Saïd Sayrafiezadeh

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Saïd SayrafiezadehKurze Berührungen mit dem Feind
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Kurze Berührungen mit dem Feind
Kurze Berührungen mit dem Feind
 (3)
Erschienen am 28.07.2014
Saïd SayrafiezadehEis essen mit Che
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Eis essen mit Che
Eis essen mit Che
 (3)
Erschienen am 23.04.2010

Neue Rezensionen zu Saïd Sayrafiezadeh

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Rezension zu "Kurze Berührungen mit dem Feind" von Saïd Sayrafiezadeh

Berührende Erzählungen
Gwhynwhyfarvor 3 Jahren

»Ich bin Amerikaner wie du!« Aber er war nicht wie ich. Ich war blond und weiß. Er war dunkel – dunkelhäutig, dunkelhaarig, schwarzäugig – und kam aus irgendeinem Dorf in Chile»

Sayrafiezadeh berichtet in Kurzgeschichten über das Leben von jungen Menschen, die sich in unterbezahlten Jobs herumschlagen müssen. Eine imaginäre Stadt in den USA und ein fiktiver Krieg in einem heißen Land sind Teil der Geschichten. Ort und Zeit sind unbekannt, wobei Callcenter und Mails auf die heutige Zeit schließen lassen, tiefer Schnee auf den Norden. Mitarbeiter in Restaurants, Supermarkt und Callcenter, Lehrer, Soldaten, die Sehnsüchte des kleinen Mannes, der sich sein Leben anders vorgestellt hat, vom College träumte. »An mir lässt sich beispielhaft studieren, wie schmal der Grat zwischen Mensch und Maschine ist. «Diese Menschen haben sich mit ihrem Schicksal abgefunden, funktionieren, freuen sich über einen geringfügigen Aufstieg. Nicht ganz: «Ich träumte von Größe und Ruhm. Ich wusste zwar nicht, wie ich dorthin kommen sollte, hatte aber keinen Zweifel, dass es klappen würde.»

Das Leben bietet immer eine Chance um aufzusteigen, nimm sie! Werde Soldat, damit dir hinterher der Staat dein Studium ermöglicht, du hast ja selbst kein Geld. Hoffentlich stirbst du nicht, wenn du deinen A … fürs Vaterland hinhältst, so sagt sich der eine. Soldaten werden mit Kuchen und Fähnchen bejubelt, wenn sie abreisen, als Held gefeiert, wenn sie zurückkehren. Endlich ist man mal wer, wird wahrgenommen unter den Kollegen, sogar sein Zeitungsverkäufer feiert ihn als Held, berichtet der andere, der sich deshalb für den Krieg gemeldet hat. Arbeitsplätze werden frei durch den Krieg. Vielleicht steigt der Mann aus der Poststelle auf zum Callcenter-Mitarbeiter und ein anderer freut sich, dass er vom Wischer im Supermarkt zum Barista aufsteigt, fünf Dollar mehr. Da ist der Marktleiter, der daran zurückdenkt, dass er mal als Toilettensäuberer in diesem Markt angefangen hat, dessen Ziel eine Bezirksleitung ist.

«Vor sehr langer Zeit hatte John gelernt, dass es der Mittelklasse deshalb so gut ging, weil sie Besseres erwartete. Sie gaben sich nicht mit weniger zufrieden, als ihnen zustand. Sie stiegen einfach in ihre glänzenden Autos und fuhren dorthin, wo man ihren Wert zu schätzen wusste. Arme Leute hingegen waren es gewöhnt, nur zu nehmen, was man ihnen gab, und dafür auch noch dankbar zu sein.»

Wofür kämpfen wir in unserem Leben? Wir wollen anerkannt und geliebt sein. Sayrafiezadeh beschreibt in kleinen Szenen den Kampf ums Überleben und Funktionieren, das Ringen um Bestätigung, um ein kleines bisschen Ruhm und Aufmerksamkeit. Sayrafiezadeh schildert den Kreislauf der Gesellschaft. Der Angestellte im Walmart, der sagt, dass dies Geschäft sein Leben beschreibt, indem er alles gekauft hat, was er besitzt, von der Zahnpasta bis zu seinen Möbeln, das ihm gleichzeitig hilft, am Leben zu bleiben.

