„Dieses Buch ist eine Sammlung von Betrachtungen und Reflexionen über die Natur unserer Erfahrung. Sein einziger Zweck – soweit man überhaupt sagen kann, dass es einen Zweck hat – besteht darin, schlicht und einfach Erfahrung selbst, an und für sich, ganz genau zu betrachten“, schreibt Rupert Spira (1960) am Anfang seines Werks „Bewusstsein ist alles“.
Dann führt er den Leser zu einer Tür, zu welcher man laut Ludwig Wittgenstein (1889 - 1951) eigentlich nicht durch Sprache gelangen kann. Dort angekommen fällt der Glaubenssprung eines Søren Kierkegaard (1813 - 1855) nicht mehr schwer, wobei Spira darauf aufmerksam macht, dass es sich gar nicht um Glauben handelt, sondern um Erkenntnis.
Geprägt von der Lehre Advaita Vedanta spielen die europäischen Philosophen bei ihm keine Rolle. Um so erstaunlicher ist es, dass in seinem Buch die Ich-Philosophie von Johann Gottlieb Fichte (1762 - 1814) immer wieder anklingt.
„BEWUSSTSEIN verschleiert sich vor sich selbst, indem es vorgibt, sich auf ein separates Wesen zu beschränken, und dann vergisst, dass es dies nur vorgibt.
Als Folge dieser Selbstbeschränkung projiziert BEWUSSTSEIN alles, was nicht dieses ‚separate Selbst‘ ist, nach außerhalb seiner selbst. Diese Projektion ist das, was wir ‚die Welt‘ nennen.“
Während sich Fichtes „Ich“ ein teilbares Nicht-Ich setzt, weist Friedrich Nietzsche (1844 - 1900) in seiner Kritik an René Descartes (1596 - 1650) „cogito ergo sum“ darauf hin, dass das Denken dem Ich-Bewusstsein vorgeordnet ist und vor diesem Duo das Leben stehen sollte.
Spira schreibt: „Allerdings ist, wenn gerade das Hören des Regens gegenwärtig ist, der ‚ICH‘-Gedanke nicht gegenwärtig. Ebenso ist, wenn der Gedanke „Trinken wir doch einen Tee“ gegenwärtig ist, der ‚ICH‘-Gedanke nicht gegenwärtig. In dem Zwischenraum zwischen diesen beiden Gedanken liegt die zeitlose Präsenz des BEWUSSTSEINS, der blaue Himmel, der zwischen den Wolken leuchtet. Der ‚ICH‘-Gedanke wird erzeugt, um dieses Intervall zu füllen, um das wahre ‚ICH‘ des BEWUSSTSEINS zu imitieren.“
„Auf diese Art werden unzählige ‚ICH‘-Gedanken aneinandergereiht und dies wird in einem nachfolgenden Gedanken so verstanden, als existiere da ein dauerhaftes Wesen, das zwischen und hinter all diesen Erscheinungen präsent sei.“
„Das ‚separate Wesen‘ wird mit und durch den Gedanken kreiert, der an es denkt, und ist nichts anderes als jener Gedanke in jenem Moment. Im nächsten Moment verschwindet es, genau wie jeder andere Gedanke. Es ist ein Betrüger!“
„Die Vorstellung von Kausalität zerfällt sogar vollständig, wenn verstanden wird, dass Erfahrung nicht eine Kette von Ereignissen ist, die im BEWUSSTSEIN erscheinen, sondern dass BEWUSSTSEIN selbst die Gestalt des Hörens, Denkens, Schmeckens, Genießens, Wahrnehmens … annimmt.“
Mit der Entlarvung der betrügerischen Gedanken erinnert der Verfasser nicht nur an Konstruktivsten wie Ernst von Glaserfeld (1917 - 2010) oder Heinz von Foerster, (1911 - 2002) sondern ruft auch David Humes (1711 - 1776) Induktionsproblem in Erinnerung. Hume begründet das Festhalten an derartigen Kausalketten mit der Macht der Gewohnheit. Spira schließt sich ihm an, indem er mehrmals darauf verweist, dass das verschleierte Bewusstsein sich selbst vergisst und sich dann daran gewöhnt, Objekte zu erfahren.
