary and Tumultuous Life of Svetlana Alliluyeva" von Rosemary Sullivan
Gusti_DaimchenNimmt man Rosemary Sullivans Biographie über Stalins Tochter Swetlana Allilujewa (1926-2011) zur Hand, so staunt man zunächst über den stattlichen Umfang des Buches. Mit ihren 741 Seiten - davon 623 Seiten Text - stellt die Biographie so manches Buch über Stalin in den Schatten. Unwillkürlich drängt sich die Frage auf: War Swetlana Allilujewa eine so bedeutende historische Figur, war ihr langes Leben so bemerkenswert und ereignisreich, dass ein solcher Umfang gerechtfertigt ist? Als im November 2011 die Meldung um die Welt ging, Stalins Tochter sei 85-jährig in Wisconsin verstorben, da waren selbst Historiker, die sich mit der Geschichte der Sowjetunion und mit Stalins Familie auskennen, überrascht. Viele hatten angenommen, Allilujewa sei schon seit langem tot. Fast ein halbes Jahrhundert war vergangen, seit Stalins Tochter die Sowjetunion verlassen und mit der Veröffentlichung ihres Memoirenbandes "Zwanzig Briefe an einen Freund" (1967) weltweit für Schlagzeilen gesorgt hatte. Sieht man von einer kurzen Phase Ende der 1960er Jahre ab, so war Swetlana Allilujewa nie eine Figur des öffentlichen Lebens, weder in der Sowjetunion noch im Westen. Nachdem sich die Aufregung um ihre Flucht und ihr Erinnerungsbuch gelegt hatte, führte sie fern der Öffentlichkeit ein Leben, dem keinerlei historische Relevanz zugemessen werden kann. Daher erscheint der Umfang von Sullivans Biographie nicht gerechtfertigt. Sullivan hätte Allilujewas Leben auch auf halb so vielen Seiten schildern können.
Hinzu kommt, dass Sullivan, eine bekannte kanadische Schriftstellerin und Literaturwissenschaftlerin, wenig Neues zu erzählen hat. Was sie über Allilujewas Leben bis 1953 und die familiären Verhältnisse des sowjetischen Diktators Stalin schreibt, das geht nicht über das hinaus, was man schon vor über einem Jahrzehnt in Simon Sebag Montefiores Buch über Stalins "Hof" lesen konnte (Stalin. The Court of the Red Tsar, 2003). Was Allilujewas gesamtes Leben angeht, so steht deutschen Lesern seit über 10 Jahren die Biographie der Sachbuchautorin Martha Schad zur Verfügung ("Stalins Tochter", 2004). Im Großen und Ganzen präsentiert Sullivan die gleiche Geschichte wie Schad. Allerdings hebt sich Sullivans Buch in zweierlei Hinsicht von Schads eher mittelmäßiger Biographie ab: Sullivan kann wesentlich besser schreiben als Schad, und außerdem hatte sie Zugang zu einer größeren Zahl von Quellen. Allilujewas jüngste Tochter Olga Peters hat Sullivan viele Briefe und Papiere zur Verfügung gestellt, zu denen Schad seinerzeit keinen Zugang hatte. Sullivans Buch ist glänzend geschrieben, mit Sachkenntnis, erzählerischem Schwung und hohem psychologischem Einfühlungsvermögen. Auch wenn die Biographie kein vollkommen neuartiges Bild von Swetlana Allilujewas Leben und Persönlichkeit entwirft, wird sie sich ohne Zweifel als Standardwerk durchsetzen. Deutsche Leser sollten ihr den Vorzug vor Schads Buch geben, das im Vergleich schlecht abschneidet, sei es aufgrund vieler sachlicher Fehler, sei es aufgrund der unangenehm "naiven" Erzählweise.
In den ersten zehn Kapiteln, die bis zu Stalins Tod reichen, erzählt Sullivan eine Geschichte, die Kennern der Materie bereits aus Montefiores Stalin-Buch bekannt ist. Die Geschichte kreist um vertraute Motive: Die schwierige Ehe zwischen Stalin und der wesentlich jüngeren Nadjeschda Allilujewa; das gesellig-turbulente Leben in der Großfamilie Allilujew-Swanidse; Nadjas Selbstmord im November 1932; die Säuberungen in Stalins Familien- und Verwandtenkreis Mitte der 1930er Jahre; die Spannungen zwischen Stalin und seinen heranwachsenden Kindern; Swetlanas Flucht in Beziehungen zu älteren Männern und Kurzzeit-Ehen. Als der Diktator 1953 starb, war seine 27-jährige Tochter bereits zum zweiten Mal geschieden. Insgesamt war Swetlana Allilujewa viermal verheiratet, und jede Ehe endete nach ein, zwei Jahren in einer Scheidung. Zwei Lebensgefährten verlor Allilujewa durch tödliche Krankheiten. Während der Entstalinisierung unter Chruschtschow nahm Swetlana Stalina den Mädchennamen ihrer Mutter an, um sich von ihrem Vater zu distanzieren. Die innere Loslösung vom Sowjetsystem war ein jahrelanger Prozess, den Sullivan anschaulich nachzeichnet. Am spannendsten sind die Kapitel über Allilujewas Flucht und die Publikation ihrer Memoiren. Im Frühjahr 1967 nutzte Allilujewa einen Aufenthalt in Indien, um in der US-amerikanischen Botschaft Asyl zu beantragen. Nach anfänglichen Bedenken wurde ihr die Einreise in die USA gestattet. Die Flucht allein war schon eine Sensation, und noch größer war die weltweite Aufregung, als noch im gleichen Jahr Allilujewas Erinnerungen an das Leben in Stalins familiärem Umfeld erschienen. Bis dahin hatten der Forschung kaum brauchbare Quellen über das Privatleben des Diktators zur Verfügung gestanden. Das Buch wurde ein internationaler Bestseller. Über Nacht wurde Allilujewa zur Millionärin. Aber da sie nie gelernt hatte, mit Geld umzugehen, rann ihr das Vermögen binnen weniger Jahre durch die Finger.