Die Berührung mit dem Feind irgendwo im fremden Land, in mir selbst, dem Feind in mir, der Kollege, der mir etwas wegnehmen will, das feindliche Territorium, die Behörde, die den Illegalen aufspürt. Der Gast, der ein angebissenes Toast auf dem Teller liegen lässt, das ein geplantes Gespräch zur Gehaltserhöhung zunichtemacht. Ein Kartograph berichtet von den sexuell anzüglichen Briefchen seines Chefs, die ihn kündigen lassen, obwohl er in seinem Beruf keinen Job zu erwarten hat.

«Eine Grenze war überschritten, irgendetwas Unwiderrufliches gesagt oder getan worden, von unserer Seite oder von der des Feindes.» - «Davor stand eine Reklametafel mit der Aufschrift `Willkommen in Maple Tree Heights’. Die Tafel sah brandneu aus, abgesehen davon, dass jemand hinaufgeklettert war und `Bleibt besser weg’ darauf gesprayt hatte.» Es gibt Stadtteile, dort wagst du dich besser nicht hin. Doch der Protagonist überschreitet die Grenze. Grenzüberschreitungen des eigenen Ichs, die Überschreitung von sozialen Distanzen, Berührungen mit dem Feind, das Thema, das alle Erzählungen trägt, bis hin zum bewussten Schuss des Soldaten auf Zivilisten.

Saïd Sayrafiezadeh wurde 1968 in Brooklyn geboren und wuchs in Pittsburgh auf. Heute lebt er in New York. Er beschreibt mit diesen Ich-Erzählungen von Männern die ihre Jugend überschritten haben, sprachlich eindringlich durch sehr genaue Beobachtungsgabe gesellschaftlicher Zustände in einem Durchschnittsleben, Ängste und Sehnsüchte, die Monotonie des Alltags, völlig unaufgeregt. Trotz aller Widrigkeiten wirkt keiner der Beteiligten depressiv, eine gewisse Heiterkeit durchzieht alle Berichte. Ihre Sicht der Welt lässt sie hoffen, aus der Sicht des Lesers sind sie gescheitert.

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M

Rezension zu "Kurze Berührungen mit dem Feind" von Saïd Sayrafiezadeh

Lakonischer Blick auf den Alltag
michael_lehmann-papevor 4 Jahren

Lakonischer Blick auf den Alltag

Es gibt eine ganze Reihe „kurzer Berührungen“ in den verschiedenen Geschichten im Buch, doch wer ist eigentlich der Feind?

Ist es der „Kriegsgegner“? (Wobei Sayrafiezadeh in allen Geschichten konkrete Zeitangaben außer Acht lässt, man sich somit „den Feind“ und „den Krieg“ indirekt erschließen muss).

„unser Mann hatte die Macht übernommen. Ihr Mann war auf der Flucht“.

Und da Zeke, der Call-Center Mitarbeiter mit immer gleichem, leerem Tagesablauf in seiner Lethargie doch jenen Wally, der seine „Zeit hinter sich hat“ mit interessierten Augen betrachtet (dieses Erschlanken, diese Muskeln, dieses energische Kinn auf einmal, der gleiche Wally, der mit Panik in den Augen vor zwei Jahren „in den Krieg zog“) und sich so seine Gedanken macht über seine eigenen Möglichkeiten, seinem Leben eine andere Richtung zu geben, könnte er vielleicht helfen, „den Mann“ zu stellen.

„Wally war ein anderer geworden. Das sah man sofort. Er war jetzt spannungsgeladen. Er war geschmeidig“.

Oder ist der Feind nicht viel mehr der Alltag? Diese Lethargie, dieses immer gleiche, dieses tief abgestumpfte?