Spiras Blume im „Garten des Nichtwissens“ ist nicht blau wie die eines Novalis (1772 - 1801). Dennoch ist sie wie bei Georg Philipp Friedrich von Hardenberg Symbol der Sehnsucht. „Wie eine Blume, die einen Moment lang blüht und den Duft ihres Ursprungs im Garten des NICHTWISSENS verströmt.“
Als „Heinrich von Ofterdingen“ in einen Berg eindringt, entdeckt er dort in einem Buch seine eigene Geschichte. Spira schreibt: „Der Raum, nach dem Ausschau gehalten wird, ist der Raum, der Ausschau hält.“
„Nun haben wir aber angenommen, dass dieser Raum, genau wie BEWUSSTSEIN, mit der Fähigkeit des Erfahrens ausgestattet ist, dass es ein ‚erfahrender Raum‘ ist. Also ist es nicht nötig, dass er nach sich selbst Ausschau hält, da er sich per Definition bereits selbst wahrnimmt. Er erfährt sich bereits selbst, weil dies das ist, was er ist. Seine Natur ist das ‚Erfahren‘.“
„Und da dieser bewusste Raum daran gewöhnt ist, ‚Objekte‘ zu erfahren, deutet er diese ‚nicht-objektive‘ Erfahrung seiner selbst, diese farblose, transparente, unsichtbare Erfahrung, als ‚Nicht-Erfahrung‘. Er glaubt, dass er selbst, dieser bewusste Raum, nicht gegenwärtig sei.“
„An dieser Stelle hat der Raum drei Wahlmöglichkeiten:
Die erste ist, nach sich selbst als objektiver Erfahrung zu suchen, ohne zu verstehen, dass er sich bereits selbst erfährt und sich daher niemals irgendwo anders finden kann.
Die zweite Möglichkeit ist, sich mit einigen der gegenwärtigen Objekte zu identifizieren und so das Gefühl von Identität zu befriedigen, das ihm innewohnt. Dabei verwechselt er seine eigene Identität mit der eines Objekts.
Die dritte ist, klar zu sehen, dass er bereits nur sich selbst erfährt und dass dies schon immer so war.“
„Es ist unmöglich, eine Beschränkung des BEWUSSTSEINS zu erfahren, denn eine derartige Beschränkung hätte definitionsgemäß objektive Eigenschaften.“
„Jedes Objekt, das im BEWUSSTSEIN erscheint, teilt uns nichts anderes über BEWUSSTSEIN mit, als dass BEWUSSTSEIN gegenwärtig und gewahr ist, dass es ist. So, wie ein Stuhl uns mitteilt, dass der Raum, in dem er erscheint, gegenwärtig ist.“
Häufig steht bei Spira der Raum als Metapher für Bewusstsein. Später ordnet der Autor den Raum dem Körper zu: „Zeit ist die Muttersprache des Geistes. Raum ist die Muttersprache des Körpers. Entferne Zeit und Raum aus der Erfahrung – das heißt, entferne Name und Form – und uns verbleibt die EINSHEIT von BEWUSSTSEIN/EXISTENZ. Uns bleibt zeitlose, raumlose PRÄSENZ, das SEIN.“
„Wir könnten sagen, dass BEWUSSTSEIN/EXISTENZ Geist und Sinne gebärt, die wiederum Zeit und Raum gebären, die wiederum die Welt, die ‚zehntausend Dinge‘ gebären.
Und wir könnten sagen, dass BEWUSSTSEIN/EXISTENZ eine Reise unternimmt, scheinbar hinaus aus dem eigenen Königreich und hinein in das Reich von Geist und Materie.“
Wie es Bewusstsein auf dieser Reise ergeht, erläutert der Autor in seinem letzten Kapitel: „Verlangen und Befürchten sind zwei der Hauptmethoden, mit denen BEWUSSTSEIN diese Selbstkontraktion zu einem scheinbar separaten Wesen pflegt.“
„Leiden benötigt per Definition die Gegenwart eines separaten Wesens, um existieren zu können. Dieses separate Wesen ist selbst nicht existent, es ist imaginär. Was können wir daher über das Leiden dieses separaten Wesens sagen? Es ist nicht realer als das Wesen, um das es sich dreht, wenn es auch eine machtvolle Illusion ist.“
Die machtvolle Illusion nennt er zuvor Ego: „Ego ist kein Wesen. Ego ist eine Aktivität. BEWUSSTSEIN hat von Moment zu Moment die Freiheit, diese Aktivität zu wählen und sich mit einem Fragment zu identifizieren oder diese Aktivität nicht zu wählen.“
„Diese Gedanken und Gefühle entstehen im BEWUSSTSEIN und sind Ausdruck von BEWUSSTSEIN. Es ist die Aktivität des BEWUSSTSEINS, vorzugeben, ein Körper und ein Geist zu sein, und dann zu vergessen, dass es dies vorgibt, und stattdessen tatsächlich zu denken und zu fühlen, dass es ein Körper und ein Geist sei.“
