Nina sitzt nach einem Reitunfall im Rollstuhl. Seitdem hat sich nicht nur ihr eigenes Leben verändert, sondern auch das ihrer Eltern und ihres Bruders. Vor allem Frau Sprung, Ninas Mutter, macht sich Sorgen. Permanent will sie der Tochter helfen, sei es beim Anziehen der Hose oder auch beim Überwinden einer Gehsteigkante. Vor allem aber sammeln sich in Frau Sprungs Augen ganz schnell Tränen. Zum Beispiel, wenn jemand fragt, ob Nina wieder wird gehen können.
Auch an der neuen, barrierefreien Schule hat es Nina nicht leicht. Ihr skatender Klassenkollege Fabian und sein Freund Max albern nur allzu gern auf der Rollstuhlrampe rum und machen sich in jeder nur möglichen Situation über Nina lustig. Zwar hat Nina eine beste Freundin (Fiona,), die immer zu ihr hält, auch wird sie von Daniel beschützt – aber wer freut sich schon darüber, wenn der große Bruder den Bodyguard mimt? Viel lieber würde Nina sich selbst wehren.
Eines Nachmittags – Nina und Daniel sind gerade beim Basketballspiel – läutet es an der Tür. Und wer steht da? Fabian, der Coole, der Mädchenschwarm. Der Nina um ihr Mathebuch bittet, weil er seines in der Schule vergessen hat. Schuld an Fabians Auftauchen ist Fabians Mutter, die Frau Sprung von der Arbeit kennt. Und Ninas Mutter hat natürlich keine Ahnung, dass der Sohn ihrer Kollegin ihre Tochter mobbt.
Fabian steht also auf einmal neben Nina. Und verliert dann auch gleich mal gegen sie beim Basketball. Und dann auch noch beim Armdrücken. Denn starke Arme hat Nina, allein schon vom Pushen (so nennt man das Drehen der Greifräder nämlich.) Mit wachsendem Respekt gesteht sich Fabian ein: So lahm ist sie gar nicht, die Sprung.
Fabian ist es dann schließlich auch, der Nina das Video von dem Rollstuhl-Typen im Skaterpark zeigt. WCMX nennt sich die Sportart – Wheelchair Motocross. Und Nina weiß sofort: Das will sie auch probieren. Nicht, um die Beste darin werden, sondern um ein paar Kniffe zu lernen, die ihr dabei helfen sollen, etwa die Haydngasse ohne Hilfe zu meistern. Dort gibt es nämlich Stufen – und genau diese Stufen verhindern, dass Nina den Weg zur Schule alleine schafft.
Ruth Ann Byrne erzählt die Geschichte eines querschnittgelähmten Mädchens, das um mehr Unabhängigkeit und Selbstbestimmung kämpft. Dass die Autorin ihre Protagonistin dabei auf die Skaterbahn schickt, macht dieses Buch so wahnsinnig cool.
Und genauso rasant wie die Fahrt ist dann auch die Handlung. Denn Ninas Eltern dürfen natürlich nichts von Ninas heimlichen Ausflügen in den Skaterpark wissen.
Auf 180 Buchseiten, in denen nur die wichtigsten Momente herausgepickt werden (das Dazwischen fasst die Autorin nur soweit zusammen, als es wirklich wichtig ist), agieren und kommunizieren die Teenager derart authentisch, dass man das Gefühl hat, mit dabei zu sein. Und ja, natürlich geht es auch um das erste Verliebtsein. Und um Freundschaft – mit all ihren Höhen und Tiefen. Denn in erster Linie ist Nina Teenager.
"Ungebremst" erzählt aber auch von Solidarität. Denn dass Nina am Ende sogar bei einem WCMX-Wettbewerb teilnehmen kann, hat sie vielen zu verdanken – allen voran ihren besten Freunden und ihrem Bruder Daniel.
Notiz am Rande: Was es auch für Ninas Eltern heißt, plötzlich eine behinderte Tochter zu haben – nicht nur in psychischer, sondern auch in finanzieller Hinsicht (vom Wohnortwechsel bis zum heiß ersehnten Rollstuhlmodell, das die Krankenkasse nicht finanziert) – erzählt Ruth Anne Byrne ganz nebenbei, in wenigen Sätzen, ohne sich erzähltechnisch auch nur einen Schritt von Nina zu entfernen. Das ist gerade wenn man für junges Publikum schreibt schon große Kunst!