„Hinter meinem Zugfenster glitt die vereiste Landschaft vorbei, zuerst die Vororte, dann die großen Kästen, dann die Schulen, die Warenhäuser…..die Ghettos….und später tauchen die Bürogebäude auf….die 24 Stunden am Tag hell erleuchtet waren….Das war der große Fortschritt unserer Zivilisation“.

Nach dem Aufstehen zur immer gleichen Zeit in der Wohnung mit den immer gleichen zugigen Fenstern, um die sich keiner kümmert.

Oder ist der Feind „der Staat“, wie bei jenem „Illegalen“, der über Jahrzehnte hinweg vorsichtig ist, Träume wagt. Einer, der doch Freund ist jenes Ich-Erzählers und dessen späteres Ergehen bei diesem doch keine Emotionen hervorruft. Schlimmer als die Situation der Illegalen ist doch wohl die Hitze und das Kleben der Beine auf den Plastikbezügen im Bus. Immerhin hat der Ich Erzähler dieser Geschichte ja schon seit 10 Jahren einen DVD Spieler, was soll die Aufregung seines chilenischen Freundes über seine Neuerwerbung nun?

Oder ist der Feind doch im Inneren der eigenen Person zu finden. In dieser fatalistischen, sinnentleerten Alltagshaltung, den kaum noch zuckenden Emotionen (die Sayrafiezadeh auch sprachlich durchgehend in den Raum des Buches setzt). Und selbst da, wo ein Schwung genommen wird, hält die Motivation kaum mehr als ein paar Augenblicke, bis das gewohnte Denken, das Abgestumpfte wieder die Vorherrschaft übernimmt.

Eine hohe emotionale Distanz ist es, mit welcher der Autor seinen Figuren aber auch dem Leben in der Gegenwart Amerikas begegnet. Kaum etwas dringt noch durch, regt auf. Kühl, betrachtend, die Zeit verstreichen lassend begegnet Sayrafiezadeh in seinen verschiedenen Geschichten dem Status Quo und entwirft gerade durch nur im Hintergrund schwach zuckenden Emotionen mehr und mehr ein Gefühl der Beklemmung beim Leser.

Dass das alles nicht aufregt. Dass da kein Ruck durch die Personen, durch die Geschichte geht. Bei Ereignissen die noch in der jüngeren Vergangenheit Widerspruch und Aufregung hervorgerufen hätten und die nun einfach mit einem Achselzucken abgetan werden.

Dennoch findet der Leser sich nicht leicht ein in diese Geschichten, die in Teilen einfach auch bei der Lektüre vorüberstreichen, wie die Ereignisse in den Geschichten an den Protagonisten vorüberstreichen. Vielleicht ist das der eigentliche Feind, dieses „Vorüberstreichen“ eigentlich doch wertvoller Lebenszeit in sinnlosen Hamsterrädern des Alltags?

Sprachlich präzise, sachlich, umschreibend, nicht immer auf den Punkt kommend bietet Sayrafiezadeh einen anderen, durchaus wirksamen Blick auf das „normale“ Leben der Gegenwart mit seinem inneren Preis der nur noch kurzen, flatterhaften, wenig nachhallenden „Berührungen“ mit dem „Feind“ und dem Leben an sich.

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vielleichtsagerins avatar

Rezension zu "Eis essen mit Che" von Saïd Sayrafiezadeh

Rezension zu "Eis essen mit Che" von Saïd Sayrafiezadeh
vielleichtsagerinvor 8 Jahren

Nachdem der letzte Satz gelesen und der Buchdeckel zu ist, steht fest: "Eis essen mit Che" ist die authentische Geschichte einer Kindheit zwischen trotzkistischer Ideologie und dem zutiefst menschlichen Bedürfnis nach Selbstfindung. Am Anfang fragt man sich aber: Seelenergüsse eines 40-Jährigen über dessen trotzkistische Kindheit in den USA der Reagan-Ära? Ist das der Stoff, aus dem packende Geschichten gemacht sind?