Als Töpfer bleibt Spira der Erde treu. Seine Sprache ist an die Alltagswelt angelehnt und somit leicht verständlich. Den Künstler, der die Non-Dualität zum Ausdruck bringt, erkennt frau, wenn er über anderer seiner Art spricht: „Paul Cézanne sagte: ‚Alles schwindet, alles zerfällt, nicht wahr? Die Natur ist immer die gleiche, aber nichts von dem, was uns in ihr erscheint, ist von Dauer. Unsere Kunst muss ihre erregende Beständigkeit gemeinsam mit ihren Elementen und allen Erscheinungsformen ihrer Veränderungen wiedergeben. Kunst muss uns einen Geschmack von der Ewigkeit der Natur geben.’“
Im Folgenden erläutert der Autor die Aussage des Malers ausführlich: „Wir nehmen keine Welt außerhalb des BEWUSSTSEINS wahr. Die Welt ist unsere Wahrnehmung der Welt. Es gibt keinen Beweis dafür, dass es eine Welt außerhalb der Wahrnehmung der Welt gibt, außerhalb von BEWUSSTSEIN. Das Gesehene kann nicht vom Sehen getrennt werden und Sehen kann nicht vom BEWUSSTSEIN getrennt werden.“
„Wenn wir sagen, wir nähmen ein Objekt wahr, so meinen wir, dass dieses Objekt im BEWUSSTSEIN erscheint. Es ist eine Wahrnehmung im BEWUSSTSEIN.“
„Wiederholen wir diesen Prozess und schauen das scheinbar gleiche Objekt für eine gewisse Zeit an, so trägt der Geist die verschiedenen Bilder oder Wahrnehmungen zusammen und leitet daraus die Vorstellung von einem materiellen Objekt her, das während des Erscheinens und Verschwindens der Wahrnehmungen scheinbar durchgängig anwesend war und das in Raum und Zeit existiert, unabhängig vom BEWUSSTSEIN, das es wahrnimmt.“
„Dieses Konzept, diese Vorstellung erscheint und verschwindet wie jede andere Wahrnehmung. Und mit dem nächsten Gedanken wird ein Subjekt hergeleitet, ein Betrachter, der vermeintlich verschiedene ‚visuelle Wahrnehmungen‘ des scheinbaren Objekts hatte und der vermeintlich vor, während und nach dessen Erscheinen gegenwärtig war.“
„Und um solch ein Objekt herzuleiten, das in Raum und Zeit existiert und Bestand hat, müssen zunächst Raum und Zeit hergeleitet werden, um Objekte zu beherbergen.“
„Gemäß unserer tatsächlichen Erfahrung verschwindet eine Wahrnehmung vollständig, bevor die nächste Wahrnehmung erscheint. In diesem Sinne ‚schwindet‘ alles von Moment zu Moment, wie Cézanne sagte.“
„Wie wir schon bei Cézannes Aussage gesehen haben, bleibt – wenn wir das, was erscheint, wegnehmen, also den objektiven Aspekt jeder Erfahrung – die unleugbare und doch unsichtbare Erfahrung von sowohl EXISTENZ oder SEIN als auch von BEWUSSTSEIN.“
„SCHÖNHEIT ist kein Attribut eines Objekts. Sie wohnt der fundamentalen Natur der Erfahrung inne. Es ist die Erfahrung, zu erkennen, dass BEWUSSTSEIN und REALITÄT eins sind.“
Zur Meditation, zum Tiefschlaf und zum Tod äußert sich Spira folgendermaßen: „In der Meditation haben wir Objekten gegenüber die gleiche Einstellung wie im Tiefschlaf, also gar keine Einstellung.“
„Vor dem Erscheinen irgendeines Objekts ist BEWUSSTSEIN, wie es ist.
Dies ist die Verfassung des unmanifestierten BEWUSSTSEINS vor unserer ersten Erfahrung im Mutterleib, während des Tiefschlafs und während der unzähligen Momente zwischen dem Verschwinden eines Objekts und dem Erscheinen des nächsten.
Es gibt keinen Hinweis darauf, dass dies nicht auch die Erfahrung des BEWUSSTSEINS nach dem letzten Erscheinen des Körpers beim Tode sein wird.“
Manchmal vergleicht Spira das Bewusstsein mit einem Bildschirm: „Erfahrung ist wie das Bild auf einem Fernsehbildschirm. Erscheinungen kommen und gehen, aber tatsächlich ist die Erscheinung des Bildes nichts anderes als der Bildschirm und der Bildschirm kommt und geht nicht.“
Wer dem Autor bis hierhin zur dieser besonderen Tür gefolgt ist, möchte nun endlich durch sie hindurchgehen, um sich dem Bewusstsein anzunähern. Aber Spira sagt:
„Diese Erkenntnis ist der Moment, da der verlorene Sohn umkehrt und wieder zum Vater zurückgeht. Auf genau dem gleichen Pfad, den er genommen hatte, als er von ihm fortlief.“
„Es ist der Moment, da die Leere des BEWUSSTSEINS sich als Fülle der Erfahrung erkennt.“
Was bleibt, ist, Rupert Spira herzlich für dieses Buch zu danken.
V.S.