Die mehr als 40 Jahre nach der Flucht aus der Sowjetunion nehmen in der Biographie viel zu viel Raum ein. Sullivan widmet diesem Lebensabschnitt mehrere Hundert Seiten, obgleich Allilujewa nichts leistete oder vollbrachte, das diese Ausführlichkeit rechtfertigt. Sie führte ein unstetes, ruheloses Leben, zog dutzende Male um, übersiedelte von den USA nach Großbritannien und kehrte Mitte der 1980er Jahre sogar für kurze Zeit in die Sowjetunion zurück. Von ihrem vierten Ehemann, dem habgierigen und verschwendungssüchtigen Architekten Wesley Peters, wurde sie um den Großteil ihres Geldes gebracht. Der Name ihres Vaters erwies sich als lebenslange Bürde. Wo immer sich Allilujewa auch niederließ, wie sehr sie sich auch darum bemühte, unerkannt zu bleiben, früher oder später wurde sie immer wieder "enttarnt" und wie ein exotisches Tier beäugt. Sie wollte als eigenständige Persönlichkeit wahrgenommen werden, war aber letztlich immer und überall nur Stalins Tochter. Die zweite Tragödie ihres Lebens bestand darin, dass es ihr nicht gelang, sich dauerhaft als Autorin zu etablieren, obgleich es ihr an Ideen für Bücher nicht fehlte. Nach der Trennung von Wesley Peters in den frühen 1970er Jahren führte Allilujewa ein Leben von beklemmender Eintönigkeit und Tristesse. Ihre Bemühungen konzentrierten sich darauf, der spätgeborenen Tochter Olga eine möglichst gute Ausbildung zukommen zu lassen. Als ihr Geld aufgebraucht war, sah Allilujewa keinen anderen Ausweg, als in die Sowjetunion zurückzukehren (November 1984). Schon wenige Wochen nach der Ankunft in Moskau bereute sie diesen Schritt. Anderthalb Jahre später ging sie zurück nach Amerika. Die letzten 20 Jahre ihres Lebens verbrachte sie als Sozialfall in Alters- und Pflegeheimen.
Sullivan nähert sich ihrer Protagonistin fair und respektvoll, aber keineswegs unkritisch. Sie zeigt Allilujewa als Frau mit Stärken - Willenskraft, Geradlinigkeit, Ehrlichkeit - und Schwächen. Allilujewa hatte das jähzornige Temperament ihres Vaters geerbt. Manche ihrer Verhaltensweisen muten selbstzerstörerisch an. Mehrfach ruinierte sie während ihres Lebens im Westen wichtige Freundschaften. Die soziale Isolation, die sich irgendwann einstellte, war zum größten Teil selbst verschuldet. Ihre Flucht aus der Sowjetunion und ihren Bruch mit dem kommunistischen System bereute sie nie. Eingedenk ihrer traumatischen Familiengeschichte hielt Allilujewa bis zuletzt am kritischen, negativen Bild ihres Vaters fest. Sie war entsetzt, als sich einer ihrer Allilujew-Cousins Mitte der 1990er Jahre an einer plumpen Rehabilitation Stalins versuchte. Sullivan erzählt die Geschichte einer Frau, der es nie gelang, ihren "Platz im Leben" zu finden, sei es privat, sei es beruflich, sei es in der Sowjetunion, sei es im Westen. Die von Stalin verschuldeten familiären Tragödien überschatteten und vergifteten Swetlana Allilujewas gesamtes Leben. Obgleich sie selbst zu Lebzeiten ihres Vaters nie in Gefahr war, kann sie als Opfer des Diktators gelten. So erzählenswert diese Lebensgeschichte auch ist, als Leser wünscht man sich, dass Sullivan ihre Neigung zu epischer Breite gezügelt hätte. Doch trotz seiner Überlänge ist das Buch lesenswert und berührend.
Hinweis: Diese Rezension habe ich zuerst im August 2015 auf Amazon gepostet.