Ich habe das Buch von einer Kollegin empfohlen bekommen, trotz anfänglicher Skepsis vorsichtig angetestet und in wenigen Tagen fertig gelesen. Und darum geht's:

Martha Harris und Mahmoud Sayrafiezadeh lernen sich an der Universität kennen, heiraten bekommen Kinder - und treten in den späten 60ern der Socialist Workers Party bei. Sozialistische Ideologie und praktisches Engagement im Namen der Partei durchdringen alsbald das Denken und den Alltag der Sayrafiezadehs. Die Bereitschaft, im Kampf gegen den Kapitalismus private Opfer zu erbringen, ist enorm: Um die Parteibotschaft noch effizienter verbreiten zu können (und nebenbei wechselnde, attraktive Freundinnen zu haben), lässt M. Sayrafiezadeh seine Frau mit drei kleinen Kindern sitzen. Als ein paar Jahre später die zwei ältesten Geschwister zum Vater ziehen, bleiben Martha und Said zurück, emotional und wirtschaftlich auf sich alleine gestellt.

Mit dem Weggang des Ehemanns entfaltet sich Marthas Engagement für die sozialistische Sache zur vollen, alarmierend schrillen Blüte, gilt es doch, das eheliche Fiasko irgendwie zu rechtfertigen. Die working mom nimmt in ihrer spärlichen Freizeit regelmäßig an Versammlungen und Tagungen teil, verkauft auf der Straße parteieigene Zeitschriften und erklärt gleichgültigen Passanten, was Kapitalismus ist.

Für den kleinen Said bleibt Marthas an Obsession grenzende Passion nicht ohne praktische Folgen. Nicht nur, dass er es auf dem Gebiet der Selbsbeschäftigung zu einer gewissen Meisterschaft bringt. Auch muss er auf viele und keineswegs extravagante Sachen im Namen der Konsumkritik verzichten.

Mutter und Sohn leben in Armut, ernähren sich hauptsächlich von Reis und TK-Erbsen, wohnen in schäbigen Apartments ... Nicht, weil sie sich kein besseres Leben leisten könnten, sondern weil es so will.

Auch ohne den ideologischen Überbau verfügen Saids Memoiren über ausreichend Substanz, um weiterlesen zu wollen:

Sie erzählen die Geschichte eines einsamen Jungen, dem es große Probleme bereitet, eine angemessene Briefanrede für den idealistisch überhöhten Vater zu finden, der vor allem durch eines glänzt: Abwesenheit.

Sie erzählen die Geschichte einer verlassenen Ehefrau und psychisch instabilen Mutter, deren gesunder Menschenverstand von ideologischem Fanatismus gelähmt wird.

Und sie erzählen noch eine ganze Menge mehr, etwa von der Lebens- und Liebestragödie der Martha Harris, Schwester des mittlerweile verstorbenen Schriftstellers Mark Harris.

Klugerweise verzichtet der Autor auf eine anklagende Aufzählung des Erlittenen und setzt stattdessen auf eine lose Schilderung des Erlebten, das zuweilen einer gewissen abstrusen Komik nicht entbehrt. Sayrafiezadeh schreibt aus der gereiften Perspektive eines Erwachsenen, einfach, nicht dramatisierend, nahezu emotionslos und gnadenlos ehrlich ..

WICHTIG: "Eis essen mit Che" wird hierzulande fälschlicherweise als Roman vermarktet. In Wahrheit handelt es sich bei dem Buch aber um Memoiren. Dadurch gewinnen die geschilderten Ereignisse in meinen Augen eine ganz andere Qualität.

Fazit: Komisch, traurig und auf jeden Fall bewegend.

Ausführlichere Rezension mit Hintergrundinfos und Zitaten habe ich in meinem Blog unter http://vielleichtsagerin.blogspot.com/2010/12/said-sayrafiezadeh-when-skateboards.html#more gepostet.

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